Vita -
Philosophie -
Journalismus -
Literatur - Wirtschaft
Bits - Rring -
Klappe -
Klick -
Gulp
Il Sole 24 Ore
Michael Krüger.
Freie Bahn den Tieren
Mein Androide rockt
Redliche Rhythmen
Vergangenheit, die nicht vergeht
Pharaonische
Tombe für alle
Die älteste Bestrafung der Welt
Männer wie sie im Buche stehen
Zwei in Frankreich, in Deutschland sind schon zwölf
Zur Stunde in Glück sind alle auf ihren Bänken
Welch Kulturleistung, die Hausnummer!
«Was für ein Quengler, der Canetti!»
Des Führers letzte Platten
«Ich,
ein Deutscher in
Guantanamo»
Nun spioniert uns Beppe auch in Bagdad aus ![]()
Der Altar auf dem Eisernen Vorhang
Vergessen Sie nicht die Faulheit
Nobel eines Schicksallosen
Der perfekte Attentäter
Herzliche Glückwünsche, Fahrstuhl!
Anita, die nackte Königin der Nächte
Der Plan, den Führer zu stürzen
Ein Manuskript als Geschenk von Jelzin
Was tun mit den Träumen
Grand Hotel, willkommen zu Hause
Fest. Der Stolz eines Bürgers
Der Angestellte macht die Wolken
Was vom eisernen Reich bleibt
Frauen des Ostens auf der Jagd nach Herzen
Das Buch von Penelope
Swastiken in Halbmond
Imre Kertész.
Ein Jahrhundert in zwei Tragödien
Pfaffenfressen im Paradies
Hesse und Mann geben Gummi
L’espresso
Sachsen ohne Sex
Perlen auf dem Netz
Verbotener Nervenkitzel
Rich people
Süße Laster in Villa Venus
Rapper upper class
Ventiquattro
Carsten Nicolai. Perfektionist des Fehlers
![]()
BMW. Morgenröte in Stahl
![]()
Il Notiziario della Banca Popolare di Sondrio
Giorgio Squinzi, Der chemische Radsportler
![]()
Pupis Frappé
![]()
![]()
RAI
Ludwig II. und Bayern![]()
München und Neuschwanstein![]()
Anderes
Interview mit Johannes Blank,
Veranstalter des UAMO Kunstfestivals 2007 München
![]()
Dichter,
Schriftsteller, Manager, Kritiker und Herausgeber: Der Eklektiker Michael
Krüger ist Chef des Hanser-Verlages in München, eines in Italien viel
beachteten Hauses, da bei ihm die deutschen Übersetzungen von Umberto Eco,
Claudio Magris und, seit kurzem, Roberto Saviano erscheinen. Dieses Jahr hat
Einaudi in Italien
Commedia turinese
[Turiner Komödie], seinen an
den Ufern des Po angesiedelten Roman herausgebracht.
Herr Krüger,
was stimmt Sie optimistisch für 2008?
Das Erscheinen
meines neuen Buches. Es heißt
Die Tiere kommen zurück und erzählt von der Rückkehr der wilden
Tiere in die Städte. Eines Tages wachen wir auf und finden plötzlich mitten
auf der Straße eine große Schafherde. Links erklingt das Trompeten von
Elefanten, recht klettern Affen auf den Bäumen herum. Ich denke, dass unsere
Gesellschaft die Tiere vergessen hat, sie nur als Schlachtvieh oder als
wilde Tiere für den Zoo wahrnimmt. Mit meinem Buch will ich mich dieser
Tendenz entgegenstellen. Es erscheint im Januar mit Illustrationen von Quint
Buchholz, einem der besten Zeichner Deutschlands. Darüber bin ich glücklich
und optimistisch.
Aber sind Sie
optimistisch für das Erscheinen Ihres neuen Buches oder für die Rückkehr der
Tiere?
Sowohl für das eine
als auch das andere.
Doch glauben
Sie, dass die Rückkehr der Tiere, wie Sie sie in ihrem Buch ausmalen, schon
im kommenden Jahr möglich sein wird oder vielleicht erst in zehn oder sogar
hundert Jahren?
Ich denke, dass wir
nicht in dieser Weise fortfahren können mit unserer Zivilisation und so, wie
dieses Jahr eine Initiative für das Klima gestartet wurde, hoffe ich, dass
wir uns im nächsten Jahr auch mit den Tieren beschäftigen werden.
Verraten Sie
mir, wie diese Rückkehr vonstatten gehen wird?
Die Tiere
entschließen sich, das Land, auf dem die Städte gebaut wurden, an sich zu
bringen, und plötzlich sind sie unter uns.
So etwas wie
Terminator in tierischer
Version?
Ja.
Glauben Sie,
dass es einen Krieg zwischen Tieren und Menschen geben wird oder sehen Sie
eine versöhnlichere Lösung?
Ich hoffe auf etwas
Friedlicheres, aber wenn wir Menschen uns keine Mühe geben, dann wird es
Krieg geben.
Sie
beschäftigen sich gern mit wilden Tieren. Auch Professor Rudolf, Protagonist
der
Turiner
Komödie, hat einen Zoo auf der Terrasse eines Palazzo nahe der
Burg gebaut. Ist das ein Zitat des Gartens, den Ludwig II. im Obergeschoss
der Münchner Hofburg angelegt hat, oder eher eine Allegorie des Tierparks
Universität?
Es ist Rudolfs
Versuch eine ideale Gesellschaft zu errichten, die sich allerdings nur unter
Tieren statt unter Menschen entwickeln kann.
Il Sole 24
Ore – 30. Dezember 2007
Die Roboter sind unter uns. Sie laufen, sie tanzen und sie
spielen Violine. Wenn sie Glück haben. Andernfalls bauen sie Autos in einer
Fabrik zusammen, entschärfen Bomben oder spielen Versuchskaninchen für
Zahnmedizin-Studenten, wie ein armer Androide, der auf der letzten
International Robot Exhibition in Tokyo präsentiert wurde (www.youtube.com/watch?v=Vaf-QxhQh6g).
