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Ich bin freier
Mitarbeiter als Lektor
und
Übersetzer beim Verlagshaus
Bompiani. Ich habe
an der italienischen Übersetzung des Buches
Die
exilierte Sprache von Imre Kertész mitgearbeitet
und den autobiographiscen Roman
Was in zwei Koffer passt.
Klosterjahre von Veronika Peters
übersetzt.
Ferner übersetze ich für die kulturelle Sonntagsbeilage des
Il Sole 24 Ore.
Die Bücher haben mich
immer fasziniert. Lesen und Schreiben sind auf eine glänzende und tiefgründige
Weise Akte der Freiheit.
Weiter unten kannst du einige meiner Aufsätze und Rezensionen zur Literatur
finden.
Die Grenzen des Claudio Magris
Der Brandner Kaspar und der Boandlkramer
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Der Sandmann. Eine
psychoanalytische Lektüre
Das grenzenlose Reisen des
Claudio Magris
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Blindlings,
oder: die Freiheit der Unordnung
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Romantik und Groteske. Von der Theorie Friedrich Schlegels zu den Erzählungen
E.T.A. Hoffmanns
Hermann Hesse, der
Morgenlandfahrer
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Die Grenzen des Claudio Magris
Im Gegensatz zu einigen voreiligen Optimisten, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vom Anbruch eines geordneten und sauberen weltweiten Liberalismus überzeugt waren, erinnert Claudio Magris in seinem letzen Buch daran, dass die Geschichte alles andere als zu Ende ist. Denn die Feinde des friedlichen Lebens finden nicht nur in den Trümmern der untergegangenen totalitären Regime Schutz. In Wirklichkeit kann jeder von uns das Gefüge der freien Gesellschaft, in der er lebt, untergraben. Das instinktive Ablehnen der totalitären Gedankens reicht eben nicht aus, um dagegen immun zu sein. Splitter des Dogmas können sich verbergen, indem sie in unseren Gedanken sitzen, auch wenn man uns für beispielhafte Bürger und Vorzeige-Demokraten hält. Es ist sicher nicht Magris’ Absicht, seine Leser anzuklagen, aber die Klarheit der Argumentation, zusammen mit der Energie der Ausführung, spricht das Herz an und weckt so die Aufmerksamkeit des Geistes. Wie Graziano Bianchi auf diesen Seiten geschrieben hat, ist Magris letztes Buch eine klare Auseinandersetzung, die «einerseits den Geist des fortwährenden, großzügigen Vertrauens des Sokrates, als Erfinder des Dialogs, andererseits die Dialektik Platons, jedoch ohne, dass sich jeder hinter seinen Meinungen verschanzt» zu erinnern vermag.
Wenn in einer Demokratie die Existenz unterschiedlicher aber gleichermaßen tolerierter Meinungen und Überzeugungen eine unbedingte Voraussetzung für die freie Entfaltung des Bürgers darstellt, dann geht die moderne Kommunikationsgesellschaft manchmal das Risiko ein, dass sie, indem sie jede Ansicht umfassen will, die einzelnen gegensätzlichen Positionen zu einem grauen Einerlei der Ideen entfärbt, in dem alles und sein Gegenteil bequeme und unwidersprochene Aufnahme findet. So wird eine bunte holländische Messe, auf die sich der Flaneur Claudio eines Tages gerät und sich für den Überfluss von Waren und die Widersprüchlichkeit der ausgestellten Meinungen begeistert, für den Intellektuellen Magris zum Anlass, über die Grenzen der Nachsicht zu reflektieren. Wie sollten wir uns verhalten, wenn sich mitten in diesem Fest der Toleranz jemand einnistet, der rassistische Thesen an den Mann bringen will? Oder anders: Bis zu welchem Punkt soll die Toleranz gehen? Dies ist die Popper’sche Fragestellung am Grund des Buches, eine Frage, von dem mehr oder weniger ausdrücklich alle seine fünfzig kurzen Essays ihren Ausgang nehmen. Der Triester Schriftsteller, der stets wie die Flüsse geneigt ist, Grenzen zu überqueren, lehrt uns diese Mal – und sei es auch schweren Herzens –, dass man gewisse Schwellen besser nicht überschreitet. Und manchmal werden Mauern gebaut, anstatt abgebrochen zu werden.
Wenn das In Frage Stellen säkularer Sicherheiten, oder besser ein aufklärerischer Prozess der Entfernung von einer dogmenhörigen Politik, in erheblichem Maße zur Begründung der heutigen liberalen Demokratien beigetragen hat, dann läuft die moderne und unterschiedslose Vermehrung von Glaubensrichtungen und persönlichen Werten Gefahr, die bürgerliche Gesellschaft unter der Last einer in Chaos verwandelten Fülle zu begraben. Wenn eine gelenkte Politik, die auf einem unerschütterlichen Glauben beruht, leicht in Anmaßung erstarrt, was wird dann aus einer Anarchie der Launenhaftigkeit anderes als schwer verdaulicher Brei? In einer Zeit, in der «sich alles aufs Optionale zu reduzieren scheint», erinnert uns Magris daran, dass die plurale Gesellschaft eine extreme Notwendigkeit von Grenzen mit sich bringt. «Kennen bedeutet zu unterscheiden, zu wissen, dass etwas das eine ist und nicht etwas anderes.» Mitleid zu zeigen mit den jungen Menschen, die unter dem Banner von Salò gestorben sind, statt ihnen die menschliche Pietät zu verweigern, bedeutet nicht, das Gedenken an den blutigen italienischen Bürgerkrieg zu beschmutzen. Das mag den Kräften gelegen kommen, die mit weniger Faszination an unsere jüngere Geschichte zurückzudenken. Jedoch soll die Trauer um einige zerstörte Leben nicht die Tatsache verschleiern – wie es so ein betrügerischer Revisionismus gern hätte –, dass man es mit Männern zu tun hat, die für einen Tyrannen gefallen sind. Es gibt «ein Minimum an gemeinsamen Werten», die eine Hierarchie mit sich bringt, welche für niemanden verhandelbar ist. Die westliche Demokratie billigt und fördert den freien Austausch zwischen gegensätzlichen und gleichermaßen legitimen Positionen. Doch ihre und unsere Aufgabe ist es, diejenigen anzuprangern, die Demokratie ablehnen, indem sie etwa zur Apartheid aufrufen. Es kann schmerzhaft sein, den abzulehnen, der die offene Gesellschaft bedroht, ist aber unvermeidlich. Das ist der tragische Konflikt, der seit je zwischen Kreon und Antigone herrscht, oder zwischen dem positiven Recht, der veränderlichen Norm des Staates, und dem moralischen Gebot, dem ewigen Gesetz der Götter. Wie kann denn die Vernunft sicher sein, dieses göttliche Gesetz richtig zu interpretieren, fragt sich Magris, ohne Gefahr zu laufen, von Neuem ins Dogma zurück zu fallen? Wie kann es sicher sein, dass das moralische Gebot, auf dessen Grundlage wir den Feinden der Demokratie den Mund verschließen, wahrhaftig den hohen Stellenwert verdient, den wir ihm zugewiesen haben? Magris schummelt nicht und weiß, dass der Himmel für den modernen Menschen zu schweigen scheint. Doch deshalb darf er nicht weniger seine Funktion als Bewahrer des Friedens wahrnehmen. «Die Tragödie, aber auch die Würde des Menschen», versichert der Schriftsteller, «besteht in der Tatsache, dass es auf dieses Dilemma keine vorgefertigte Antwort gibt; es gibt nur eine schwierige Suche, die nicht frei von Risiken (auch moralischen) ist.»
Zuhören, Verstehen und Tolerieren, jedoch auch den eindeutigen Gegnern Widerstand Leisten, ohne dabei je zu vergöttlichen oder zu verketzern, ohne sich selbst einen Bären aufzubinden, «indem man tausend ideologische Rechtfertigungen für die eigenen Mängel findet», oder den Kult des Selbst zu betreiben: dies ist für Claudio Magris die Essenz der laizistischen Moral, dieser Verhaltenskodex des freien Menschen, der ihm bei dem gefährlichen Steuern zwischen den ethischen und den politischen Klippen unseres Lebens hilft. Damit die Demokratie andauert, können – und sollten – alle Laizisten hinter ihr stehen. Der Laizist kann nicht gläubig sein, aber sicherlich verachtet er nicht die Religion. Laizist ist de facto auch der Gläubige, der sein eigenes moralisches Verhalten nach den Geboten des Glaubens ausrichten, aber dennoch den eigenen Standpunkt nicht der gesamten Gemeinschaft der Bürger aufdrängen will. Auf diesem Punkt beharrt Magris sehr, auf Seiten, in denen das religiöse Streben des Schriftstellers durchscheint, sein tief empfundener Respekt und sein Interesse gegenüber dem Wort Christi. Manchmal, wie in den bissigen Spitzen gegen Abtreibung, ein Gegenstand, der niemals wirklich im Buch thematisiert wird, scheint in Magris sogar ein Riss zwischen der klaren laizistischen Pädagogik und einer ungestümen religiösen Überzeugung sich auf zu tun. Hingegen und als Ausweis seiner intellektuellen Ehrlichkeit erwähnt er, wenn er die berüchtigte hypothetische Passage Dostoevskijs über die Gesellschaft zitiert, in der «alles erlaubt ist», nicht den Vordersatz («wenn Gott tot ist») und vermeidet es so, auf die Gleise der religiösen Dogmatiker zu geraten, für die die Umwälzung der Sitten mit Sicherheit jenen zuzuschreiben ist, die nicht an ihren Gott glauben. Die Religion des gläubigen Laizisten Magris ist eine gemäßigte, weil mühsame, in dem Bewusstsein, dass jeder Glaube sich mit der Frage des Hiob konfrontieren muss. Die Bewunderung für Papst Johannes Paul II. verdeckt nicht die weniger leuchtenden Punkte seiner Amtszeit, während die Verteidigung der Kirche ihn nicht daran hindert, Position gegen die staatliche Finanzierung privater (bekanntlich in Italien vor allem katholischer) Schulen Position zu beziehen.
