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Il Sole 24 Ore
Michael Krüger.
Freie Bahn den Tieren
Mein Androide rockt
Dubbing Rhythmen
Vergangenheit, die nicht vergeht
Pharaonische
Tombe für alle
Die älteste Bestrafung der Welt
Männer wie sie im Buche stehen
Zwei in Frankreich, in Deutschland sind schon zwölf
Zur Stunde in Glück sind alle auf ihren Bänken
Welch Kulturleistung, die Hausnummer!
«Was für ein Quengler, der Canetti!»
Des Führers letzte Platten
«Ich,
ein Deutscher in
Guantanamo»
Nun spioniert uns Beppe auch in Bagdad aus ![]()
Der Altar auf dem Eisernen Vorhang
Vergessen Sie nicht die Faulheit
Nobel eines Schicksallosen
Der perfekte Attentäter
Herzliche Glückwünsche, Fahrstuhl!
Anita, die nackte Königin der Nächte
Der Plan, den Führer zu stürzen
Ein Manuskript als Geschenk von Jelzin
Was tun mit den Träumen
Grand Hotel, willkommen zu Hause
Fest. Der Stolz eines Bürgers
Der Angestellte macht die Wolken
Was vom eisernen Reich bleibt
Frauen des Ostens auf der Jagd nach Herzen
Das Buch von Penelope
Swastiken in Halbmond
Imre Kertész.
Ein Jahrhundert in zwei Tragödien
Pfaffenfressen im Paradies
Hesse und Mann geben Gummi
L’espresso
Sachsen ohne Sex
Perlen auf dem Netz
Verbotener Nervenkitzel
Rich people
Süße Laster in Villa Venus
Rapper upper class
Ventiquattro
Carsten Nicolai. Perfektionist des Fehlers
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BMW. Morgenröte in Stahl
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Il Notiziario della Banca Popolare di Sondrio
Giorgio Squinzi, Der chemische Radsportler
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Pupis Frappé
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RAI
Ludwig II. und Bayern![]()
München und Neuschwanstein![]()
Anderes
Interview mit Johannes Blank,
Veranstalter des UAMO Kunstfestivals München
![]()
Dichter,
Schriftsteller, Manager, Kritiker und Herausgeber: Der Eklektiker Michael
Krüger ist Chef des Hanser-Verlages in München, eines in Italien viel
beachteten Hauses, da bei ihm die deutschen Übersetzungen von Umberto Eco,
Claudio Magris und, seit kurzem, Roberto Saviano erscheinen. Dieses Jahr hat
Einaudi in Italien
Commedia turinese
[Turiner Komödie], seinen an
den Ufern des Po angesiedelten Roman herausgebracht.
Herr Krüger,
was stimmt Sie optimistisch für 2008?
Das Erscheinen
meines neuen Buches. Es heißt
Die Tiere kommen zurück und erzählt von der Rückkehr der wilden
Tiere in die Städte. Eines Tages wachen wir auf und finden plötzlich mitten
auf der Straße eine große Schafherde. Links erklingt das Trompeten von
Elefanten, recht klettern Affen auf den Bäumen herum. Ich denke, dass unsere
Gesellschaft die Tiere vergessen hat, sie nur als Schlachtvieh oder als
wilde Tiere für den Zoo wahrnimmt. Mit meinem Buch will ich mich dieser
Tendenz entgegenstellen. Es erscheint im Januar mit Illustrationen von Quint
Buchholz, einem der besten Zeichner Deutschlands. Darüber bin ich glücklich
und optimistisch.
Aber sind Sie
optimistisch für das Erscheinen Ihres neuen Buches oder für die Rückkehr der
Tiere?
Sowohl für das eine
als auch das andere.
Doch glauben
Sie, dass die Rückkehr der Tiere, wie Sie sie in ihrem Buch ausmalen, schon
im kommenden Jahr möglich sein wird oder vielleicht erst in zehn oder sogar
hundert Jahren?
Ich denke, dass wir
nicht in dieser Weise fortfahren können mit unserer Zivilisation und so, wie
dieses Jahr eine Initiative für das Klima gestartet wurde, hoffe ich, dass
wir uns im nächsten Jahr auch mit den Tieren beschäftigen werden.
Verraten Sie
mir, wie diese Rückkehr vonstatten gehen wird?
Die Tiere
entschließen sich, das Land, auf dem die Städte gebaut wurden, an sich zu
bringen, und plötzlich sind sie unter uns.
So etwas wie
Terminator in tierischer
Version?
Ja.
Glauben Sie,
dass es einen Krieg zwischen Tieren und Menschen geben wird oder sehen Sie
eine versöhnlichere Lösung?
Ich hoffe auf etwas
Friedlicheres, aber wenn wir Menschen uns keine Mühe geben, dann wird es
Krieg geben.
Sie
beschäftigen sich gern mit wilden Tieren. Auch Professor Rudolf, Protagonist
der
Turiner
Komödie, hat einen Zoo auf der Terrasse eines Palazzo nahe der
Burg gebaut. Ist das ein Zitat des Gartens, den Ludwig II. im Obergeschoss
der Münchner Hofburg angelegt hat, oder eher eine Allegorie des Tierparks
Universität?
Es ist Rudolfs
Versuch eine ideale Gesellschaft zu errichten, die sich allerdings nur unter
Tieren statt unter Menschen entwickeln kann.
Il Sole 24
Ore – 30. Dezember 2007
Die Roboter sind unter uns. Sie laufen, sie tanzen und sie
spielen Violine. Wenn sie Glück haben. Andernfalls bauen sie Autos in einer
Fabrik zusammen, entschärfen Bomben oder spielen Versuchskaninchen für
Zahnmedizin-Studenten, wie ein armer Androide, der auf der letzten
International Robot Exhibition in Tokyo präsentiert wurde (www.youtube.com/watch?v=Vaf-QxhQh6g).
Das Faszinosum für Menschen an Automaten stammt aus der Antike: In den
Schriften des Mathematikers Hieron von Alexandria finden sich Skizzen für
die Konstruktion sich bewegender Statuen, und im achtzehnten Jahrhundert
verzauberten die mechanischen Kinder von Jaquet-Drouz das Publikum, indem
sie kurze Sätze schrieben und Melodien spielten. Der Protagonist in E.T.A.
Hoffmanns Erzählung Der Sandmann ist ebenso von einer mechanischen
Dame angezogen, der es am Licht des Geistes mangelt, und auch in Ridley
Scott’s Blade Runner ist die Attraktion zwischen Mensch und Maschine
so stark, dass sie zu einer erotischen Beziehung wird. Künstlerfantasien?
Nicht für den Wissenschaftler David Levy, der in er letzten Ausgabe des
Magazins Spiegel versichert: «Liebe und Sex mit Robotern werden
unausweichlich sein.»
Neuen und alten Automaten widmet sich eine Ausstellung des Museums für
Kommunikation in Frankfurt a.M., in der vor allem das zwanzigste Jahrhundert
vorherrschend ist. Das gerade vergangene Jahrhundert hat in der Tat das
Eindringen des mechanischen Menschen in unsere Vorstellung gefestigt, und
vielleicht ist es kein Zufall, dass im modernen Märchen Der Zauberer von
Oz Dorothy, die Hauptfigur, einen sanftmütigsten Blechmann zum Begleiter
auf ihren Abenteuern hat.
Der erste humanoide Roboter der Technikgeschichte hieß Eric und wurde
1928 in England gebaut, ein Jahr nach dem Kino-Auftritt der aufregenden
Metallfrau in Metropolis. Eric ähnelte einem Ritter in Rüstung,
konnte die Arme heben, sich auf die Füße stellen und schien – dank einem
Lautsprecher – sogar die Gabe der Rede zu besitzen. Wenige Jahre älter noch
ist freilich das Projekt des Occultus, eines Automaten für
Polizei-Aufgaben, eine nie realisierte Idee, die in den Achtziger Jahren
effektvoll in den Robocop-Filmen wieder aufgenommen wurde.
Konkurrenzloser Star auf der New Yorker Weltausstelltung der Dreißiger Jahre
war Elektro, ein blecherner Faulenzer mit Mussolini-Kopf, der Bälle
aufblasen und Zigaretten rauchen konnte. Unter den Bewunderern Elektros war
auch der junge Isaak Asimov, der sich von ihm zu Robbie, seiner
ersten Robotergeschichte inspirieren ließ. Ganz „made in Europe“ war der
Schweizer Sabor, ein 1945 gebauter uns für einige Jahrzehnte auf unzähligen
Ausstellungen gezeigter Koloss. Sabor war etwa zweieinhalb Meter groß, wog
einige Zentner, und sein Erfinder ließ ihn sich bewegen, tanzen und sprechen
mittels eines versteckten und mit einer Fernbedienung ausgestatteten
Assistenten. Dennoch ist der Riese bei den Damen ein Gentleman, manchmal (so
berichten die damaligen Journalisten) wagt er sogar mit den Zuschauerinnen
zu flirten. Sabor wurde bis in die Achtziger Jahre ausgestellt, bis sich
dann die Robotik mit der Informatik verband und so recht zu explodieren
begann.
Heute werden in Ländern wie Japan jeden Tag neue Wunder präsentiert. Ziel
jedes Konstrukteurs ist es, mit Selbstbewusstsein ausgestattete Maschinen zu
bauen. Doch während die Wissenschaft dies noch nicht erreicht hat, mangelt
es der Kunst nicht an "Fortschritten". Mögen sie auch (noch) nicht denken,
sind doch einige Maschinen zu künstlerischer Produktion fähig. So zumindest
die These der Schirn, des anderen Frankfurter Museums, das eine Ausstellung
parallel mit der Roboterschau den „künstlerischen Automaten“ widmet. Man
kann zum Beispiel Dinger wie die Méta-Matics des Schweizer Künstlers
Jean Tinguely bewundern, in den Fünfziger Jahren konstruierte motorisierte
Mechanismen, die Muster zeichnen können, wenn der Besucher sie in Bewegung
setzt. Angesichts der entstehenden „Meisterwerke“ scheint es niemals Streit
darum zu geben, wer das Urheberrecht an den erzeugten Kritzeleien gelten
machen kann: Tinguely, der Besucher oder die Maschine? Das gleiche bei den
sicherlich harmonischeren Zeichnungen, die das Gerät des Dänen Olafur
Eliasson schafft, ein Apparat, der mittels eines schwingenden Systems von
Pendeln Federzeichnungen anfertigen kann. Kein Zweifel hingegen bei Damien
Hirst, der, um Missverständnissen vorzubeugen, alle Gemälde, die sein
Apparat bei der Aktivierung durch einen Besucher produziert, mit seiner
Unterschrift versieht. Auto-Dalì Prosthetic von Tim Lewis tut dagegen
nichts anderes, als obsessiv die Unterschrift Salvador Dalìs nachzuahmen und
ironisiert auf diese Weise die berüchtigte Habgier des spanischen Künstlers,
der vor allem am Verkauf seiner Gemälde interessiert war.
Einer der ungewöhnlichsten Einfälle stammt von Steven Pippin: ein
(homosexueller !?) Kuss zweier Olivetti-Kopierer, die sich so umklammern,
dass sie sich selbst kopieren. Der Auto Sculpture Maker von Roxy
Paine backt klare oder rote Plastik-Masse in einem fließbandähnlichen
Prozess, der jedoch absichtlich langsam und fehlerhaft verläuft, um jedem
Block eine andere Form als dem vorhergehenden zu geben und so einzigartige
Stücke zu produzieren und die Idee der industriellen Massenproduktion
durcheinander zu bringen. Die Werke von Antoine Zgraggen schließlich werden
jedem gefallen, der die Ausstellung mit Abscheu besucht und die Idee einer
zum Künstler erhobenen Maschine für ein Sakrileg hält. Denn anstatt etwas zu
produzieren sind die Geräte Zgraggens allesamt zum Zerstören, Zerhämmern und
sogar für (automatische) Gesäßtritte gedacht.
Die Roboter Kommen! Museum für Kommunikation, Frankfurt
a.M., Schaumainkai 53.
Art Machines Machine Art. Schirn Kunsthalle, Frankfurt a.M., Römerberg.