Das Faszinosum für Menschen an Automaten stammt aus der Antike: In den
Schriften des Mathematikers Hieron von Alexandria finden sich Skizzen für
die Konstruktion sich bewegender Statuen, und im achtzehnten Jahrhundert
verzauberten die mechanischen Kinder von Jaquet-Drouz das Publikum, indem
sie kurze Sätze schrieben und Melodien spielten. Der Protagonist in E.T.A.
Hoffmanns Erzählung Der Sandmann ist ebenso von einer mechanischen
Dame angezogen, der es am Licht des Geistes mangelt, und auch in Ridley
Scott’s Blade Runner ist die Attraktion zwischen Mensch und Maschine
so stark, dass sie zu einer erotischen Beziehung wird. Künstlerfantasien?
Nicht für den Wissenschaftler David Levy, der in er letzten Ausgabe des
Magazins Spiegel versichert: «Liebe und Sex mit Robotern werden
unausweichlich sein.»
Neuen und alten Automaten widmet sich eine Ausstellung des Museums für
Kommunikation in Frankfurt a.M., in der vor allem das zwanzigste Jahrhundert
vorherrschend ist. Das gerade vergangene Jahrhundert hat in der Tat das
Eindringen des mechanischen Menschen in unsere Vorstellung gefestigt, und
vielleicht ist es kein Zufall, dass im modernen Märchen Der Zauberer von
Oz Dorothy, die Hauptfigur, einen sanftmütigsten Blechmann zum Begleiter
auf ihren Abenteuern hat.
Der erste humanoide Roboter der Technikgeschichte hieß Eric und wurde
1928 in England gebaut, ein Jahr nach dem Kino-Auftritt der aufregenden
Metallfrau in Metropolis. Eric ähnelte einem Ritter in Rüstung,
konnte die Arme heben, sich auf die Füße stellen und schien – dank einem
Lautsprecher – sogar die Gabe der Rede zu besitzen. Wenige Jahre älter noch
ist freilich das Projekt des Occultus, eines Automaten für
Polizei-Aufgaben, eine nie realisierte Idee, die in den Achtziger Jahren
effektvoll in den Robocop-Filmen wieder aufgenommen wurde.
Konkurrenzloser Star auf der New Yorker Weltausstelltung der Dreißiger Jahre
war Elektro, ein blecherner Faulenzer mit Mussolini-Kopf, der Bälle
aufblasen und Zigaretten rauchen konnte. Unter den Bewunderern Elektros war
auch der junge Isaak Asimov, der sich von ihm zu Robbie, seiner
ersten Robotergeschichte inspirieren ließ. Ganz „made in Europe“ war der
Schweizer Sabor, ein 1945 gebauter uns für einige Jahrzehnte auf unzähligen
Ausstellungen gezeigter Koloss. Sabor war etwa zweieinhalb Meter groß, wog
einige Zentner, und sein Erfinder ließ ihn sich bewegen, tanzen und sprechen
mittels eines versteckten und mit einer Fernbedienung ausgestatteten
Assistenten. Dennoch ist der Riese bei den Damen ein Gentleman, manchmal (so
berichten die damaligen Journalisten) wagt er sogar mit den Zuschauerinnen
zu flirten. Sabor wurde bis in die Achtziger Jahre ausgestellt, bis sich
dann die Robotik mit der Informatik verband und so recht zu explodieren
begann.
Heute werden in Ländern wie Japan jeden Tag neue Wunder präsentiert. Ziel
jedes Konstrukteurs ist es, mit Selbstbewusstsein ausgestattete Maschinen zu
bauen. Doch während die Wissenschaft dies noch nicht erreicht hat, mangelt
es der Kunst nicht an "Fortschritten". Mögen sie auch (noch) nicht denken,
sind doch einige Maschinen zu künstlerischer Produktion fähig. So zumindest
die These der Schirn, des anderen Frankfurter Museums, das eine Ausstellung
parallel mit der Roboterschau den „künstlerischen Automaten“ widmet. Man
kann zum Beispiel Dinger wie die Méta-Matics des Schweizer Künstlers
Jean Tinguely bewundern, in den Fünfziger Jahren konstruierte motorisierte
Mechanismen, die Muster zeichnen können, wenn der Besucher sie in Bewegung
setzt. Angesichts der entstehenden „Meisterwerke“ scheint es niemals Streit
darum zu geben, wer das Urheberrecht an den erzeugten Kritzeleien gelten
machen kann: Tinguely, der Besucher oder die Maschine? Das gleiche bei den
sicherlich harmonischeren Zeichnungen, die das Gerät des Dänen Olafur
Eliasson schafft, ein Apparat, der mittels eines schwingenden Systems von
Pendeln Federzeichnungen anfertigen kann. Kein Zweifel hingegen bei Damien
Hirst, der, um Missverständnissen vorzubeugen, alle Gemälde, die sein
Apparat bei der Aktivierung durch einen Besucher produziert, mit seiner
Unterschrift versieht. Auto-Dalì Prosthetic von Tim Lewis tut dagegen
nichts anderes, als obsessiv die Unterschrift Salvador Dalìs nachzuahmen und
ironisiert auf diese Weise die berüchtigte Habgier des spanischen Künstlers,
der vor allem am Verkauf seiner Gemälde interessiert war.