Magris’ Prosa ist überzeugend, weil sie auf Erlebtem beruht. Jede geprüfte Verhaltensnorm vergisst nie den persönlichen Einzelfall, auf den sie sich beziehen soll. Soll man einfach so einem Todkranken die Wahrheit sagen? Indem er sich dem delikaten Problem nähert, schreckt Magris nicht davor zurück, den eigenen privatesten Schmerz zu bekennen. Seine Reflexionen sind von einer tiefen Humanität durchzogen. Wenn er jemandem die Ohren lang zieht, tut er dies mit einem Lächeln. Um die Haltung der Lega Nord gegenüber der “devolution” zu verspotten, zitiert er den nicht gerade nördlichen Alberto Sordi und seinen höchst provinziellen Wunsch “den Amerikaner zu machen” [“fa' l'americano”]. Wenn er über die epochalen Errungenschaften auf dem Gebiet der Biologie nachdenkt, konfrontiert er sie mit dem heiklen Thema des Klonens. Und nachdem er die Vorteile und Gefahren einer solchen Entdeckung aufgeschlüsselt hat, entlastet er unser Gemüt und überrascht uns mit einem glänzenden Wortspiel, einem echten und eigentlichen “Witz”: «Sie klonen das Schaf – und vielleicht die Menschen –, aber Erkältung und Haarausfall leisten immer noch unerschrocken Widerstand.»
Magris versteht es, einige “kalte” Werte zu erhitzen (wie die individuelle Rücksicht des Gesetzes im Hinblick auf das Gemeingut), die die Grundlage einer freien Gesellschaft bilden, wie Noberto Bobbio gelehrt hat, der «große Laizist», dem der Autor sorgfältige und glänzende Seiten widmet. Gegen jene, die sich gegen bestimmte Werte stellen, indem sie ihnen vorwerfen, nichts als leere Formalismen zu sein, und die Gründe des (eigenen) Herzens vorbringen, erinnert der Schriftsteller daran, dass die kalten Werte zwar langweilig erscheinen können, aber dennoch essentiell sind, weil «sie jeden beschützen, das einzelne Individuum sein unwiederholbares Leben leben, seine Ideen und seine Dämonen kultivieren lassen, ohne dass es von der Gewalt anderer Individuen eingeschränkt oder unterdrückt würde.» Und sieh da: Claudio Magris, misstrauisch gegenüber jenen, die nach Heroismus auf Kosten der Leben von so genannten einfachen Leuten streben, selbst weder ein einfacher noch ein ruhiger Mann zeigt sich als leidenschaftlicher Verfechter der täglichen Ruhe und zitiert Pasternaks Doktor Živago: «Das erste wirkliche Ereignis... war, wie der Zug sich seinem Haus näherte... Ach, was war das Leben, was war die Erfahrung – wonach strebte die Kunst: zurückzukehren in das eigene Haus, zu den eigenen Gefühlen, das Leben wieder auf zu nehmen.»
Zwischen einer politischen Aufgabe und einem Sprung ins Meer würde Magris sich immer für das Meer entscheiden. Doch er ist sich auf eine melancholische Weise bewusst, dass es Momente im öffentlichen Leben gibt, in denen wir uns der Trunkenheit des Meeres enthalten müssen, um uns dem politischen Kampf zu widmen, damit alle weiterhin das Meer sehen können. In diesen Momenten schwingt Magris, als Soldat wider Willen, die Waffen des Schriftstellers, um den Kampf des Bürgers zu führen. Und er schreibt über den Corriere della Sera einiges Tiefgründiges, das in der neuen Anthologie versammelt ist. Heute haben wir die Möglichkeit, sie wieder zu lesen: Wir werden sie immer lehrreich finden.
Für Ralf Dahrendorf gibt es einige genau umrissene Eigenschaften, die ein wahrer freier Geist besitzt, der stark ist und in der Lage, sich gewisser diktatorischer Versuchungen zu erwehren, denen viele Menschen von Geist oftmals erlegen sind. Dies sind: die Fähigkeit, den Kurs zu halten, auch wenn alles um sie vom Unwetter bedroht ist, die Bereitschaft, die Konflikte und Widersprüche des Lebens mit Disziplin und Leidenschaft zu leben und sich dabei auf die Vernunft als Instrument der Aktion und Erkenntnis zu verlassen. Wer diese Kardinaltugenden besitzt, kann sich mit gutem Recht einen wahren Nachfolger des Erasmus nennen, des großen Humanisten, dem es weder an Glauben noch an Ironie gefehlt hat und der, «im Bewusstsein der Eitelkeit seines Vernünftelns beharrlich weiter der Vernunft gefolgt ist, weil er sich weigerte zu glauben, dass auch das Nichts die letztgültige Wahrheit sein könne.»
Claudio Magris ist zweifellos ein Erasmianer. Wünschen wir uns, das seine Worte keine “nutzlosen Predigten” bleiben.
La Storia non è finita. Etica, politica, laicità, Garzanti, Milano 2006, pagg.
245, € 16.
Nuova Antologia – Juli-September 2007
Der
Brandner Kaspar und der Boandlkramer

Ingmar Bergman hat einige Jahre in München gelebt. Eines Abends ging der große
schwedische Regisseur ins Theater wurde buchstäblich von dem gezeigten Werk
«bezaubert». Dass er dabei «nur fünf Prozent des Textes» verstanden hatte – wie
er später freimütig bekannte – fiel kaum ins Gewicht. Aber es scheint vernünftig
anzunehmen, dass Bergman, auch wenn er Berliner gewesen wäre, auf einige
Schwierigkeiten beim Verständnis des Dialogs getroffen wäre. Er hatte nämlich
einer Aufführung von Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben beigewohnt,
einer Komödie, die ganz in reiner bayerischer Mundart gespielt wird. Alles in
allem, es ist auch besser, dass die Berliner das Dialog nicht verstehen:
letztlich erkennt man im Brandner Kaspar, dass es für sie keinen Platz im
Paradies gibt.
Kaspar Brandner hingegen wird an diesem seligen Ort schon erwartet, hat aber
nicht die geringste Lust sich dorthin aufzumachen. Denn um ins Reich des Himmels
zu gelangen, reicht es nicht aus eine reine Seele zu haben, sondern man muss
(für gewöhnlich) sterben, um dorthin zu kommen. Und Kaspar Brandner hängt sehr
an seiner persönlichen Existenz und ist überzeugt, bereits in einem Paradies zu
leben, nämlich in seinem Bayern.
Der Kaspar enstand 1871 aus der Feder von Franz von Kobell und wurde in
den Dreißiger Jahren des folgenden Jahrhunderts von Joseph Maria Lutz in ein
Bühnenstück umgeschrieben. Aber die Geschichte, wie wir sie heute kennen, ist
Frucht der Kreativität von Kurt Wilhelm, der in den Siebziger Jahren von Kobells
Erzählung bearbeitete und eine neue Bühnenversion aus dem kurzen Text seines
entfernten Verwandten herausholte. Seit seiner ersten Aufführung in München 1975
wurde Kaspar Brandner ein Kult-Spektakel, das durchgängig auf deutschen
Bühnen gespielt wurde. Der Zustrom des Publikums ist immer noch ungebrochen
gewaltig. Eine anfängliche Stellungnahme des Münchners Erzbischof gegen das
Theaterstück – der es wahrscheinlich niemals gesehen hat – konnte die
Popularität dieses Bauernschwanks nur noch steigern. Seitdem der Bayerische
Rundfunk sich um eine Verfilmung bemüht hat, wird der Film pünktlich an
Allerheiligen ausgestrahlt. Bis heute ist der Brandner über dutzende von
Bühnen gegangen und ist tausende von Malen aufgeführt worden. Trotz der
Verständnisprobleme wurde er sogar auf Tournee geschickt, nicht nur durch ganz
Deutschland, sondern sogar außerhalb der deutschen Grenzen.
Seit mehr als dreißig Jahren ist der Erfolg des Kaspar überwältigend und
seine Popularität ungebrochen, ein wenig so – wenn der Vergleich erlaubt ist! –
wie bei der Rocky Horror Picture Show. Aber wie das Musical von Richard
O`Brien nonkonformistisch und hochtrabend ist, so friedfertig und konservativ
ist Kaspar Brandner.
Und doch nimmt die Geschichte Brandners, auch wen sie in einer idyllischen
ländlichen Gegend angesiedelt ist, das Publikum gefangen, indem es eine
scheinheilige Antwort auf eine beunruhigende Frage gibt. Der Kaspar ist
de facto nichts anderes als die bukolische Transposition des tragischsten
Ereignisses, das dem Menschen zustoßen kann. Während er über Kaspars
Bauernschläue lacht, fragt sich jeder Zuschauer tief im Herzen: «Was werde ich
tun, wenn mein Moment gekommen ist?»
Die Stunde Kaspars, eines zweiundsiebzigjährigen Schmieds vom Tegernsee, jenem
See, der verschiedene Dichter der bayerischen Heimat hervorgebracht hat, unter
ihnen Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer, seine Stunde schlägt nach einer
Jagdpartie, während der er sich auf wundersame Weise vor einer irrlaufenden
Kugel retten konnte. Die Stunde des Scheidens kündigt der Tod persönlich an, der
an die Tür Kaspars klopft, als der sich gerade von dem Schuss, dem er ausweichen
konnte, erholt hat. In Schwarz gekleidet, wie die Kapuzen tragende Figur im
Siebten Siegel ist der Tod im Kaspar bei weitem nicht so stolz wie
der des Bergman-Films. Auch der Name, mit dem er sich vorstellt, trägt sicher
nicht dazu bei, ihn bedrohlicher wirken zu lassen. Er ist der “Boandlkramer”,
ein spöttischer Spitzname, den man vielleicht in den lombardisch-veltliner
Dialekt als “il cargaóss” übersetzen könnte. Mit seinen löchrigen Handschuhen
und zerfetzten Kleidern, auf dem Kopf einen schwarzen Hut, geschmückt mit einer
ebenfalls dunklen Feder ist Kaspars Tod in Wirklichkeit ein armer Teufel.