Vergangenheit, die nicht vergeht
Mit seinem Roman Der Vorleser, in dem er die
Einführung eines Jugendlichen in die Liebe durch eine Frau, die ein
erschütterndes Geheimnis verbirgt, hat Bernhard Schlink 1995 einen
Welterfolg erzielt, wobei der erste Platz auf der Bestseller-Liste der New
York Times, eine Platzierung, die zuvor noch nie ein deutscher
Schriftsteller erreichte, die Krönung darstellte. In diesem Sommer haben
Unternehmungen zur Verfilmung der Geschichte begonnen, bei der die
Schauspielerin Nicole Kidman die Hauptrolle übernehmen soll. Doch den nach
geraumer Zeit zu Tage tretenden Schuldzusammenhängen hat Schlink auch die
Trilogie von im zeitgenössischen Mannheim angesiedelten Kriminalromanen um
den Detektiv Selb gewidmet, und die Reflexion auf die Vergangenheit bleibt
auch im jüngsten Erzählwerk Heimkehr sein Thema, das in diesem Jahr
in Italien bei Garzanti erschien. Ebenfalls mit Konzepten von Schuld und
Vergebung hat sich Schlink, Dozent für öffentliches Recht und
Rechtsphilosophie an der Berliner Humboldt-Universität, in einem Aufsatzband
auseinandergesetzt (Vergangenheitsschuld, Diogenes Zürich 2007, 190 S., €
19,90), aus dem Il Domenicale exklusiv für die italienischen
Leser einen Auszug publiziert.
Il Sole 24 Ore – 18. November 2007
Adé, Friedhof. In Deutschland wächst der Wunsch, sich
außerhalb des allein seligmachenden Gottesackers begraben zu lassen. Für
alle Liebhaber der Natur bietet zum Beispiel das Unternehmen FriedWald
Bestattungen in Wäldern an. Der Kunde, der seine Asche im Waldgebiet bewahrt
wissen will kann auswählen: eine Pflanze, die er mit anderen Toten teilt,
oder einen Baum für die ganze Familie, unter dessen Wurzeln man bis zu zehn
liebe Verstorbene versammeln kann. «eine natürliche und würdevolle
Alternative zu den bislang gewohnten Bestattungsritualen», erklärt man bei
FriedWald, überzeugt, dass nun die Stunde gekommen sei, der “ars moriendi”
einen Touch von Neuheit zu verleihen (www.friedw.de).
Immerhin, da heutzutage die Lebensstile immer hektischer wechseln, ist es
einzusehen, dass auch Beerdigungen nicht mehr das sind, was sie einmal
waren. Also bietet eine Firma in Frankfurt für den homosexuellen Markt Särge
in den Farben des Regenbogens an. In Berlin dagegen schlägt das
Bestattungsunternehmen Berolina vor, die Asche auf einem low-cost-Flug im
Fesselbalon in die Luft zu streuen. Alles in allem eine Wahl von
bescheidenem Umfang im Vergleich zur Alternative, an Bord einer Rakete ab zu
treten, die darauf programmiert ist, die Urne in einem krachenden Feuerwerk
dreihundert Meter über dem Himmel explodieren zu lassen. Daher die
Redewendung: Mit einem Knall abtreten (www.sarg-discount.de).
Aber das ambitionierteste Bestattungs-Projekt ist sicherlich das vom Club
Freunde der Großen Pyramide vertretene. Grundlage ist die Idee, die
eigene Asche statt in eine Urne in einen Zementblock von 90x60x90 cm zu
gießen, nach Wunsch gefärbt und bebildert, der sich dann mit denen aller
anderen Anhänger der Initiative verbinden wird, um schließlich Block für
Block, Toter für Toter, eine bunte Pyramide von enormen Dimensionen zu
ergeben (www.thegreatpyramid.org). Für Jens Thiel, einen der Gründer der
Vereinigung, scheint es realistisch, dass man in zwanzig oder dreißig Jahren
5.000.000 Subskribenten und demnach eine Höhe von 150 Metern erreicht haben
wird, also etwas mehr als die Cheops-Pyramide. Aber die Möglichkeit ist
nicht ausgeschlossen, dass etwa hundert Millionen zusammen kommen und auf
diese Weise ein kolossales Grabmal von etwa sechshundert Metern Höhe
entsteht. Die Idee, Millionen von Toten auf den Wiesen nahe des Hauses zu
bewahren, erregt derzeit Gänsehaut bei nicht wenigen Bürgern von Dessau, der
Stadt, die ursprünglich für die Erbauung dessen vorgesehen war, was das
größte Bauwerk der Welt werden könnte. Und ausgerechnet dort, wo man doch
etwas von innovativer Architektur verstehen sollte, denn gerade nach Dessau
verlegte 1925 Walter Gropius sein Bauhaus. Für Thiel und Co. hingegen ist
wäre ein solches Projekt in einer strukturschwachen Region wie dem Land
Sachsen-Anhalt ein optimaler und nachhaltiger Wirtschaftskatalysator.
Millionen von Angehörigen würden ihre Toten besuchen und so einen höchst
lebhaften und einträglichen Begräbnis-Tourismus begründen. Für die daheim
gebliebenen Familien ist allerdings eine Lokalisierung des Angehörigen per
Internet, dank einem satellitengestützen Koordinatiionssystem, vorgesehen.
Die Feunde der Großen Pyramide beabsichtigen, den Bau mittels der
Subskribenten zu finanzieren, während der Kulturfonds der Bundesrepublik
bereits 89000 Euro gespendet hat. In wenigen Tagen wird eine Jury unter dem
Vorsitz des renommierten Architekten Rem Koolhaas die Projekte des
Wettbewerbs um den Bau der Pyramide und den Strukturen zur Aufnahme der
Besucher auswerten. Für den Puertoricaner Ben Morales-Correa, einen der
circa zweihundert Enthusiasten, die schon einen Block vorgemerkt haben,
«wird das der größte pyramidale Bau sein, der für seinen ursprünglichen
Zweck bestimmt ist […]. Dank der Technologie wird das antike Privileg der
Pharaonen endlich auf alle ausgedehnt.»
Der Deutsche Marcel Jahnke hingegen schätzt die Kombination aus «Vielfalt
und Monumentalität, sowie Individualität und Gemeinschaft. Beides wird durch
die bunten Bausteine repräsentiert.», während der Niederländer Japser
Enklaar von der Tatsache fasziniert ist, dass «dies das erste internationale
Projekt für Gedenk-Architektur» sei.
Und in der Tat ist einer der Vorteile der Großen Pyramide für ihre Erfinder
eben derjenige, dass damit eine riesige Grabesstätte realisiert wird, die
offen ist für Menschen jeder Nationalität, Kultur und Religion. Auch für
Satanisten und Anhänger des Ku-Klux-Klan? «Eher nein» sagt Thiel, «weil
Minderheitspositionen mehr trennen als
verbinden. Aber andererseits: Die Große Pyramide ist für wirklich
alle. Wir alle gemeinsam müssen die Antwort finden. Wir Initiatoren wünschen
nur Frieden.»
Angesichts eines solchen ökumenischen Enthusiasmus wäre es zynisch, zu
denken, dass, falls die große Aussöhnung zwischen den Völkern eintreten
wird, das wahrscheinlich wahrscheinlich daran liegt, dass die Bewohner der
Großen Pyramide allesamt tot sind.
Il Sole 24 Ore – 4. November 2007
Die älteste Bestrafung der Welt
Die Todesstrafe ist die älteste der
bekannten Arten der Bestrafung. Und noch heute findet sie überall auf der Welt
nachdrückliche Befürworter. China, Iran und die Vereinigten Staaten haben in
vielen Punkten Differenzen, aber wenn es sich um die Notwendigkeit der
Todesstrafe handelt, ist ihr Votum einstimmig. Und während sich Beijing eifrig
auf die Olympischen Spiele vorbereitet, hat es einen anderen Wettbewerb seit
langem gewonnen: Den um die größte Anzahl an Toten auf dem Schafott pro Jahr
(in der Größenordnung von Tausenden). Das früheste schriftliche Todesurteil
stammt aus dem Jahr 1850 v. Chr. und geht auf die Sumerer zurück. Im Lauf der
Jahrhunderte hat sich die menschliche Fantasie an den Methoden ausgetobt,
mittels derer man dem Schuldigen den Garaus machen kann: den Strang, das
Kreuz, die Erschießung, die Garrotte. Und das Rad, dessen runde Form die Sonne
symbolisierte: Der Tod auf ihm bedeutete, eine göttliche Strafe zu erleiden.
Dies erzählt uns eine in Wien erschienene Geschichte der Todesstrafe von
Martin Haidinger (Von der
Guillotine zur Giftspritze. Ecowin 2007, 224 S., € 19,15).
Dass die unschuldig Verurteilten – von Christus bis Sacco und Vanzetti – unzählige waren, scheint ihre Henker kaum je besonders erschüttert zu haben. Im Mittelalter wurde der Beruf des Henkers in familiärer Nachfolge weiter gegeben und vereinte in sich die Rolle des Scharfrichters und des Arztes. Denn: Wer kannte die Anatomie besser als sie? Und wenn sie auch oftmals durch ihr Metier keinen guten Ruf hatten, gibt es nicht wenige Beispiele für die Attraktivität, die so eine Arbeit auf die Bevölkerung ausgeübt zu haben scheint. Im England des späten neunzehnten Jahrhunderts gab es bei einem Wettbewerb um den Posten des Henkers tausende von Bewerbern. Doch Frankreich hatte den berühmtesten Vollstrecker: Charles-Henri Sanson (1739-1806). Nach achtunddreißig Jahren Praxis hatte er 2918 menschliche Wesen in die andere Welt geschickt, unter ihnen einige Freunde und sogar eine alte Jugendliebe. Viele von ihnen wurden mit der Guillotine enthauptet, jenem 1792 in Aktion getretenen Instrument, das schnell zum Symbol der Französischen Revolution wurde. Mit ihr ließ Sanson auch den Kopf König Ludwigs XVI. rollen, der so persönlich die Hinweise überprüfen konnte, die er einige Jahre zuvor bei der Ausarbeitung der Maschine gegeben hatte. Sanson starb jedoch in den eigenen vier Wänden, wobei der den Sohn anspornte, die Familientradition fort zu setzen.
Karl Kraus hegte gegen seinen Mitbürger Josef Lang eine solche Abneigung, dass er ihn als «triumphierenden und stillen Dummkopf» auf den ersten Seiten seines Die letzten Tage der Menschheit verewigte. Ein Foto zeigt den Henker von Wien, wie er fröhlich auf den Leichnam von Cesare Battisti schaut.
Später in der Geschichte begegnet auch Sergeant John Woods als physischer Vollstrecker der Urteile von Nürnberg. Der Scharfrichter der Nazi-Verbrecher starb 1950 bei einem Arbeitsunfall: Er überprüfte gerade einen elektrischen Stuhl. Sechzig Jahre zuvor ging Kaiser Menelink II. kein solches Risiko ein, indem er sich gleich drei der heiß ersehnten Todessitze anschaffte. Als er sie bekam, musste er zu seinem Bedauern feststellen, dass es in Abessinien noch keinen elektrischen Strom gab.
Heute vollstrecken verschiedene Nationen die Todesstrafe, ohne darum allzu viel Aufhebens machen zu wollen. So etwa die Vereinigten Staaten, die auch die Giftspritze eingeführt haben, weil sie dies für eine “humane” und schmerzfreie Methode der Beseitigung halten. Dies war es allerdings nicht für Angel Nieves Diaz, der nach eine doppelten Injektion unter schrecklichen Zuckungen starb. In China hingegen dient dasselbe Verfahren dazu, die Organe der Verurteilten zu erhalten, um sie nach dem Tod des Besitzers weiter zu verwenden.
Öffentlich, spektakulär und im Web am häufigsten angeklickt war wiederum die Exekution von Saddam Hussein. Doch viele haben sich nach dem Zuschauen gefragt, ob dieses Erhängen wirklich mehr der Gerechtigkeit als der Vergeltung gedient hat.
Il Sole 24 Ore – 21. Oktober 2007
Männer wie sie im Buche stehen
Ein echter Mann darf niemals fragen. Es reicht aus, nützliche Bücher zur Hand
zu haben, wie jenes, das kürzlich von drei Journalisten in Deutschland
herausgebracht wurde, die sich die Rettung des Mythos Mann auf die Fahnen
geschrieben haben (Augustin / von Keisenberg / Zaschke: Ein Mann Ein Buch.
Süddeutsche Zeitung, 416 S. € 19,90).
Die Midlife-Crisis überstehen, eine Bombe entschärfen, einen Aston Martin fahren und sich mit Eleganz in den Bordellen auskennen, deren Besuch in Deutschland legal ist. Und dann das korrekte Trinkgeld geben (10% bei uns, 15-20 % in den USA), zu feierlichen Anlässen einen Kranz niederlegen und zum Dinner mit der Königin von England fahren (im Frack versteht sich und – bitte! – ohne Armbanduhr, da man nicht lächerlich erscheinen will). Aber auch in die Fremdenlegion eintreten, ein wildes Tier ausstopfen und im Knast überleben. Kurz: alles, was ein Mann von Welt wissen muss, um in jeder heikelen Situation das Richtige zu tun, sich mit der Eleganz eines James Bond und dem Wissen eines Einstein aus der Affäre zu ziehen. Und um die Kritiker des Machismo im Keim zu ersticken, vergessen die Autoren auch nicht jene Kapitel über die Sprache der Blumen und das Wissen, wie man einer Frau wirklich zuhört, d.h. wie man versteht, dass die Ehefrau, wenn sie mit dir spricht, nicht Lösungen oder mehr oder minder Einwände hören möchte, sondern Unterstützung und Verständnis sucht. Nützlich sind auch die Ratschläge zum Umgang mit schwierigen und peinlichen Fragen, wie das Bitten um eine Gehaltserhöhung (Achtung aufs Timing!) oder das Verbergen von Gestank im Badezimmer der Gastgeber (nur ein Streichholz anzünden, und das Gehirn registriert den Geruch des Rauches und ignoriert eventuelle kompromittierende Düfte). Was den Wunsch betrifft, Pornodarsteller zu werden, so sparen die Autoren nicht an Tipps, raten aber grundsätzlich davon ab: Es ist bei weitem weniger unterhaltsam, als man es sich vorstellt, und außerdem: behandeln wir bitte nicht die Frauen als Objekte.
