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1992 Man
kann nicht sagen, dass meine Beziehung zur Philosophie Liebe auf den ersten
Blick war. Im Gymnasium habe ich gegen meine Lehrerin gestichelt, indem ich
nachfragte, ob es Kant und Konsorten wirklich ernst meinten. Eines Tages gab sie
uns als Strafarbeit eine Hausaufgabe zu Descartes auf. Ich gestand, über den
Philosophen nichts mehr in Erinnerung zu haben außer seiner Bekehrung in einer
sternenbeschienenen Nacht. Ein anderes Mal verpasste sie und ein Thema mit dem
rätselhaften Titel Warum? Meine Ausarbeitung lautete: «Der Mensch hat
immer gelebt, um sich Fragen zu stellen und ist gestorben ohne die Antworten».
Um für meine gymnasialen Frechheiten zu büßen, habe ich mich später in
Deutschland wiederholt über den berühmten Renatus prüfen lassen.
1997 In einem Kurs zur Wirtschaftsgeschichte an
der Bocconi Universität lernte ich
Massimo Amato kennen. Unvermittelt machte ich ihm gegenüber eine Anspielung
auf die notorische Frage Heidegger/Nazitum. Die heikle – und abgedroschene –
Frage beflügelte das Gespräch. Ich bin ihm dankbar für die interessanten
Diskussionen jener Jahre, die auch nützlich waren, um die Argumente der
Verteidiger Heideggers zu hören. Von Professor
Gino Zaccaria folgte eine
Vortragsreihe – am Rand meines Programms der
Wirtschaftswissenschaft, für die ich an der Bocconi war – zum Thema L’inizio
greco del pensiero. Heidegger e l’essenza futura della filosofia [Der
Anfang des Denkens bei den Griechen. Heidegger und die künftige Essenz der
Philosophie], die wenig später
in Buchform veröffentlicht wurde. Zaccaria war von der kompletten
phänomenologischen Unglaubwürdigkeit der italienischen Übersetzungspraxis
überzeugt. Zum
Beispiel schlägt Zaccaria folgende Übersetzung für Konzepte wie “Dasein”
oder “Lichtung”: “ad-essere” und “stagliatura” vor.
1998 Ich schlug Zaccaria vor, den gesamten Corso di
Perfezionamento in discipline Filosofiche e Storiche [Meisterkurs in
philosophischen und historischen Disziplinen], den er organisiert und an dem er manchmal
auch mit einigen Vorlesungen über das Frühgriechische Denken teilgenommen hatte,
aufzuzeichnen und daraus ein per Computer zugängliches Werk zu machen. So habe
ich Monat für Monat die Audio-Aufnahmen der Konferenzen gesichtet und sie in ein
komprimiertes Format umgewandelt, um sie auf zwei CD-ROM zu archivieren. Ich
weiß bis heute nicht, ob jemand das im Werk verborgene
Easter Egg
entdeckt hat. Es handelte sich um eine Aufnahme, mit der ich den großen Philosophen
Emanuele Severino auf den Arm genommen habe, indem
ich einige kurze Ausschnitte –
aus Vorlesungen, in denen er sich verhaspelt hatte
– mit einem musikalischen
Zwischenspiel der Mailänder Ska-Band
Vallanzaska
mischte. Man konnte es durch einen Link auf der Seite der zweiten CD-ROM finden.
Da ich nur die erste CD-ROM aus dieser Multimedia-Arbeit bis heute aufbewahre,
habe ich das respektlose “Easter
Egg” auf eben dieser
Website versteckt für alle Neugierigen, die in der Lage sind, es zu finden. Im
unwahrscheinlichen Fall, dass der Leser dieser Zeilen jener selbige Professor
Severino sei, bitte ich um Nachsicht für den harmlosen Scherz und erinnere leise
daran, wie sehr Platon (Philebos 30e) und Augustinus (De Libero
Arbitrio I, 8, 18) dergleichen begrüßen.
Um den Inhalt der ersten CD-ROM über den Corso di Perfezionamento in
discipline Filosofiche e Storiche 97/98 zu erhalten, klicke hier.