Anstatt nun in Panik auszubrechen, als Kaspar Brandner ihn in seinem Haus
erkennt, lädt er ihn auf ein Gläschen Kirsch ein: «Elendig und mager wie du
bist, tät dir ein Glasl gut.» Erstaunt über so viel Frechheit, aber auch
verlockt von dem Angebot – niemand hatte ihm je bis zu diesem Zeitpunkt etwas zu
trinken angeboten –, lehnt der Boandlkramer zunächst ab in der Befürchtung, dass
seine Vorgesetzten dies nicht billigen würden. Aber der Kaspar besteht darauf:
Das sei schon recht, «du musst doch kennenlernen, von was für Seligkeiten du die
Leuten wegholst». Nachdem er das erste Gläschen in einem Schluck geleert hat,
ist der Boandlkramer auf den Geschmack gekommen. Kaspar nutzt diese Schwäche aus
und schenkt Schnaps nach bis zum Geht-nicht-mehr. Vom Alkohol besänftigt,
beklagt der unangenehme Gast sich vertrauensvoll bei dem Bauern über seine
undankbare Aufgabe: «Weißt, die Menschen! – Da jammern s’ und greinen s’, das
Leben se so schwer und ein Jammertal!! – Doch, das sagen s‘–! Und komm ich und
will sie erlösen – dann geht das Geschrei erst recht los. Da wollen sie ums
Verrecken weiterleben – auf einmal wär alles hier so schön und grad Angs haben
sie.» Kaspar hört verständnisvoll zu und versucht mit Ausreden aller Art den
Boandlkramer davon zu überzeugen, dass keine Jahreszeit die richtige wäre, um
auf seinen Karren zu springen. Im Sommer? Viel zu warm! Im Herbst? Da muss ich
auf die Jagd gehen! Also im Winter? Aber da ist es eiskalt! Angesichts so großer
Hartnäckigkeit schleppt die geisterhafte Erscheinung den Kaspar mit äußersten
Kräften vor das Haus. Doch da schlägt der ausgebuffte Jäger dem Tod urplötzlich
eine Kartenspiel-Partie vor. Obgleich abstinent auf diesem Gebiet, erliegt
dieser der Versuchung des Spiels. Betrunken und auch noch ungeschickt durch den
Alkohol, geht der Boandlkramer leicht dem Kaspar in die Falle, der ihm
buchstäblich die Karten zurecht mauschelt.
Brandner hat Glück im Spiel und als Einsatz nimmt er dem Tod das Versprechen ab,
erst wiederzukommen, um ihn zu holen, wenn er das ehrwürdige Alter von neunzig
Jahren erreicht hat, gerade so, wie es seinem Vater ergangen ist. Und so kehrt
der Boandlkramer mit leeren Händen in den Himmel zurück, während Kaspar froher
und gesünder weiterlebt als je zuvor. Der Schmerz über das Fehlen von Frau und
Kindern – die seit langem schon ins bessere Leben übergegangen sind – wird von
der neuen Lebenskraft und der zuvorkommenden Aufmerksamkeit seiner Enkelin Marei
gemildert. Doch nachdem einige Jahre sorglos verstrichen sind, folgt die Enkelin
ausgerechnet an dem Tag, an dem das ganze Dorf den 75. Geburtstag Kaspars
feiert, ihrem Liebsten in die Berge und landet auf dem Karren des Todes auf
direktem Weg zum Himmel. Im Paradies angekommen, wird sie von Heiligen Petrus
empfangen. Doch als der Pförtner der Himmelstore das Seelenregister durchgeht,
um Mareis Leben zu kontrollieren, stellt er fest, dass die Rechnung nicht
stimmt. Das Mädchen ist zu früh gestorben. Im Buch des Schicksals steht
geschrieben, dass sie noch achtzig Lebensjahre zu erwarten hätte! Und das ist
nicht die einzige Ungereimtheit im Register. Warum ist ihr Großvater Kaspar noch
am Leben, wo er doch schon drei Jahre im Himmel sein sollte? Wer hat diese
unerhörte “Bilanzfälschung” betrieben? Natürlich hat der unbedachte Boandlkramer
Schuld, der die Jahre, die er Kaspar geschenkt hat, Marei wieder abgezogen hat,
um die himmlischen Konten auszugleichen. Sofort zum Rapport zitiert, wird der
Tod totenbleich. Der Heilige Petrus tobt. Der Boandlkramer weiß nicht ein noch
aus. Er versucht es auf die rührselige Art: «Herr Portner [...] I bin doch [...]
drunt auf Erden gemieden. Naa! Und einmal in Äonen stellt mir einer an Schnaps
hin!» Der Heilige Petrus bleibt unbewegt: Er soll gehen und diesen Dickschädel
von Kaspar heraufholen. Blamiert und niedergeschlagen kehrt der Tod auf die Erde
zurück, gedemütigt, weil er das gegebene Wort brechen muss. Er findet Kaspar in
Trauer um den Verlust der Enkelin, des letzten, was er auf Erden noch geliebt
hat. Er kann ihn also leicht überreden, auf einen Sprung ins Paradies zu kommen:
«Grad a Stund», um einen Blick darauf zu werfen und zu sehen, ob es nicht
vielleicht doch sein kann, ihn vor der Zeit dorthin zu bringen. Nach einer
turbulenten Reise – der Boandlkramer hat einen furchtbaren Fahrstil – trifft
Kaspar auf den Wolken ein und traut seinen Augen nicht. Im Paradies füllen sich
die Biergläser von selbst nach, die Heiligen essen Würste, Kartenspielen ist
erlaubt und als Sahnehäubchen: der Himmel der Bayern ist für Preussen verboten.
Selbst wenn sie wollen, müssen sie in einem anderen Himmel wohnen, der jedoch
viel weniger einladend ist. In scherzhafter Form nimmt Kurt Wilhelm hier die
schon immer existierende starke Rivalität zwischen den beiden bekanntesten
Volksgruppen Deutschlands auf, der preussischen – starr, stolz und militärisch –
und der bayerischen – liebenswürdig, ungestüm und ländlich. Auch wenn die
Norddeutschen ihre südlichen Verwandten als ungehobelte Bergbewohner betrachten,
verspüren sie in Wirklichkeit nur Neid auf sie: «Wir ham zwar in Preußen keine
Berge, aber wenn wir welche hätten, wären sie höher!» Angesichts solchen
Überflusses – das einzige, was fehlt, sind glücklicherweise die Preussen – ist
Kaspar überredet zu bleiben. Wenn er früher dachte, dass Bayern das Paradies auf
Erden wäre, so hat er nun erkannt, dass das Paradies ein himmlisches Bayern ist!
Fehlt nur noch das Wiedersehen mit seinen Lieben, um ein großes Fest mit
himmlischem Bier und Würsteln anzuhalten. Der Boandlkramer seufzt erleichtert:
Die Dinge scheinen wieder in Ordnung gebracht zu sein.
Doch plötzlich unterbricht der Erzengel Michael die Szene: Einer wie der
Brandner Kaspar, der im Leben an allen Ecken und Enden Streiche gespielt hat,
müsse zuerst ins Fegefeuer! In Wirklichkeit ärgert sich der stolze Michael über
den Boandlkramer, weil der es geschafft hat, seine Machenschaften mit dem
Seelenregister trotz seiner Allwissenheit vor ihm geheim zu halten. Das
Wiedersehen Kaspars mit seiner Familie scheint sich zu zerschlagen. Michael ist
entschlossen, ihn aus dem Paradies zu jagen. Schon greift er nach dem
Flammenschwert und verkündet, dass der Heilige Petrus mit Sicherheit dasselbe
denke wie er: «An Ordnung muß sei. Und desmal statuiert ma’s Exempel.» Doch da
kommt schon der himmlischer Torwächter hinzu, gerade von einem Treffen mit
seinen Vorgesetzten zurückkehrend. Jetzt wird er das endgültige Urteil
verkünden. Kaspar war immer ein guter Mensch, seine Scherze haben nie jemandem
Schaden zugefügt. Nichts mit dem Fegefeuer! Michael beharrt: «Aber ‘s sechste
Gebot!» Petrus ist nachsichtig: Kopf hoch, Michael, «ist vor der Ehe kein Dogma,
sondern lediglich eine Empfehlung.» Und letztlich ist Kaspar ein
Vorzeige-Ehemann und mustergültiger Vater gewesen. Michael gibt sich noch nicht
geschlagen. Und das Kartenspiel mit dem Tod? Die Heilige Dreieinigkeit,
versichert Petrus, sei auch darüber auf dem Laufenden: «Alle drei waren’s
beinand – und die Maria!» Dem Brandner Kaspar wird vergeben. Der strenge
Erzengel zweifelt: «Vergeben? Warum?» Weil man in den hohen Sphären des
Paradieses, als bekannt wurde, wie der Brandner Kaspar den Boandlkramer an der
Nase herumgeführt hat, in eine Welle der Heiterkeit ausgebrochen ist. «Dass
oaner den Tod beim Kartenspiel b’scheißt! [...] die ham ja so vui g’lacht!»,
erzählt der Heilige Petrus, «Und wie! Vor allem über’n Kerschgeist – D’Maria
lacht no!»
Il Notiziario della Banca Popolare di Sondrio – April 2007
Der Sandmann. Eine
psychoanalytische Lektüre
Rosalba Malettas Aufsatz ist eine detaillierte
psychoanalytische Lektüre von E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann, eingeleitet
von einem methodologischen Vorwort, das ebenso gelehrt wie beschwerlich für den
Leser daherkommt (wobei die Autorin selbst darauf aufmerksam macht, dass sich
die Etymologie des Wortes „Stil“ mit derjenigen des Wortes „Dolch“ kreuzt).
Eine solche Absicht muss natürlicherweise von Sigmund Freuds hochberühmtem
Aufsatz über Das Unheimliche ihren Ausgang nehmen, wie Maletta klar
betont, da jener Aufsatz «sich mit Klinik und Literatur beschäftigt, indem er
sich dieser bedient, um Licht in jene zu bringen und sich jener bedient, um die
scheinbar absurden oder vernachlässigten Phänomene im literarischen Bereich zu
erklären».
Es ist daher sowohl verständlich als auch interessant, dass das erste Kapitel
des Buches eben nicht Hoffmann, sondern Sigmund Freud gewidmet ist. Die
Tatsache, dass Maletta beim Nachdenken über Freuds Text die Gelegenheit
ergreift, einen psychoanalytischen Blick auf das Erlebte des Autors selbst zu
werfen, überrascht und macht der Leser neugierig, ohne ihn vom fraglichen
Problem abzulenken, sondern ihn noch mehr auf es aufmerksam zu machen.
Die psychoanalytische Lektüre des Sandmann kommt mit dem zweiten Teil der Arbeit
richtig in Schwung. Nicht allein die veröffentliche Fassung der Erzählung bildet
das Untersuchungsfeld, sondern auch das teilweise erhaltene Manuskript, das
«höchstwahrscheinlich aus derselben Nacht der Rohfassung stammt».