Einer der ungewöhnlichsten Einfälle stammt von Steven Pippin: ein
(homosexueller !?) Kuss zweier Olivetti-Kopierer, die sich so umklammern,
dass sie sich selbst kopieren. Der Auto Sculpture Maker von Roxy
Paine backt klare oder rote Plastik-Masse in einem fließbandähnlichen
Prozess, der jedoch absichtlich langsam und fehlerhaft verläuft, um jedem
Block eine andere Form als dem vorhergehenden zu geben und so einzigartige
Stücke zu produzieren und die Idee der industriellen Massenproduktion
durcheinander zu bringen. Die Werke von Antoine Zgraggen schließlich werden
jedem gefallen, der die Ausstellung mit Abscheu besucht und die Idee einer
zum Künstler erhobenen Maschine für ein Sakrileg hält. Denn anstatt etwas zu
produzieren sind die Geräte Zgraggens allesamt zum Zerstören, Zerhämmern und
sogar für (automatische) Gesäßtritte gedacht.
Die Roboter Kommen! Museum für Kommunikation, Frankfurt
a.M., Schaumainkai 53.
Art Machines Machine Art. Schirn Kunsthalle, Frankfurt a.M., Römerberg.
Vielleicht
gibt es nichts geschmeidigeres als den Ton. Aus einem Lied können tausend
Variationen, Be- und Umarbeitungen entstehen. In Expertenhänden kann ein
solider Rocksong von U2 sich in eine wilde Dance-Single verwandeln, ohne die
Essenz des ursprünglichen Liedes zu verlieren (außer man denkt wie die
Puristen, jene Anhänger von The Joshua
Tree, die noch das Verschwienden des Vynils trauern).
Wenige wissen überhaupt, dass die verbreitete Praxis des “Remix”, also die
elektronische Dekonstruktion und Manipulation eines Erfolgssongs, ihren
Ursprung auf einer kleinen Karibikinsel hatte. Wir sprechen von Jamaika,
jener unglaublichen Brutstätte für musikalische Genres wie Ska, Rocksteady
oder dem Reggae, der dank Bob Marley so berühmt wurde, dass das
Time-Magazine sein Exodus zum
«besten Album des Zwanzigsten Jahrhunderts» kürte.
In seiner Heimat verbreitete sich die Musik von Marley und Konsorten durch
die Besitzer von Sound Systems, also großer Lastwagen, die sich dank der
Installation von gewaltigen Lautsprechern in fahrende Diskotheken
verwandelten. Zwischen den Sound Systems entbrannte ein harter Wettbewerb,
um sich den originellsten und tanzbarsten Song zu sichern, daher die Idee,
die Hits des Augenblicks zu nehmen und selbst durch erfindungsreiches
Recycling Versionen zu produzieren. Tontechniker wie King Tubby (1941-1989),
Lee “Scratch” Perry (1935) und Errol Thompson (1941-2005) fingen an,
ungewöhnlichen Nutzen aus ihrer eher bescheidenen Aufnahmetechnik zu
schlagen und entwickelten so jenen Musikstil, der später als Dub berühmt
wurde.
Michael E. Veal, Professor für Musik-Ethnologie an der Yale University hat
jetzt das erste Buch herausgebracht, das sich ganz der Geschichte dieses
faszinierenden Musikgenres widmet (Dub. Wesleyman University Press,
Middletown, 338 S., € 23,23).
Im Dub verbinden sich die jamaikanischen Offbeat-Rhythmen, Improvisationen
des Jazz, Uniwirklichkeit des Psychedelic Pop, die treibende Kraft alter
afrikanischer Schlaginstrumente und die technischen Innovationen der
Elektronik.
Im Vergleich zum originalen Reggae-Song betont ein im Studio überarbeitetes
Stück vor allem den Bass das Schlagzeug (so wie der “drum & bass” der 90er
Jahre), unterdrückt die Melodie und verfeinert das ganze durch den maßlosen
Gebrauch von Echo, Halleffekten und Tonproben von überall her, etwa
Kinderweinen, Kuhglocken, TV-Dialoge und Telefonklingeln. Vor allem fällt
beim Dub der Gesang fort oder bleibt meistens fragmentiert, aufs Wesentliche
reduziert, auf seine bedeutsamsten Worte reduziert.
Das Vorherrschen des Instrumentalen erlaubte des den DJs der Sound Systems
mit Gesang und Sprache in den Klangteppich einzugreifen und so eine Praxis
zu schaffen, die später in Amerika durch Rapper berühmt wurde, aber auch von
Dichtern wie Linton Kwesi Johnson verwendet wurde. In den 60er Jahren zog
Dub Punk Bands wie Clash an, einige Jahre später widmeten UB40 diesem Genre
ein ganzes Album, während heutzutage die Zahl der Künstler, die sich mehr
oder weniger direkt auf die Verarbeitungen von King Tubby und Konsorten
beziehen, unüberschaubar ist. Man denke etwa an The Prodigy, Daft Punk,
Massive Attack und, was Italien angeht, den Keyboarder, Sänger und
Experimentator Madaski.
Vergangenheit, die nicht vergeht
Mit seinem Roman Der Vorleser, in dem er die
Einführung eines Jugendlichen in die Liebe durch eine Frau, die ein
erschütterndes Geheimnis verbirgt, hat Bernhard Schlink 1995 einen
Welterfolg erzielt, wobei der erste Platz auf der Bestseller-Liste der New
York Times, eine Platzierung, die zuvor noch nie ein deutscher
Schriftsteller erreichte, die Krönung darstellte. In diesem Sommer haben
Unternehmungen zur Verfilmung der Geschichte begonnen, bei der die
Schauspielerin Nicole Kidman die Hauptrolle übernehmen soll. Doch den nach
geraumer Zeit zu Tage tretenden Schuldzusammenhängen hat Schlink auch die
Trilogie von im zeitgenössischen Mannheim angesiedelten Kriminalromanen um
den Detektiv Selb gewidmet, und die Reflexion auf die Vergangenheit bleibt
auch im jüngsten Erzählwerk Heimkehr sein Thema, das in diesem Jahr
in Italien bei Garzanti erschien. Ebenfalls mit Konzepten von Schuld und
Vergebung hat sich Schlink, Dozent für öffentliches Recht und
Rechtsphilosophie an der Berliner Humboldt-Universität, in einem Aufsatzband
auseinandergesetzt (Vergangenheitsschuld, Diogenes Zürich 2007, 190 S., €
19,90), aus dem Il Domenicale exklusiv für die italienischen
Leser einen Auszug publiziert.
