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Literatur


Ich bin freier Mitarbeiter als Lektor und Übersetzer beim Verlagshaus Bompiani. Ich habe an der italienischen Übersetzung des Buches Die exilierte Sprache von Imre Kertész mitgearbeitet und den autobiographiscen Roman Was in zwei Koffer passt. Klosterjahre von Veronika Peters übersetzt. Ferner übersetze ich für die kulturelle Sonntagsbeilage des Il Sole 24 Ore.

Die Bücher haben mich immer fasziniert. Lesen und Schreiben sind auf eine glänzende und tiefgründige Weise Akte der Freiheit.
Weiter unten kannst du einige meiner Aufsätze und Rezensionen zur Literatur finden.

Die Grenzen des Claudio Magris
Der Brandner Kaspar und der Boandlkramer
Der Sandmann. Eine psychoanalytische Lektüre
Das grenzenlose Reisen des Claudio Magris
Blindlings, oder: die Freiheit der Unordnung
Romantik und Groteske. Von der Theorie Friedrich Schlegels zu den Erzählungen E.T.A. Hoffmanns
Hermann Hesse, der Morgenlandfahrer
 


Die Grenzen des Claudio Magris

Im Gegensatz zu einigen voreiligen Optimisten, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vom Anbruch eines geordneten und sauberen weltweiten Liberalismus überzeugt waren, erinnert Claudio Magris in seinem letzen Buch daran, dass die Geschichte alles andere als zu Ende ist. Denn die Feinde des friedlichen Lebens finden nicht nur in den Trümmern der untergegangenen totalitären Regime Schutz. In Wirklichkeit kann jeder von uns das Gefüge der freien Gesellschaft, in der er lebt, untergraben. Das instinktive Ablehnen der totalitären Gedankens reicht eben nicht aus, um dagegen immun zu sein. Splitter des Dogmas können sich verbergen, indem sie in unseren Gedanken sitzen, auch wenn man uns für beispielhafte Bürger und Vorzeige-Demokraten hält. Es ist sicher nicht Magris’ Absicht, seine Leser anzuklagen, aber die Klarheit der Argumentation, zusammen mit der Energie der Ausführung, spricht das Herz an und weckt so die Aufmerksamkeit des Geistes. Wie Graziano Bianchi auf diesen Seiten geschrieben hat, ist Magris letztes Buch eine klare Auseinandersetzung, die «einerseits den Geist des fortwährenden, großzügigen Vertrauens des Sokrates, als Erfinder des Dialogs, andererseits die Dialektik Platons, jedoch ohne, dass sich jeder hinter seinen Meinungen verschanzt» zu erinnern vermag.

Wenn in einer Demokratie die Existenz unterschiedlicher aber gleichermaßen tolerierter Meinungen und Überzeugungen eine unbedingte Voraussetzung für die freie Entfaltung des Bürgers darstellt, dann geht die moderne Kommunikationsgesellschaft manchmal das Risiko ein, dass sie, indem sie jede Ansicht umfassen will, die einzelnen gegensätzlichen Positionen zu einem grauen Einerlei der Ideen entfärbt, in dem alles und sein Gegenteil bequeme und unwidersprochene Aufnahme findet. So wird eine bunte holländische Messe, auf die sich der Flaneur Claudio eines Tages gerät und sich für den Überfluss von Waren und die Widersprüchlichkeit der ausgestellten Meinungen begeistert, für den Intellektuellen Magris zum Anlass, über die Grenzen der Nachsicht zu reflektieren. Wie sollten wir uns verhalten, wenn sich mitten in diesem Fest der Toleranz jemand einnistet, der rassistische Thesen an den Mann bringen will? Oder anders: Bis zu welchem Punkt soll die Toleranz gehen? Dies ist die Popper’sche Fragestellung am Grund des Buches, eine Frage, von dem mehr oder weniger ausdrücklich alle seine fünfzig kurzen Essays ihren Ausgang nehmen. Der Triester Schriftsteller, der stets wie die Flüsse geneigt ist, Grenzen zu überqueren, lehrt uns diese Mal – und sei es auch schweren Herzens –, dass man gewisse Schwellen besser nicht überschreitet. Und manchmal werden Mauern gebaut, anstatt abgebrochen zu werden.

Wenn das In Frage Stellen säkularer Sicherheiten, oder besser ein aufklärerischer Prozess der Entfernung von einer dogmenhörigen Politik, in erheblichem Maße zur Begründung der heutigen liberalen Demokratien beigetragen hat, dann läuft die moderne und unterschiedslose Vermehrung von Glaubensrichtungen und persönlichen Werten Gefahr, die bürgerliche Gesellschaft unter der Last einer in Chaos verwandelten Fülle zu begraben. Wenn eine gelenkte Politik, die auf einem unerschütterlichen Glauben beruht, leicht in Anmaßung erstarrt, was wird dann aus einer Anarchie der Launenhaftigkeit anderes als schwer verdaulicher Brei? In einer Zeit, in der «sich alles aufs Optionale zu reduzieren scheint», erinnert uns Magris daran, dass die plurale Gesellschaft eine extreme Notwendigkeit von Grenzen mit sich bringt. «Kennen bedeutet zu unterscheiden, zu wissen, dass etwas das eine ist und nicht etwas anderes.» Mitleid zu zeigen mit den jungen Menschen, die unter dem Banner von Salò gestorben sind, statt ihnen die menschliche Pietät zu verweigern, bedeutet nicht, das Gedenken an den blutigen italienischen Bürgerkrieg zu beschmutzen. Das mag den Kräften gelegen kommen, die mit weniger Faszination an unsere jüngere Geschichte zurückzudenken. Jedoch soll die Trauer um einige zerstörte Leben nicht die Tatsache verschleiern –  wie es so ein betrügerischer Revisionismus gern hätte –, dass man es mit Männern zu tun hat, die für einen Tyrannen gefallen sind. Es gibt «ein Minimum an gemeinsamen Werten», die eine Hierarchie mit sich bringt, welche für niemanden verhandelbar ist. Die westliche Demokratie billigt und fördert den freien Austausch zwischen gegensätzlichen und gleichermaßen legitimen Positionen. Doch ihre und unsere Aufgabe ist es, diejenigen anzuprangern, die Demokratie ablehnen, indem sie etwa zur Apartheid aufrufen. Es kann schmerzhaft sein, den abzulehnen, der die offene Gesellschaft bedroht, ist aber unvermeidlich. Das ist der tragische Konflikt, der seit je zwischen Kreon und Antigone herrscht, oder zwischen dem positiven Recht, der veränderlichen Norm des Staates, und dem moralischen Gebot, dem ewigen Gesetz der Götter. Wie kann denn die Vernunft sicher sein, dieses göttliche Gesetz richtig zu interpretieren, fragt sich Magris, ohne Gefahr zu laufen, von Neuem ins Dogma zurück zu fallen? Wie kann es sicher sein, dass das moralische Gebot, auf dessen Grundlage wir den Feinden der Demokratie den Mund verschließen, wahrhaftig den hohen Stellenwert verdient, den wir ihm zugewiesen haben? Magris schummelt nicht und weiß, dass der Himmel für den modernen Menschen zu schweigen scheint. Doch deshalb darf er nicht weniger seine Funktion als Bewahrer des Friedens wahrnehmen. «Die Tragödie, aber auch die Würde des Menschen», versichert der Schriftsteller, «besteht in der Tatsache, dass es auf dieses Dilemma keine vorgefertigte Antwort gibt; es gibt nur eine schwierige Suche, die nicht frei von Risiken (auch moralischen) ist.»

Zuhören, Verstehen und Tolerieren, jedoch auch den eindeutigen Gegnern Widerstand Leisten, ohne dabei je zu vergöttlichen oder zu verketzern, ohne sich selbst einen Bären aufzubinden, «indem man tausend ideologische Rechtfertigungen für die eigenen Mängel findet», oder den Kult des Selbst zu betreiben: dies ist für Claudio Magris die Essenz der laizistischen Moral, dieser Verhaltenskodex des freien Menschen, der ihm bei dem gefährlichen Steuern zwischen den ethischen und den politischen Klippen unseres Lebens hilft. Damit die Demokratie andauert, können – und sollten – alle Laizisten hinter ihr stehen. Der Laizist kann nicht gläubig sein, aber sicherlich verachtet er nicht die Religion. Laizist ist de facto auch der Gläubige, der sein eigenes moralisches Verhalten nach den Geboten des Glaubens ausrichten, aber dennoch den eigenen Standpunkt nicht der gesamten Gemeinschaft der Bürger aufdrängen will. Auf diesem Punkt beharrt Magris sehr, auf Seiten, in denen das religiöse Streben des Schriftstellers durchscheint, sein tief empfundener Respekt und sein Interesse gegenüber dem Wort Christi. Manchmal, wie in den bissigen Spitzen gegen Abtreibung, ein Gegenstand, der niemals wirklich im Buch thematisiert wird, scheint in Magris sogar ein Riss zwischen der klaren laizistischen Pädagogik und einer ungestümen religiösen Überzeugung sich auf zu tun. Hingegen und als Ausweis seiner intellektuellen Ehrlichkeit erwähnt er, wenn er die berüchtigte hypothetische Passage Dostoevskijs über die Gesellschaft zitiert, in der «alles erlaubt ist», nicht den Vordersatz («wenn Gott tot ist») und vermeidet es so, auf die Gleise der religiösen Dogmatiker zu geraten, für die die Umwälzung der Sitten mit Sicherheit jenen zuzuschreiben ist, die nicht an ihren Gott glauben. Die Religion des gläubigen Laizisten Magris ist eine gemäßigte, weil mühsame, in dem Bewusstsein, dass jeder Glaube sich mit der Frage des Hiob konfrontieren muss. Die Bewunderung für Papst Johannes Paul II. verdeckt nicht die weniger leuchtenden Punkte seiner Amtszeit, während die Verteidigung der Kirche ihn nicht daran hindert, Position gegen die staatliche Finanzierung privater (bekanntlich in Italien vor allem katholischer) Schulen Position zu beziehen.