Der psychoanalytische Ansatz Malettas entfernt sich jedoch von der Auslegung
Freuds, indem er der Mutterfigur eine wichtigere Bedeutung zuschreibt, die gemäß
der Autorin viel mehr als die Figur des Vaters und somit mehr als «die ödipale
Ambivalenz ihm gegenüber», die «tief greifende Struktur des Textes, der [...]
mit vorigen Ängsten und Unruhen spielt, die der Begebenheit der Trennung
verbunden sind» bildet. Damit ist die Trennung von der Heimat gemeint, die für
die Hauptfigur in Hoffmanns Erzählung, zusammen mit dem Einbrechen des
fürchterlichen Coppola in Nathanaels Leben, jenen Intimitätsverlust darstellt,
aus dem das Unheimliche hervorgeht.
Von den ersten Schritten der Erzählung deckt die Analyse Malettas nicht nur den
Inhalt des Textes auf, sondern kümmert sich auch darum, die Form des Textes zu
vertiefen. Es wird z.B. die phonische Rolle der «hellen und offenen» Vokalen des
„Incipit“ untersucht, um das Bedürfnis der Hauptfigur nach einer Rückkehr in
eine «warmherzige und behagliche Umgebung, die mit dem süßen und strahlenden
Bild der Geliebten verknüpften ist», zu deuten, oder es wird die Funktion der
Modalverben überprüft, die auf den untergeordneten Rang der weiblichen Figuren
im Text hinweisen.
Weiter untersucht die Autorin ausführlich die „endogamen“ Beziehungen Nathanaels
mit seiner Familie. Im Mittelpunkt steht das Mutter-Sohn-Verhältnis, das in
Anbetracht der semantischen Nuancen der Begriffe „Verleugnung“ und „Verneinung“
ausgelegt wird.
Maletta ist der Meinung, dass in Sandmann der Körper eine wesentliche
Rolle spielt, insbesondere derjenige des grausamen Coppelius, der «Imago
der sadistischen Mutter» ist. Mehr jedoch als die phallischen Merkmalen der
Gestalt, die so oft von vielen Auslegern unterstrichen worden sind, liegt der
Autorin am Herzen, sich mit dem „mineralischen“ Aussehen des finsteren Gesellen
aufzuhalten, dessen «erdgelb[es] Gesicht» im Stande ist, den jungen Nathanael,
der ihn anstarrt, zu versteinern. Ausgerechnet Hoffmanns besondere
Aufmerksamkeit im Bezug auf das materielle Aussehen seiner Charaktere ist
übrigens die Quelle des von der Hauptfigur erlebten Traumas, indem diese mit
einer Wirklichkeit zu tun hat, die «weit davon entfernt, Nathanaels
Fantasiegebilde abzuwenden, lässt sie jene mit großen Nachdruck auftauchen, da
sie jetzt nicht mehr bloß zu seiner Wunderwelt gehören».
In der gründlichen Untersuchung Malettas wird jeder einzelne Satz der Erzählung
in psychologisch-kritischer Spekulation isoliert und analysiert. Trotz
dokumentierter und minuziöser Ausführung läuft eine solche Methode Gefahr, das
Moment angemessener Synthese zu vernachlässigen, das notwendig ist, damit aus
der peniblen Ziselierungsarbeit ein einheitlicher, theoretischer Aufbau
hervorkommen kann, der im Stande ist, einen effektiven, vereinigenden und
klärenden Überblick über den untersuchten Gegenstand zu liefern.
Der gelehrte und eingehende Aufsatz Malettas möchte daher vor allem das
Interesse des Hofmannexperten wecken, eines Menschen also, der sich in der
fantastischen aber finsteren Welt des preußischen Schriftstellers bereits daheim
fühlt.
Rosalba Maletta, Der Sandmann die E.T.A.
Hoffmann. Per una lettura psicoanalitica, CUEM 2003, S. 274, €
21.
E.T.A. Hoffmann Jahrbuch – Band 14/2006
Das grenzenlose Reisen des
Claudio Magris

Einige brechen auf und
ergreifen die Flucht vor den anderen, setzen sich in Bewegung, um Dinge oder
Personen abzuschütteln. Magris hingegen reist nie allein.
Wenn manche Geliebten nun andere und himmlischere Wege genommen haben,
verfolgt er dennoch jedes neue oder
alte Ziel nicht ohne die lebendige Erinnerung an
die Freunde von einst, an jene, mit denen er den Weg geteilt hat. So ist in
seinem letzten Buch
L’Infinito
viaggare die
anschauliche Beschreibung eines Ortes oft zugleich ein Gedenken an Freunde und
Gefährten. Die Erfahrung des Reisens wird vor allem zur Erinnerung des Gefühls,
das die Reise selbst beglückt, und ermöglicht es, dieses Gefühl mit seiner
berauschenden Erfülltheit des Moments wiederaufleben zu lassen. Die Beschreibung
des verschneiten Wien gibt Gelegenheit zu einer Hommage an den Journalisten
Alberto Cavallari, Freund-Lehrer des Schriftstellers und Gefährte
bei manchen Abenteuer.
Aber nicht weniger lieb und nahe sind ihm die bekannten Autoren auf der Reise
durch Bücher. Ein Besuch in Berlin läßt die Gedanken zum Werk Theodor Fontanes
(1819-1898) abgleiten, jenes gesetzten Schriftstellers, der in fortgeschrittenem
Alter so viele süße und geschwätzige Töchter aus Papier hatte.
Wenn Magris an den
alten Bewohner der Mark Brandenburg erinnert, kann er zugleich in wenigen
Strichen das Wesen des Preußentums vor uns ausbreiten, die unantastbare Ethik in
der Wendung zum Transzendenten, in der sich so viele große deutsche
Schriftsteller und Philosophen wiedererkannten,
als erster unter ihnen der kristallklare Immanuel Kant. Im Erinnern an den
Junker Dubslav aus Fontanes
Stechlin,
beleuchtet der Triester Autor gekonnt jenen melancholischen und sehr preußischen
Zwiespalt zwischen dem moralischen Gesetz, absolut und unveränderlich, und der
Vielzahl von Existenzen, den Ursprung einer Spannung, die sich «auf die
Transzendierung des Individuums auf einen höheren Wert hin, dem jenes
unterstellt sein muß» richtet. Es ist diese innere Zerrissenheit, die auch die
Seele von Kleists Prinz von Homburg befällt, der als Soldat gerade deshalb
siegreich aus der Schlacht hervorgeht, weil er gegen die Befehle seiner eigenen
Vorgesetzten gehandelt hat und der damit den Konflikt zwischen der eigenen
subjektiven Wahrheit und jener übergeordneten Instanz erprobt, deren treuer
Diener er sein will.
Magris verlässt das berühmte kaiserliche Berlin, um sich weiter
gen Süden aufzumachen, besucht den verzauberten
Schwarzwald und nähert sich so dem «Herzen des alten Deutschland». Wir betreten
mit ihm den dichten Tann zwischen Frankreich und der Schweiz und lernen den
besinnlichen und fleißigen Pietismus kennen, der die schwarzen Wälder der
romantischen Innerlichkeit durchdringt. Viele Söhne dieser Wälder haben
Deutschlands Ruhm gemehrt und der ganzen Welt unsterbliche Werke hinterlassen.
Hermann Hesse (1877-1962) blickte in den Orient, Friedrich Hölderlin (1770-1843)
sang die Welt der Griechen, Schiller (1759-1805) dichtete zu Weimar, aber keiner
unter ihnen hat jemals das kleine schwäbische Dorf vergessen, in dem er zur Welt
gekommen war. Heute ist der Schwarzwald in Gefahr, die Tannen sterben ab und mit
ihnen der Wald. Aber die Bewohner dieses Landstrichs streiten nicht und poltern
nicht, einer gegen den anderen. Sondern sie suchen gemeinsam eine Lösung um den
Orten, die so viele ihrer Landesgenossen besungen haben, ihre Schönheit
wiederzugeben. Versunken in die stille Harmonie des Waldidylls läßt Magris’
ironischer Blick es sich dennoch nicht nehmen, ein Wort über einen weiteren
berühmten Waldbewohner zu verlieren. Wir sprechen von Martin Heidegger, jenem
nachdenklichen «Hirten des Seins», der
–
damit beschäftigt, von seiner Hütte aus über den Nihilismus der Welt
nachzudenken
–
hin und wieder Gefahr lief, sich in den «Platzhalter des Nichts» zu verwandeln.
Nach all diesen Jahren des Studiums, hat Magris’
Liebe zu den großen Literaten, mit denen er es zu tun hat, immer noch die
Frische und Verführungskraft seiner ersten Arbeiten bewahrt, dank der Mischung
aus Neugier, Anteilnahme und Ernüchterung, mit der er sich seinen
Studienobjekten nähert. Während er die Treppenabsätze in Sankt Petersburg
besucht, auf denen Raskol’nikov
in
Verbrechen und Strafe
über den Mord an einer armen Alten nachdenkt, geschieht es dem Autor, dass er
einige herzliche aber respektlose Gedanken sogar an den tadellosen Thomas Mann
(1875-1955) richtet. Indem er mit Charme und Stil die
Buddenbrooks
lobt, das überraschende Meisterwerk eines gerade fünfundzwanzigen Lübeckers,
verschweigt Magris nicht die Distanz zwischen dem jungen Autor der glänzenden
Familiensaga und dem stirnrunzelnden «Wächter
und Pädagogen»,
den Mann verkörperte, als er dann in die Rolle des Verwalters seines gewaltigen
Ruhmes hinabgesunken war.
Der Weg des Claudio Magris verläuft jedoch nicht nur entlang der literarischen
und geographischen Grenzen des Alten Europa, sondern er setzt sich in viele
andere Länder und Kulturen der Welt fort. Er besucht den Iran der märchenhaften
Gärten, blühende Heimat antiker Kultur und faszinierender Dichtung, heutzutage
entschlossen, “unmoralische”
Lektüre wie Nabokovs
Lolita
zu unterbinden. Er verfolgt seinen Weg und betrachtet buddhistische
Grabdenkmäler in Vietnams Hauptstadt Hanoi, bereist ein gärendes China und
erreicht schließlich Tasmanien, das Vaterland der Schiffbrüchigen,
Strafgefangenen und von Menschen, die gezwungen sind, ins Blaue hinein zu leben.