Il Sole 24 Ore – 18. November 2007
Adé, Friedhof. In Deutschland wächst der Wunsch, sich
außerhalb des allein seligmachenden Gottesackers begraben zu lassen. Für
alle Liebhaber der Natur bietet zum Beispiel das Unternehmen FriedWald
Bestattungen in Wäldern an. Der Kunde, der seine Asche im Waldgebiet bewahrt
wissen will kann auswählen: eine Pflanze, die er mit anderen Toten teilt,
oder einen Baum für die ganze Familie, unter dessen Wurzeln man bis zu zehn
liebe Verstorbene versammeln kann. «eine natürliche und würdevolle
Alternative zu den bislang gewohnten Bestattungsritualen», erklärt man bei
FriedWald, überzeugt, dass nun die Stunde gekommen sei, der “ars moriendi”
einen Touch von Neuheit zu verleihen (www.friedw.de).
Immerhin, da heutzutage die Lebensstile immer hektischer wechseln, ist es
einzusehen, dass auch Beerdigungen nicht mehr das sind, was sie einmal
waren. Also bietet eine Firma in Frankfurt für den homosexuellen Markt Särge
in den Farben des Regenbogens an. In Berlin dagegen schlägt das
Bestattungsunternehmen Berolina vor, die Asche auf einem low-cost-Flug im
Fesselbalon in die Luft zu streuen. Alles in allem eine Wahl von
bescheidenem Umfang im Vergleich zur Alternative, an Bord einer Rakete ab zu
treten, die darauf programmiert ist, die Urne in einem krachenden Feuerwerk
dreihundert Meter über dem Himmel explodieren zu lassen. Daher die
Redewendung: Mit einem Knall abtreten (www.sarg-discount.de).
Aber das ambitionierteste Bestattungs-Projekt ist sicherlich das vom Club
Freunde der Großen Pyramide vertretene. Grundlage ist die Idee, die
eigene Asche statt in eine Urne in einen Zementblock von 90x60x90 cm zu
gießen, nach Wunsch gefärbt und bebildert, der sich dann mit denen aller
anderen Anhänger der Initiative verbinden wird, um schließlich Block für
Block, Toter für Toter, eine bunte Pyramide von enormen Dimensionen zu
ergeben (www.thegreatpyramid.org). Für Jens Thiel, einen der Gründer der
Vereinigung, scheint es realistisch, dass man in zwanzig oder dreißig Jahren
5.000.000 Subskribenten und demnach eine Höhe von 150 Metern erreicht haben
wird, also etwas mehr als die Cheops-Pyramide. Aber die Möglichkeit ist
nicht ausgeschlossen, dass etwa hundert Millionen zusammen kommen und auf
diese Weise ein kolossales Grabmal von etwa sechshundert Metern Höhe
entsteht. Die Idee, Millionen von Toten auf den Wiesen nahe des Hauses zu
bewahren, erregt derzeit Gänsehaut bei nicht wenigen Bürgern von Dessau, der
Stadt, die ursprünglich für die Erbauung dessen vorgesehen war, was das
größte Bauwerk der Welt werden könnte. Und ausgerechnet dort, wo man doch
etwas von innovativer Architektur verstehen sollte, denn gerade nach Dessau
verlegte 1925 Walter Gropius sein Bauhaus. Für Thiel und Co. hingegen ist
wäre ein solches Projekt in einer strukturschwachen Region wie dem Land
Sachsen-Anhalt ein optimaler und nachhaltiger Wirtschaftskatalysator.
Millionen von Angehörigen würden ihre Toten besuchen und so einen höchst
lebhaften und einträglichen Begräbnis-Tourismus begründen. Für die daheim
gebliebenen Familien ist allerdings eine Lokalisierung des Angehörigen per
Internet, dank einem satellitengestützen Koordinatiionssystem, vorgesehen.
Die Feunde der Großen Pyramide beabsichtigen, den Bau mittels der
Subskribenten zu finanzieren, während der Kulturfonds der Bundesrepublik
bereits 89000 Euro gespendet hat. In wenigen Tagen wird eine Jury unter dem
Vorsitz des renommierten Architekten Rem Koolhaas die Projekte des
Wettbewerbs um den Bau der Pyramide und den Strukturen zur Aufnahme der
Besucher auswerten. Für den Puertoricaner Ben Morales-Correa, einen der
circa zweihundert Enthusiasten, die schon einen Block vorgemerkt haben,
«wird das der größte pyramidale Bau sein, der für seinen ursprünglichen
Zweck bestimmt ist […]. Dank der Technologie wird das antike Privileg der
Pharaonen endlich auf alle ausgedehnt.»
Der Deutsche Marcel Jahnke hingegen schätzt die Kombination aus «Vielfalt
und Monumentalität, sowie Individualität und Gemeinschaft. Beides wird durch
die bunten Bausteine repräsentiert.», während der Niederländer Japser
Enklaar von der Tatsache fasziniert ist, dass «dies das erste internationale
Projekt für Gedenk-Architektur» sei.
Und in der Tat ist einer der Vorteile der Großen Pyramide für ihre Erfinder
eben derjenige, dass damit eine riesige Grabesstätte realisiert wird, die
offen ist für Menschen jeder Nationalität, Kultur und Religion. Auch für
Satanisten und Anhänger des Ku-Klux-Klan? «Eher nein» sagt Thiel, «weil
Minderheitspositionen mehr trennen als
verbinden. Aber andererseits: Die Große Pyramide ist für wirklich
alle. Wir alle gemeinsam müssen die Antwort finden. Wir Initiatoren wünschen
nur Frieden.»