Da der moderne Mann immer mehr zum Reisenden wird, sind sicherlich die Hinweise Gold wert, wo man in einer Boeing 747 die besten Plätze findet (Reihe 32 reservieren!) oder welche Knöpfe man drücken muss, wenn des Flugzeug den Piloten eingebüsst hat und eine Notlandung unmittelbar bevorsteht. Aber stell dir vor, du hast ausgerechnet dann das Buch daheim vergessen. Was tun? Keine Angst, das findest du unter dem Eintrag “Das Testament machen”.
Il Sole 24 Ore – 7. Oktober 2007
Zwei in Frankreich, in Deutschland sind schon zwölf
Jedes europäische Land, von Spanien bis Russland, besitzt
ein eigenes staatliches Rundfunkorchester, Frankreich sogar zwei und
Großbritannien vier. Aber mit seinen zwölf von Radio und Fernsehen
finanzierten Sinfonie-Orchestern trägt Deutschland bei allen Musikliebhabern
den Sieg davon.
«Der instrumentale und künstlerische Rang seiner Orchester ist insgesamt sehr
hoch und ihr Repertoire umfasst oft Werke, die sehr selten gespielt werden
oder neue Stücke, die die Radiosender selbst in Auftrag geben.» Das erzählt
der junge Pianist Roberto Prosseda, der auf deutschen Bühnen daheim ist und
gerade seine vierte China-Tournee absolviert. In Deutschland, meint Prosseda,
«sind Investitionen in Kultur ein Zeichen für Prestige und Vornehmheit. Das
trägt zum positiven Zustand des deutschen Musiklebens bei, indem es das
öffentliche Interesse und das kulturellen Niveau nährt.»
Unter den besten Ensembles der Welt, weist das Sinfonieorchester der
Bayerischen Rundfunk schon auf die Körperschaft hin, die es zu 100 %
finanziert. Bestehend aus 115 Musikern und geleitet vom Lette Mariss Jansons,
bietet es ein Repertoire, das sich von der Musik des Barock bis zur
zeitgenössischen erstreckt. Im Schnitt bringt es zehn Aufnahmen pro Jahr
heraus, darunter die besonders hoch geschätzten CDs der Reihe “Musica Viva”:
Interpretationen moderner Musik, die meist mit den Komponisten selbst am
Dirigentenpult aufgenommen wurden, wie zum Beispiel mit Stravinskij,
Stockhausen und Luciano Berio. Das SOBR war auch das einzige deutsche
Orchester, das mit Leonard Bernstein zusammen gearbeitet hat, eine
Zusammenarbeit übrigens, die ihren Gipfel mit der Aufführung von Tristan und
Isolde 1981 fand. Zahlreich sind die Welttourneen wie auch die Besuche von
Gastdirigenten, darunter auch Riccardo Muti, dessen nächste Konzertleitung für
den 19. Oktober vorgesehen ist. «Immer wenn ich nach München komme», erklärte
Muti in einem Interview, «gewinnt sofort das reine Vergnügen, Musik zu machen,
die Oberhand. Es ist als würde ich mich hinter das Lenkrad eines Rolls Royce
setzen ohne auch noch den Mechaniker machen zu müssen.» In Italien wird das
Orchester am 27. Oktober in Rom zu Ehren Ratzingers spielen. Auch diese
Aufführung wird, wie alle anderen, direkt vom Bayerischen Rundfunk übertragen
werden (www.br-klassik.de).
Aber ein Konzert, so feierlich es auch sein mag, macht noch keinen Frühling.
Peter Meisel, der Sprecher des Orchesters, kündigt an, dass man in Zukunft
öfter nach Italien wird kommen können.
Außer dem Sinfonieorchester unterhält der Bayerische Rundfunk auch einen Chor
mit 48 Stimmen und ein zweites Orchester, das besonders für die Oper und
italienische Konzertleitung gedacht ist, etwa Marcello Viotti, Lamberto
Gardelli und Roberto Abbado. Viele unserer Landsleute sind auch unter den 60
Musikern des Orchesters der Italienischen Schweiz, ein Ensemble, das zu
gleichen Teilen von Radio Televisione Svizzera di Lingua italiana und vom
Kanton Tessin finanziert wird, seinen Hauptsitz in Lugano und
Hauptaktionsradius in der ganzen Schweiz und Norditalien hat (www.orchestradellasvizzeraitaliana.ch).
Jeden Tag reserviert das Schweizer Radio einen Teil des Programms für
Aufnahmen seines Orchesters, dessen Repertoire vor allem Haydn, Mozart und
Beethoven, aber seit einigen Jahren unter der Leitung von Alain Lombard auch
Kompositionen der Romantik und des zwanzigsten Jahrhunderts umfasst. «Wir
haben häufig Kontakte nach Italien, die allerbesten» – unterstreicht der
Künstlerische Direktor Pietro Antonini – «zum Beispiel einen Kulturaustausch
und gemeinsame Programme mit der RAI sowie Direktübertragungen unserer
Konzerte und umgekehrt.»
Il Sole 24 Ore – 30. September 2007
Zur Stunde in Glück sind alle auf ihren Bänken
Was für ein
Glück, in die Schule zu gehen! Zumindest dann, wenn man an der
Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg lernen kann (www.whs.hd.bw.schule.de).
Für gewöhnlich wirkt die Idee, die Schulbank zu drücken, auf Kinder so
anziehend wie ein Besuch beim Zahnarzt. Doch in diesem Gymnasium in dem
romantischen Städtchen am Neckar scheint es, dass die Schüler darin
wetteifern, die Seiten ihrer Entschuldigungshefte unberührt zu lassen. Denn in
Deutschland lernt man diese Jahr auch das “Glück”. Nein nein, nicht das
furchtbare Lied von Albano und Romina ist gemeint [i.e. “Felicità”], sondern
vielmehr wie man glücklich werden kann; also ob jeder Schultag der erste Tag
der lang ersehnten Ferien wäre. Direktor Ernst Fritz-Schubert war alarmiert
von den Statistiken, die gnadenlos die Abneigung aufzeigen, mit der die
Schüler normalerweise die Eingangstür ihrer höheren Schule passieren, und er
beschloss, dass zumindest in seiner Anstalt der Zeitpunkt gekommen sei, seinen
Schülern das Glück zu bringen. Wie? Indem er ihnen beibringt, wie sie es
erreichen können. Absprachen mit Pädagogen, Künstlern und Sportlern haben es
möglich gemacht, vom Beginn des neuen Schuljahres an einen zweijährigen Kurs
über Freude anzubieten, der auf wissenschaftlicher Basis darauf zielt, den
Schülern mehr «Zufriedenheit, Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit und soziale
Verantwortung» mittels theoretischer und praktischer Übungen zu verschaffen.
Ziel ist es, jeden Heranwachsenden, sowohl in körperlicher als auch in
geistiger Hinsicht, in größere Harmonie mit sich selbst zu bringen, um sie so
«empfänglicher für die Momente des Glücks» werden zu lassen «und ihnen
beizubringen, von sich aus das eigene dauernde Glück zu suchen.»
Wir müssen «das Konzept der Bildung auf seinen ursprünglichen Sinn zurückführen», erklärt der Schulleiter gegenüber dem Spiegel, «es bedeutet: fähig zu sein, Glück empfinden zu können.» Man könnte einwenden, dass jeder auf seine Weise glücklich ist, aber in Heidelberg ist man optimistisch. Wenn man Mathematik lehrt, warum sollte es dann nicht möglich sein den Schülern jene «Lebenskompetenz» beizubringen, die es jedem ermöglicht, sich den täglichen Sorgen gegenüber eher wie Gaston als wie Paperino zu verhalten? Den Skeptikern entgegnet der Schulleiter vorsorglich: Die Ernsthaftigkeit der Lehrer und der pädagogische Nutzen des Projektes stehen außer Frage: Man werde ihm nicht gerecht, wenn man es nur für ein «Placebo-Angebot» halte. eines von der Kuschel-Sorte, bei der die Stunden vor allem dazu dienen, mit der Banknachbarin zu flirten. Hier steht nicht weniger auf dem Spiel als die Wiederentdeckung der schulischen Bildung. Den Schülern wird Glück versprochen, doch Engagement ist notwendig. Und auch wenn man lernt glücklicher zu werden, ist das kein Scherz, wird am Willy-Hellpach mit einem Hauch von Drohung präzisiert, für die Abiturjahrgänge sind sogar sind auch Fragen zum Thema im Abschlussexamen vorgesehen. Kein Problem für die Schüler, die das neue Unterrichtsfach enthusiastisch begrüßt haben.
Aber wenn dann einer durchfällt? Pech für ihn, denn das heißt, dass er ein Sauertopf war.
Il Sole 24 Ore – 30. September 2007
Welch Kulturleistung, die Hausnummer!
Diskret, bequem, nützlich. Und unentbehrlich. Denn ohne sie könnte nicht
einmal das Sattelitenortungssystem und vor dem Chaos retten. Es handelt sich
um die Hausnummer, dieses entscheidende Detail an den Haustüren, die unsere
Anschrift erst wirklich vollständig macht. Heutzutage keine zu haben ist ein
wenig wie nicht zu existieren. Briefe, Unterlagen, Pakete, Freunde und
Störenfriede: ohne Hausnummer hätten alle Schwierigkeiten uns zu finden. Zur
Wertschätzung eines solch unterbewerteten Details unseres Alltags bringt uns
nun in Deutschland der junge Historiker Anton Tantner, indem er ihm ein kleines Buch
widmet (Die Hausnummer. Jonas Verlag, Marburg 2007, 80 S., € 15,-).
Vor dieser praktischen Adress-Zahl war der Empfänger eines Briefes
aufzufinden, wenn man den Namen des Gebäudes kannte, in dem er wohnte: Eine
nicht immer durchführbare Methode. Im Wien des späten achtzehnten Jahrhunderts
zum Beispiel musste ein Postbote ein gutes Gedächtnis haben, um die richtige
Zustellung einer Sendung in den “Goldenen Adler” sicherstellen zu können, den
an Häusern, die nach den goldigen Schwingen benannt waren, gab es mindestens
dreißig.
Welche die erste Stadt war, die ihren Straßen eine festgelegte Nummerierung,
weiß man nicht sicher. 1519 war das Haus der Fugger mit gotischen
Zahlen geschmückt. Doch es ist zweifelhaft, ob sie ausgerechnet dazu dienten,
das Haus zu identifizieren. Und die Zahlen, die seit Ende des fünfzehnten
Jahrhunderts an den Gebäuden nahe der Brücke von Notre Dame in Paris zu lesen
waren? Die standen dort zum Zwecke einer Vermögensschätzung, nicht um eine
Zählung der Individuen zu erleichtern. Gerade so hingegen die Zahlen auf den
Gebäuden in Triest 1754: Sie dienten dazu, die Bevölkerung zu zählen.