Wieder einmal ist Magris’
Ankunftsort so ein meerumspültes Land, wo die
niedergelegte Feder es ihm leicht macht, in den Lauf der Wellen
einzutauchen, die Augen zu schließen und zu denken, man sei zu Hause. In
Italien, in seinem Triest, dem Ort der liebsten Gefühle, an dem seine vielen
Pilgerfahrten immer wieder zusammenlaufen.
Claudio Magris, L’infinito
viaggiare, Mondadori, Milano 2005, 243 S., € 17.
Il Notiziario della
Banca Popolare di Sondrio Nr. 100 - April 2006
Blindlings, oder: die
Freiheit der Unordnung

Es gibt den
taghellen, lichten, apollinischen Magris. Dann ist er der kultivierte,
stilsichere Autor, fähig, einem Fluss Stimme zu verleihen, seinen Lauf sanft zu
begleiten und ihn von der mythischen
civitas litteraria
sprechen zu lassen, die entlang seiner blühenden türkisfarbenen Ufer entstanden
ist. Dann gibt es da noch den anderen Magris, dionysisch, dunkel, nächtlich. Den
Schiffbrüchigen einer verlorenen Ordnung, zum Kampf gegen den Sinnverlust der
Welt gezwungen und teuflischerweise von der Medusa dazu gequält «sich selbst
unangenehme Dinge zu erzählen». Er ist der homme de lettres, aus dem Strudel der
Vervielfältigung hinübergerettet, gefangen in den Windungen eines riesigen
Fragezeichens, einer züngelnden, drohenden Boa, die ihn umschlingt und langsam
erwürgt.
Blindlings,
der jüngste Roman von Claudio Magris, ist ein fortwährendes mühsames Schwanken
auf dem dunklen Meer der Geschichte, einer grausam zürnenden Gottheit, die ihren
eigenen Untertanen nur böse dämmerndes Zwielicht statt der leuchtenden
Morgenröte einer gutwilligen Zukunft spenden will. «Es ist die Geschichte, die
verrückt ist, nicht ich», versichert der Erzähler des Buches, ein gewisser
Salvatore Cippico mit vielen Leben, der in den Jahren und Jahrhunderten zu viel
Schreckliches gesehen hat, um sich still mit dem letzten Gefängnis, dem einer
modernen Nervenheilanstalt abzufinden.
Verfolgt von hundert Polizei-Organisationen, in tausend Gefängnisse geworfen,
spürt der klare und verbitterte Insasse die Falschheit jeder Grenze, die
vorgibt, die Ordnung von der Unordnung sauber zu trennen. Denn wer, wie er,
durch das Grauen von Dachau gegangen ist, wo alle Baracken «ordentlich
aufgereiht waren, jede mit ihrer Nummer», hat bereits rechtzeitig gelernt, das
schiefe Grinsen zu erkennen, das sich in jeder reinen Harmonie verbergen kann.
Aber Dachau ist nur einer der vielen Schreckenshäfen, die das gesunde und
forschende Auge des Schiffbrüchigen Cippico gesehen hat. In Newgate, Port Arthur
und die GULAGs Stalins ist er zu Gast gewesen. Und auch wenn der Gefangene
manchmal nicht wirklich Salvatore war, sondern der Abenteurer Jorgen Jorgensen,
der sich einst zum König von Island krönen ließ und danach als Wikinger Van
Diemens-Land entdeckte, verweisen diese zwei oder mehr Persönlichkeiten, die
sich überlagern, nicht auf eine Störung des mentalen Gleichgewichts, sondern
sind vielleicht das Ergebnis eines schrecklichen wissenschaftlichen Experiments.
Vielleicht eines Klonvorganges, der das alte Fleisch, bedeckt von Trockeneis,
wieder ins Leben ruft, um es leiden zu lassen. Die zahllosen Gefängnishöllen des
20. Jahrhunderts, die Genosse Salvatore Cippico, Schnitzer von Galleonsfiguren,
eine nach der anderen besucht hat, waren schließlich bevölkert mit
Folterknechten, bereit, mit Leben und Tod der Verurteilten zu spielen. Summe
seiner schrecklichsten Erfahrungen und wiederkehrendes Gespenst seiner
schwärenden Erinnerungen: das Zuchthaus von Goli Otok, die grausige Nackte
Insel, auf die Tito die Kommunisten von Monfalcone verbannte. Jene “Jungen
und Starken”, die
nach Bekämpfung des Nazi-Faschismus freiwillig nach Jugoslawien ausgewandert
waren, weil sie die sozialistische Utopie vor Augen hatten, endlich eine freie
und gerechte Heimat zu gründen.
Cippico, Metapher für die menschlichen Tragödien des vergangenen Jahrhunderts,
beendet jedoch seine gemarterte Existenz nicht in einem Lager des Feindes,
sondern muss sogar die grässliche und groteske Schmach hinnehmen, von der Hand
des Freundes zu leiden. Als er die bittere Erfahrung macht, dass die rote Fahne
keineswegs das goldene Fell ist, das man stolz am Hauptmast seines Lebens
flattern lassen kann, sondern nichts anderes als ein schmutziger, in Blut und
Verbrechen getauchter Lumpen, Symbol des Ideals, das von den eigenen Genossen
mit Füßen getreten und in Blut getaucht wurde. Und vielleicht auch von Cippico
selbst, der –
ein neuer Jason
–
immer Opfer und manchmal
Täter ist.
Wie jedem tragischen Schicksal, so fehlt es auch dem in
Blindlings nicht
an Ironie und außer der vielen realen Gewalt, die Cippico erleiden muss, gibt es
auch Platz für die simulierte Gewalt eines Gladiatorenfilms, ein kleines
Aufblitzen von Komik, die dem Franz Kafka des
Amerika sicherlich
gefallen hätte.
Es gibt eine Szene im amerikanischen Roman Kafkas, wohl die komischste, in der
der Protagonist die Beine in die Hand nimmt und vor einem Polizisten flieht, der
ihn festnehmen will. Auch die Personen in
Blindlings
fliehen, durch das ganze Buch hin, wobei sie immer wieder die Karten auf dem
Tisch durcheinander bringen, um nicht geschnappt zu werden. Doch fliehen sie
nicht vor einem harmlosen Gendarmen, sondern vor all den schrecklichen
Gefängnissen und Irrenhäusern, an denen die Menschheitsgeschichte so reich ist.
Und sie fliehen nicht, um sich einer gerechten Strafe zu entziehen, sondern um
den eigenen Wunsch nach einem freien und anderem Leben gegen jene zu
verteidigen, die versuchen, sie ein für allemal in einem «schönen Plätzchen»
wegzuschließen. Die Figuren in Magris’
neuem Roman entkommen sowohl den Folterknechten als auch den verliebten Frauen,
diesmal aber als Deserteure vom «Schlachtfeld der Liebe» nur, um diese Liebe zu
retten.
Es nimmt nicht wunder, dass auf dieser ewigen Flucht der Fliehende schließlich
sein eigenes Ich verliert, indem er es in viele kleine Teile und viele
Geschichten zerbrechen lässt, dank dem Feuer, das einst Prometheus den Göttern
gestohlen hatte. Der Verlust des Selbst ist die Voraussetzung, um aus dem
letzten Irrenhaus zu fliehen und endlich, allen Wärtern und allen Doktoren
dieses Gefängnis-Archipels zum Trotz, Freiheit zu erlangen.
Denn in Freiheit, obgleich zerstört und zerrissen, erkennt Cippico aus dem Grund
seiner Seele die Antwort auf die essentielle Frage: «Wer bin ich, wer war ich,
wer sind wir?».
In einem seiner apollinischen Artikel für den
Corriere della Sera
hat Claudio Magris geschrieben, dass es «keine größere Lügerin unter den
Literaturen gebe, als diejenige, die, um dich in Sicherheit zu wiegen,
behauptet: Die Welt ist in Ordnung.» Die Welt der Cippicos, der Jorgens und all
der Tausende gesichtsloser Gefangener eines verrohten, eben erst zu Ende
gegangenen Jahrhunderts, deren Wunden bis heute noch offen sind, war niemals in
Ordnung.
Magris weiß davon, er erzählt davon, er schreit es heraus. Blindlings
ist ein komplexer, unruhiger, erschütternder Roman.
Er gibt keine falschen Versicherungen, aber er schenkt wahre, dionysische
Literatur.
Claudio Magris, Blindlings,
Hanser, München 2007, € 29,90
Claudio Magris, Alla Cieca,
Garzanti, Milano 2005, 335 S., € 18.
Il Notiziario della Banca Popolare die Sondrio, Nr. 98 - August 2005
Romantik und Groteske. Von der Theorie Friedrich Schlegels zu den Erzählungen
E.T.A. Hoffmanns
Nicht veröffentlicht
Hermann Hesse, der
Morgenlandfahrer

In den ersten Jahren, die nach
dem Tod des Schriftstellers folgten, hätten wohl nur wenige deutsche Verleger
etwas auf die posthume Berühmtheit Hermann Hesses (1877-1962) gegeben. Zwar
hatte er zu Lebzeiten durchaus beachtliche Erfolge erzielt, Höhepunkt zweifellos
der Nobelpreis von 1946, doch schien seine Berühmtheit nunmehr der Vergangenheit
anzugehören: Seine Leserschaft war klein, und der Absatz seiner Bücher
stagnierte.
Die Verleger jedoch täuschten sich, wie sich auch Timothy Leary täuschte, als er
1963 in Amerika jenen Essay veröffentlichte, von dem bald darauf eine
regelrechte Hesse-Renaissance ausgehen sollte: Allerdings eine solche, in
welcher der schwäbische Dichter zum Propheten einer „psychedelischen Generation“
wurde, die sich den Eintritt ins Nirvana nicht etwa mit Weisheit, sondern durch
den Konsum von Halluzinogenen zu verschaffen gedachte .[i]
Hätte Leary sich eingehender mit den Schriften Hesses befasst, so hätte er
dessen Romane gewiss nicht so voreilig als Beschreibungen von LSD-Trips abgetan.[ii]
Doch stellt ja andererseits gerade dieses Missverständnis die Voraussetzung
dafür dar, dass Tausende von enthusiastischen Jugendlichen, angezogen von der
Exotik Siddharthas, sowie der Auslegung des Steppenwolfs als
Handbuch über “Sex, Drogen & Jazzmusik” dazu beitrugen, die Aufmerksamkeit der
Leser auf Hesse zurückzuführen und ihn in den Rang eines modernen Klassikers zu
erheben: Seine Werke überwanden die geographisch-kulturellen Grenzen in denen
sie entstanden waren und wurden zu einem grundlegenden Bestandteil der
Weltliteratur.