Magris’ Prosa ist überzeugend, weil sie auf Erlebtem beruht. Jede geprüfte Verhaltensnorm vergisst nie den persönlichen Einzelfall, auf den sie sich beziehen soll. Soll man einfach so einem Todkranken die Wahrheit sagen? Indem er sich dem delikaten Problem nähert, schreckt Magris nicht davor zurück, den eigenen privatesten Schmerz zu bekennen. Seine Reflexionen sind von einer tiefen Humanität durchzogen. Wenn er jemandem die Ohren lang zieht, tut er dies mit einem Lächeln. Um die Haltung der Lega Nord gegenüber der “devolution” zu verspotten, zitiert er den nicht gerade nördlichen Alberto Sordi und seinen höchst provinziellen Wunsch “den Amerikaner zu machen” [“fa' l'americano”]. Wenn er über die epochalen Errungenschaften auf dem Gebiet der Biologie nachdenkt, konfrontiert er sie mit dem heiklen Thema des Klonens. Und nachdem er die Vorteile und Gefahren einer solchen Entdeckung aufgeschlüsselt hat, entlastet er unser Gemüt und überrascht uns mit einem glänzenden Wortspiel, einem echten und eigentlichen “Witz”: «Sie klonen das Schaf – und vielleicht die Menschen –, aber Erkältung und Haarausfall leisten immer noch unerschrocken Widerstand.»

Magris versteht es, einige “kalte” Werte zu erhitzen (wie die individuelle Rücksicht des Gesetzes im Hinblick auf das Gemeingut), die die Grundlage einer freien Gesellschaft bilden, wie Noberto Bobbio gelehrt hat, der «große Laizist», dem der Autor sorgfältige und glänzende Seiten widmet. Gegen jene, die sich gegen bestimmte Werte stellen, indem sie ihnen vorwerfen, nichts als leere Formalismen zu sein, und die Gründe des (eigenen) Herzens vorbringen, erinnert der Schriftsteller daran, dass die kalten Werte zwar langweilig erscheinen können, aber dennoch essentiell sind, weil «sie jeden beschützen, das einzelne Individuum sein unwiederholbares Leben leben, seine Ideen und seine Dämonen kultivieren lassen, ohne dass es von der Gewalt anderer Individuen eingeschränkt oder unterdrückt würde.» Und sieh da: Claudio Magris, misstrauisch gegenüber jenen, die nach Heroismus auf Kosten der Leben von so genannten einfachen Leuten streben, selbst weder ein einfacher noch ein ruhiger Mann zeigt sich als leidenschaftlicher Verfechter der täglichen Ruhe und zitiert Pasternaks Doktor Živago: «Das erste wirkliche Ereignis... war, wie der Zug sich seinem Haus näherte... Ach, was war das Leben, was war die Erfahrung – wonach strebte die Kunst: zurückzukehren in das eigene Haus, zu den eigenen Gefühlen, das Leben wieder auf zu nehmen.»

Zwischen einer politischen Aufgabe und einem Sprung ins Meer würde Magris sich immer für das Meer entscheiden. Doch er ist sich auf eine melancholische Weise bewusst, dass es Momente im öffentlichen Leben gibt, in denen wir uns der Trunkenheit des Meeres enthalten müssen, um uns dem politischen Kampf zu widmen, damit alle weiterhin das Meer sehen können. In diesen Momenten schwingt Magris, als Soldat wider Willen, die Waffen des Schriftstellers, um den Kampf des Bürgers zu führen. Und er schreibt über den Corriere della Sera einiges Tiefgründiges, das in der neuen Anthologie versammelt ist. Heute haben wir die Möglichkeit, sie wieder zu lesen: Wir werden sie immer lehrreich finden.

Für Ralf Dahrendorf gibt es einige genau umrissene Eigenschaften, die ein wahrer freier Geist besitzt, der stark ist und in der Lage, sich gewisser diktatorischer Versuchungen zu erwehren, denen viele Menschen von Geist oftmals erlegen sind. Dies sind: die Fähigkeit, den Kurs zu halten, auch wenn alles um sie vom Unwetter bedroht ist, die Bereitschaft, die Konflikte und Widersprüche des Lebens mit Disziplin und Leidenschaft zu leben und sich dabei auf die Vernunft als Instrument der Aktion und Erkenntnis zu verlassen. Wer diese Kardinaltugenden besitzt, kann sich mit gutem Recht einen wahren Nachfolger des Erasmus nennen, des großen Humanisten, dem es weder an Glauben noch an Ironie gefehlt hat und der, «im Bewusstsein der Eitelkeit seines Vernünftelns beharrlich weiter der Vernunft gefolgt ist, weil er sich weigerte zu glauben, dass auch das Nichts die letztgültige Wahrheit sein könne.»

Claudio Magris ist zweifellos ein Erasmianer. Wünschen wir uns, das seine Worte keine “nutzlosen Predigten” bleiben.

 

La Storia non è finita. Etica, politica, laicità, Garzanti, Milano 2006, pagg. 245, € 16.

Nuova Antologia – Juli-September 2007

 


Der Brandner Kaspar und der Boandlkramer Läd den Artikel (auf Italienisch) mit Bildern und Umbruch als PDF herunter