Ein Leser von Tausendundeine Nacht könnte auf den Gedanken kommen, dass
der Erfinder der Hausnummern eben jener Dieb ist, der Ali Babas Schatz in die
Finger bekommen will. In einigen Versionen der Erzählung zählt der Anführer
der Räuber, um sich an Alis Wohnstatt zu erinnern, die Häuser entlang der
Straße, um dem gesuchten Gebäude so eine feste Nummer zuzuweisen. Doch in
Wirklichkeit stammt diese Version vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, als
die städtische Nummerierung schon im Gange war. Und doch ist es kein Zufall,
dass im Märchen der Plan des Zählens auf einen Dieb zurückgeführt wird. Denn
weniger zum Nutzen der Einwohner wurde die Hausnummer in der ersten Hälfte des
achtzehnten Jahrhunderts eingeführt, sondern um der Steuerbehörde, dem Militär
und der Polizei zu ermöglichen, genau den Bürger zurück zu verfolgen, der
offene Rechnungen mit dem Fiskus, der Armee oder der Justiz hatte oder haben
sollte. So geschah es im Königreich Preußen, wo der Staat sich ihrer auch
bediente, um die Truppenaushebungen zu erleichtern. Man versteht, warum die
Hausnummer zu Beginn nicht mir großer Begeisterung aufgenommen wurde, wie die
Beamten von König Joseph II. von Habsburg (1741-1790) feststellen konnten, die
in Ungarn ankamen, um Ordnung anzuführen und von den Einwohnern mit Schüssen
empfangen wurden. Und dagegen murrte nicht nur das einfache Volk: auch viele
Adlige rümpften die Nase, als sie ihren eigenen Besitz wie den des Pöbels
gezeichnet vorfanden. Doch das Nummernschild war bei weit davon entfernt, so
gleichmacherisch zu sein, wie die Aristokraten beklagten; im Gegenteil, oft
wurde es eingesetzt, um zu diskriminieren. So war es im Fall der Häuser, die
Ende des achtzehntes Jahrhunderts Juden in Böhmen gehörten und die laut Gesetz
römische statt arabischen Zahlen tragen mussten. Auch ein Jahrhundert später
noch – so erzählt der Schriftsteller Ivo Andrić im Roman Die Brücke über
die Drina – wollte man gerade in den Provinzen des österreich-ungarischen
Reiches nichts davon wissen, die Häuser zu nummerieren, um das Eintreffen des
Einberufungsbefehls nicht zu erleichtern. Die Nummernschilder wurden
umgedreht, an schlecht einsehbaren Stellen angebracht, oder man weißte gerade
die Fassade des Hauses, und “zufällig” bekam auch die Hausnummer eine Handvoll
Kalk ab. Eine geniale Idee, die vielleicht Walter Benjamin gefallen hätte, der
überzeugt war, dass die Nummernschilder an den Häusern Teil eines
«ausgedehnten Kontrollnetzes» seien, die «seit den Zeiten der französischen
Revolution das Bürgertum in den Maschen der eigenen Lebensart einschließt».
Tatsache ist, dass das berühmte Parfum 4711, oder Kölnisch Wasser, seinen
Markennamen der Hausnummer verdankt, die dem Haus seines Herstellers von der
französischen Armee zugewiesen wurde. Ein Franzose ist auch der Erfinder des
berühmtesten Nummerierungs-Systems, das in gerade und ungerade aufgeteilt ist.
Der Journalist Marin Kreenfeldt hat es erdacht, jedoch nicht zum Wohl der
Allgemeinheit, sondern um sich selbst zu helfen. Als er sich 1779 damit
abmühte, eben das Adressbuch zu erstellen, kam er auf die Idee, die Häuser
seine Mitbürger heimlich in dieser Weise durch zu zählen, mit dem Zweck, die
Zustellung seines Almanach de Paris zu
Il Sole 24 Ore – 9 Settembre 2007
[1] Anmerkung: Als erster nummerierte Kreenfeldt die Pariser Häuser, aber die Unterscheidung gerade/ungerade wurde erst 1805 in der Stadt eingeführt
«Was für ein Quengler, der Canetti!»
Auf eigenen
Wunsch von Elias Canetti (1905-1994) wird seine Korrespondenz erst in siebzehn
Jahren frei zugänglich sein. Dennoch ist ein kleiner Vorgeschmack der Briefe
in eklatanter Weise der Zensur entgangen, weil das Corpus erst nach seinem Tod
gefunden wurde. Es handelt sich um einen Briefwechsel zwischen dreien, Elias
selbst, seiner ersten Frau Veza Taubner-Calderon (1897-1963) und dem Bruder
Georges Canetti (1911-1971). Der Band, der in Deutschland beim Hanser-Verlag
erschienen ist (Veza & Elias Canetti, Briefe an Georges, 420 S., €
25,90), schließt sich ausgezeichnet an Party im Blitz, dem letzten Band
der Cantti'schen Autobiographie, an, der freilich an Informationen über das
Privatleben des Paares während des englischen Exils recht dürftig ist. Was
Anzahl und Intensität der Briefe angeht, überwiegen in der Korrespondenz die
Schreiben der Frau, die in den ironischen und leidenschaftlichen Briefen an
ihren Schwager das komplizierte Geflecht von emotionalen und intellektuellen
Beziehungen zwischen ihr und ihrem Mann mit bemerkenswerter Detailfülle
enthüllt. Das zukünftige Ehepaar hat sich 1924 in Wien kennen gelernt, während
einer Lesung von Karl Kraus, dem ätzend ironischen Herausgeber der Fackel,
von Canetti aufgrund seiner berühmten rhetorischen Fähigkeiten als «ein Hitler
der Intellektuellen» charakterisiert. Veza ist eine kultivierte Frau und
leidenschaftliche Leserin. Doch hatte sie als Schriftstellerin weniger Glück:
Zu Lebzeiten fanden ihre Romane nicht den Weg zur Publikation.
Georges, der jüngste der Brüder Canetti, ist ein berühmter Arzt in Paris, der
Stadt, wo auch die Mutter Mathilde und der Bruder Nissim leben. Zur Zeit der
Begegnung mit Veza wohnt der junge Elias jedoch in Wien, entschlossen, die
Unabhängigkeit von der Familie zu wahren, um seinen künstlerischen Neigungen
zu folgen. Die Eheschließung folgt zehn Jahre später und fällt mit dem
eigentlichen Beginn des Briefwechsels zu Dritt zusammen. Auf die Ankündigung
der baldigen Hochzeit hin drückt Georges dem Bruder seine gegenteilige Meinung
deutlich aus: «Du bist im Begriff, die größte Dummheit zu begehen, die Du
begehen kannst.» Doch als Verheiratete beabsichtigen Elias und Veza
keineswegs, die Bohème-Existenz aufzugeben, die sich bislang charakterisiert
hatte. Insbesondere Elias wollte sich weiterhin seinen verschiedenen
weiblichen Bekanntschaften widmen, wobei er jedoch stets Veza informierte, die
sich das Recht, über die jeweilige Affäre zu entscheiden, reservierte. Dann
kommt der Fall Anna Mahler, die Tochter des großen Komponisten, in die ihr
Ehemann sich ernsthaft verliebt. «Der Canetti ist bereits ein ausgewachsener
sehr egoistischer Quälgeist. [...] Er liebt mich, aber er liebt die Anna mehr.
[...] Sie liebt mich und nicht den Canetti und wenn sie mich
sehen will muss sie es erkaufen, sie muß mir dafür ein Rendez-vouz mit dem
Canetti bewilligen, aber das wieder darf er nicht wissen.» Die Eheleute leben
nicht immer unter dem selben Dach, und auch als sie nach England emigrieren,
um den Nazis zu entfliehen, gehen sie auf getrennten Wegen. Elias ist so faul,
dass er sich alle seine Schriften von seiner Frau auf dem Schreibtisch tippen
lässt. Veza beklagt sich bei Georges darüber, aber gehorcht dann, obwohl sie
behindert ist, weil ihr die linke Hand fehlt.
1935 erscheint nach einem komplizierten Entstehungsprozess endlich Autodafé,
der erste und berühmteste Roman Canettis. Die Kopien werden knapp, und der
Schriftsteller verschickt keine an seine Brüder, «in der geheimen Hoffnung,
dass Ihr welche kauft». Thomas Mann wird jedoch mit einem Freiexemplar bedacht
und würdigt es, während Hermann Hesse eine «beleidigend dumme» Rezension
schreibt, «eigentlich die relativ schlechteste, die ich bis jetzt zu Gesicht
bekam». Um den ersehnten Erfolg einzuheimsen, wird Canetti bis 1946 warten
müssen, als die englische Übersetzung seines Werkes erscheint. In der
Zwischenzeit stürzt ihn die ausbleibende Anerkennung seinen Arbeiten gegenüber
in die dunkelsten Depressionen, so sehr, dass er beinahe vergisst, wie er
heißt. «Ich sage ruhig: “geh zu meinem Regal, zieh Dein Buch heraus und lies
den Namen ab.” Er tut es wirklich und schreibt seinen Namen ab. Dann ist er
wieder ganz normal», berichtet die Ehefrau dem Schwager. Auf der anderen Seite
ist auch Veza nicht der ruhigste Charakter: Sie bekennt, dass «ich zwischen
Wahnsinn und Selbstmord hin- und herpendle.» Der einzige Ruhepunkt scheint für
die Frau die Korrespondenz mit Georges zu sein, den sie mit Lob und
bewundernden Worten überhäuft. In einem «Liebesbrief», den sie wenige Tage
nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich schreibt, bekennt sie dem
Schwager, dass sie jede Nacht von ihm träume. Der Ehemann kann indes ruhig
schlafen: Sein Bruder ist homosexuell.
Und vielmehr beschäftigt das fortschreitende Nazitum die jüdischen Eheleute,
die sich retten, indem sie nach England auswandern, wo Elias sich als erstes
eine Geliebte zulegt. Die verärgerte Veza kommentiert: «Es ist eine Gefahr und
eine Schande.» Die Rivalin ist Frieda Benedikt, eine so hingebungsvolle
Leserin Elias', dass sie mit ihm das Exil teilen will. Als es der Frau jedoch
einfällt, Verbindungen mit anderen Männern einzugehen, und sie so den Zorn und
die Eifersucht Elias' erregt, ist es immer Veza, die als Vertraute und
Vermittlerin zwischen dem Ehemann und seiner Geliebten fungiert. Die Benedikt,
eine junge Frau, kann mit Veza «ganz bezaubernd» reden, «so daß ich Mitleid
bekam und so warme Gefühle wür sie empfand, daß ich nur deshalb nicht zum
Standesamt ging, um sie mit Canetti zu verheiraten, weil Canetti schon
verheiratet ist.» In Wirklichkeit war Vezas Liebe zu ihrem Mann so stark, dass
sie entschlossen war, alles für ihn zu tun: «das Absurde und Unmögliche».
Vielleicht auch, die literarische Qualität der Freundin-Rivalin zu
akzeptieren.
Wie dem auch sei, Veza ist immer diejenige, die an Elias Canettis Seite
bleibt, um ihm alle Unannehmlichkeiten zu lindern, indem sie ihn mit ihrer
Liebe schützt. Wie im August 1945, als der kommende Nobelpreis grundlegend
durch die Explosion der Atombombe erschüttert wurde: «Tatsächlich war er so
niedergeschlagen, daß er nichts mehr essen wollte [...] Es war eine schlimme
Krise, aber ich hab ihm das Leben gerettet.» Für Elias Canetti stellen
Hiroshima und Nagasaki ein gewaltsames und bestürzendes “memento mori” dar.
Als Alternative zur eigenen menschlichen Endlichkeit gibt es nichts außer
Vezas Zuneigung und der intellektuellen Arbeit. In diesen Jahren erschöpft
sich der Autor mit dem Verfassen von Masse und Macht, dem monumentalen
Essay, der ihn noch lange Zeit ins Anspruch nehmen wird. Erst 1959, als das
Werk schließlich abgeschlossen ist, fühlt Canetti, dass er Frieden gefunden
hat. «Ich weiss, dass ich mit diesem Buch eine Art von Unsterblichkeit erlangt
habe, und wenn ich morgen sterben sollte, habe ich nicht umsonst gelebt.»
Il Sole 24 Ore – 26 Agosto 2007
Nach der Eroberung Berlins
plünderten die russischen Soldaten systematisch die Stadt. Es fiel Kapitän
Besymenski zu, den Bunker Hitlers zu inspizieren. Dort fand er eine große
Anzahl versiegelter Behälter, bereit zum Abtransport auf den Obersalzberg, die
Sommerresidenz des Diktators. Da der Führer tot war, gingen die Kisten auf die
Reise nach Moskau. Mehr als sechzig Jahre später konnte dank der Tochter des
Kapitäns der SPIEGEL ihren Inhalt einsehen, der bis heute ein Rätsel geblieben
ist, da Besymenski niemals in der Öffentlichkeit über seinen besonderen Fund
hat sprechen wollen. Es handelt sich zum Großteil um die private
Plattensammlung, mit der Adolf Hitler gern seine Freizeit verbrachte, wenn er
sich von seinem Projekt, die Welt zu erobern, ablenken wollte. So erfahren
wir, dass Hitler außer den zu erwartenden Wagner und Beethoven unter Hitlers
Lieblingsaufnahmen auch Werke von Borodin, Tschaikovskij, Rachmaninov, sogar
von dem Violinisten Bronislav Hubermann und dem Pianisten Artur Schnabel,
beide von jüdischer Abstammung. Alle diese Künstler waren von den Nazis
verfehmt. Letztere konnten sich aber auch nicht sonderlich für die Filme von
Micky Maus erwärmen, nach denen Adolf Hitler hingegen verrückt war.
Il Sole 24 Ore – 12. August 2007
«Ich, ein Deutscher in Guantanamo»
Wenn man sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet, kann das üble Folgen
haben. Für Murat Kurnaz sogar die übelsten. Das Ergebnis: Guantanamo.