Und weltweit wird in diesem Jahr der 125. Geburtstag und der 40. Todestag Hesses
gefeiert, ein Doppeljubiläum, das bereits Anlass zu zahlreichen Veranstaltungen
gegeben hat: So in Deutschland, Italien, in der Schweiz und sogar in Indien.[iii]
Dem Dichter, der einmal sagte, es gäbe «nichts Gehässigeres[...], nichts
Stupideres als Grenzen»,[iv]
hätte eine so global ausgerichtete Feier sicherlich gefallen, wenn auch das
Aufsehen, das derartige Veranstaltungen mit sich bringen, ihn, den Schüchternen
und Zurückhaltenden, sehr wahrscheinlich irritiert hätte.
Der tief verwurzelte Internationalismus Hesses, der Zeit seines Lebens jeden
Begriff von Nation ablehnte, dürfte wohl eher das Ergebnis einer frühen,
spontanen Aneignung des „christliche[n] und nahezu völlig un-nationalistische[n]
Geiste[s]“[v]
des Elternhauses sein, als eine bewusst getroffene Entscheidung des
Erwachsenenlebens.
In der Tat ist der Vater russischer Staatsbürger baltischer Abstammung, die
Mutter Deutsche mit Vorfahren aus der Französischen Schweiz. Beide Elternteile
sind strenggläubige Pietisten: In der Vergangenheit haben sie in Indien als
Missionare gedient, um sich später im schwäbischen Calw niederzulassen. Der
Großvater mütterlicherseits, Hermann Gundert, ist ein namhafter Philologe und
Orientalist, Besitzer einer gut ausgestatteten Hausbibliothek, wo der Enkel die
erste geistige Nahrung zu sich nimmt und jenen Hauch von Orient einatmet, der
ihn für den Rest seines Lebens faszinieren wird.
Die Jahre der Kindheit und der frühen Jugend, die «schöne[...] und innige[...],
doch nicht leichte [...] Jugendzeit»[vi],
werden im gesamten Werk Hesses reflektiert, der in seinen Romanen, in mehr oder
weniger verkappter Form, oftmals biographische Erlebnisse schildert, die sich
auf eben diese für seine künstlerische Sensibilität so ausschlaggebende Zeit
beziehen: Jahre «tiefer, zärtlicher Empfindungen und instinktiver, schmerzlicher
Leidenschaften»[vii],
aus denen sich zeitlebens seine Melancholie nähren wird. An die unschuldigen
Kindheitsjahre, an die rastlose Suche nach einem unmittelbaren und freien
Kontakt zur Natur wird jene hohe «Vagabundendichtung“[viii]
anknüpfen, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Hessesche Werke zieht.
Vom vierten bis zum neunten Lebensjahr des Sohnes wohnen die Eltern
vorrübergehend in Basel, wo der „heimatlose“ Hermann, der bis dato mit einem
russischen Pass gereist ist, das Schweizer Bürgerrecht ewirbt. Mit der Rückkehr
der Familie nach Deutschland wird er deutscher Staatsbürger, doch kehrt er in
reiferen Jahren, anlässlich seines Umzugs ins Tessiner Montagnola, zur
schweizerischen zurück.
Schon aus diesem bürokratischen Hinundher können wir erkennen, dass Hesse viel
gereist ist, und tatsächlich geht er in der ersten Hälfte seines Lebens des
öfteren auf Wanderschaft, um die ruhige Eintönigkeit seiner Tage zu unterbrechen
und Nahrung für seine unruhige Seele in fernen Ländern zu suchen.
Der Reisende Hermann Hesse vermeidet die banalen touristischen Orte und
bewundert eher die natürliche Magie des Widerscheins in der Lagune, als den
Prunk des Palazzo Ducale, unterhält sich lieber mit einer einfachen
Bauernfamilie, als sich in den Uffizien die Zeit zu vertreiben; Aufzeichnungen
von den unterwegs gewonnenen Eindrücken sind nicht nur in Reisetagebüchern wie
Aus Indien (1913) oder Die Nürnberger Reise (1927) enthalten,
sondern auch in zahlreichen Erzählungen und Gedichten.
Fast alle seine Reisen gehen in Richtung Süden; Volker Michels, der Herausgeber
Hesses, erinnert mit teutonischer Präzision daran, wie der Dichter während
seines gesamten Lebens weder auch nur einen einzigen Monat nördlich des 50.
Breitengrades zugebracht habe, noch überhaupt jemals an einem Ort gewesen ist,
der nördlicher als Bremen gelegen wäre.[ix]
Das beliebteste Reiseziel ist Italien, wo sich Hesse an jener «freimütige[n]
Natürlichkeit des Lebens» berauscht, «über welcher adelnd und verfeinernd die
Tradition einer klassischen Kultur und Geschichte lag»[x],
die ihn immer wieder veranlasst, auf die Halbinsel zurückzukehren.
Ausgehend von den eigenen Wanderungen sowie von denen, welche die literarischen
Protagonisten unternehmen, kommt Hesse unter anderem dazu – man konzediere uns
den kirchturmpolitischen Vermerk – die «gewaltigen, hundertfach gefältelten und
terrassierten [...]Weinhügel»[xi]
des Veltlins und dessen Produkte zu loben, so wie Peter Camenzind (1904),
der „Sohn der Berge“[xii]
aus dem gleichnamigen Roman, dem Hesse den Durchbruch und die wirtschaftliche
Unabhängigkeit verdankt, um seinen Seelenschmerz zu lindern, sich mit
besorgniserregender Häufigkeit dem «herb[en] und erregend[en]»[xiii]
Geschmack des Veltliner Rotweins hingibt, der – anders als L.S.D.! - im Übrigen
in der Lage ist, bei der Vollendung der Magie, dem Schöpferischen und dem
Dichten zu helfen.
Keinesfalls sollte man nun denken, bei Camenzind handle es sich um einen
einfachen Trinker, wenngleich sich dieser in manch verzweifeltem Augenblick
zuweilen selbst so nennt. Das Buch schreibt sich, ganz im Gegenteil, in die hohe
Tradition des Bildungsromans ein, zu dem Meisterwerke wie Goethes Wilhelm
Meister, Novalis’ Heinrich von Ofterdingen und Kellers Grüne[r]
Heinrich zählen und der traditionsgemäß den Werdegang eines jungen Mannes
schildert, der seine Heimat verlässt, um in die Welt zu ziehen, von Unrast
getrieben wie vom Wunsch erfüllt, seine künstlerischen Ambitionen zu erfüllen,
um auf diesem Wege, sprich durch Lebenserfahrung, sich eine Persönlichkeit zu
bilden, stets bewegt und besessen vom “Streben”, der romantischen Sehnsucht,
welche die Poesie des Einzelnen mit der «Prosa der Welt»[xiv]
in Einklang bringen möchte. So verstanden ist das Thema der Reise im Hesseschen
Werk nicht nur im geographischen Sinne, sondern auch und vor allem als Metapher
eines ebenso notwendigen wie schmerzlichen Gangs nach Innen zu deuten, der
allein zur geistigen Heimat, sprich zum Gleichgewicht und zur stabilen Harmonie
des Einzelnen führt.
Der Hessesche Wanderer ist derjenige, der, wie Emil Sinclair im Demian
(1919), das «Kainszeichen»[xv]
in sich trägt, das Zeichen des Suchenden und
desjenigen, der an der Kluft zwischen der eigenen Individualität und der
bürgerlichen Welt leidet, desjenigen, der voller Unruhe das eigene
Unterbewusstsein ausleuchtend, sich danach sehnt, jenes wirkliche, jenes
authentische Leben zu erreichen, das allein demjenigen Ruhe geben kann, der
schmerzlich die Tragik der menschlichen Hinfälligkeit spürt.
In diesem Sinne unterwegs ist der Literat und Weltenbummler Hermann
Lauscher (1901), Protagonist eines noch recht unausgegoreneren, stellenweise
einem manieristischen Ästhetizismus verpflichteten Romanes, der dessen
ungeachtet bereits die typisch Hessesche Thematik zur Sprache bringt. Unterwegs,
oder besser auf der Flucht, ist ferner der unehrliche Angestellte Klein aus der
Erzählung Klein und Wagner (1920), oder der gequälte Harry Haller aus dem
Steppenwolf (1927), ebenso wie der die Menschen bezaubernde Goldmund in
Narziß und Goldmund (1930), der Gesinnungsbruder jenes sympathischen
Vagabunden Knulp (1915), der sich augenscheinlich genauso «frei, fröhlich
und zu nichts zu gebrauchen»[xvi]
in der Weltgeschichte herumtreibt wie Eichendorffs Taugenichts, im Grunde
genommen aber melancholisch die Hinfälligkeit des Lebens verspürt.
Unterwegs zu sich selbst sind auch jene Figuren des Hesseschen Universums, die
der „vita activa“ die „vita contemplativa“ vorgezogen haben. So etwa der
Tondichter Kuhn in Gertrud (1910) – dem von Hesse am wenigsten geliebten
Roman - oder der Maler Veraguth in Roßhalde (1914), beides Figuren, die
mehr oder weniger resigniert den Kontrast zwischen den eigenen künstlerischen
Ambitionen und der prosaischen Wirklichkeit, in der sie leben, verspüren. Zwei
Romane, die die Überlegungen zur Rolle des Künstlers und den Konflikten mit der
Familie wiedergeben. Hesse hatte während der Jahre in Gaienhofen (1901 – 1912)
aus dem Wunsch heraus, die Stadt zu fliehen – eine im damaligen Deutschland
recht verbreitete Lebenshaltung, die sich bereits im Peter Camenzind
ankündigt – überlegt, zusammen mit seiner ersten Frau und den drei Kindern ein
sesshaftes und bäuerliches Leben führen zu können. Letztendlich aber musste er
feststellen, dass ein derartiges Leben, das von einer erdrückenden bürgerlichen
Ruhe durchdrungen war, ihn abstoßen musste.