Ingmar Bergman hat einige Jahre in München gelebt. Eines Abends ging der große schwedische Regisseur ins Theater wurde buchstäblich von dem gezeigten Werk «bezaubert». Dass er dabei «nur fünf Prozent des Textes» verstanden hatte – wie er später freimütig bekannte – fiel kaum ins Gewicht. Aber es scheint vernünftig anzunehmen, dass Bergman, auch wenn er Berliner gewesen wäre, auf einige Schwierigkeiten beim Verständnis des Dialogs getroffen wäre. Er hatte nämlich einer Aufführung von Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben beigewohnt, einer Komödie, die ganz in reiner bayerischer Mundart gespielt wird. Alles in allem, es ist auch besser, dass die Berliner das Dialog nicht verstehen: letztlich erkennt man im Brandner Kaspar, dass es für sie keinen Platz im Paradies gibt.
Kaspar Brandner hingegen wird an diesem seligen Ort schon erwartet, hat aber nicht die geringste Lust sich dorthin aufzumachen. Denn um ins Reich des Himmels zu gelangen, reicht es nicht aus eine reine Seele zu haben, sondern man muss (für gewöhnlich) sterben, um dorthin zu kommen. Und Kaspar Brandner hängt sehr an seiner persönlichen Existenz und ist überzeugt, bereits in einem Paradies zu leben, nämlich in seinem Bayern.
Der Kaspar enstand 1871 aus der Feder von Franz von Kobell und wurde in den Dreißiger Jahren des folgenden Jahrhunderts von Joseph Maria Lutz in ein Bühnenstück umgeschrieben. Aber die Geschichte, wie wir sie heute kennen, ist Frucht der Kreativität von Kurt Wilhelm, der in den Siebziger Jahren von Kobells Erzählung bearbeitete und eine neue Bühnenversion aus dem kurzen Text seines entfernten Verwandten herausholte. Seit seiner ersten Aufführung in München 1975 wurde Kaspar Brandner ein Kult-Spektakel, das durchgängig auf deutschen Bühnen gespielt wurde. Der Zustrom des Publikums ist immer noch ungebrochen gewaltig. Eine anfängliche Stellungnahme des Münchners Erzbischof gegen das Theaterstück – der es wahrscheinlich niemals gesehen hat – konnte die Popularität dieses Bauernschwanks nur noch steigern. Seitdem der Bayerische Rundfunk sich um eine Verfilmung bemüht hat, wird der Film pünktlich an Allerheiligen ausgestrahlt. Bis heute ist der Brandner über dutzende von Bühnen gegangen und ist tausende von Malen aufgeführt worden. Trotz der Verständnisprobleme wurde er sogar auf Tournee geschickt, nicht nur durch ganz Deutschland, sondern sogar außerhalb der deutschen Grenzen.
Seit mehr als dreißig Jahren ist der Erfolg des Kaspar überwältigend und seine Popularität ungebrochen, ein wenig so – wenn der Vergleich erlaubt ist! – wie bei der Rocky Horror Picture Show. Aber wie das Musical von Richard O`Brien nonkonformistisch und hochtrabend ist, so friedfertig und konservativ ist Kaspar Brandner.
Und doch nimmt die Geschichte Brandners, auch wen sie in einer idyllischen ländlichen Gegend angesiedelt ist, das Publikum gefangen, indem es eine scheinheilige Antwort auf eine beunruhigende Frage gibt. Der Kaspar ist de facto nichts anderes als die bukolische Transposition des tragischsten Ereignisses, das dem Menschen zustoßen kann. Während er über Kaspars Bauernschläue lacht, fragt sich jeder Zuschauer tief im Herzen: «Was werde ich tun, wenn mein Moment gekommen ist?»
Die Stunde Kaspars, eines zweiundsiebzigjährigen Schmieds vom Tegernsee, jenem See, der verschiedene Dichter der bayerischen Heimat hervorgebracht hat, unter ihnen Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer, seine Stunde schlägt nach einer Jagdpartie, während der er sich auf wundersame Weise vor einer irrlaufenden Kugel retten konnte. Die Stunde des Scheidens kündigt der Tod persönlich an, der an die Tür Kaspars klopft, als der sich gerade von dem Schuss, dem er ausweichen konnte, erholt hat. In Schwarz gekleidet, wie die Kapuzen tragende Figur im Siebten Siegel ist der Tod im Kaspar bei weitem nicht so stolz wie der des Bergman-Films. Auch der Name, mit dem er sich vorstellt, trägt sicher nicht dazu bei, ihn bedrohlicher wirken zu lassen. Er ist der “Boandlkramer”, ein spöttischer Spitzname, den man vielleicht in den lombardisch-veltliner Dialekt als “il cargaóss” übersetzen könnte. Mit seinen löchrigen Handschuhen und zerfetzten Kleidern, auf dem Kopf einen schwarzen Hut, geschmückt mit einer ebenfalls dunklen Feder ist Kaspars Tod in Wirklichkeit ein armer Teufel.
Anstatt nun in Panik auszubrechen, als Kaspar Brandner ihn in seinem Haus erkennt, lädt er ihn auf ein Gläschen Kirsch ein: «Elendig und mager wie du bist, tät dir ein Glasl gut.» Erstaunt über so viel Frechheit, aber auch verlockt von dem Angebot – niemand hatte ihm je bis zu diesem Zeitpunkt etwas zu trinken angeboten –, lehnt der Boandlkramer zunächst ab in der Befürchtung, dass seine Vorgesetzten dies nicht billigen würden. Aber der Kaspar besteht darauf: Das sei schon recht, «du musst doch kennenlernen, von was für Seligkeiten du die Leuten wegholst». Nachdem er das erste Gläschen in einem Schluck geleert hat, ist der Boandlkramer auf den Geschmack gekommen. Kaspar nutzt diese Schwäche aus und schenkt Schnaps nach bis zum Geht-nicht-mehr. Vom Alkohol besänftigt, beklagt der unangenehme Gast sich vertrauensvoll bei dem Bauern über seine undankbare Aufgabe: «Weißt, die Menschen! – Da jammern s’ und greinen s’, das Leben se so schwer und ein Jammertal!! – Doch, das sagen s‘–! Und komm ich und will sie erlösen – dann geht das Geschrei erst recht los. Da wollen sie ums Verrecken weiterleben – auf einmal wär alles hier so schön und grad Angs haben sie.» Kaspar hört verständnisvoll zu und versucht mit Ausreden aller Art den Boandlkramer davon zu überzeugen, dass keine Jahreszeit die richtige wäre, um auf seinen Karren zu springen. Im Sommer? Viel zu warm! Im Herbst? Da muss ich auf die Jagd gehen! Also im Winter? Aber da ist es eiskalt! Angesichts so großer Hartnäckigkeit schleppt die geisterhafte Erscheinung den Kaspar mit äußersten Kräften vor das Haus. Doch da schlägt der ausgebuffte Jäger dem Tod urplötzlich eine Kartenspiel-Partie vor. Obgleich abstinent auf diesem Gebiet, erliegt dieser der Versuchung des Spiels. Betrunken und auch noch ungeschickt durch den Alkohol, geht der Boandlkramer leicht dem Kaspar in die Falle, der ihm buchstäblich die Karten zurecht mauschelt.
Brandner hat Glück im Spiel und als Einsatz nimmt er dem Tod das Versprechen ab, erst wiederzukommen, um ihn zu holen, wenn er das ehrwürdige Alter von neunzig Jahren erreicht hat, gerade so, wie es seinem Vater ergangen ist. Und so kehrt der Boandlkramer mit leeren Händen in den Himmel zurück, während Kaspar froher und gesünder weiterlebt als je zuvor. Der Schmerz über das Fehlen von Frau und Kindern – die seit langem schon ins bessere Leben übergegangen sind – wird von der neuen Lebenskraft und der zuvorkommenden Aufmerksamkeit seiner Enkelin Marei gemildert. Doch nachdem einige Jahre sorglos verstrichen sind, folgt die Enkelin ausgerechnet an dem Tag, an dem das ganze Dorf den 75. Geburtstag Kaspars feiert, ihrem Liebsten in die Berge und landet auf dem Karren des Todes auf direktem Weg zum Himmel. Im Paradies angekommen, wird sie von Heiligen Petrus empfangen. Doch als der Pförtner der Himmelstore das Seelenregister durchgeht, um Mareis Leben zu kontrollieren, stellt er fest, dass die Rechnung nicht stimmt. Das Mädchen ist zu früh gestorben. Im Buch des Schicksals steht geschrieben, dass sie noch achtzig Lebensjahre zu erwarten hätte! Und das ist nicht die einzige Ungereimtheit im Register. Warum ist ihr Großvater Kaspar noch am Leben, wo er doch schon drei Jahre im Himmel sein sollte? Wer hat diese unerhörte “Bilanzfälschung” betrieben? Natürlich hat der unbedachte Boandlkramer Schuld, der die Jahre, die er Kaspar geschenkt hat, Marei wieder abgezogen hat, um die himmlischen Konten auszugleichen. Sofort zum Rapport zitiert, wird der Tod totenbleich. Der Heilige Petrus tobt. Der Boandlkramer weiß nicht ein noch aus. Er versucht es auf die rührselige Art: «Herr Portner [...] I bin doch [...] drunt auf Erden gemieden. Naa! Und einmal in Äonen stellt mir einer an Schnaps hin!» Der Heilige Petrus bleibt unbewegt: Er soll gehen und diesen Dickschädel von Kaspar heraufholen. Blamiert und niedergeschlagen kehrt der Tod auf die Erde zurück, gedemütigt, weil er das gegebene Wort brechen muss. Er findet Kaspar in Trauer um den Verlust der Enkelin, des letzten, was er auf Erden noch geliebt hat. Er kann ihn also leicht überreden, auf einen Sprung ins Paradies zu kommen: «Grad a Stund», um einen Blick darauf zu werfen und zu sehen, ob es nicht vielleicht doch sein kann, ihn vor der Zeit dorthin zu bringen. Nach einer turbulenten Reise – der Boandlkramer hat einen furchtbaren Fahrstil – trifft Kaspar auf den Wolken ein und traut seinen Augen nicht. Im Paradies füllen sich die Biergläser von selbst nach, die Heiligen essen Würste, Kartenspielen ist erlaubt und als Sahnehäubchen: der Himmel der Bayern ist für Preussen verboten. Selbst wenn sie wollen, müssen sie in einem anderen Himmel wohnen, der jedoch viel weniger einladend ist. In scherzhafter Form nimmt Kurt Wilhelm hier die schon immer existierende starke Rivalität zwischen den beiden bekanntesten Volksgruppen Deutschlands auf, der preussischen – starr, stolz und militärisch – und der bayerischen – liebenswürdig, ungestüm und ländlich. Auch wenn die Norddeutschen ihre südlichen Verwandten als ungehobelte Bergbewohner betrachten, verspüren sie in Wirklichkeit nur Neid auf sie: «Wir ham zwar in Preußen keine Berge, aber wenn wir welche hätten, wären sie höher!» Angesichts solchen Überflusses – das einzige, was fehlt, sind glücklicherweise die Preussen – ist Kaspar überredet zu bleiben. Wenn er früher dachte, dass Bayern das Paradies auf Erden wäre, so hat er nun erkannt, dass das Paradies ein himmlisches Bayern ist! Fehlt nur noch das Wiedersehen mit seinen Lieben, um ein großes Fest mit himmlischem Bier und Würsteln anzuhalten. Der Boandlkramer seufzt erleichtert: Die Dinge scheinen wieder in Ordnung gebracht zu sein.
Doch plötzlich unterbricht der Erzengel Michael die Szene: Einer wie der Brandner Kaspar, der im Leben an allen Ecken und Enden Streiche gespielt hat, müsse zuerst ins Fegefeuer! In Wirklichkeit ärgert sich der stolze Michael über den Boandlkramer, weil der es geschafft hat, seine Machenschaften mit dem Seelenregister trotz seiner Allwissenheit vor ihm geheim zu halten. Das Wiedersehen Kaspars mit seiner Familie scheint sich zu zerschlagen. Michael ist entschlossen, ihn aus dem Paradies zu jagen. Schon greift er nach dem Flammenschwert und verkündet, dass der Heilige Petrus mit Sicherheit dasselbe denke wie er: «An Ordnung muß sei. Und desmal statuiert ma’s Exempel.» Doch da kommt schon der himmlischer Torwächter hinzu, gerade von einem Treffen mit seinen Vorgesetzten zurückkehrend. Jetzt wird er das endgültige Urteil verkünden. Kaspar war immer ein guter Mensch, seine Scherze haben nie jemandem Schaden zugefügt. Nichts mit dem Fegefeuer! Michael beharrt:  «Aber ‘s sechste Gebot!» Petrus ist nachsichtig: Kopf hoch, Michael, «ist vor der Ehe kein Dogma, sondern lediglich eine Empfehlung.» Und letztlich ist Kaspar ein Vorzeige-Ehemann und mustergültiger Vater gewesen. Michael gibt sich noch nicht geschlagen. Und das Kartenspiel mit dem Tod? Die Heilige Dreieinigkeit, versichert Petrus, sei auch darüber auf dem Laufenden: «Alle drei waren’s beinand – und die Maria!» Dem Brandner Kaspar wird vergeben. Der strenge Erzengel zweifelt: «Vergeben? Warum?» Weil man in den hohen Sphären des Paradieses, als bekannt wurde, wie der Brandner Kaspar den Boandlkramer an der Nase herumgeführt hat, in eine Welle der Heiterkeit ausgebrochen ist. «Dass oaner den Tod beim Kartenspiel b’scheißt! [...] die ham ja so vui g’lacht!», erzählt der Heilige Petrus, «Und wie! Vor allem über’n Kerschgeist – D’Maria lacht no!»