Er selbst erzählt uns von seiner Odyssee des Terrors in einem in Deutschland erschienenen Buch – es wird in Italien bei Bompiani verlegt werden –, das die deutsche Presse als eindringliches «Dokument der Folter und systematischen Barbareien» beschreibt, die dem jungen Mann von den Vereinigten Staaten zugefügt wurden (Fünf Jahre Meines Lebens, Rowohlt, Berlin 2007, 286 S., 16,90 €).
Als deutscher türkischer Herkunft durchlebte der junge Murat in seinen Jahren in Bremen die typischen Integrationsprobleme der “Gastarbeiter”-Familien. Traditionen und in den heimischen vier Wänden angenommene Verhaltensweisen versperrten oftmals die vollständige Integration in die Adoptiv-Heimat. Seine physische Erscheinung sicherte ihm schon mit sechzehn Jahren ein gewisses Auskommen, das er als Türsteher in de von türkischen Immigranten besuchten Diskotheken arbeitete. Mit reiferem Alter begann Kurnaz sich jedoch zu fragen, ob diese riskante und materialistische Existenz wirklich alles sei, was er im Leben erreichen wolle. Er fand die Antwort, indem er in die Moschee ging und mit Stolz seine – bis dahin vernachlässigte – Identität entdeckte: als Mitglied der islamischen Gemeinde. In der Zwischenzeit verlobt er sich auf Betreiben der Eltern hin vorsorglich mit einem Mädchen in der Türkei. Aber bevor er in die Ehe geht, entscheidet er sich – ohne jemandem einen Hinweis zu geben – mit ein paar Freunden eine Reise nach Pakistan zu unternehmen, um seine Korankenntnisse zu vertiefen. Das war im Oktober 2001, einige Wochen nach dem Angriff auf die Twin Towers. Die Amerikaner sind bei der Invasion Afghanistans gegen das Taliban-Regime. Kurnaz wird die Unvernunft seiner Wahl teuer bezahlen.
Einige Monate später, während der junge Mann nach dem Studium in verschiedenen Koranschulen auf dem Weg nach Hause ist, hält ihn die pakistanische Polizei an, so dass er sein Flugzeug nach Deutschland verpasst. Es ist der Beginn einer absurden und schrecklichen Reise, die aus der Fantasie eines Kafkas der Gegenwart entsprungen zu sein scheint. Nach einigen Tagen in der Zelle wird der Gefangene nach Kandahar gebracht, «ohne rechtliche Begründung und ohne gesetzlichen Beistand», wie auch das Europäische Parlament in einer Resolution über die illegalen Aktivitäten der amerikanischen Geheimdienste feststellte (www.europarl.europa.eu/comparl/tempcom/tdip/final_ep_resolution_de.pdf).
Die Hoffnung auf eine schnelle Freilassung weicht dem ängstlichen Bewusstsein, nun ein Gefangener ohne Rechte zu sein. Der einzige Glücksfall dieser frühen verwirrenden Wochen ist, dass er einen Bombenangriff auf das Gefängnis unbeschadet übersteht.
Murat erreicht das Ziel seiner Entführung nach einem langen Flug den er angekettet im Bauch einer Transportmaschine verbracht hat, mit verbundene Augen und einigen amerikanischen Soldaten ausgeliefert. Auf der berüchtigten amerikanischen Basis Guantanamo erwarten ihn fünf endlose Jahre voll ständiger Verhöre, Entbehrungen, Leiden und Foltern aller Art. In der äußersten Illegalität wird Kurnaz täglich von gewalttätigen Wachmännern misshandelt, deren Hauptziel die systematische Demütigung der Gefangenen ist. Für den Wächter ist es schon ein Automatismus, auf den Teller des Gefangenen zu spucken, bevor er ihn ihm reicht. Hungerstreiks und Rebellion führen nur zur Verschärfung der Pein. Einige Male sind bei den Befragungen auch Agenten aus der Bundesrepublik Deutschland anwesend.
In Guantanamo ist das einzige wirksame Gesetz das der reinen Willkür. Das Fehlen einer klaren Verhaltensregel führt dazu, dass sich jedes Gehorchen oder Verweigern plötzlich in sein Gegenteil verkehren kann. Das Ergebnis ist die fortwährende Bestrafung des Gefangenen für das Verletzen von Normen, die ihm zum großen Teil unbekannt waren. Die Gefängnisordnung auf dem amerikanischen Stützpunkt ist unmenschlich gegen die schuldigen Gefangenen, schrecklich für die unschuldigen und korrumpierend für die Wachen. Jenseits der offiziellen Verlautbarungen – so die unmittelbare Erfahrung von Kurnaz – ist in Guantanamo jede Wache nach dem Willen der Regierung gehalten, mit stumpfer und sadistischer Grausamkeit vorzugehen. Übrigens hat derselbe George Bush mit der jüngsten Stellungnahme gegen die «unmenschliche Behandlung der Gefangenen in Guantanamo» nichts anderes getan, als zu zeigen, in welchem Maße die Quälereien in dem berüchtigten exterritorialen Gefängnis auf Kuba bislang an der Tagesordnung waren. Doch die Schuld der illegalen Freiheitsberaubung lastet auch auf Bundeskanzler Schröder und seiner Regierung, die, obgleich sie schon seit 2002 von der völligen Unschuld des jungen Mannes Kenntnis hatten, es vorzogen, einen Mitbürger in den Fängen der amerikanischen Geheimdienste zu lassen. Nur dank des Einschreitens der neuen Regierung unter Angela Merkel konnte der Unglückliche als freier Mann in die Heimat zurückkehren, nachdem er sogar seine letzten Stunden auf dem Flug nach Europa angekettet verbringen musste.
Wenn man tatsächlich Entführungen von unschuldigen Ausländern durch die Vereinigten Staaten nachweisen könnte, «mehr oder weniger gedeckt von den nationalen Regierungen, die jedoch die Angelegenheit ihren Bürgern gegenüber verschwiegen haben», schreib vor einigen Jahren der Historiker Joachim Fest im Domenicale, «wäre dies ohne Zweifel ein Skandal, sowohl für die Amerikaner als auch für die europäischen Mächtigen».
Der Fall des Murat Kurnaz hat Fests Sorge in trauriger Weise bestätigt.
Il Sole 24 Ore – 29. Juli 2007
Anmerkung: Zur Zeit dieser Geschehnisse besaß Murat Kurnaz formal nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, doch wurde er in Deutschland geboren und hat hier sein ganzes Leben als freier Mann verbracht.
Nun spioniert uns Beppe auch in Bagdad
aus
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Er beobachtet uns in Fahrstühlen rund um die Welt. Verfolgt uns, belauscht
uns, forscht uns aus. Auf dem Papier, im Internet, auf Video. Er zeichnet alle
unsere Verrücktheiten auf. Er ist die Nemesis jedes Landsmannes im Ausland.
Beppe Severgnini.
Bist du in Vilnius und verträgst die gefüllten Kartoffeln nicht? In Tokyo hast du genug vom Sushi-Essen? Suchst du provinzielle Zuflucht bei einem heimischen Pastagericht? Wehe dir, wenn Beppe dich erwischt: Auf Io Donna wirst du vom Reisenden zum Touristen degradiert. Du siehst deinen Fehler ein, wenn du sein Online-Forum befragst, das Handbuch des Severgnini-Denkens, in dem jeder Text ein Vorwand dafür ist, wie “cool” es ist, Italians zu sein. Um dem Club beizutreten musst du die kühnen Alliterationen lieben, mit denen der Montanelli-Zögling seine Artikel regelmäßig veredelt. Und du musst dir natürlich die komplette Sammlung der Interismi anschaffen. Signiert vom Autor. Alle drei Bände. In dreifacher Ausfertigung. Denn Beppe wirst du nicht entkommen. Der “kleine Mann im Regenmantel” (auch im Juli?) verfolgt dich überallhin – vornehmlich am Steuer eines Lancia Appia –, begierig, dir jedes Detail seiner blau-schwarzen Fussball-Leidenschaft auseinander zu setzen. Sich jetzt noch vor dem angegrautesten Journalisten des Web zu retten, ist ein seltenes Unterfangen. Und als ob das nicht genug wäre, kommen jeden Sommer pünktlich wie die Steuererhebung unvermeidliche Aufrufe zugunsten Sardiniens von einem von Myrten umgebenen Severgnini. Zu viele Touristen in Gallura, jammert der Unsrige! Oh Monstrum: Allesamt Leser, die nach Dir, Beppe, begierig sind.
Schluss damit. Der Zeitpunkt ist gekommen, um zu handeln. Retten wir die Sarden! Retten wir uns selbst! Schicken wir Severgnini in den Irak! Da er ja La testa degli italiani [den Kopf der Italiener. Deutscher Titel: Überleben in Italien] so gut kennt, wird er ja vielleicht erklären können, wie es den Italienern gelungen ist, in eine Friedensmission aufzubrechen und dabei den Bombern Geleitschutz zu geben. Und vielleicht wären seine Lezione semiserie [unernsten Lektionen] in Englisch da unten endlich einmal jemandem von Nutzen.
Und was schadet es, dass Beppe Bassora nicht kennt? Man wird irakisch, [vgl. sein Buch Italiani si diventa (Man wird Italienisch)]! Im Grunde ist ja nichts unmöglich für jemanden, der mit einem Segway einen “test drive” fährt. Die Wahrheit ist: Beppe kann alles. Allein ihm ist es erlaubt, im Heimatland die Italiani con valigia [Koffer-Italiener] zu kritisieren, weil sich Geschmacks-Nostalgiker im In- und Ausland riesige, jedoch recht un-britische Festmähler organisiert haben. Denn wenn er verreist, ist für BS jede Etappe eine Pizza. Und überall lässt Beppe es ballern: In New York würde er sogar einem iPhone die Schau stehlen!
Im Irak gibt es weder das eine noch das andere. Also lasst uns einmal die Amerikaner in Schnelligkeit übertrumpfen! Schluss mit Beppe in Bologna, Belluno und Bozen! Schluss auch mit Beppe an der Uni Bocconi!
Befördern wir endlich Beppe nach Bagdad!
Il Sole 24 Ore – 22. Juli 2007
Kommentar von Beppe Severgnini, dem ich im Zug zufällig begegnet bin
Der Altar auf dem Eisernen Vorhang
«Bei uns dauert die Besetzung nicht
länger als vierundzwanzig Stunden», pflegte Franz Joseph Strauß (1915-1988),
mehrmals deutscher Finanzminister und vor allem Regierungschef und “heiliger
Patron” Bayerns, stolz zu erklären. Wie es jedoch oft vorkommt: Je strikter
die Norm, desto eklatanter die Ausnahme. Es geht um die
Ost-West-Friedenskirche in München. Sie befindet sich in einem völlig
illegalen Gebäude, versteckt auf dem Gelände des Olympiaparks. Der Russe
Timofej Prochorow hat sie im Auftrag der Heiligen Jungfrau errichtet, wobei er
sich selbst provisorisch zum Laienpopen ernannte, nachdem er durch halb Europa
gereist war und den zweiten Weltkrieg überlebt hatte. Über das Leben Timofejs
vor seiner himmlischen Vision weiß man wenig. Es scheint, dass er 1894 an den
Ufern des Don geboren wurde und als Küchenhilfe bei den mit den Nazis
verbündeten Kosaken gedient hat. Nachdem das Dritte Reich besiegt war, begann
für ihn eine unstete Existenz zwischen Dörfern in Trümmern und zerstörten
Städten. Auf dem Rückweg in die Heimat –
so erzählte er später –
erschien ihm die Heilige Jungfrau in einer Feuersäule, um ihm zu verkünden:
«Es gibt keinen Weg nach Hause. Geh in den Westen und errichte eine Kirche für
den Frieden in Ost und West.» Timofej gehorchte und machte sich wieder auf den
Weg. Zu Hause ließ er eine Frau und zwei Kinder zurück. Aber jetzt war er auf
dem Weg im Auftrag Mariens. Er kam nach Österreich und lernte Natascha kennen.
Die Landesgenossin unterstützte ihn auf der Suche nach dem Ort, wo die Kirche
zu bauen wäre. In München werden sie ihn finden. Es war eine Wiese, auf der
die Einwohner, die den Bombardierungen entkommen waren, die Trümmer der
zerstörten Häuser sammelten. Zuvor hatten die Nazis sie benutzt, um
militärische Übungen abzuhalten. Noch früher wurde sie von BMW als Testgelände
für die Flugzeugmotoren gebraucht, die sie in der nahen Fabrik herstellten.