Unterwegs ist auch Josef Knecht, der legendäre Magister Ludi aus dem
Glasperlenspiel (1943), und zwar nicht so sehr wegen seiner Exkursionen
außerhalb und innerhalb der pädagogischen Provinz Kastaliens, des utopischen
Kleinstaates mit den Konturen des Kantons Tessin, in dem der Roman spielt,
sondern vielmehr aufgrund der von ihm angetretenen Reise ins Reich des Geistes,
im Zuge derer er beschließt, seinen letzten und höchsten Akt als Knecht und
Pädagoge nicht in den Palästen eines zwar edlen aber sterilen Geistesordens,
sondern fernab derselben, im sogenannten Weltleben zu vollziehen. Mit dem
panischen Eintauchen Knechts in die Gewässer eines Gebirgssees, auf das – in
offener Anspielung an Hegels Paradoxon vom Knecht, der in Ausübung seines
Dienstes zum Gebieter seines Herren wird – Knechts Selbstopfer folgt, gelangt
der Bildungsprozess des jungen Tito Designori zur Vollendung.[xvii]
Doch unterwegs ist vor allem der Brahmanensohn Siddhartha (1921), der das
heimatliche Dorf verlässt, um sich einer Gruppe bußfertiger Waldmönche
anzuschließen, daraufhin den erotischen Reizen der Kurtisane Kamala verfällt und
schließlich, ans Ende seiner Tage angelangt, an der Seite des erleuchteten
Vasudeva seine Ruhe findet. «Ich gehe nirgendhin. Ich bin nur unterwegs. Ich
pilgere.»[xviii],
antwortet Siddhartha dem Freund Govinda, der ihn fragt, wohin er unterwegs sei,
ohne zu begreifen, dass das Ziel von Siddharthas langer Suche «nichts [anderes
war] als eine Bereitschaft der Seele, eine Fähigkeit, eine geheime Kunst, jeden
Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit denken, die Einheit fühlen
und einatmen zu können».
[xix]
Der Vagabund, oder besser, der Suchende, wie Hesse sich selbst definiert[xx],
ist derjenige, der in Anbetracht einer als befremdend empfundenen Bürgerlichkeit
es vorzieht, sich an den Rand derselben zurückzuziehen und den eigenen Weg in
Einsamkeit, außerhalb der Reichweite jeglicher Autorität, fortzusetzen, fernab
also auch von jenem im Roman Unterm Rad (1906) vehement kritisierten
Bildungssystem, das – zusammen mit den im selben Jahr veröffentlichten
Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil - einen
Frontalangriff auf den Drill und den erdrückenden Konformismus des
Internatswesens darstellt. Der Jugendroman Hesses, der die Erinnerungen an die
eigene Schulzeit sowie die des Bruders Hans verarbeitet, nimmt die Begebenheiten
im Schulalltag des Seminaristen Hans Giebenrath und dessen Freund Hermann
Heilner (die H-Alliteration bei Personennamen ist ein Spezifikum der Hesseschen
Dichtung) zum Anlass, die Schulbildung als solche unter Anklage zu stellen, ist
es doch, wie der Autor glaubt, alleiniges Ansinnen derselben, die Schüler
willenlos, und den künftigen Bürger zu einem gefügigen Werkzeug der Macht zu
machen. Etliche Jahre später wird Hesse mit der Figur des “Magister Ludi” Josef
Knecht jenes Ideal eines erleuchteten Meisters schaffen, dem es wohl als
Einzigem gelungen wäre, den kleinen Hans aus der Verzweiflung, an der er
zugrunde geht, zu retten.
Der Mythos des Wanderers erreicht seinen Höhepunkt in der Erzählung Die
Morgenlandfahrt (1932), der faszinierenden Geschichte von jener idealen
“Seelengemeinschaft”, mit der bereits Friedrich Nietzsche geliebäugelt hatte und
auf die Hesse zunächst im Demian, später in seiner Rede zum
Nobelpreis zurückkommt: Eine Akademie der freien Geister aller Epochen und
Breitengrade, ein durch Räume und Zeiten reisender “Bund”, der – denken wir an
Knecht - im Dienste des Friedens und der zwischenmenschlichen Harmonie steht und
dessen Ziel, wie der Violinspieler und Protagonist H.H. bemerkt, «nicht nur ein
Land und etwas Geographisches, sondern[...] die Heimat und Jugend der Seele,
[...]das Überall und Nichts, [...]das Einswerden aller Zeiten»[xxi]
ist. Platon, Xenophon, Laotse und Novalis, alle Künstler und Denker der
Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, alle großen Dichter der Weltliteratur in
Begleitung ihrer Helden bilden zusammen jenen Bund der Morgenlandfahrer, zu
dessen Angedenken – in einem subtilen Spiel zwischentextlicher Verweise – Hesse
in späten Jahren Das Glasperlenspiel, sein großes Alterswerk, konzipieren
wird: Der edle Geistesorden von Kastalien, von dem das Buch handelt, hat hier
inzwischen die Funktion einer gegen die barbarische Wirklichkeit des Dritten
Reiches entgegengesetzten Utopie übernommen.[xxii]
Das Motiv der inneren Reise bereichert sich in den Schriften, die auf Hesses
Krise während des Ersten Weltkrieges folgen[xxiii],
um mythologische und psychoanalytische Themen, zumal der Dichter, zur
Überwindung der seelischen Not, sich den Theorien Carl Gustav Jungs über das
kollektive Unbewusste nähert und über längere Zeit in psychoanalytischer
Behandlung bleibt.
Tatsächlich lebt eine ganze Reihe von Hesses Figuren fortwährend an der Grenze
zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen den beiden Welten, in denen Emil
Sinclairs Jugend und Kleins tödlicher Kampf verläuft: ständig an der Grenze zum
Wahnsinn. Man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an Klingsor
(1920), der über die Praxis der surrealen Malerei die Etappen seines
Tiefenlebens durchläuft, und vor allem an die Aufspaltung in eine schier
grenzenlose «Vielzahl von psychischen Nuklei»[xxiv]
des “verrückten” Harry Haller, der sich an den Aporien einer unmöglichen
Existenz aufreibt, indem er sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb der
bürgerlichen Gesellschaft bewegt, kultivierter Geistesmensch einerseits, wilder
Steppenwolf andererseits.
[xxv]
Mit dem Steppenwolf nimmt Hesse gegenüber seinen früheren Romanen, wie
etwa Peter Camenzind oder Gertrud, eine kritische Stellung ein, da
er in diesen, trotz allem, jetzt einen Grad der Verfälschung zu entdecken meint.
Ziehen sich nämlich Camenzind und Kuhn aufgrund ihrer eingesehenen
Lebensuntüchtigkeit ängstlich in eine vornehme Gelassenheit zurück, so macht
Harry Haller ganz im Gegenteil den Sprung in den Abgrund, und schaut den Tiefen
seiner Seele ins Gesicht. Doch ist diese «Auseinandersetzung mit dem
Unbewußten»[xxvi],
der Blick ins Chaos (1920), der die Hinfälligkeit einer jeden Ordnung und
die Austauschbarkeit ad libitum von Teil und Gegenteil entdeckt, Träger eines
kathartischen Effekts, der die Einsicht vermittelt, dass die Gegensätze des
Lebens, die Spaltung in Geist und Natur, in Gut und Böse, in Yin und Yang weiter
nichts sind als Maya, ein die Einheitlichkeit des Ganzen verdeckender Schleier.
Nur wer den Blick in den Abgrund wagt, gelangt zu jener «Urmutter», zu der sich
alle Figuren Hesses, bewusst oder unbewusst, gleichermaßen hingezogen fühlen:
Einem Urschoß, in dem die Identität des Einzelnen zu schmerzen aufhört und in
einen allumfassenden, unterschiedslosen Ursprung zurückkehrt.[xxvii]
Das «Kainszeichen», mit dem Emil Sinclair und sein Freund und alter ego Demian
gleichsam gebrandmarkt sind, ist letztendlich das Zeichen des Chaos (von
griechisch χάος, Abgrund, gähnender Schlund), das Zeichen
jener Auserwählten, die, in den Abgrund des menschlichen Daseins blickend,
dessen unaussprechliche Harmonie geschaut haben.
So erklärt sich die Bedeutung der vielen Symbole und wiederkehrenden Themata in
der Prosa Hesses. Denken wir beispielsweise an die Metapher des Traumes, die mit
dem klaren Bewusstsein über die Grenzen des sprachlich Sagbaren einhergeht: So
hoch man das Vermögen der Sprache auch einschätzen mag, Sprache spielt dem
Denken pragmatisch definierte Signifikate zu, die sich auf dasselbe Denken stets
zweischneidig auswirken, nämlich einerseits als dessen Grundvoraussetzung,
andererseits als dessen Limit. Der Traum dagegen verleiht der «Freiheit, alles
irgend Erdenkliche gleichzeitig zu erleben, Außen und Innen spielend zu
vertauschen, Zeit und Raum wie Kulissen zu verschieben»[xxviii].
Durch seinen Zauber, verwandelt sich die Wirklichkeit, verschwimmt, befreit sich
von den Zwängen des dialogischen Denkens, verleiht ihr Mehrdeutigkeit und Magie,
lässt es zu, dass ein Omega zur Schlange wird. So wie es dem jungen Goldmund
widerfährt, wenn er dem gelehrten Freund Narziß zuliebe Griechisch lernt,
derselbe Freund jedoch erkennt, dass Unlust mit im Spiel ist und Goldmund einen
andren Weg wird wählen müssen. Einen, zu dem er bestimmt ist, einen, der vom
Kloster Mariabronn (literarische Variante des Seminars Maulbronn, wo schon
Giebenrath und Hesse sich einst plagten), hinausführt, um sich in die Arme des
Lebens, der Frauen und der Natur zu werfen.
Man denke ferner an das Wasser oder die Musik, die als vollendete Sinnbilder der
Harmonie und des im Werden befassten Seins unverzichtbare Komponenten der
Hesseschen Prosa sind.
In nahezu allen Romanen Hesses hören wir frei und ungestüm das Wasser eines
Flusses rauschen, oder sehen tief und dunkel den Spiegel eines unberührten
Alpensees vor uns ruhen. Häufig verfolgen wir mit unseren Blicken die zwischen
Himmel und Erde dahinziehenden Wolken, dieses «ewige Sinnbild alles Wanderns,
alles Suchens, Verlangens und Heimbegehrens»[xxix],
wie Camenzind es in seinem schönen Loblied auf die Natur nennt, getrost darauf
vertrauend, dass niemand in der Welt die Wolken so sehr liebt wie er.