Il Notiziario della Banca Popolare di Sondrio – April 2007
 


Der Sandmann. Eine psychoanalytische Lektüre

Rosalba Malettas Aufsatz ist eine detaillierte psychoanalytische Lektüre von E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann, eingeleitet von einem methodologischen Vorwort, das ebenso gelehrt wie beschwerlich für den Leser daherkommt (wobei die Autorin selbst darauf aufmerksam macht, dass sich die Etymologie des Wortes „Stil“ mit derjenigen des Wortes „Dolch“ kreuzt).
Eine solche Absicht muss natürlicherweise von Sigmund Freuds hochberühmtem Aufsatz über Das Unheimliche ihren Ausgang nehmen, wie Maletta klar betont, da jener Aufsatz «sich mit Klinik und Literatur beschäftigt, indem er sich dieser bedient, um Licht in jene zu bringen und sich jener bedient, um die scheinbar absurden oder vernachlässigten Phänomene im literarischen Bereich zu erklären».
Es ist daher sowohl verständlich als auch interessant, dass das erste Kapitel des Buches eben nicht Hoffmann, sondern Sigmund Freud gewidmet ist. Die Tatsache, dass Maletta beim Nachdenken über Freuds Text die Gelegenheit ergreift, einen psychoanalytischen Blick auf das Erlebte des Autors selbst zu werfen, überrascht und macht der Leser neugierig, ohne ihn vom fraglichen Problem abzulenken, sondern ihn noch mehr auf es aufmerksam zu machen.
Die psychoanalytische Lektüre des Sandmann kommt mit dem zweiten Teil der Arbeit richtig in Schwung. Nicht allein die veröffentliche Fassung der Erzählung bildet das Untersuchungsfeld, sondern auch das teilweise erhaltene Manuskript, das «höchstwahrscheinlich aus derselben Nacht der Rohfassung  stammt».
Der psychoanalytische Ansatz Malettas entfernt sich jedoch von der Auslegung Freuds, indem er der Mutterfigur eine wichtigere Bedeutung zuschreibt, die gemäß der Autorin viel mehr als die Figur des Vaters und somit mehr als «die ödipale Ambivalenz ihm gegenüber», die «tief greifende Struktur des Textes, der [...] mit vorigen Ängsten und Unruhen spielt, die der Begebenheit der Trennung verbunden sind» bildet. Damit ist die Trennung von der Heimat gemeint, die für die Hauptfigur in Hoffmanns Erzählung, zusammen mit dem Einbrechen des fürchterlichen Coppola in Nathanaels Leben, jenen Intimitätsverlust darstellt, aus dem das Unheimliche hervorgeht.
Von den ersten Schritten der Erzählung deckt die Analyse Malettas nicht nur den Inhalt des Textes auf, sondern kümmert sich auch darum, die Form des Textes zu vertiefen. Es wird z.B. die phonische Rolle der «hellen und offenen» Vokalen des „Incipit“ untersucht, um das Bedürfnis der Hauptfigur nach einer Rückkehr in eine «warmherzige und behagliche Umgebung, die mit dem süßen und strahlenden Bild der Geliebten verknüpften ist»,  zu deuten, oder es wird die Funktion der Modalverben überprüft, die auf den untergeordneten Rang der weiblichen Figuren im Text hinweisen.
Weiter untersucht die Autorin ausführlich die „endogamen“ Beziehungen Nathanaels mit seiner Familie. Im Mittelpunkt steht das Mutter-Sohn-Verhältnis, das in Anbetracht der semantischen Nuancen der Begriffe „Verleugnung“ und „Verneinung“ ausgelegt wird.
Maletta ist der Meinung, dass in Sandmann der Körper eine wesentliche Rolle spielt, insbesondere derjenige des grausamen Coppelius, der «Imago der sadistischen Mutter» ist. Mehr jedoch als die phallischen Merkmalen der Gestalt, die so oft von vielen Auslegern unterstrichen worden sind, liegt der Autorin am Herzen, sich mit dem „mineralischen“ Aussehen des finsteren Gesellen aufzuhalten, dessen «erdgelb[es] Gesicht» im Stande ist, den jungen Nathanael, der ihn anstarrt, zu versteinern. Ausgerechnet Hoffmanns besondere Aufmerksamkeit im Bezug auf das materielle Aussehen seiner Charaktere ist übrigens die Quelle des von der Hauptfigur erlebten Traumas, indem diese mit einer Wirklichkeit zu tun hat, die «weit davon entfernt, Nathanaels Fantasiegebilde abzuwenden, lässt sie jene mit großen Nachdruck auftauchen, da sie jetzt nicht mehr bloß zu seiner Wunderwelt gehören».
In der gründlichen Untersuchung Malettas wird jeder einzelne Satz der Erzählung in psychologisch-kritischer Spekulation isoliert und analysiert. Trotz dokumentierter und minuziöser Ausführung läuft eine solche Methode Gefahr, das Moment angemessener Synthese zu vernachlässigen, das notwendig ist, damit aus der peniblen Ziselierungsarbeit ein einheitlicher, theoretischer Aufbau hervorkommen kann, der im Stande ist, einen effektiven, vereinigenden und klärenden Überblick über den untersuchten Gegenstand zu liefern.
Der gelehrte und eingehende Aufsatz Malettas möchte daher vor allem das Interesse des Hofmannexperten wecken, eines Menschen also, der sich in der fantastischen aber finsteren Welt des preußischen Schriftstellers bereits daheim fühlt.

Rosalba Maletta, Der Sandmann die E.T.A. Hoffmann. Per una lettura psicoanalitica, CUEM 2003, S. 274, € 21.

E.T.A. Hoffmann Jahrbuch – Band 14/2006


Das grenzenlose Reisen des Claudio Magris Läd den Artikel (auf Italienisch) mit Bildern und Umbruch als PDF herunter

Einige brechen auf und ergreifen die Flucht vor den anderen, setzen sich in Bewegung, um Dinge oder Personen abzuschütteln. Magris hingegen reist nie allein. Wenn manche Geliebten nun andere und himmlischere Wege genommen haben, verfolgt er dennoch jedes neue oder alte Ziel nicht ohne die lebendige Erinnerung an die Freunde von einst, an jene, mit denen er den Weg geteilt hat. So ist in seinem letzten Buch LInfinito viaggare die anschauliche Beschreibung eines Ortes oft zugleich ein Gedenken an Freunde und Gefährten. Die Erfahrung des Reisens wird vor allem zur Erinnerung des Gefühls, das die Reise selbst beglückt, und ermöglicht es, dieses Gefühl mit seiner berauschenden Erfülltheit des Moments wiederaufleben zu lassen. Die Beschreibung des verschneiten Wien gibt Gelegenheit zu einer Hommage an den Journalisten Alberto Cavallari, Freund-Lehrer des Schriftstellers und Gefährte bei manchen Abenteuer.
Aber nicht weniger lieb und nahe sind ihm die bekannten Autoren auf der Reise durch Bücher. Ein Besuch in Berlin läßt die Gedanken zum Werk Theodor Fontanes (1819-1898) abgleiten, jenes gesetzten Schriftstellers, der in fortgeschrittenem Alter so viele süße und geschwätzige Töchter aus Papier hatte.
Wenn Magris an den alten Bewohner der Mark Brandenburg erinnert, kann er zugleich in wenigen Strichen das Wesen des Preußentums vor uns ausbreiten, die unantastbare Ethik in der Wendung zum Transzendenten, in der sich so viele große deutsche Schriftsteller und Philosophen wiedererkannten, als erster unter ihnen der kristallklare Immanuel Kant. Im Erinnern an den Junker Dubslav aus Fontanes Stechlin, beleuchtet der Triester Autor gekonnt jenen melancholischen und sehr preußischen Zwiespalt zwischen dem moralischen Gesetz, absolut und unveränderlich, und der Vielzahl von Existenzen, den Ursprung einer Spannung, die sich «auf die Transzendierung des Individuums auf einen höheren Wert hin, dem jenes unterstellt sein muß» richtet. Es ist diese innere Zerrissenheit, die auch die Seele von Kleists Prinz von Homburg befällt, der als Soldat gerade deshalb siegreich aus der Schlacht hervorgeht, weil er gegen die Befehle seiner eigenen Vorgesetzten gehandelt hat und der damit den Konflikt zwischen der eigenen subjektiven Wahrheit und jener übergeordneten Instanz erprobt, deren treuer Diener er sein will.
Magris verlässt das berühmte kaiserliche Berlin,  um sich weiter gen Süden aufzumachen, besucht den verzauberten Schwarzwald und nähert sich so dem «Herzen des alten Deutschland». Wir betreten mit ihm den dichten Tann zwischen Frankreich und der Schweiz und lernen den besinnlichen und fleißigen Pietismus kennen, der die schwarzen Wälder der romantischen Innerlichkeit durchdringt. Viele Söhne dieser Wälder haben Deutschlands Ruhm gemehrt und der ganzen Welt unsterbliche Werke hinterlassen. Hermann Hesse (1877-1962) blickte in den Orient, Friedrich Hölderlin (1770-1843) sang die Welt der Griechen, Schiller (1759-1805) dichtete zu Weimar, aber keiner unter ihnen hat jemals das kleine schwäbische Dorf vergessen, in dem er zur Welt gekommen war. Heute ist der Schwarzwald in Gefahr, die Tannen sterben ab und mit ihnen der Wald. Aber die Bewohner dieses Landstrichs streiten nicht und poltern nicht, einer gegen den anderen. Sondern sie suchen gemeinsam eine Lösung um den Orten, die so viele ihrer Landesgenossen besungen haben, ihre Schönheit wiederzugeben. Versunken in die stille Harmonie des Waldidylls läßt Magris
ironischer Blick es sich dennoch nicht nehmen, ein Wort über einen weiteren berühmten Waldbewohner zu verlieren. Wir sprechen von Martin Heidegger, jenem nachdenklichen «Hirten des Seins», der damit beschäftigt, von seiner Hütte aus über den Nihilismus der Welt nachzudenken hin und wieder Gefahr lief, sich in den «Platzhalter des Nichts» zu verwandeln.
Nach all diesen Jahren des Studiums, hat Magris
Liebe zu den großen Literaten, mit denen er es zu tun hat, immer noch die Frische und Verführungskraft seiner ersten Arbeiten bewahrt, dank der Mischung aus Neugier, Anteilnahme und Ernüchterung, mit der er sich seinen Studienobjekten nähert. Während er die Treppenabsätze in Sankt Petersburg besucht, auf denen Raskolnikov in Verbrechen und Strafe über den Mord an einer armen Alten nachdenkt, geschieht es dem Autor, dass er einige herzliche aber respektlose Gedanken sogar an den tadellosen Thomas Mann (1875-1955) richtet. Indem er mit Charme und Stil die Buddenbrooks lobt, das überraschende Meisterwerk eines gerade fünfundzwanzigen Lübeckers, verschweigt Magris nicht die Distanz zwischen dem jungen Autor der glänzenden Familiensaga und dem stirnrunzelnden «Wächter und Pädagogen», den Mann verkörperte, als er dann in die Rolle des Verwalters seines gewaltigen Ruhmes hinabgesunken war.
Der Weg des Claudio Magris verläuft jedoch nicht nur entlang der literarischen und geographischen Grenzen des Alten Europa, sondern er setzt sich in viele andere Länder und Kulturen der Welt fort. Er besucht den Iran der märchenhaften Gärten, blühende Heimat antiker Kultur und faszinierender Dichtung, heutzutage entschlossen,
unmoralische Lektüre wie Nabokovs Lolita zu unterbinden. Er verfolgt seinen Weg und betrachtet buddhistische Grabdenkmäler in Vietnams Hauptstadt Hanoi, bereist ein gärendes China und erreicht schließlich Tasmanien, das Vaterland der Schiffbrüchigen, Strafgefangenen und von Menschen, die gezwungen sind, ins Blaue hinein zu leben.
Wieder einmal ist Magris
Ankunftsort so ein meerumspültes Land, wo die niedergelegte Feder es ihm leicht macht, in den Lauf der Wellen einzutauchen, die Augen zu schließen und zu denken, man sei zu Hause. In Italien, in seinem Triest, dem Ort der liebsten Gefühle, an dem seine vielen Pilgerfahrten immer wieder zusammenlaufen.