Timofej verwandelte das Feld in einen Ort des Friedens. Bei Tag und Nacht (bei
Kerzenschein) arbeitend baute er zusammen mit Natascha von 1952 bis 1953
zunächst eine Kapelle, dann ein Häuschen und schließlich eine ganze Kirche,
wobei er das gesamte Baumaterial von dem nahen Hügel aus Trümmern holte. In
den folgenden Jahren stattete er sie geduldig mit einer Unmenge an Kreuzen und
Heiligenbildern aus, die er teils geschenkt bekam, teils aus den Überresten
barg. In Ermangelung eines besseren Schmuckes dekorierte er die Decke des
Kultraumes, indem er sie mit Stanniolpapier bedeckte. Und während München zur
Normalität zurückkehrte und seine alten Stärken wieder fand, lebten Natascha
und Timofej als Eremiten und kultivierten ihren Garten: ohne Elektrizität,
Heizung und Trinkwasser.
Die Stadtverwaltung trat erst gegen Ende der Sechziger Jahre an sie heran, als
klar war, dass auf 2500 m2, die das merkwürdige Pärchen besetzt hatte, die
Anlagen für die Olympiade 1972 errichtet werden sollten. Die Stadt wollte
alles abreißen, aber die Bevölkerung protestierte zugunsten Timofejs. Bis der
Architekt Günther Behnisch, der mit dem Bau des neuen Olympiastadions
beauftragt war, neugierig wurde und der Kirche einen Besuch abstattete. Er
trank einen Wodka mit dem Popen und wurde davon überzeugt, dass das Kirchlein
unbeschadet erhalten bleiben solle. Der SPIEGEL erkläre “Väterchen Timofej”
zum ersten Sieger der Olympiade. Als dieser die achtzig Jahre erreicht hatte,
beschloss er nach etlichen Jahrzehnten des Konkubinats, Natascha offiziell zu
heiraten. Mitte der Siebziger Jahre unterbrach der Tod der Frau einen Prozess
wegen Bigamie gegen den Einsiedler, der wegen der Pflichten seiner Amtes
angestrengt worden war. Den Rest seiner Tage verbrachte das Väterchen umgeben
von der Zuneigung und Pflege der Besucher. Er sprach wenig, aber schenkte
jedem ein Lächeln. Auch Sergej Kokasin, einem Wiener Handelsvertreter, der
eines Tages, als er sich geschäftlich in der Stadt aufhielt, aus Neugierde den
merkwürdigen Einzelgänger besuchte. Das Treffen war ihm eine Erleuchtung. Er
erkannte, dass er dieses bärtige Gesicht schon mal gesehen hatte: Jahre zuvor
war es ihm im Traum erschienen! Und so bekehrte auch er sich zu der
marianischen Mission Timofejs. In den letzten Jahren wurde der eine
Berühmtheit. Sein Geburtstag wurde offiziell gefeiert, samt Besuch des
Bürgermeisters, der ihm die Glückwünsche der Bürger überbrachte. Väterchen
dankte der Stadt, indem er auf seiner kleinen Orgel ein Liedchen zu Ehren
Marias klimperte. Immer das gleiche. Er kannte kein anderes. Als er starb,
nahm die halbe Stadt an seinem Begräbnis teil, um ihm die letzte Ehre zu
erweisen. Er wurde 110 Jahre alt. Das ist viel, aber nichts im Vergleich zu
seinem wahren Alter. Bis zuletzt behauptete er, mindestens zweitausend Lenze
auf dem Buckel zu haben. Er schloss seine Augen heiter, den er wusste, dass er
seine Aufgabe erfüllt hatte: Den “Eisernen Vorhang” zu überwinden, dank der
Hilfe der Jungfrau Maria und seinem illegalen Kirchlein.
Kirche für den Frieden in Ost und West, München, Spiridon-Louis-Ring 100.
Il Sole 24 Ore – 8. Juli 2007
Vergessen Sie nicht die Faulheit
Im Sommer verreist man, am besten mit einem Vorrat an Büchern. Wer jedoch
während eines Auslandsaufenthaltes Italiopoli von Oliveiro Beha (aus
dem neu gegründeten Verlag Chiarelettere: Glückwunsch! Lektürezeit: drei Tage)
durchblättert, eine eindringliche und gut dokumentierte “damnatio patriae”,
und gar parallel L’economia della pigrizia von Roberto Petrini
(Laterza, ein Vormittag) liest, läuft man Gefahr, nicht mehr ins “Land, wo die
Zitronen blühen” zurückkehren zu wollen. Umgekehrt plant der Protagonist aus
Il Ponte von Vitalino Trevisan (Einaudi, ein Nachmittag), auch wenn es
ihn für die Dauer des kurzen, straffen Romans nach Deutschland verschlagen
hat, die nächste Rückreise in das verhasste Veneto, das er vor Jahren
freiwillig verlassen hatte. Auch alle Personen im letzten veröffentlichten
Roman von W.G. Sebald, Gli emigranti [dt.: Die Auswanderer],
habe keine Wahl als sich davon zu machen. Mit Gli emigranti (Adelphi,
ein Tag) erzählt uns der deutsche Autor ein bewegendes Fragment über vier
melancholischen Existenzen, perfekt geeignet als Spätsommer-Lektüre, wenn es
schon Zeit ist, über den kommenden Herbst nachzudenken. Denn wenn wir wieder
in den Alltag zurückgekehrt sind, erwarten uns viele kleine und große Kämpfe.
Der Kampf zum Schutz des Laizismus ist einer von den großen, auch weil
derjenige, der die Gesellschaft auf der Basis seiner theokratischen Phantasien
umbauen will, niemals schläft. In seinem
Pamphlet Non abusare di Dio (Rizzoli, ein Tag) zeigt Gian Enrico
Rusconi mit der gewohnten Schärfe die Begriffe und die Wichtigkeit der
Fragestellung auf: ein Essay, bestens geeignet für alle, die sich Klarheit
wünschen, und nicht nur im Sommer. Was Lektüren am Strand angeht, kann kein
Sommerurlaub, der etwas auf sich hält, ohne das Eintauchen in einen Thriller
auskommen. Hier hilft Scritto nelle ossa [orig.: Written in Bones]
(Bompiani, vier Tage), der zweite Fall des Pathologen David Hunter, geschaffen
aus der Phantasie noir des Simon Beckett. Il paradiso maoista
[orig.: Gather Yourselves Together] (Fanucci, drei Tage) erwartet
dagegen jenen, der sich in einem Band des visionären US-amerikanischen Autors
Philip K. Dick verlieren will, dessen erster, vor mehr als fünfzig Jahren
geschriebener Roman nun endlich in Italien veröffentlicht wurde.
Il Sole 24 Ore – 8. Juli 2007
Heute ein freier Bürger Europas, wurde Imre Kertész jedoch als Kind nach
Auschwitz deportiert und lebte dann lange Jahre unter dem Regime des
ungarischen Kommunismus. Im Roman eines Schicksallosen, seinem ersten
und glänzenden autobiographischen Roman, leiht Kertész Gyruka seine Stimme, um
ihn auf die grauenvolle Reise des Kommens und Gehens von und zu den Lagern der
Nazis zu schicken, erlebt von dem jungen Protagonisten mit überraschendem
Fatalismus. Erschienen nach zehn Jahren der Vorbereitung und der fortwährenden
Arbeit am Text – der kurze Roman vergeht schnell, doch jedes einzelne Wort ist
vom Autor lange abgewogen worden –, wurde er von der Presse des Regimes völlig
ignoriert, was zu einer Krise führte, die später in dem erfolgreichen Roman
Fiasko Verarbeitung fand. Mit Liquidation und Kaddisch für ein
ungeborenes Kind entwickelt Kertész des Weiteren die persönliche Reflexion
über die Shoah und die notwendigen Kompromisse, um überhaupt vor sich selbst
das Überleben der Vernichtungslager zu rechtfertigen. Das Romanschreiben
begleitet eine umfangreiche Essayistik, für die der Leser Beispiele in der
kürzlich erschienenen Sammlung Il secolo infelice findet. Für sein
Werk, das nach dem Fall des eisernen Vorhangs in ganz Europa bekannt und
verbreitet wurde – vor allem dank dem großen Erfolg seiner Bücher auf dem
deutschen Buchmarkt – hat der ungarische Schriftsteller 2002 den
Literaturnobelpreis erhalten.
Exklusiv für seine italienischen Leser präsentiert der Domenicale einen
Auszug aus einem Interview mit Imre Kertész auf dem Kongreß Perspektiven
Europa, der Anfang Juni an der Akademie der Künste in Berlin abgehalten
wurde (www.adk.de/europa).
Darin reflektiert der Autor über das schwere Erbe Europas, über die aktuellen
Probleme der neuen östlichen Mitgliedsstaaten und seine Hoffnungen für unsere
gemeinsame europäische Zukunft.
Il Sole 24 Ore
– 17. Juni
2007
Staatsoberhäupter umbringen? Das ist
Schwerstarbeit. Im Schnitt gelingt es nur einem von fünf Attentätern, sein
Ziel zu erreichen. Und obwohl die Statistik und lehrt, dass in diesen Zeiten
alle zwei Jahre ein Staatsoberhaupt der Gewalt zum Opfer fällt, kann man
deshalb nicht auf größeres Glück der modernen Killer schließen, sondern auf
eine Zunahme an unabhängigen Staaten und also, statistisch, einer Vermehrung
der potentiellen Opfer.
Dies und anderes liest man in Hit or Miss?, einer bemerkenswerten
Studie von Benjamin F. Jones (Northwestern University) und Benjamin A. Olken
(Harvard University), zwei amerikanischen Professoren, die an die dreihundert
Attentatsversuche durchkämmt haben, um die Auswirkungen der Anschläge auf die
Institutionen und auf den Krieg. (Ihr englischsprachiges “Paper” ist über das
Internet frei zugänglich:
www.nber.org/~bolken/assassinations.pdf.)
Von 1875 bis 2004, so weit ist die Untersuchungsperiode der beiden Forscher
gefasst, gab es – exklusive der Staatsstreiche und der im Vorfeld aufgedeckten
Komplotte – 298 Mordversuche an den höchsten institutionellen Stellen eines
Landes. Von diesen endeten nur 59 mit einem Erfolg für den Attentäter. Und es
wären sechzig “Erfolge” gewesen, wenn die Professoren in ihrer peniblen
Aufzählung nicht merkwürdigerweise unseren Gaetano Bresci vergessen hätten,
der am Abend des 29. Juli 1900 König Umberto I. von Savoyen mit
Pistolenschüssen ermordet hat.
Unbenommen der Tatsache, dass für Jones und Olken die alte Frage nach der
moralischen Verwerflichkeit des politischen Mordes unwichtig und ihnen
vielmehr vor allem an der statistischen Analyse des Tyrannenmordes gelegen
ist, erfährt man aus ihrer Studie, dass der effektivste Weg zur Beseitigung
eines Staatsoberhauptes in Verwendung eines Revolvers besteht. Wer den
jeweiligen Machthaber mit einer Pistole zu eliminieren plant, hat eine um ein
Vierfaches höhere Erfolgschance als derjenige, der sich auf Bomben verlässt.
Beim Einsatz solcher Sprengkörper bleibt das Ziel oftmals unversehrt, während
seine Entourage die Konsequenzen trägt. Am 16. April 1925 ließ zum Beispiel
ein Dynamit-Anschlag in der Kathedrale von Sofia den bulgarischen Zaren Boris
III. unversehrt, riss aber hunderte Anwesende in den Tod. Ein völliges Fiasko
auch für den glücklosen Attentäter auf Idi Amin, den afrikanischen Diktator,
der jüngst auf der Kino-Leinwand von einem exzellenten Forest Whitaker in
Der letzte König von Schottland verkörpert wurde. Der Tyrannenmörder
schleuderte mit solcher Gewalt eine Granate, dass sie die Brust des
fettleibigen Diktators traf und... in die entgegengesetzte Richtung
zurückprallte. Viele starben, während Idi Amin Dada quicklebendig und so
schurkisch wie eh und je blieb. Anders ging es da Lee Harvey Oswald: Dank
seines Mannlicher-Carcano-Gewehrs konnte er John F. Kennedy aus erheblicher
Distanz treffen, während der Präsident sich in einem Autokorso befand.
Fertigkeit, Glück, oder ein Komplott? Auch heute noch gibt es viele, die
bezweifeln, dass Oswald die Tat allein begangen habe; die verschiedenen
Theorien wetteifern seit Jahrzehnten, und ab und zu tauchen neue Amateurvideos
vom tragischen Tag auf den Dachböden auf (die letzte Entdeckung vom
vergangenen Februar kann man online anschauen unter
www.youtube.com/watch?v=JY384ITlbTw).
Variable, die für die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Attentats
zusammenkommen, sind das Alter des Führers, die Dauer seiner Amtszeit, das
Demokratielevel, das Pro-Kopf-Einkommen und die Anzahl der Einwohner eines
Landes. Statistisch gesehen kann es leichter geschehen, dass George Bush von
der Hand eines Landesgenossen getötet wird als dass dies dem Afghanischen
Staatschef Harmid Karzai zustößt (300 Millionen potentielle Killer für
ersteren, für letzteren nur 26 Millionen möglicher Attentäter). Wir raten
Karzai jedoch, sich nicht allzu sehr auf die Statistiken zu verlassen.