Angesichts eines solchen ökumenischen Enthusiasmus wäre es zynisch, zu
denken, dass, falls die große Aussöhnung zwischen den Völkern eintreten
wird, das wahrscheinlich wahrscheinlich daran liegt, dass die Bewohner der
Großen Pyramide allesamt tot sind.
Il Sole 24 Ore – 4. November 2007
Die älteste Bestrafung der Welt
Die Todesstrafe ist die älteste der
bekannten Arten der Bestrafung. Und noch heute findet sie überall auf der Welt
nachdrückliche Befürworter. China, Iran und die Vereinigten Staaten haben in
vielen Punkten Differenzen, aber wenn es sich um die Notwendigkeit der
Todesstrafe handelt, ist ihr Votum einstimmig. Und während sich Beijing eifrig
auf die Olympischen Spiele vorbereitet, hat es einen anderen Wettbewerb seit
langem gewonnen: Den um die größte Anzahl an Toten auf dem Schafott pro Jahr
(in der Größenordnung von Tausenden). Das früheste schriftliche Todesurteil
stammt aus dem Jahr 1850 v. Chr. und geht auf die Sumerer zurück. Im Lauf der
Jahrhunderte hat sich die menschliche Fantasie an den Methoden ausgetobt,
mittels derer man dem Schuldigen den Garaus machen kann: den Strang, das
Kreuz, die Erschießung, die Garrotte. Und das Rad, dessen runde Form die Sonne
symbolisierte: Der Tod auf ihm bedeutete, eine göttliche Strafe zu erleiden.
Dies erzählt uns eine in Wien erschienene Geschichte der Todesstrafe von
Martin Haidinger (Von der
Guillotine zur Giftspritze. Ecowin 2007, 224 S., € 19,15).
Dass die unschuldig Verurteilten – von Christus bis Sacco und Vanzetti – unzählige waren, scheint ihre Henker kaum je besonders erschüttert zu haben. Im Mittelalter wurde der Beruf des Henkers in familiärer Nachfolge weiter gegeben und vereinte in sich die Rolle des Scharfrichters und des Arztes. Denn: Wer kannte die Anatomie besser als sie? Und wenn sie auch oftmals durch ihr Metier keinen guten Ruf hatten, gibt es nicht wenige Beispiele für die Attraktivität, die so eine Arbeit auf die Bevölkerung ausgeübt zu haben scheint. Im England des späten neunzehnten Jahrhunderts gab es bei einem Wettbewerb um den Posten des Henkers tausende von Bewerbern. Doch Frankreich hatte den berühmtesten Vollstrecker: Charles-Henri Sanson (1739-1806). Nach achtunddreißig Jahren Praxis hatte er 2918 menschliche Wesen in die andere Welt geschickt, unter ihnen einige Freunde und sogar eine alte Jugendliebe. Viele von ihnen wurden mit der Guillotine enthauptet, jenem 1792 in Aktion getretenen Instrument, das schnell zum Symbol der Französischen Revolution wurde. Mit ihr ließ Sanson auch den Kopf König Ludwigs XVI. rollen, der so persönlich die Hinweise überprüfen konnte, die er einige Jahre zuvor bei der Ausarbeitung der Maschine gegeben hatte. Sanson starb jedoch in den eigenen vier Wänden, wobei der den Sohn anspornte, die Familientradition fort zu setzen.
Karl Kraus hegte gegen seinen Mitbürger Josef Lang eine solche Abneigung, dass er ihn als «triumphierenden und stillen Dummkopf» auf den ersten Seiten seines Die letzten Tage der Menschheit verewigte. Ein Foto zeigt den Henker von Wien, wie er fröhlich auf den Leichnam von Cesare Battisti schaut.
Später in der Geschichte begegnet auch Sergeant John Woods als physischer Vollstrecker der Urteile von Nürnberg. Der Scharfrichter der Nazi-Verbrecher starb 1950 bei einem Arbeitsunfall: Er überprüfte gerade einen elektrischen Stuhl. Sechzig Jahre zuvor ging Kaiser Menelink II. kein solches Risiko ein, indem er sich gleich drei der heiß ersehnten Todessitze anschaffte. Als er sie bekam, musste er zu seinem Bedauern feststellen, dass es in Abessinien noch keinen elektrischen Strom gab.
Heute vollstrecken verschiedene Nationen die Todesstrafe, ohne darum allzu viel Aufhebens machen zu wollen. So etwa die Vereinigten Staaten, die auch die Giftspritze eingeführt haben, weil sie dies für eine “humane” und schmerzfreie Methode der Beseitigung halten. Dies war es allerdings nicht für Angel Nieves Diaz, der nach eine doppelten Injektion unter schrecklichen Zuckungen starb. In China hingegen dient dasselbe Verfahren dazu, die Organe der Verurteilten zu erhalten, um sie nach dem Tod des Besitzers weiter zu verwenden.
Öffentlich, spektakulär und im Web am häufigsten angeklickt war wiederum die Exekution von Saddam Hussein. Doch viele haben sich nach dem Zuschauen gefragt, ob dieses Erhängen wirklich mehr der Gerechtigkeit als der Vergeltung gedient hat.
Il Sole 24 Ore – 21. Oktober 2007
Männer wie sie im Buche stehen
Ein echter Mann darf niemals fragen. Es reicht aus, nützliche Bücher zur Hand
zu haben, wie jenes, das kürzlich von drei Journalisten in Deutschland
herausgebracht wurde, die sich die Rettung des Mythos Mann auf die Fahnen
geschrieben haben (Augustin / von Keisenberg / Zaschke: Ein Mann Ein Buch.
Süddeutsche Zeitung, 416 S. € 19,90).