Claudio Magris, L’infinito viaggiare, Mondadori, Milano 2005, 243 S., € 17.

Il Notiziario della Banca Popolare di Sondrio Nr. 100 - April 2006


Blindlings, oder: die Freiheit der Unordnung Läd den Artikel (auf Italienisch) mit Bildern und Umbruch als PDF herunter

Es gibt den taghellen, lichten, apollinischen Magris. Dann ist er der kultivierte, stilsichere Autor, fähig, einem Fluss Stimme zu verleihen, seinen Lauf sanft zu begleiten und ihn von der mythischen civitas litteraria sprechen zu lassen, die entlang seiner blühenden türkisfarbenen Ufer entstanden ist. Dann gibt es da noch den anderen Magris, dionysisch, dunkel, nächtlich. Den Schiffbrüchigen einer verlorenen Ordnung, zum Kampf gegen den Sinnverlust der Welt gezwungen und teuflischerweise von der Medusa dazu gequält «sich selbst unangenehme Dinge zu erzählen». Er ist der homme de lettres, aus dem Strudel der Vervielfältigung hinübergerettet, gefangen in den Windungen eines riesigen Fragezeichens, einer züngelnden, drohenden Boa, die ihn umschlingt und langsam erwürgt.
Blindlings, der jüngste Roman von Claudio Magris, ist ein fortwährendes mühsames Schwanken auf dem dunklen Meer der Geschichte, einer grausam zürnenden Gottheit, die ihren eigenen Untertanen nur böse dämmerndes Zwielicht statt der leuchtenden Morgenröte einer gutwilligen Zukunft spenden will. «Es ist die Geschichte, die verrückt ist, nicht ich», versichert der Erzähler des Buches, ein gewisser Salvatore Cippico mit vielen Leben, der in den Jahren und Jahrhunderten zu viel Schreckliches gesehen hat, um sich still mit dem letzten Gefängnis, dem einer modernen Nervenheilanstalt abzufinden.
Verfolgt von hundert Polizei-Organisationen, in tausend Gefängnisse geworfen, spürt der klare und verbitterte Insasse die Falschheit jeder Grenze, die vorgibt, die Ordnung von der Unordnung sauber zu trennen. Denn wer, wie er, durch das Grauen von Dachau gegangen ist, wo alle Baracken «ordentlich aufgereiht waren, jede mit ihrer Nummer», hat bereits rechtzeitig gelernt, das schiefe Grinsen zu erkennen, das sich in jeder reinen Harmonie verbergen kann.
Aber Dachau ist nur einer der vielen Schreckenshäfen, die das gesunde und forschende Auge des Schiffbrüchigen Cippico gesehen hat. In Newgate, Port Arthur und die GULAGs Stalins ist er zu Gast gewesen. Und auch wenn der Gefangene manchmal nicht wirklich Salvatore war, sondern der Abenteurer Jorgen Jorgensen, der sich einst zum König von Island krönen ließ und danach als Wikinger Van Diemens-Land entdeckte, verweisen diese zwei oder mehr Persönlichkeiten, die sich überlagern, nicht auf eine Störung des mentalen Gleichgewichts, sondern sind vielleicht das Ergebnis eines schrecklichen wissenschaftlichen Experiments. Vielleicht eines Klonvorganges, der das alte Fleisch, bedeckt von Trockeneis, wieder ins Leben ruft, um es leiden zu lassen. Die zahllosen Gefängnishöllen des 20. Jahrhunderts, die Genosse Salvatore Cippico, Schnitzer von Galleonsfiguren, eine nach der anderen besucht hat, waren schließlich bevölkert mit Folterknechten, bereit, mit Leben und Tod der Verurteilten zu spielen. Summe seiner schrecklichsten Erfahrungen und wiederkehrendes Gespenst seiner schwärenden Erinnerungen: das Zuchthaus von Goli Otok, die grausige Nackte Insel, auf die Tito die Kommunisten von Monfalcone verbannte. Jene
Jungen und Starken, die nach Bekämpfung des Nazi-Faschismus freiwillig nach Jugoslawien ausgewandert waren, weil sie die sozialistische Utopie vor Augen hatten, endlich eine freie und gerechte Heimat zu gründen.
Cippico, Metapher für die menschlichen Tragödien des vergangenen Jahrhunderts, beendet jedoch seine gemarterte Existenz nicht in einem Lager des Feindes, sondern muss sogar die grässliche und groteske Schmach hinnehmen, von der Hand des Freundes zu leiden. Als er die bittere Erfahrung macht, dass die rote Fahne keineswegs das goldene Fell ist, das man stolz am Hauptmast seines Lebens flattern lassen kann, sondern nichts anderes als ein schmutziger, in Blut und Verbrechen getauchter Lumpen, Symbol des Ideals, das von den eigenen Genossen mit Füßen getreten und in Blut getaucht wurde. Und vielleicht auch von Cippico selbst, der 
ein neuer Jason immer Opfer und manchmal Täter ist.
Wie jedem tragischen Schicksal, so fehlt es auch dem in Blindlings nicht an Ironie und außer der vielen realen Gewalt, die Cippico erleiden muss, gibt es auch Platz für die simulierte Gewalt eines Gladiatorenfilms, ein kleines Aufblitzen von Komik, die dem Franz Kafka des
Amerika sicherlich gefallen hätte.
Es gibt eine Szene im amerikanischen Roman Kafkas, wohl die komischste, in der der Protagonist die Beine in die Hand nimmt und vor einem Polizisten flieht, der ihn festnehmen will. Auch die Personen in Blindlings fliehen, durch das ganze Buch hin, wobei sie immer wieder die Karten auf dem Tisch durcheinander bringen, um nicht geschnappt zu werden. Doch fliehen sie nicht vor einem harmlosen Gendarmen, sondern vor all den schrecklichen Gefängnissen und Irrenhäusern, an denen die Menschheitsgeschichte so reich ist. Und sie fliehen nicht, um sich einer gerechten Strafe zu entziehen, sondern um den eigenen Wunsch nach einem freien und anderem Leben gegen jene zu verteidigen, die versuchen, sie ein für allemal in einem «schönen Plätzchen» wegzuschließen. Die Figuren in Magris
neuem Roman entkommen sowohl den Folterknechten als auch den verliebten Frauen, diesmal aber als Deserteure vom «Schlachtfeld der Liebe» nur, um diese Liebe zu retten.
Es nimmt nicht wunder, dass auf dieser ewigen Flucht der Fliehende schließlich sein eigenes Ich verliert, indem er es in viele kleine Teile und viele Geschichten zerbrechen lässt, dank dem Feuer, das einst Prometheus den Göttern gestohlen hatte. Der Verlust des Selbst ist die Voraussetzung, um aus dem letzten Irrenhaus zu fliehen und endlich, allen Wärtern und allen Doktoren dieses Gefängnis-Archipels zum Trotz, Freiheit zu erlangen.
Denn in Freiheit, obgleich zerstört und zerrissen, erkennt Cippico aus dem Grund seiner Seele die Antwort auf die essentielle Frage: «Wer bin ich, wer war ich, wer sind wir?».
In einem seiner apollinischen Artikel für den
Corriere della Sera hat Claudio Magris geschrieben, dass es «keine größere Lügerin unter den Literaturen gebe, als diejenige, die, um dich in Sicherheit zu wiegen, behauptet: Die Welt ist in Ordnung.» Die Welt der Cippicos, der Jorgens und all der Tausende gesichtsloser Gefangener eines verrohten, eben erst zu Ende gegangenen Jahrhunderts, deren Wunden bis heute noch offen sind, war niemals in Ordnung.
Magris weiß davon, er erzählt davon, er schreit es heraus. Blindlings ist ein komplexer, unruhiger, erschütternder Roman.
Er gibt keine falschen Versicherungen, aber er schenkt wahre, dionysische Literatur.

Claudio Magris, Blindlings, Hanser, München 2007, € 29,90
Claudio Magris, Alla Cieca, Garzanti, Milano 2005, 335 S., € 18.

Il Notiziario della Banca Popolare die Sondrio, Nr. 98 - August 2005


Romantik und Groteske. Von der Theorie Friedrich Schlegels zu den Erzählungen E.T.A. Hoffmanns

Nicht veröffentlicht


Hermann Hesse, der Morgenlandfahrer Läd den Artikel mit Bildern und Umbruch als PDF herunter