«Der Attentäter hat niemals die Weltgeschichte verändert», versicherte
Benjamin Disraeli als Kommentar zum Mord an Abraham Lincoln. Und dennoch: Wäre
die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts nicht etwas anders verlaufen, wenn
1939 das verdammte Wetter Adolf Hitler nicht dazu veranlasst hätte, einen
Münchner Bierkeller zu verlassen? Denn der mutige Schreiner Johann Georg Elser
eine Bombe gebaut und dort für ihn deponiert.
Nach Darstellung der beiden Wissenschaftler bringt die physische Auslöschung
des Herrschers bedeutende Veränderungen für die Geschichte des Landes mit
sich, vor allem, wenn ein Diktator sich erst seit kurzem etabliert hat und das
Szepter der Macht noch nicht ganz und gar in Händen hält. Die
Wahrscheinlichkeit eines demokratischen Umschwungs erhöht sich tatsächlich um
13 %. Im Fall eines Scheiterns besteht natürlich die Gefahr, dass der Despot
noch viel blutrünstiger wird und das gescheiterte Attentat benutzt, um die
Macht noch fester in seine Hände zu bekommen. Wenn der Getroffene hingegen der
Repräsentant eines freien Staates ist, in dem die demokratischen Institutionen
großen Respekt in der Bewertung der Einzelnen genießen, dann ist die
Kontinuität in der Regierung normalerweise garantiert.
Weniger klar sind die Entwicklungen im Fall, dass man den Anführer einer
Nation im Kriege beseitigt. Wenn ein «intense war» im Gange ist, also ein
Krieg mit tausenden von Toten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein Mord
in der Regierung zum Frieden führt. Wenn ein Konflikt aber von “niedriger
Intensität” ist, wie im Fall der israelisch-palästinensischen Feindschaft,
führt die Beseitigung der Regierenden nur schwerlich zum Waffenstillstand.
Sicherlich, so die beiden Forscher, führt die Tötung eines nationalen
Anführers so gut wie nie zum Ausbruch eines neuen bewaffneten Konfliktes. Was
ist denn aber mit dem Erzherzog Ferdinand, dessen Ermordung nichts weniger als
den Beginn des ersten Weltkriegs ausgelöst hat? – Statistisch irrelevant,
erwidern Jones und Olken. Und außerdem war Ferdinand kein wirklicher Anführer,
sondern nur der Erbprinz des Habsburgisch-Ungarischen Reiches.
Il Sole 24 Ore – 3. Juni 2007
Herzliche Glückwünsche, Fahrstuhl!
Man verbrachte das Leben auf Treppen. Dann kam der Fahrstuhl. Es geschah vor
einhundertfünfzig Jahren in New York, im Glas- und Porzellan-Warenhaus von
Haughwout & Co. Elisha Graces Otis hatte ihn drei Jahre zuvor erfunden. Der
Tag, an dem er seine Vorrichtung zum Aufwärtstransport von Personen der
Öffentlichkeit vorstellten, wurde als «einer der wahrhaft großen Augenblicke
der Architekturgeschichte» betrachtet. In Wirklichkeit tat Otis nichts anderes
als einen bereits seit Jahrhunderten bekannten Mechanismus zu perfektionieren,
indem er ihn mit einem grundlegenden Zusatz versah: der Fangvorrichtung. Dies
lernen wir, wenn wir die kuriose Studie von Andreas Bernard aufschlagen, die
im Frankfurter Fischer-Verlag erschienen ist.
Die Erfindung von Elisha Graves Otis hinderte die Kabine daran, in die Tiefe
zu stürzen, falls unglücklicherweise die Kabel rissen. «All safe, gentlemen,
all safe», soll er scheinheilig zu den ängstlichen Besuchern gesagt haben,
während er ihnen eine praktische Vorführung seiner revolutionären Erfindung
bot. Doch bevor das Misstrauen gegenüber dem Fahrstuhl überwunden war, sollte
einige Zeit vergehen. Für Jahrzehnte wurde der Apparat vor allem zum Abstieg,
aber selten für den Aufstieg verwendet. In Ihren
Studien zur Hysterie
berichten Breuer und Freud von einem Patienten, der sich sogar Vorwürfe
machte, weil er einige Kinder mit diesem gefährlichen Vehikel vom vierten
Stock hatte herunterfahren lassen.
Mit der Erfindung des elektrischen Knopfes verschwand alle Angst und
Zögerlichkeit vor der vertikalen Bewegungsart. Dank der Bequemlichkeit des
Knopfes hatte der Passagier keinen Kontakt mehr mit den Funktionsmechanismen,
die die eigentliche Fortbewegung steuerten: Um im Zuschauer Angst zu erzeugen,
nutzen Horrorfilme wie
Fahrstuhl des Grauens
gerade das in den mysteriösen Vorgängen des Apparats verborgene Geheimnis aus.
Fahrstühle und Stahlkonstruktionen erlauben es den Städten, immer weiter in
die Höhe zu wachsen. Die Skyline von New York wäre ohne Otis' Erfindung
undenkbar, die Geometrie und Funktionalität des modernen Wohnen
rationalisiert. Wenn die Hauptfigur in Kafkas
Proceß
einen Fahrstuhl hätte benutzen können, hätte er sich wahrscheinlich besser auf
seinem hoffnungslosen Irren durch labyrinthische Gebäude zurechtfinden können.
Einst waren die hohen Geschosse schwer zugängliche Bereiche und deshalb der
Dienerschaft und den weniger betuchten Mitbewohnern zugeordnet. Das galt etwa
für den Protagonisten des Romans
Hotel Savoy
von Joseph Roth, Gabriel Dan, der, da er knapp bei Kasse ist, von der
Geschäftsleitung um sechsten Stock des Hotels untergebracht wird. Während er
die Stockwerke herabkommt, bemerkt er, wie bei geringerer Zahl Luxus und
Komfort für die betuchteren Gäste zunehmen. Genau das Gegenteil von unserer
Zeit, in der jeder Promi, der etwas auf sich hält, ausschließlich Lofts und
Terrassen bewohnt.
Dafür, dass er in zeitgemäßer Weise zugleich öffentlicher und privater Raum
ist, legt heute noch die feine Verlegenheit desjenigen, der sich mit einem
völlig Fremden eine Fahrstuhlkabine teilt, Zeugnis ab. Sofern nicht, wie in
den Werbespots für Deodorant oder in Filmen wie
Lost in Translation,
der beengte Raum in einen faszinierenden Ort des Zusammentreffens und der
Verführung wird. Ganz und gar nicht galt dies für George Simenon, den
Schriftsteller und unverbesserlichen Schürzenjäger, der sich 1933 in einem
Berliner Hotel anstatt mit einer attraktiven Unbekannten zu flirten
unversehens Auge in Auge mit Adolf Hitler wiederfand.
Andreas Bernard, Die Geschichte des Fahrstuhls, Fischer Verlag, 335 S., € 16,95.
Il Sole 24 Ore – 27 Mai 2007
Anita, die nackte Königin der Nächte
Otto Dix machte ihre Sinnlichkeit in einem feuerroten Gemälde unsterblich.
Anita Berber, die Königin der Tänzerinnen in den “Golden Twentiews”, den
Goldenen 1920er Jahren in Berlin. Dix zeigt sie maliziöser Weise in ein so eng
anliegendes Kleid gehüllt, dass ihre attraktiven Formen noch stärker betont
werden. Da Anitas ganzes Talent in ihrer unwiderstehlichen Erotik lag, mit der
sie jeden Abend ein Publikum verzauberte, das von ihren leicht bekleideten
Vorführungen begeistert war.
Vom waghalsigen Leben dieser Anita Berber handelt Lothar Fischers interessante
Biographie, die reich mit Illustrationen versehen ist [Anita Berber, Göttin
der Nacht, Edition Ebersbach, Berlin, 206 S., € 25].
Anita wird als Künstlertochter 1899 in Leipzig geboren. Ihr Vater war
Violonist und ihre Mutter sang im Cabaret. Nach der Scheidung der Eltern
brachte ihre Mutter sie nach Berlin, wo Anita die berühmte Tanzzschule von
Rita Sacchetto besucht. Schnell überflügelt die Schülerin die Lehrerin und die
junge Frau macht sich Rita zur Feindin. Kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag
tritt die Berber zum ersten Mal allein auf. Der warme Applaus des Publikums
bringt ihr Freude und Sicherheit und öffnet ihr den Weg zur offiziellen Weihe,
die 1921 in Hamburg stattfand. Im berühmten Viertel St. Pauli – damals ein
Treffpunkt von Künstlern und Sängern, heute eher bekannt durch das berühmteste
Rotlichtviertel Deutschlands – zeigt sie sich zum ersten Mal mit der Nummer,
die sie später berühmt machen wird. Sie tanzt völlig nackt, nur mit ein wenig
Schmuck: ein Skandal, eine Sensation, ein überwältigender Erfolg! «Ihr Körper
war so vollkommmen, dass Ihre Nacktheit nie obszön wirkte», erinnerte sich
später Leni Riefenstahl, damals Tänzerin und zukünftige Regisseurin der
triumphalen Nazi-Filme.
Nur eine einzige andere Tänzerin hat ihr Publikum so sehr Kopf stehen lassen:
Isadora Duncan, als sie es am Beginn des Jahrhunderts zum ersten mal wagte
barfuss zu tanzen. Anita strahlte eine Erotik aus, die Frauen und Männer
faszinieren konnte. Im Lauf ihres kurzen Lebens hat sie gleichermaßen die
Herzen der einen wie der anderen gebrochen. «Anita Berber war ein Ausbund an
Amoralität. Aber fabelhaft!» bemerkt die Schauspielerin Hertha von Walther und
bekennt, dass auch sie dem einnehmenden Zauber der Berber erlegen war.
1919 heiratete diese Eberhard Nautilus, das “schwarze Schaf” einer ehrenvollen
aristokratischen Familie. Die Ehe währte nur kurz, da Anita mehr an Sebastian
Droste als an ihrem Ehemann interessiert war. Nicht aus Liebesleidenschaft
(Sebastian ist homosexuell), sondern wegen gemeinsamer Interessen. Droste ist
Tänzer, Choreograph, Dichter und Maler. Für Jahre bildeten die beiden ein
eingespieltes und skandalöses Paar. Auf ihrer Rundreise durch Mitteleuropa
machen beide gern Station in Wien, wo Karl Kraus den Skandal mit Wohlgefallen
zur Kenntnis nimmt und mit Interesse verfolgt, dass sie ihre «Tänze des
Grauens, des Lasters und der Ekstase» den Wienern anbieten und damit Erfolge
und Vorwürfe wegen Verletzung der Schamhaftigkeit ernten. Als wenn das nicht
genug wäre, hat Droste auch noch eine Schwäche für Betrug und
Urkundenfälschung. Um der Justiz zu entkommen, wird er gezwungen sein nach
Amerika zu fliehen. Zu den Erfolgsstücken des Duos Berber-Droste zählen auch
die Balette Morphium und Kokain. Es ist die künstlerische
Umsetzung ihrer gemeinsamen Leidenschaft für die Drogen, von denen Berber mehr
und mehr abhängig wird, bis sie sich schließlich öffentlich Dosen Kokain
verabreicht, während sie im Café sitzt.
Anita verursacht nicht nur durch ihren Tanz Skandale, sondern bringt ihre
Erotik auch auf die Leinwand. Der Regisseur Richard Oswald will sie als
Hauptdarstellerin in seinen heiklen Filmen. Im Film Die Prostitution
spielt sie Lona, eine Hure, die sich dem Weltgericht aussetzt. Doch das
gefürchtete Gerichtshof zeigt sich von der liberalen Seite. Lona und ihr
Metier werden freigesprochen. Anitas Grazie entging auch Fritz Lang nicht, für
den Tanz im Smoking in seinem Gilm Doktor Mabuse.
Während einer Tournee in Kairo infiziert sie sich mit Tuberkulose. Ihr junger
Körper, strapaziert von jahrelangem Exzess, kann ihr nicht viel
entgegensetzen. Sie stirbt kaum dreißigjährig in Berlin. Mit ihr stirbt ein
sinnliches und zügelloses Jahrzehnt, dessen Erinnerung bald unter den Nazis
ausgelöscht werden wird.
Il Sole 24 Ore – 20. Mai 2007
Der Plan, den Führer zu stürzen
Die Entdeckung Peter Hoffmanns über
die von General Henning von Tresckow verfassten Pläne zu einem Attentat auf
Hitler 1943 – eine Entdeckung, von der Hoffmann in der vergangenen Woche
exklusiv die italienischen Leser des Domenicale berichtet hat – hat ein
breites Echo unter internationalen Wissenschaftlern gefunden.