Die Midlife-Crisis überstehen, eine Bombe entschärfen, einen Aston Martin fahren und sich mit Eleganz in den Bordellen auskennen, deren Besuch in Deutschland legal ist. Und dann das korrekte Trinkgeld geben (10% bei uns, 15-20 % in den USA), zu feierlichen Anlässen einen Kranz niederlegen und zum Dinner mit der Königin von England fahren (im Frack versteht sich und – bitte! – ohne Armbanduhr, da man nicht lächerlich erscheinen will). Aber auch in die Fremdenlegion eintreten, ein wildes Tier ausstopfen und im Knast überleben. Kurz: alles, was ein Mann von Welt wissen muss, um in jeder heikelen Situation das Richtige zu tun, sich mit der Eleganz eines James Bond und dem Wissen eines Einstein aus der Affäre zu ziehen. Und um die Kritiker des Machismo im Keim zu ersticken, vergessen die Autoren auch nicht jene Kapitel über die Sprache der Blumen und das Wissen, wie man einer Frau wirklich zuhört, d.h. wie man versteht, dass die Ehefrau, wenn sie mit dir spricht, nicht Lösungen oder mehr oder minder Einwände hören möchte, sondern Unterstützung und Verständnis sucht. Nützlich sind auch die Ratschläge zum Umgang mit schwierigen und peinlichen Fragen, wie das Bitten um eine Gehaltserhöhung (Achtung aufs Timing!) oder das Verbergen von Gestank im Badezimmer der Gastgeber (nur ein Streichholz anzünden, und das Gehirn registriert den Geruch des Rauches und ignoriert eventuelle kompromittierende Düfte). Was den Wunsch betrifft, Pornodarsteller zu werden, so sparen die Autoren nicht an Tipps, raten aber grundsätzlich davon ab: Es ist bei weitem weniger unterhaltsam, als man es sich vorstellt, und außerdem: behandeln wir bitte nicht die Frauen als Objekte.
Da der moderne Mann immer mehr zum Reisenden wird, sind sicherlich die Hinweise Gold wert, wo man in einer Boeing 747 die besten Plätze findet (Reihe 32 reservieren!) oder welche Knöpfe man drücken muss, wenn des Flugzeug den Piloten eingebüsst hat und eine Notlandung unmittelbar bevorsteht. Aber stell dir vor, du hast ausgerechnet dann das Buch daheim vergessen. Was tun? Keine Angst, das findest du unter dem Eintrag “Das Testament machen”.
Il Sole 24 Ore – 7. Oktober 2007
Zwei in Frankreich, in Deutschland sind schon zwölf
Jedes europäische Land, von Spanien bis Russland, besitzt
ein eigenes staatliches Rundfunkorchester, Frankreich sogar zwei und
Großbritannien vier. Aber mit seinen zwölf von Radio und Fernsehen
finanzierten Sinfonie-Orchestern trägt Deutschland bei allen Musikliebhabern
den Sieg davon.
«Der instrumentale und künstlerische Rang seiner Orchester ist insgesamt sehr
hoch und ihr Repertoire umfasst oft Werke, die sehr selten gespielt werden
oder neue Stücke, die die Radiosender selbst in Auftrag geben.» Das erzählt
der junge Pianist Roberto Prosseda, der auf deutschen Bühnen daheim ist und
gerade seine vierte China-Tournee absolviert. In Deutschland, meint Prosseda,
«sind Investitionen in Kultur ein Zeichen für Prestige und Vornehmheit. Das
trägt zum positiven Zustand des deutschen Musiklebens bei, indem es das
öffentliche Interesse und das kulturellen Niveau nährt.»
Unter den besten Ensembles der Welt, weist das Sinfonieorchester der
Bayerischen Rundfunk schon auf die Körperschaft hin, die es zu 100 %
finanziert. Bestehend aus 115 Musikern und geleitet vom Lette Mariss Jansons,
bietet es ein Repertoire, das sich von der Musik des Barock bis zur
zeitgenössischen erstreckt. Im Schnitt bringt es zehn Aufnahmen pro Jahr
heraus, darunter die besonders hoch geschätzten CDs der Reihe “Musica Viva”:
Interpretationen moderner Musik, die meist mit den Komponisten selbst am
Dirigentenpult aufgenommen wurden, wie zum Beispiel mit Stravinskij,
Stockhausen und Luciano Berio. Das SOBR war auch das einzige deutsche
Orchester, das mit Leonard Bernstein zusammen gearbeitet hat, eine
Zusammenarbeit übrigens, die ihren Gipfel mit der Aufführung von Tristan und
Isolde 1981 fand. Zahlreich sind die Welttourneen wie auch die Besuche von
Gastdirigenten, darunter auch Riccardo Muti, dessen nächste Konzertleitung für
den 19. Oktober vorgesehen ist. «Immer wenn ich nach München komme», erklärte
Muti in einem Interview, «gewinnt sofort das reine Vergnügen, Musik zu machen,
die Oberhand. Es ist als würde ich mich hinter das Lenkrad eines Rolls Royce
setzen ohne auch noch den Mechaniker machen zu müssen.» In Italien wird das
Orchester am 27. Oktober in Rom zu Ehren Ratzingers spielen. Auch diese
Aufführung wird, wie alle anderen, direkt vom Bayerischen Rundfunk übertragen
werden (www.br-klassik.de).
Aber ein Konzert, so feierlich es auch sein mag, macht noch keinen Frühling.
Peter Meisel, der Sprecher des Orchesters, kündigt an, dass man in Zukunft
öfter nach Italien wird kommen können.
Außer dem Sinfonieorchester unterhält der Bayerische Rundfunk auch einen Chor
mit 48 Stimmen und ein zweites Orchester, das besonders für die Oper und
italienische Konzertleitung gedacht ist, etwa Marcello Viotti, Lamberto
Gardelli und Roberto Abbado. Viele unserer Landsleute sind auch unter den 60
Musikern des Orchesters der Italienischen Schweiz, ein Ensemble, das zu
gleichen Teilen von Radio Televisione Svizzera di Lingua italiana und vom
Kanton Tessin finanziert wird, seinen Hauptsitz in Lugano und
Hauptaktionsradius in der ganzen Schweiz und Norditalien hat (www.orchestradellasvizzeraitaliana.ch).