In den ersten Jahren, die nach dem Tod des Schriftstellers folgten, hätten wohl nur wenige deutsche Verleger etwas auf die posthume Berühmtheit Hermann Hesses (1877-1962) gegeben. Zwar hatte er zu Lebzeiten durchaus beachtliche Erfolge erzielt, Höhepunkt zweifellos der Nobelpreis von 1946, doch schien seine Berühmtheit nunmehr der Vergangenheit anzugehören: Seine Leserschaft war klein, und der Absatz seiner Bücher stagnierte.
Die Verleger jedoch täuschten sich, wie sich auch Timothy Leary täuschte, als er 1963 in Amerika jenen Essay veröffentlichte, von dem bald darauf eine regelrechte Hesse-Renaissance ausgehen sollte: Allerdings eine solche, in welcher der schwäbische Dichter zum Propheten einer „psychedelischen Generation“ wurde, die sich den Eintritt ins Nirvana nicht etwa mit Weisheit, sondern durch den Konsum von Halluzinogenen zu verschaffen gedachte .[i]
Hätte Leary sich eingehender mit den Schriften Hesses befasst, so hätte er dessen Romane gewiss nicht so voreilig als Beschreibungen von LSD-Trips abgetan.[ii]
Doch stellt ja andererseits gerade dieses Missverständnis die Voraussetzung dafür dar, dass Tausende von enthusiastischen Jugendlichen, angezogen von der Exotik Siddharthas, sowie der Auslegung des Steppenwolfs als Handbuch über “Sex, Drogen & Jazzmusik” dazu beitrugen, die Aufmerksamkeit der Leser auf Hesse zurückzuführen und ihn in den Rang eines modernen Klassikers zu erheben: Seine Werke überwanden die geographisch-kulturellen Grenzen in denen sie entstanden waren und wurden zu einem grundlegenden Bestandteil der Weltliteratur.
Und weltweit wird in diesem Jahr der 125. Geburtstag und der 40. Todestag Hesses gefeiert, ein Doppeljubiläum, das bereits Anlass zu zahlreichen Veranstaltungen gegeben hat: So in Deutschland, Italien, in der Schweiz und sogar in Indien.[iii]
Dem Dichter, der einmal sagte, es gäbe «nichts Gehässigeres[...], nichts Stupideres als Grenzen»,[iv] hätte eine so global ausgerichtete Feier sicherlich gefallen, wenn auch das Aufsehen, das derartige Veranstaltungen mit sich bringen, ihn, den Schüchternen und Zurückhaltenden, sehr wahrscheinlich irritiert hätte.
Der tief verwurzelte Internationalismus Hesses, der Zeit seines Lebens jeden Begriff von Nation ablehnte, dürfte wohl eher das Ergebnis einer frühen, spontanen Aneignung des „christliche[n] und nahezu völlig un-nationalistische[n] Geiste[s]“[v] des Elternhauses sein, als eine bewusst getroffene Entscheidung des Erwachsenenlebens.
In der Tat ist der Vater russischer Staatsbürger baltischer Abstammung, die Mutter Deutsche mit Vorfahren aus der Französischen Schweiz. Beide Elternteile sind strenggläubige Pietisten: In der Vergangenheit haben sie in Indien als Missionare gedient, um sich später im schwäbischen Calw niederzulassen. Der Großvater mütterlicherseits, Hermann Gundert, ist ein namhafter Philologe und Orientalist, Besitzer einer gut ausgestatteten Hausbibliothek, wo der Enkel die erste geistige Nahrung zu sich nimmt und jenen Hauch von Orient einatmet, der ihn für den Rest seines Lebens faszinieren wird.
Die Jahre der Kindheit und der frühen Jugend, die «schöne[...] und innige[...], doch nicht leichte [...] Jugendzeit»[vi], werden im gesamten Werk Hesses reflektiert, der in seinen Romanen, in mehr oder weniger verkappter Form, oftmals biographische Erlebnisse schildert, die sich auf eben diese für seine künstlerische Sensibilität so ausschlaggebende Zeit beziehen: Jahre «tiefer, zärtlicher Empfindungen und instinktiver, schmerzlicher Leidenschaften»[vii], aus denen sich zeitlebens seine Melancholie nähren wird. An die unschuldigen Kindheitsjahre, an die rastlose Suche nach einem unmittelbaren und freien Kontakt zur Natur wird jene hohe «Vagabundendichtung“[viii] anknüpfen, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Hessesche Werke zieht.
Vom vierten bis zum neunten Lebensjahr des Sohnes wohnen die Eltern vorrübergehend in Basel, wo der „heimatlose“ Hermann, der bis dato mit einem russischen Pass gereist ist, das Schweizer Bürgerrecht ewirbt. Mit der Rückkehr der Familie nach Deutschland wird er deutscher Staatsbürger, doch kehrt er in reiferen Jahren, anlässlich seines Umzugs ins Tessiner Montagnola, zur schweizerischen zurück.
Schon aus diesem bürokratischen Hinundher können wir erkennen, dass Hesse viel gereist ist, und tatsächlich geht er in der ersten Hälfte seines Lebens des öfteren auf Wanderschaft, um die ruhige Eintönigkeit seiner Tage zu unterbrechen und Nahrung für seine unruhige Seele in fernen Ländern zu suchen.
Der Reisende Hermann Hesse vermeidet die banalen touristischen Orte und bewundert eher die natürliche Magie des Widerscheins in der Lagune, als den Prunk des Palazzo Ducale, unterhält sich lieber mit einer einfachen Bauernfamilie, als sich in den Uffizien die Zeit zu vertreiben; Aufzeichnungen von den unterwegs gewonnenen Eindrücken sind nicht nur in Reisetagebüchern wie Aus Indien (1913) oder Die Nürnberger Reise (1927) enthalten, sondern auch in zahlreichen Erzählungen und Gedichten.
Fast alle seine Reisen gehen in Richtung Süden; Volker Michels, der Herausgeber Hesses, erinnert mit teutonischer Präzision daran, wie der Dichter während seines gesamten Lebens weder auch nur einen einzigen Monat nördlich des 50. Breitengrades zugebracht habe, noch überhaupt jemals an einem Ort gewesen ist, der nördlicher als Bremen gelegen wäre.[ix]
Das beliebteste Reiseziel ist Italien, wo sich Hesse an jener «freimütige[n] Natürlichkeit des Lebens» berauscht, «über welcher adelnd und verfeinernd die Tradition einer klassischen Kultur und Geschichte lag»[x], die ihn immer wieder veranlasst, auf die Halbinsel zurückzukehren.
Ausgehend von den eigenen Wanderungen sowie von denen, welche die literarischen Protagonisten unternehmen, kommt Hesse unter anderem dazu – man konzediere uns den kirchturmpolitischen Vermerk – die «gewaltigen, hundertfach gefältelten und terrassierten [...]Weinhügel»[xi] des Veltlins und dessen Produkte zu loben, so wie Peter Camenzind (1904), der „Sohn der Berge“[xii] aus dem gleichnamigen Roman, dem Hesse den Durchbruch und die wirtschaftliche Unabhängigkeit verdankt, um seinen Seelenschmerz zu lindern, sich mit besorgniserregender Häufigkeit dem «herb[en] und erregend[en]»[xiii] Geschmack des Veltliner Rotweins hingibt, der – anders als L.S.D.! - im Übrigen in der Lage ist, bei der Vollendung der Magie, dem Schöpferischen und dem Dichten zu helfen.
Keinesfalls sollte man nun denken, bei Camenzind handle es sich um einen einfachen Trinker, wenngleich sich dieser in manch verzweifeltem Augenblick zuweilen selbst so nennt. Das Buch schreibt sich, ganz im Gegenteil, in die hohe Tradition des Bildungsromans ein, zu dem Meisterwerke wie Goethes Wilhelm Meister, Novalis’ Heinrich von Ofterdingen und Kellers Grüne[r] Heinrich zählen und der traditionsgemäß den Werdegang eines jungen Mannes schildert, der seine Heimat verlässt, um in die Welt zu ziehen, von Unrast getrieben wie vom Wunsch erfüllt, seine künstlerischen Ambitionen zu erfüllen, um auf diesem Wege, sprich durch Lebenserfahrung, sich eine Persönlichkeit zu bilden, stets bewegt und besessen vom “Streben”, der romantischen Sehnsucht, welche die Poesie des Einzelnen mit der «Prosa der Welt»[xiv] in Einklang bringen möchte. So verstanden ist das Thema der Reise im Hesseschen Werk nicht nur im geographischen Sinne, sondern auch und vor allem als Metapher eines ebenso notwendigen wie schmerzlichen Gangs nach Innen zu deuten, der allein zur geistigen Heimat, sprich zum Gleichgewicht und zur stabilen Harmonie des Einzelnen führt.
Der Hessesche Wanderer ist derjenige, der, wie Emil Sinclair im Demian (1919), das «Kainszeichen»[xv] in sich trägt, das Zeichen des Suchenden und desjenigen, der an der Kluft zwischen der eigenen Individualität und der bürgerlichen Welt leidet, desjenigen, der voller Unruhe das eigene Unterbewusstsein ausleuchtend, sich danach sehnt, jenes wirkliche, jenes authentische Leben zu erreichen, das allein demjenigen Ruhe geben kann, der schmerzlich die Tragik der menschlichen Hinfälligkeit spürt.
In diesem Sinne unterwegs ist der Literat und Weltenbummler Hermann Lauscher (1901), Protagonist eines noch recht unausgegoreneren, stellenweise einem manieristischen Ästhetizismus verpflichteten Romanes, der dessen ungeachtet bereits die typisch Hessesche Thematik zur Sprache bringt. Unterwegs, oder besser auf der Flucht, ist ferner der unehrliche Angestellte Klein aus der Erzählung Klein und Wagner (1920), oder der gequälte Harry Haller aus dem Steppenwolf (1927), ebenso wie der die Menschen bezaubernde Goldmund in Narziß und Goldmund (1930), der Gesinnungsbruder jenes sympathischen Vagabunden Knulp (1915), der sich augenscheinlich genauso «frei, fröhlich und zu nichts zu gebrauchen»[xvi] in der Weltgeschichte herumtreibt wie Eichendorffs Taugenichts, im Grunde genommen aber melancholisch die Hinfälligkeit des Lebens verspürt.
Unterwegs zu sich selbst sind auch jene Figuren des Hesseschen Universums, die der „vita activa“ die „vita contemplativa“ vorgezogen haben. So etwa der Tondichter Kuhn in Gertrud (1910) – dem von Hesse am wenigsten geliebten Roman -  oder der Maler Veraguth in Roßhalde (1914), beides Figuren, die mehr oder weniger resigniert den Kontrast zwischen den eigenen künstlerischen Ambitionen und der prosaischen Wirklichkeit, in der sie leben, verspüren. Zwei Romane, die die Überlegungen zur Rolle des Künstlers und den Konflikten mit der Familie wiedergeben. Hesse hatte während der Jahre in Gaienhofen (1901 – 1912) aus dem Wunsch heraus, die Stadt zu fliehen – eine im damaligen Deutschland recht verbreitete Lebenshaltung, die sich bereits im Peter Camenzind ankündigt – überlegt, zusammen mit seiner ersten Frau und den drei Kindern ein sesshaftes und bäuerliches Leben führen zu können. Letztendlich aber musste er feststellen, dass ein derartiges Leben, das von einer erdrückenden bürgerlichen Ruhe durchdrungen war, ihn abstoßen musste.
Unterwegs ist auch Josef Knecht, der legendäre Magister Ludi aus dem Glasperlenspiel (1943), und zwar nicht so sehr wegen seiner Exkursionen außerhalb und innerhalb der pädagogischen Provinz Kastaliens, des utopischen Kleinstaates mit den Konturen des Kantons Tessin, in dem der Roman spielt, sondern vielmehr aufgrund der von ihm angetretenen Reise ins Reich des Geistes, im Zuge derer er beschließt, seinen letzten und höchsten Akt als Knecht und Pädagoge nicht in den Palästen eines zwar edlen aber sterilen Geistesordens, sondern fernab derselben, im sogenannten Weltleben zu vollziehen. Mit dem panischen Eintauchen Knechts in die Gewässer eines Gebirgssees, auf das – in offener Anspielung an Hegels Paradoxon vom Knecht, der in Ausübung seines Dienstes zum Gebieter seines Herren wird – Knechts Selbstopfer folgt, gelangt der Bildungsprozess des jungen Tito Designori zur Vollendung.[xvii]
Doch unterwegs ist vor allem der Brahmanensohn Siddhartha (1921), der das heimatliche Dorf verlässt, um sich einer Gruppe bußfertiger Waldmönche anzuschließen, daraufhin den erotischen Reizen der Kurtisane Kamala verfällt und schließlich, ans Ende seiner Tage angelangt, an der Seite des erleuchteten Vasudeva seine Ruhe findet. «Ich gehe nirgendhin. Ich bin nur unterwegs. Ich pilgere.»[xviii], antwortet Siddhartha dem Freund Govinda, der ihn fragt, wohin er unterwegs sei, ohne zu begreifen, dass das Ziel von Siddharthas langer Suche «nichts [anderes war] als eine Bereitschaft der Seele, eine Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit denken, die Einheit fühlen und einatmen zu können».
[xix]