1999
Nachdem ich mich in der Volkswirtschaftslehre diplomiert hatte, entschied ich mich zum Studium der
Philosophie nach Deutschland zu gehen, eine Idee, die auch auf die Annäherung an
Heideggers Denken zurückging und trotz des der Skepsis, die die
Philosophieprofessoren an der Bocconi diesbezüglich hatten.
2000 Obwohl mich moderne Denker und Philosophen wie
Nietzsche, Kierkegaard, Heidegger, Cioran, Bataille und Michelstaedter am
meisten faszinierten, entschied ich mich, das Studium an einer der Universitäten
aufzunehmen, die am engsten mit der soliden Tradition der klassischen
Philosophie verbunden war, nämlich
Heidelberg,
der ältesten Hochschule Deutschlands. Ich war nämlich der Ansicht, dass ein
wirkliches Durchlaufen philosophischer Bildung ohne mit den größten kanonischen
Denkern in Kontakt gekommen zu sein nicht möglich sei. Vor meiner Annäherung an
die Philosophie war ich es gewohnt, Hegel mit dem Spott eines Schopenhauer zu
assoziieren. Das Studium in Heidelberg hat mich dazu gebracht, mich ernsthafter
mit dem Deutschen Idealismus auseinanderzusetzen. Wenn ich an meinen
philosophischen Weg in Heidelberg zurückdenke, sind mir immer noch einige Seiten
aus der Phänomenologie des Geistes teuer, auf denen Hegel den Prozess der
Entfremdung im Verlauf der intellektuellen Bildung beschreibt.
Unter den Klassikern, denen ich mich gewidmet habe, nahmen Platon und Immanuel
Kant einen erstrangingen Platz in meiner Lektüre ein. Hinsichtlich Platon gebe
ich zu, dass ich von der Tübinger Schule beeinflusst worden bin.
2001 Ich erlange das Graecum, das klassische Reifezeugnis
in griechischer Grammatik an deutschen Gymnasien. Ich strebe nicht nach der
Philologie, vielmehr danach, die Begegnung mit der griechischen Sprache
nachzuholen, die ich seinerzeit mit der Entscheidung für ein
naturwissenschaftliches statt einem humanistischen Gymnasium vermieden habe.
2002 Ich nehme an einer Sommerakademie zum Thema
Literatur und Architektur im italienisch-deutschen Zentrum
Villa Vigoni
teil.
2003 In den Heidelberger Jahren habe ich nicht versäumt,
einen Blick auf die Analytische Philosophie zu werfen, auch da das
Philosophische
Seminar der Universität Heidelberg viele Kurse in dieser Richtung
anbot. Ich gebe freimütig zu, dass zu wissen ob der aktuelle König von
Frankreich kahlköpfig ist oder eine Perrücke trägt nicht gerade zu meinen
tiefsten Bedürfnissen zählte.
Für die Zwischenprüfung habe ich bei
Prof. Dr. Rüdiger Bubner einen Arbeit über die Kritik der
husserlschen Phänomenologie in den frühen Vorlesungen Heideggers unter
Berücksichtigung von Sein und Zeit geschrieben.
Heideggers Kritik der Phänomenologie Husserls in seinen frühen
Vorlesungen unter Berücksichtigung von Sein und Zeit

2006 Mit dem Titel “Magister Artium” beende ich mein akademisches Studium in Heidelberg. Die Examensarbeit bei Prof. Dr. Jens Halfwassen behandelt das Problem des Selbstmordes bei Platon, Seneca und Augustinus. Warum ein solches Thema? Ich fand es interessant, ein typisch existenzielles Problem auf die antikem Philosophie zu beziehen, auch weil die von mir behandelten Autoren allesamt einen deutlichen Standpunkt zu diesem Thema beziehen, ohne ihn aber je systematisch zu argumentieren.
Das Problem der Bestimmung über seinen eigenen Tod. Selbstmord
bei Platon, Seneca und Augustinus


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Alessandro Melazzini
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