«Das Dokument ist ein neues Stück für das Bewusstsein, dass ein Konsens über
Hitler und die Nazis in den militärischen Rängen keineswegs selbstverständlich
war» erklärte Luciano Canfora gegenüber Il Sole 24 Ore. «Das alte
Deutschland, das preußische, militärische oder militaristische, aus langer
Tradition konservative hat sich niemals wirklich mit dem Nazitum
identifiziert. Diese Dokumente geben ein sehr viel genaueres Bild von dem ab,
was wir in der Gesamtschau zu betrachten gewohnt sind. Hoffmanns Entdeckung
ist eine wichtige Neuerung. Leider müssen wir die Würdigung dieser Pläne mit
der Enttäuschung ihres Scheiterns verbinden.» Für Gian Enrico Rusconi ist es
nach der Wiederentdeckung Hoffmanns klar, dass man Tresckow als
«Schlüsselfigur» des aktiven Widerstandes gegen Hitler anzusehen hat. Doch
obwohl die Opposition der Militärs gegen den Führer «eines der höchsten und
schönsten Elemente der deutschen Geschichte der Kriegsjahre» sei, erinnert
auch Rusconi daran, dass auch die detaillierte Planung des Attentats und
seiner Folgen des Scheitern des ganzen nicht verhindern konnte. Auch für Ian
Kershaw, Autor einer monumentalen Biographie des Führers, bleibt das generelle
Bild des Widerstands im deutschen Militär das «einer Minderheit mutiger
Wehrmachts-Offiziere, angetrieben von starken ethischen Prinzipien und bereit
ihr Leben zu riskieren, um der Regierung Hitlers ein Ende zu setzen, der nur
Zerstörung und Unmenschlichkeit gebracht hatte.»
«Ich habe den größten Respekt vor den Dokumenten, aber ich misstraue dem
Fetischismus», unterstreicht Rusconi: «Hoffmanns Entdeckung ist revolutionär
auf der Ebene der Archiv-Forschung, aber nicht, was die Substanz der Sache
angeht. In der Realität zeigen die Verbrechen der Wehrmacht, dass das Militär
den Kreig im Osten als Vernichtungskrieg geführt hat. Es gab wenig Opposition
gegen Hitler. Keine Entdeckung, so verdienstvoll sie auch sei, kann diese
Tatsache verändern. Als in den Jahren ‘45 bis ‘47 der deutsche Staat wieder in
Bewegung kam, herrschte übrigens ein großes Misstrauen gegenüber den
Opponenten gegen Hitler. Wenn wirklich ein großflächiger Widerstand existiert
hätte, mehr oder weniger virtuell, wie Hoffmann zugibt, hätte er sich
wenigstens im Nachhinein gezeigt. Doch im Gegenteil ist Stauffenberg Held
zuerst mit Zähneknirschen akzeptiert worden.»
Von dieser Zögerlichkeit, diejenigen zu loben, die den Eid auf den Führer
gebrochen haben, gibt auch Indro Montanelli direktes Zeugnis, als er in den
ersten Jahren nach der deutschen Kapitulation nach Deutschland reiste, um an
Morire in Piedi zu arbeiten, seiner in Buchform veröffentlichten
Umfrage zu den Verschwörern vom 20. Juli. Heute hingegen wird das Heldentum
eines Stauffenberg oder Tresckow öffentlich anerkannt – ein Zeichen dafür,
dass die Arbeit an der kollektiven Reflexion über die Vergangenheit, die die
Bundesrepublik in diesen Jahrzehnten geleistet hat, eine positive Wende
genommen hat. Übrigens wären dramatische Filme wie Oliver Hirschbiegels Der
Untergang oder ironischen wie Dany Levis neuester Film Mein Führer
in Deutschland bis vor kurzem undenkbar gewesen, und auch heute erregen sie
bei Erscheinen noch heiße Polemiken und Debatten.
Für Lutz Klinkhammer, Wissenschaftler am Instituto Germanico in Rom ist
Hoffmanns Überzeugung von der breiten Zustimmung zu Tresckows Plänen von
Seiten der Obersten Heeresleitung Ergebnis einer «zu weitgehenden
Interpretation. Auch wenn es diese Unterstützung wirklich gegeben hat, konnte
sie sicherlich nur wenige Ausführende finden. Denn die ideelle Zustimmung zu
einem Plan ist eine Sache, der aktive Widerstand aber eine ganz andere. Nur
wenige sind letztlich so weit gegangen.» Außerdem: Selbst wenn diese wenigen
ihr Ziel erreicht hätten, Hitler auszuschalten, ist es nicht gesagt, dass dies
dem Nazi-Horror ein Ende gesetzt hätte. Laut Canfora ist der Tyrannenmord «am
Ende vielleicht nutzlos, denn das Entscheidende ist, die Macht des Despoten
politisch zu überwinden: Entweder man unterstützt die völlige Ausschaltung
einer ganzen Gruppe von Herrschenden von Seiten einer geheimen Gruppe, die
organisiert und in der Lage ist, jene sofort zu ersetzen, oder es kann
geschehen, dass der Tyrannenmord zu einer Festigung der verwundeten Macht
durch den entschlossenen Schutz der bestehenden Ordnung führt. Trotz allem ist
beim aktuellen Stand unserer Kenntnisse Tresckows Versuch, Hitler zu töten,
der komplexeste, am besten durchdachte und vorausschauendste von allen.»
Im Vergleich zum Plan Tresckows, der auch die Festsetzung Görings, Himmlers
und Ribbentrops durch der Verschwörung treu ergebene Truppen vorsah, war der
Versuch vom 20. Juli 1944, in Kershaws Worten: «übereilt und schlecht
ausgeführt».
Doch mehr noch als in der Existenz einer detaillierten Projekts mit dem Ziel
die gesamte Nazi-Führung zu lähmen, liegt für den englischen Historiker die
wahrhafte Neuigkeit der Entdeckung «in der Tatsache, dass die Pläne Tresckows
uns in schriftlicher Form überliefert sind». Bislang sind diese Dokumente in
den Archiven des KGB in Moskau verborgen gewesen. Auch für Klinkhammer «liegt
die eigentliche wissenschaftliche Entdeckung nicht im Inhalt der Dokumente,
sondern in der Möglichkeit, auf sie zuzugreifen. Dieser Fund macht deutlich,
wie viel noch in Moskau versteckt liegt. Und vergessen wir nicht» – schließt
der Wissenschaflter – «dass es noch andere ehemals sowjetische Archive gibt,
die das umfassendste Material der Zeit vor
‘45
enthalten, deutsches und italienisches, das die Rote Armee beschlagnahmt hat.
All das ist ein Schatz, der bis heute noch vollkommen verborgen ist.»
Il Sole 24 Ore – 6. Mai 2007
Ein Manuskript als
Geschenk von Jelzin
Während des G8-Gipfels in Denver 1997 erkundigte sich Helmut Kohl bei Boris
Eltsin, ob es in Moskau Dokumente über den deutschen Widerstand gäbe. Im
selben Jahr ließ Eltsin dem Bundeskanzler eine Akte zukommen, die in den
zentralen Archiven des ehemaligen KGB gefunden worden war und ein Manuskript
des Majors Joachim Kuhn (1913-1994) enthielt. Kohl schickte das Material für
ein Gutachten an Professor Peter Hoffmann, einen international bekannten
Historiker, Dozent an der McGill University in Montréal und Autor eines Buches
über Widerstand gegen Hitler und das Attentat vom 20.
Juli 1944,
das auch in Italien bei Il Mulino erschienen ist (Tedeschi contro il
Nazismo. La Resistenza in Germania).
Das Dokument des Major Kuhn enthielt vage Andeutungen über ein von General
Henning von Tresckow (1901-1944) geplantes Attentat auf das Leben Hitlers.
Nach jahrelangen Recherchen hat Hoffmann jetzt in Moskau die schriftlichen
Pläne über das Attentat entdeckt, die Kuhn 1944 in der Nähe des
Führerhauptquartiers versteckt und später selbst ausgegraben und ein Jahr
später dem russischen Geheimdienst übergeben hatte.
Professor Hoffmann hat den sensationellen Fund in einem Aufsatz dargestellt,
in der Aprilausgabe der historischen Zeitschrift Vierteljahrshefte für
Zeitgeschichte, herausgegeben vom Institut für Gegenwartsgeschichte in
München (www.vierteljahrshefte.de)
Exklusiv für die Leser des Domenicale hat Peter Hoffmann seine
Ergebnisse in einem Artikel zusammengefasst, den wir hier präsentieren. Darin
legt er dar, welche Rolle der erste Plan des General Tresckow in dem für
Herbst 1943 geplanten Staatsstreich gegen das Nazi-Regime spielte. Einige
Monate später, am Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli
1944 nahm General von Tresckow sich an der russischen Front das Leben, indem
er sich mit einer Gewehrgranate in die Luft sprengte, in der Überzeugung: «Der
sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine
Überzeugung sein Leben hinzugeben.»
Il Sole 24 Ore – 29. April 2007
Wer schläft, sündigt nicht. Aber er kann eine Frau finden. So ist es dem
Engländer David Brown passiert, dem eine Zahl im Traum erschienen ist. Anstatt
Lotto zu spielen hat David die Ziffern in sein Handy getippt und eine SMS
abgeschickt. Er erhielt Antwort von einer gewissen Michelle, und zwischen den
beiden Unbekannten entstand eine Beziehung, die jetzt in die Ehe gemündet ist.
Und wer weiß, vielleicht zählen die beiden Vermählten zu den Liedern ihrer
Liebe ja auch Yesterday. Es wäre zumindest eine angemessene Wahl
angesichts der Entstehung des Liedes. Denn eines der berühmtesten Motive der
Beatles fiel Paul McCartney zum ersten Mal ausgerechnet während eines
Mittagsschläfchens ein. Im Wachzustand hingegen benutzten Salvador Dalì und
Luís Buñuel 1929 ihre Traumvisionen als Anregungen für die Szenen ihres Films
Un chien andalou, einen der bedeutsamsten Werke des surrealistischen
Kinos. Die Szene, in der eine Auge mit einem Rasiermesser aufgeschnitten wird,
ist die Bearbeitung eines Traums Buñuels, in dem eine lang gestreckte Wolke
den Mond zerteilt. Alle diese Beispiele zeigen, wie unser Gehirn während des
Traumes keineswegs in einen Zustand reiner Passivität absinkt, sondern
vielmehr aktiv ist und darauf gerichtet, die im Wachen erhaltenen Reize zu
verarbeiten. Und während der REM-Phase – der intensivsten – ist es sogar in
der Lage eigenmächtig Informationen zu produzieren, die nicht von äußeren
Reizen herstammen. Kurz: Immanuel Kant musste sich gleichsam über David Hume
ärgern, um aus dem «dogmatischen Schlummer» zu erwachen, in den versunken sich
der Philosoph sah, bevor er mit den Theorien des schottischen Aufklärers in
Berührung kam.
Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden widmet der Schlafanalyse und den
Beziehungen zwischen Schlaf, Traum und Kunst eine originelle Ausstellung
zwischen Wissenschaft und Kultur (Schlaf & Traum,
www.dhmd.de).
Auch wenn wir etwa ein Drittel unsere Lebens im Bett verbringen, stellt der
Schlaf einen der rätselhaftesten Aspekte unsere Existenz dar. Warum schlafen
wir? Warum träumen wir? – Fragen, auf die noch keine definitiven Antworten
gefunden wurden. Sicher ist, dass Schlafmangel dem Organismus nicht bekommt.
Nicht zufällig ist der systematischen Schlafentzug ein klassisches Instrument
der Folter. Wenig Schlaf bedeutet aber eine Gefahr nicht nur für denjenigen,
der darauf beharrt, gewaltsam wach zu bleiben. Jeder kennt den berüchtigten
Sekundenschlaf, der für zahlreiche Verkehrsunfälle verantwortlich ist. Aber
auch Tragödien wie die Explosionen in Tschernobyl und die der Challenger, wie
die Katastrophe des Tankers Exxon Valdez sind teilweise auf menschliches
Versagen zurückzuführen, das durch Schlafmangel im entscheidenden Moment
zustande kam. Peter Tripp blieb 1959 acht Tage lang wach und blieb dabei in
der Lage, regelmäßig seine Radiosendung aus New York auszustrahlen, während er
unter einer Glasglocke auf dem Times Square stand, ohne sich zu versprechen.
Nach dieser Wette mit sich selbst schlief er dreizehn Stunden und wachte
vollkommen erfrischt auf. In der Folge hatte er vier Scheidungen und
zahlreiche berufliche Fehlschläge wegzustecken als Folgen dieser ungesunden
Unternehmung. Wenige Jahre später brach Randy Gardner diesen Rekord: Elf Tage
ohne die Augen zu schließen, aber dafür mit Halluzinationen. Die beiden hatten
es sich wenigstens ausgesucht. Die Kranken, die a