Als weiblich-mütterliches Element trägt das Wasser, ähnlich dem Urschoß der
Mutter[xxx],
gegensätzliche Bedeutungen in sich, so dass es uns nicht Wunder nimmt, wenn
nicht nur der Beamte Klein oder der mutmaßliche Selbstmörder Hans Giebenrath,
sondern auch der legendäre Josef Knecht, der in einem andern Leben bereits
Regenmacher war, sich den Fluten anvertrauen, um darin ihren Tod zu finden.
Derjenige, der wie der Fährmann Vasudeva aus Siddhartha es vermag, der
Melodie des Stroms[xxxi]
zu lauschen, ist derjenige, der hinter dem sich ewig verändernden Fließen der
Wellen das Sein geschaut hat und das Lächeln des Erleuchteten besitzt.
Dasselbe Lächeln des Jazztrompeters Pablo, alias Mozart, der in Begleitung
seiner sinnlichen, geheimnisvollen Freundinnen Hermine und Maria den Steppenwolf
genesen macht, indem er diesem, hinter dem Krächzen eines alten Radios, die Töne
seiner unsterblichen Musik vernehmen lässt, jene «wortlose Sprache, die Ausdruck
des Unausdrückbaren und Darstellung des Undarstellbaren ist.»[xxxii]
Die Musik ist absolute Kunst, sie bezaubert und bewegt, Emil Sinclair ebenso wie
Hermann Lauscher und Josef Knecht, der im unvollendeten Projekt seines vierten
Lebens in der Musik das wiederfindet, was die pietistische Erziehung ihm einst
vorenthalten hat.
Die Musik, dieses «Universum eines jeden Geistesausdrucks, diese erhabendste
Sprache Gottes»[xxxiii],
wie sie von Pater David Maria Turoldo genannt wird, stellt in der Auffassung
Hesses und seiner Helden den vollkommendsten menschenmöglichen Kontakt zur
Harmonia Universalis dar. Könnte denn das erhabene Glasperlenspiel, die vornehme
Fähigkeit disparate Sphären des Wahren, des Guten, des Schönen in einer einzigen
Melodie zu erfassen, anderen Ursprung, anderen Nährboden haben als die Musik? Wo
die Musik zum Katzengejammer, das Violinspiel zum Gegeige verkommt, hat die
Harmonie die Welt verlassen; so, wie es im finsternen Seminar von Maulbronn in
Untem Rad geschieht, wo ein unbegabter Schüler hartnäckig und
stumpfsinnig sich bemüht, das arme Instrument zu kratzen, und dabei nur den
Eindrück eines Trottels hinterlässt.
Die schönste Beschreibung der Hesseschen Prosa, die mit einer musikalischen
Komposition verglichen wird, wird uns von Hesse selbst geschenkt, und zwar in
der Psychologia Balnearia (1924), einer ironisch-witzigen, von Thomas
Mann[xxxiv]
hochgeschätzten Erzählung: «Wäre ich Musiker, so könnte ich ohne Schwierigkeiten
eine zweistimmige Melodie schreiben, eine Melodie, welche aus zwei Linien
besteht, aus zwei Ton- und Notenreihen, die einander entsprechen, einander
ergänzen, einander bekämpfen, einander bedingen, jedenfalls aber in jedem
Augenblick, auf jedem Punkt der Reihe in der innigsten, lebendigsten
Wechselwirkung und gegenseitigen Beziehung stehen. Und jeder, der Noten zu lesen
versteht, könnte meine Doppelmelodie ablesen, sähe und hörte zu jedem Ton stets
den Gegenton, den Bruder, den Feind, den Antipoden. Nun, und eben dies, diese
Zweistimmigkeit und ewig schreitende Antithese, diese Doppellinie möchte ich mit
meinem Material, mit Worten, zum Ausdruck bringen und arbeite mich wund daran,
und es geht nicht»[xxxv].
Tatsächlich bilden sämtliche von Hesse erfundenen Figurenpaare, angefangen bei
Narziß und Goldmund, Veraguth und Burkhardt, Muoth und Kuhn, bis hin zu
Siddhartha und Govinda, Sinclair und Demian, Knecht und Designori, eine solche
zweistimmige Melodie; sie wird im Versuch gespielt, den mythischen idealen
Menschen darzustellen, einen, dem es endlich glückte, die beiden Pole der
Existenz zu vereinen und in Harmonie zu leben zwischen Eros und Logos, zwischen
apollinischem und dionysischem Geist, jenseits jeglicher Zerrissenheit, in der
göttlichen Ureinheit des Ganzen.[xxxvi]
Doch ist das Schicksal dieser Wanderer, zumal die eine Note die andre übertönt,
letztlich einzigartig und für alle verschieden. Hat Narziß den Weg der Einkehr
gewählt, so geht Goldmund jenen der Kunst und der sinnlichen Liebe. Streunt
Harry Haller, der Wolf, herrenlos-anarchisch durch die Steppe, so verlässt der
“Magister Ludi” Josef Knecht die erhabene Provinz, um ihr gerade damit den
höchsten Dienst zu erweisen und den Orden von Kastalien zu bewahren. Hesse wird
nicht müde uns zu zeigen, wie der einzige Weg, der uns in die Heimat führt, der
unseres Gewissens ist. Das ist der Grund, weshalb Siddhartha, als er zu Buddha
stößt, den Gotama zwar zutiefst verehrt, dennoch, ganz im Gegensatz zum Freund
Govinda, nicht sein Jünger wird, sondern im Bewusstsein, dass er dem Meister in
der Ferne am nächsten ist, davonzieht und seiner eigenen Wege geht.
Hermann Hesses Lehre ist eine Lehre der Freiheit und der Verantwortung, einfach
und rührend, wie es alle großen Wahrheiten menschlicher Weisheit sind: Bleib dir
treu und gehe deinen Weg, denn «ein Vater kann seinem Kind die Nase und die
Augen und sogar den Verstand zum Erbe mitgeben, aber nicht die Seele. Die ist in
jedem Menschen neu».[xxxvii]
[i] Vgl: G. Decker, Hesse-ABC, Leipzig: Reclam 2002, S. 187.
[ii] Phänomene wie diese sind als „kreative Missverständnisse“ bekannt und sind die Wonne eines jeden Komparatisten.
[iii] Vgl: www.hesse2002.de.
[iv] H. Hesse, Wanderung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1975, S. 9.
[v] H. Hesse, in: B. Zeller, Hermann Hesse, Hamburg : Rowohlt 2001, S. 40.
[vi] H. Hesse, Hermann Lauscher, Düsseldorf : Verlag der Rheinlande 1908, S. 4.
[vii] E. Banchelli, Vorwort zu: H. Hesse, Hermann Lauscher, Mailand : SugarCO 1991, S. 8.
[viii] C. Magris, Vorwort zu: H. Hesse, Romanzi, Mailand : Mondadori 1977, S. XXV.
[ix] Vgl: V. Michels (Hg.), Mit Hermann Hesse reisen. Betrachtungen und Gedichte von Hermann Hesse, Frankfurt a. M.: Insel 1990, S. 414.
[x] H. Hesse, Peter Camenzind, in: Gesammelte Schriften, Bd.1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 291.
[xi] H. Hesse, Engadiner Erlebnisse, in: H. Hesse, Beschwörungen, Berlin : Suhrkamp 1955, S. 163.
[xii] H. Hesse, Peter Camenzind, a.a.O., S. 265.
[xiii] Ebd., S. 279.
[xiv] C. Magris, Fra il Danubio e il mare, Mailand : Garzanti 2001, S. 15.
[xv] H. Hesse, Demian, in: Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 236.
[xvi] C. Magris, Vorwort, a.a.O.,. S. XXV.
[xvii] Vgl: H. Hesse, Brief an Rolf v. Hoerschelmann vom 22. Februar 1944 in: Ausgewählte Briefe, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974, S. 208.
[xviii] H. Hesse, Siddhartha, in: Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 686.
[xix] Ebd., S. 716.
[xx] Vgl: H. Hesse, Brief an Vasant Ghaneker vom April 1953 in: Ausgewählte Briefe, a.a.O, S. 405.
[xxi] H. Hesse, Die Morgenlandfahrt, in: Gesammelte Schriften, Bd. 6, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 24.
[xxii] Vgl: H. Hesse, Brief an Thomas Mann vom 23. Oktober 1946 in: Gesammelte Briefe, Bd. 3, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1982, S. 377-379.
[xxiii] Zusätzlich zum Entsetzen über das vom Nationalismus verheerte Europa kommen im „Annus Horribilis“ 1916 schwere Prüfungen auf Hesse zu: Der Vater stirbt, der Sohn ist schwer krank, und seine Frau wird in eine Nervenheilanstalt interniert.
[xxiv] C. Magris, a.a.O.., S. XXXIII.
[xxv] Vgl: M.P.C. Palin, Vorwort zu: H. Hesse, Demian, in: Romanzi, a.a.O., S. 301.
[xxvi] H. Hesse, Blick ins Chaos, Berlin : Seldwyla 1920, S. 13.
[xxvii] Vgl: B. Bianchi, Einleitung zu: H. Hesse, Sull’amore, Mailand : Mondadori 1988, S. 6.
[xxviii] H. Hesse, Die Morgenlandfahrt, a.a. O, S. 24.
[xxix] H. Hesse, Peter Camenzind, a.a.O., S. 230.
[xxx] Vgl: Bianchi, a.a.O., S. 6.
[xxxi] Man beachte wie das Verb lauschen – verstanden freilich nicht als ein sensorielles, sondern als ein seelisches Horchen – bereits im Titel des ersten Romans Hesses vorkommt, des an anderer Stelle zitierten Hermann Lauscher.
[xxxii] H. Hesse, Der Steppenwolf, in: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1958, S. ...
[xxxiii] D.M. Turoldo, in: G. Ravasi, Il Canto della Rana, Casale Monferrato : Piemme 1990, S. 13.
[xxxiv] Vgl: Th. Mann, in: H. Hesse – Th. Mann, Briefwechsel, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1968, S.78.
[xxxv] H. Hesse, Kurgast (eh. Psychologia Balnearia), in: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 113.
[xxxvi] Vgl: H. Hesse, Der ideale Mensch, in: Eigensinn macht Spaß, Ebner Ulm : Insel 2002, S. 105 ff.
[xxxvii] H. Hesse, Knulp, in: Gesammelte Schriften, Bd. 3, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1958, S. 57.
Jahresrechnung der Banca Popolare di Sondrio (Suisse) – 2002

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Alessandro Melazzini
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