Jeden Tag reserviert das Schweizer Radio einen Teil des Programms für
Aufnahmen seines Orchesters, dessen Repertoire vor allem Haydn, Mozart und
Beethoven, aber seit einigen Jahren unter der Leitung von Alain Lombard auch
Kompositionen der Romantik und des zwanzigsten Jahrhunderts umfasst. «Wir
haben häufig Kontakte nach Italien, die allerbesten» – unterstreicht der
Künstlerische Direktor Pietro Antonini – «zum Beispiel einen Kulturaustausch
und gemeinsame Programme mit der RAI sowie Direktübertragungen unserer
Konzerte und umgekehrt.»
Il Sole 24 Ore – 30. September 2007
Zur Stunde in Glück sind alle auf ihren Bänken
Was für ein
Glück, in die Schule zu gehen! Zumindest dann, wenn man an der
Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg lernen kann (www.whs.hd.bw.schule.de).
Für gewöhnlich wirkt die Idee, die Schulbank zu drücken, auf Kinder so
anziehend wie ein Besuch beim Zahnarzt. Doch in diesem Gymnasium in dem
romantischen Städtchen am Neckar scheint es, dass die Schüler darin
wetteifern, die Seiten ihrer Entschuldigungshefte unberührt zu lassen. Denn in
Deutschland lernt man diese Jahr auch das “Glück”. Nein nein, nicht das
furchtbare Lied von Albano und Romina ist gemeint [i.e. “Felicità”], sondern
vielmehr wie man glücklich werden kann; also ob jeder Schultag der erste Tag
der lang ersehnten Ferien wäre. Direktor Ernst Fritz-Schubert war alarmiert
von den Statistiken, die gnadenlos die Abneigung aufzeigen, mit der die
Schüler normalerweise die Eingangstür ihrer höheren Schule passieren, und er
beschloss, dass zumindest in seiner Anstalt der Zeitpunkt gekommen sei, seinen
Schülern das Glück zu bringen. Wie? Indem er ihnen beibringt, wie sie es
erreichen können. Absprachen mit Pädagogen, Künstlern und Sportlern haben es
möglich gemacht, vom Beginn des neuen Schuljahres an einen zweijährigen Kurs
über Freude anzubieten, der auf wissenschaftlicher Basis darauf zielt, den
Schülern mehr «Zufriedenheit, Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit und soziale
Verantwortung» mittels theoretischer und praktischer Übungen zu verschaffen.
Ziel ist es, jeden Heranwachsenden, sowohl in körperlicher als auch in
geistiger Hinsicht, in größere Harmonie mit sich selbst zu bringen, um sie so
«empfänglicher für die Momente des Glücks» werden zu lassen «und ihnen
beizubringen, von sich aus das eigene dauernde Glück zu suchen.»
Wir müssen «das Konzept der Bildung auf seinen ursprünglichen Sinn zurückführen», erklärt der Schulleiter gegenüber dem Spiegel, «es bedeutet: fähig zu sein, Glück empfinden zu können.» Man könnte einwenden, dass jeder auf seine Weise glücklich ist, aber in Heidelberg ist man optimistisch. Wenn man Mathematik lehrt, warum sollte es dann nicht möglich sein den Schülern jene «Lebenskompetenz» beizubringen, die es jedem ermöglicht, sich den täglichen Sorgen gegenüber eher wie Gaston als wie Paperino zu verhalten? Den Skeptikern entgegnet der Schulleiter vorsorglich: Die Ernsthaftigkeit der Lehrer und der pädagogische Nutzen des Projektes stehen außer Frage: Man werde ihm nicht gerecht, wenn man es nur für ein «Placebo-Angebot» halte. eines von der Kuschel-Sorte, bei der die Stunden vor allem dazu dienen, mit der Banknachbarin zu flirten. Hier steht nicht weniger auf dem Spiel als die Wiederentdeckung der schulischen Bildung. Den Schülern wird Glück versprochen, doch Engagement ist notwendig. Und auch wenn man lernt glücklicher zu werden, ist das kein Scherz, wird am Willy-Hellpach mit einem Hauch von Drohung präzisiert, für die Abiturjahrgänge sind sogar sind auch Fragen zum Thema im Abschlussexamen vorgesehen. Kein Problem für die Schüler, die das neue Unterrichtsfach enthusiastisch begrüßt haben.
Aber wenn dann einer durchfällt? Pech für ihn, denn das heißt, dass er ein Sauertopf war.
Il Sole 24 Ore – 30. September 2007
Welch Kulturleistung, die Hausnummer!
Diskret, bequem, nützlich. Und unentbehrlich. Denn ohne sie könnte nicht
einmal das Sattelitenortungssystem und vor dem Chaos retten. Es handelt sich
um die Hausnummer, dieses entscheidende Detail an den Haustüren, die unsere
Anschrift erst wirklich vollständig macht. Heutzutage keine zu haben ist ein
wenig wie nicht zu existieren. Briefe, Unterlagen, Pakete, Freunde und
Störenfriede: ohne Hausnummer hätten alle Schwierigkeiten uns zu finden. Zur
Wertschätzung eines solch unterbewerteten Details unseres Alltags bringt uns
nun in Deutschland der junge Historiker Anton Tantner, indem er ihm ein kleines Buch
widmet (Die Hausnummer. Jonas Verlag, Marburg 2007, 80 S., € 15,-).
Vor dieser praktischen Adress-Zahl war der Empfänger eines Briefes
aufzufinden, wenn man den Namen des Gebäudes kannte, in dem er wohnte: Eine
nicht immer durchführbare Methode. Im Wien des späten achtzehnten Jahrhunderts
zum Beispiel musste ein Postbote ein gutes Gedächtnis haben, um die richtige
Zustellung einer Sendung in den “Goldenen Adler” sicherstellen zu können, den
an Häusern, die nach den goldigen Schwingen benannt waren, gab es mindestens
dreißig.