Der Vagabund, oder besser, der Suchende, wie Hesse sich selbst definiert[xx], ist derjenige, der in Anbetracht einer als befremdend empfundenen Bürgerlichkeit es vorzieht, sich an den Rand derselben zurückzuziehen und den eigenen Weg in Einsamkeit, außerhalb der Reichweite jeglicher Autorität, fortzusetzen, fernab also auch von jenem im Roman Unterm Rad (1906) vehement kritisierten Bildungssystem, das – zusammen mit den im selben Jahr veröffentlichten Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil -  einen Frontalangriff auf den Drill und den erdrückenden Konformismus des Internatswesens darstellt. Der Jugendroman Hesses, der die Erinnerungen an die eigene Schulzeit sowie die des Bruders Hans verarbeitet, nimmt die Begebenheiten im Schulalltag des Seminaristen Hans Giebenrath und dessen Freund Hermann Heilner (die H-Alliteration bei Personennamen ist ein Spezifikum der Hesseschen Dichtung) zum Anlass, die Schulbildung als solche unter Anklage zu stellen, ist es doch, wie der Autor glaubt, alleiniges Ansinnen derselben, die Schüler willenlos, und den künftigen Bürger zu einem gefügigen Werkzeug der Macht zu machen. Etliche Jahre später wird Hesse mit der Figur des “Magister Ludi” Josef Knecht jenes Ideal eines erleuchteten Meisters schaffen, dem es wohl als Einzigem gelungen wäre, den kleinen Hans aus der Verzweiflung, an der er zugrunde geht, zu retten.
Der Mythos des Wanderers erreicht seinen Höhepunkt in der Erzählung Die Morgenlandfahrt (1932), der faszinierenden Geschichte von jener idealen “Seelengemeinschaft”, mit der bereits Friedrich Nietzsche geliebäugelt hatte und auf die Hesse zunächst im Demian, später in seiner Rede zum Nobelpreis zurückkommt: Eine Akademie der freien Geister aller Epochen und Breitengrade, ein durch Räume und Zeiten reisender “Bund”, der  – denken wir an Knecht - im Dienste des Friedens und der zwischenmenschlichen Harmonie steht und dessen Ziel, wie der Violinspieler und Protagonist H.H. bemerkt, «nicht nur ein Land und etwas Geographisches, sondern[...] die Heimat und Jugend der Seele, [...]das Überall und Nichts, [...]das Einswerden aller Zeiten»[xxi] ist. Platon, Xenophon, Laotse und Novalis, alle Künstler und Denker der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, alle großen Dichter der Weltliteratur in Begleitung ihrer Helden bilden zusammen jenen Bund der Morgenlandfahrer, zu dessen Angedenken – in einem subtilen Spiel zwischentextlicher Verweise – Hesse in späten Jahren Das Glasperlenspiel, sein großes Alterswerk, konzipieren wird: Der edle Geistesorden von Kastalien, von dem das Buch handelt, hat hier inzwischen die Funktion einer gegen die barbarische Wirklichkeit des Dritten Reiches entgegengesetzten Utopie übernommen.[xxii]
Das Motiv der inneren Reise bereichert sich in den Schriften, die auf Hesses Krise während des Ersten Weltkrieges folgen[xxiii], um mythologische und psychoanalytische Themen, zumal der Dichter, zur Überwindung der seelischen Not, sich den Theorien Carl Gustav Jungs über das kollektive Unbewusste nähert und über längere Zeit in psychoanalytischer Behandlung bleibt.
Tatsächlich lebt eine ganze Reihe von Hesses Figuren fortwährend an der Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen den beiden Welten, in denen Emil Sinclairs Jugend und Kleins tödlicher Kampf verläuft: ständig an der Grenze zum Wahnsinn. Man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an Klingsor (1920), der über die Praxis der surrealen Malerei die Etappen seines Tiefenlebens durchläuft, und vor allem an die Aufspaltung in eine schier grenzenlose «Vielzahl von psychischen Nuklei»[xxiv] des “verrückten” Harry Haller, der sich an den Aporien einer unmöglichen Existenz aufreibt, indem er sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft bewegt, kultivierter Geistesmensch einerseits, wilder Steppenwolf andererseits. [xxv]
Mit dem Steppenwolf  nimmt Hesse gegenüber seinen früheren Romanen, wie etwa Peter Camenzind oder Gertrud, eine kritische Stellung ein, da er in diesen, trotz allem, jetzt einen Grad der Verfälschung zu entdecken meint. Ziehen sich nämlich Camenzind und Kuhn aufgrund ihrer eingesehenen Lebensuntüchtigkeit ängstlich in eine vornehme Gelassenheit zurück, so macht Harry Haller ganz im Gegenteil den Sprung in den Abgrund, und schaut den Tiefen seiner Seele ins Gesicht. Doch  ist diese «Auseinandersetzung mit dem Unbewußten»[xxvi], der Blick ins Chaos (1920), der die Hinfälligkeit einer jeden Ordnung und die Austauschbarkeit ad libitum von Teil und Gegenteil entdeckt, Träger eines kathartischen Effekts, der die Einsicht vermittelt, dass die Gegensätze des Lebens, die Spaltung in Geist und Natur, in Gut und Böse, in Yin und Yang weiter nichts sind als Maya, ein die Einheitlichkeit des Ganzen verdeckender Schleier.
Nur wer den Blick in den Abgrund wagt, gelangt zu jener «Urmutter», zu der sich alle Figuren Hesses, bewusst oder unbewusst, gleichermaßen hingezogen fühlen: Einem Urschoß, in dem die Identität des Einzelnen zu schmerzen aufhört und in einen allumfassenden, unterschiedslosen Ursprung zurückkehrt.[xxvii]
Das «Kainszeichen», mit dem Emil Sinclair und sein Freund und alter ego Demian gleichsam gebrandmarkt sind, ist letztendlich das Zeichen des Chaos (von griechisch
χάος, Abgrund, gähnender Schlund), das Zeichen jener Auserwählten, die, in den Abgrund des menschlichen Daseins blickend, dessen unaussprechliche Harmonie geschaut haben.
So erklärt sich die Bedeutung der vielen Symbole und wiederkehrenden Themata in der Prosa Hesses. Denken wir beispielsweise an die Metapher des Traumes, die mit dem klaren Bewusstsein über die Grenzen des sprachlich Sagbaren einhergeht: So hoch man das Vermögen der Sprache auch einschätzen mag, Sprache spielt dem Denken pragmatisch definierte Signifikate zu, die sich auf dasselbe Denken stets zweischneidig auswirken, nämlich einerseits als dessen Grundvoraussetzung, andererseits als dessen Limit. Der Traum dagegen verleiht der «Freiheit, alles irgend Erdenkliche gleichzeitig zu erleben, Außen und Innen spielend zu vertauschen, Zeit und Raum wie Kulissen zu verschieben»
[xxviii]. Durch seinen Zauber, verwandelt sich die Wirklichkeit, verschwimmt, befreit sich von den Zwängen des dialogischen Denkens, verleiht ihr Mehrdeutigkeit und Magie, lässt es zu, dass ein Omega zur Schlange wird. So wie es dem jungen Goldmund widerfährt, wenn er dem gelehrten Freund Narziß zuliebe Griechisch lernt, derselbe Freund jedoch erkennt, dass Unlust mit im Spiel ist und Goldmund einen andren Weg wird wählen müssen. Einen, zu dem er bestimmt ist, einen, der vom Kloster Mariabronn (literarische Variante des Seminars Maulbronn, wo schon Giebenrath und Hesse sich einst plagten), hinausführt, um sich in die Arme des Lebens, der Frauen und der Natur zu werfen.
Man denke ferner an das Wasser oder die Musik, die als vollendete Sinnbilder der Harmonie und des im Werden befassten Seins unverzichtbare Komponenten der Hesseschen Prosa sind.
In nahezu allen Romanen Hesses hören wir frei und ungestüm das Wasser eines Flusses rauschen, oder sehen tief und dunkel den Spiegel eines unberührten Alpensees vor uns ruhen. Häufig verfolgen wir mit unseren Blicken die zwischen Himmel und Erde dahinziehenden Wolken, dieses «ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens, Verlangens und Heimbegehrens»[xxix], wie Camenzind es in seinem schönen Loblied auf die Natur nennt, getrost darauf vertrauend, dass niemand in der Welt die Wolken so sehr liebt wie er.
Als weiblich-mütterliches Element trägt das Wasser, ähnlich dem Urschoß der Mutter[xxx], gegensätzliche Bedeutungen in sich, so dass es uns nicht Wunder nimmt, wenn nicht nur der Beamte Klein oder der mutmaßliche Selbstmörder Hans Giebenrath, sondern auch der legendäre Josef Knecht, der in einem andern Leben bereits Regenmacher war, sich den Fluten anvertrauen, um darin ihren Tod zu finden.
Derjenige, der wie der Fährmann Vasudeva aus Siddhartha es vermag, der Melodie des Stroms[xxxi] zu lauschen, ist derjenige, der hinter dem sich ewig verändernden Fließen der Wellen das Sein geschaut hat und das Lächeln des Erleuchteten besitzt.
Dasselbe Lächeln des Jazztrompeters Pablo, alias Mozart, der in Begleitung seiner sinnlichen, geheimnisvollen Freundinnen Hermine und Maria den Steppenwolf genesen macht, indem er diesem, hinter dem Krächzen eines alten Radios, die Töne seiner unsterblichen Musik vernehmen lässt, jene «wortlose Sprache, die Ausdruck des Unausdrückbaren und Darstellung des Undarstellbaren ist.»[xxxii]
Die Musik ist absolute Kunst, sie bezaubert und bewegt, Emil Sinclair ebenso wie Hermann Lauscher und Josef Knecht, der im unvollendeten Projekt seines vierten Lebens in der Musik das wiederfindet, was die pietistische Erziehung ihm einst vorenthalten hat.
Die Musik, dieses «Universum eines jeden Geistesausdrucks, diese erhabendste Sprache Gottes»[xxxiii], wie sie von Pater David Maria Turoldo genannt wird, stellt in der Auffassung Hesses und seiner Helden den vollkommendsten menschenmöglichen Kontakt zur Harmonia Universalis dar. Könnte denn das erhabene Glasperlenspiel, die vornehme Fähigkeit disparate Sphären des Wahren, des Guten, des Schönen in einer einzigen Melodie zu erfassen, anderen Ursprung, anderen Nährboden haben als die Musik? Wo die Musik zum Katzengejammer, das Violinspiel zum Gegeige verkommt, hat die Harmonie die Welt verlassen; so, wie es im finsternen Seminar von Maulbronn in Untem Rad geschieht, wo ein unbegabter Schüler hartnäckig und stumpfsinnig sich bemüht, das arme Instrument zu kratzen, und dabei nur den Eindrück eines Trottels hinterlässt.
Die schönste Beschreibung der Hesseschen Prosa, die mit einer musikalischen Komposition verglichen wird, wird uns von Hesse selbst geschenkt, und zwar in der Psychologia Balnearia (1924), einer ironisch-witzigen, von Thomas Mann[xxxiv] hochgeschätzten Erzählung: «Wäre ich Musiker, so könnte ich ohne Schwierigkeiten eine zweistimmige Melodie schreiben, eine Melodie, welche aus zwei Linien besteht, aus zwei Ton- und Notenreihen, die einander entsprechen, einander ergänzen, einander bekämpfen, einander bedingen, jedenfalls aber in jedem Augenblick, auf jedem Punkt der Reihe in der innigsten, lebendigsten Wechselwirkung und gegenseitigen Beziehung stehen. Und jeder, der Noten zu lesen versteht, könnte meine Doppelmelodie ablesen, sähe und hörte zu jedem Ton stets den Gegenton, den Bruder, den Feind, den Antipoden. Nun, und eben dies, diese Zweistimmigkeit und ewig schreitende Antithese, diese Doppellinie möchte ich mit meinem Material, mit Worten, zum Ausdruck bringen und arbeite mich wund daran, und es geht nicht»[xxxv].
Tatsächlich bilden sämtliche von Hesse erfundenen Figurenpaare, angefangen bei Narziß und Goldmund, Veraguth und Burkhardt, Muoth und Kuhn, bis hin zu Siddhartha und Govinda, Sinclair und Demian, Knecht und Designori, eine solche zweistimmige Melodie; sie wird im Versuch gespielt, den mythischen idealen Menschen darzustellen, einen, dem es endlich glückte, die beiden Pole der Existenz zu vereinen und in Harmonie zu leben zwischen Eros und Logos, zwischen apollinischem und dionysischem Geist, jenseits jeglicher Zerrissenheit, in der göttlichen Ureinheit des Ganzen.[xxxvi] 
Doch ist das Schicksal dieser Wanderer, zumal die eine Note die andre übertönt, letztlich einzigartig und für alle verschieden. Hat Narziß den Weg der Einkehr gewählt, so geht Goldmund jenen der Kunst und der sinnlichen Liebe. Streunt  Harry Haller, der Wolf, herrenlos-anarchisch durch die Steppe, so verlässt der “Magister Ludi” Josef Knecht die erhabene Provinz, um ihr gerade damit den höchsten Dienst zu erweisen und den Orden von Kastalien zu bewahren. Hesse wird nicht müde uns zu zeigen, wie der einzige Weg, der uns in die Heimat führt, der unseres Gewissens ist. Das ist der Grund, weshalb Siddhartha, als er zu Buddha stößt, den Gotama zwar zutiefst verehrt, dennoch, ganz im Gegensatz zum Freund Govinda, nicht sein Jünger wird, sondern im Bewusstsein, dass er dem Meister in der Ferne am nächsten ist, davonzieht und seiner eigenen Wege geht.
Hermann Hesses Lehre ist eine Lehre der Freiheit und der Verantwortung, einfach und rührend, wie es alle großen Wahrheiten menschlicher Weisheit sind: Bleib dir treu und gehe deinen Weg, denn «ein Vater kann seinem Kind die Nase und die Augen und sogar den Verstand zum Erbe mitgeben, aber nicht die Seele. Die ist in jedem Menschen neu».[xxxvii]


[i] Vgl: G. Decker, Hesse-ABC, Leipzig: Reclam 2002, S. 187.

[ii] Phänomene wie diese sind als „kreative Missverständnisse“ bekannt und sind die Wonne eines jeden Komparatisten.

[iv] H. Hesse, Wanderung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1975, S. 9.

[v] H. Hesse, in: B. Zeller, Hermann Hesse, Hamburg : Rowohlt 2001, S. 40.

[vi] H. Hesse, Hermann Lauscher, Düsseldorf : Verlag der Rheinlande 1908, S. 4.

[vii] E. Banchelli, Vorwort zu: H. Hesse, Hermann Lauscher, Mailand : SugarCO 1991, S. 8.

[viii] C. Magris, Vorwort zu: H. Hesse, Romanzi, Mailand : Mondadori 1977, S. XXV.

[ix] Vgl: V. Michels (Hg.), Mit Hermann Hesse reisen. Betrachtungen und Gedichte von Hermann Hesse, Frankfurt a. M.: Insel 1990, S. 414.

[x] H. Hesse, Peter Camenzind, in: Gesammelte Schriften, Bd.1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 291.

[xi] H. Hesse, Engadiner Erlebnisse, in: H. Hesse, Beschwörungen, Berlin : Suhrkamp 1955, S. 163.

[xii] H. Hesse, Peter Camenzind, a.a.O., S. 265.

[xiii] Ebd., S. 279.

[xiv] C. Magris, Fra il Danubio e il mare, Mailand : Garzanti 2001, S. 15.

[xv] H. Hesse, Demian, in: Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 236.

[xvi] C. Magris, Vorwort, a.a.O.,. S. XXV.

[xvii] Vgl: H. Hesse, Brief an Rolf v. Hoerschelmann vom 22. Februar 1944 in: Ausgewählte Briefe, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974, S. 208.

[xviii] H. Hesse, Siddhartha, in: Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 686.

[xix] Ebd., S. 716.

[xx] Vgl: H. Hesse, Brief an Vasant Ghaneker vom April 1953 in: Ausgewählte Briefe, a.a.O, S. 405.

[xxi] H. Hesse, Die Morgenlandfahrt, in: Gesammelte Schriften, Bd. 6, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 24.

[xxii] Vgl: H. Hesse, Brief an Thomas Mann vom 23. Oktober 1946 in: Gesammelte Briefe, Bd. 3, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1982, S. 377-379.

[xxiii] Zusätzlich zum Entsetzen über das vom Nationalismus verheerte Europa kommen im „Annus Horribilis“ 1916 schwere Prüfungen auf Hesse zu: Der Vater stirbt, der Sohn ist schwer krank, und seine Frau wird in eine Nervenheilanstalt interniert.

[xxiv] C. Magris, a.a.O.., S. XXXIII.

[xxv] Vgl: M.P.C. Palin, Vorwort zu: H. Hesse, Demian, in: Romanzi, a.a.O., S. 301.

[xxvi] H. Hesse, Blick ins Chaos, Berlin : Seldwyla 1920, S. 13.

[xxvii] Vgl: B. Bianchi, Einleitung zu: H. Hesse, Sull’amore, Mailand : Mondadori 1988, S. 6.

[xxviii] H. Hesse, Die Morgenlandfahrt, a.a. O, S. 24.

[xxix] H. Hesse, Peter Camenzind, a.a.O., S. 230.

[xxx] Vgl: Bianchi, a.a.O., S. 6.

[xxxi] Man beachte wie das Verb lauschen – verstanden freilich nicht als ein sensorielles, sondern als ein seelisches Horchen – bereits im Titel des ersten Romans Hesses vorkommt, des an anderer Stelle zitierten Hermann Lauscher.

[xxxii] H. Hesse, Der Steppenwolf, in: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1958, S. ...

[xxxiii] D.M. Turoldo,  in: G. Ravasi, Il Canto della Rana, Casale Monferrato : Piemme 1990, S. 13.

[xxxiv] Vgl: Th. Mann, in: H. Hesse – Th. Mann, Briefwechsel, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1968, S.78.

[xxxv] H. Hesse, Kurgast (eh. Psychologia Balnearia), in: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 113.

[xxxvi] Vgl: H. Hesse, Der ideale Mensch, in: Eigensinn macht Spaß, Ebner Ulm : Insel 2002, S. 105 ff.

[xxxvii] H. Hesse, Knulp, in: Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 57.

Jahresrechnung der Banca Popolare di Sondrio (Suisse) 2002


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