Welche die erste Stadt war, die ihren Straßen eine festgelegte Nummerierung,
weiß man nicht sicher. 1519 war das Haus der Fugger mit gotischen
Zahlen geschmückt. Doch es ist zweifelhaft, ob sie ausgerechnet dazu dienten,
das Haus zu identifizieren. Und die Zahlen, die seit Ende des fünfzehnten
Jahrhunderts an den Gebäuden nahe der Brücke von Notre Dame in Paris zu lesen
waren? Die standen dort zum Zwecke einer Vermögensschätzung, nicht um eine
Zählung der Individuen zu erleichtern. Gerade so hingegen die Zahlen auf den
Gebäuden in Triest 1754: Sie dienten dazu, die Bevölkerung zu zählen.
Ein Leser von Tausendundeine Nacht könnte auf den Gedanken kommen, dass
der Erfinder der Hausnummern eben jener Dieb ist, der Ali Babas Schatz in die
Finger bekommen will. In einigen Versionen der Erzählung zählt der Anführer
der Räuber, um sich an Alis Wohnstatt zu erinnern, die Häuser entlang der
Straße, um dem gesuchten Gebäude so eine feste Nummer zuzuweisen. Doch in
Wirklichkeit stammt diese Version vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, als
die städtische Nummerierung schon im Gange war. Und doch ist es kein Zufall,
dass im Märchen der Plan des Zählens auf einen Dieb zurückgeführt wird. Denn
weniger zum Nutzen der Einwohner wurde die Hausnummer in der ersten Hälfte des
achtzehnten Jahrhunderts eingeführt, sondern um der Steuerbehörde, dem Militär
und der Polizei zu ermöglichen, genau den Bürger zurück zu verfolgen, der
offene Rechnungen mit dem Fiskus, der Armee oder der Justiz hatte oder haben
sollte. So geschah es im Königreich Preußen, wo der Staat sich ihrer auch
bediente, um die Truppenaushebungen zu erleichtern. Man versteht, warum die
Hausnummer zu Beginn nicht mir großer Begeisterung aufgenommen wurde, wie die
Beamten von König Joseph II. von Habsburg (1741-1790) feststellen konnten, die
in Ungarn ankamen, um Ordnung anzuführen und von den Einwohnern mit Schüssen
empfangen wurden. Und dagegen murrte nicht nur das einfache Volk: auch viele
Adlige rümpften die Nase, als sie ihren eigenen Besitz wie den des Pöbels
gezeichnet vorfanden. Doch das Nummernschild war bei weit davon entfernt, so
gleichmacherisch zu sein, wie die Aristokraten beklagten; im Gegenteil, oft
wurde es eingesetzt, um zu diskriminieren. So war es im Fall der Häuser, die
Ende des achtzehntes Jahrhunderts Juden in Böhmen gehörten und die laut Gesetz
römische statt arabischen Zahlen tragen mussten. Auch ein Jahrhundert später
noch – so erzählt der Schriftsteller Ivo Andrić im Roman Die Brücke über
die Drina – wollte man gerade in den Provinzen des österreich-ungarischen
Reiches nichts davon wissen, die Häuser zu nummerieren, um das Eintreffen des
Einberufungsbefehls nicht zu erleichtern. Die Nummernschilder wurden
umgedreht, an schlecht einsehbaren Stellen angebracht, oder man weißte gerade
die Fassade des Hauses, und “zufällig” bekam auch die Hausnummer eine Handvoll
Kalk ab. Eine geniale Idee, die vielleicht Walter Benjamin gefallen hätte, der
überzeugt war, dass die Nummernschilder an den Häusern Teil eines
«ausgedehnten Kontrollnetzes» seien, die «seit den Zeiten der französischen
Revolution das Bürgertum in den Maschen der eigenen Lebensart einschließt».
Tatsache ist, dass das berühmte Parfum 4711, oder Kölnisch Wasser, seinen
Markennamen der Hausnummer verdankt, die dem Haus seines Herstellers von der
französischen Armee zugewiesen wurde. Ein Franzose ist auch der Erfinder des
berühmtesten Nummerierungs-Systems, das in gerade und ungerade aufgeteilt ist.
Der Journalist Marin Kreenfeldt hat es erdacht, jedoch nicht zum Wohl der
Allgemeinheit, sondern um sich selbst zu helfen. Als er sich 1779 damit
abmühte, eben das Adressbuch zu erstellen, kam er auf die Idee, die Häuser
seine Mitbürger heimlich in dieser Weise durch zu zählen, mit dem Zweck, die
Zustellung seines Almanach de Paris zu
Il Sole 24 Ore – 9 Settembre 2007
[1] Anmerkung: Als erster nummerierte Kreenfeldt die Pariser Häuser, aber die Unterscheidung gerade/ungerade wurde erst 1805 in der Stadt eingeführt
«Was für ein Quengler, der Canetti!»
Auf eigenen
Wunsch von Elias Canetti (1905-1994) wird seine Korrespondenz erst in siebzehn
Jahren frei zugänglich sein. Dennoch ist ein kleiner Vorgeschmack der Briefe
in eklatanter Weise der Zensur entgangen, weil das Corpus erst nach seinem Tod
gefunden wurde. Es handelt sich um einen Briefwechsel zwischen dreien, Elias
selbst, seiner ersten Frau Veza Taubner-Calderon (1897-1963) und dem Bruder
Georges Canetti (1911-1971). Der Band, der in Deutschland beim Hanser-Verlag
erschienen ist (Veza & Elias Canetti, Briefe an Georges, 420 S., €
25,90), schließt sich ausgezeichnet an Party im Blitz, dem letzten Band
der Cantti'schen Autobiographie, an, der freilich an Informationen über das
Privatleben des Paares während des englischen Exils recht dürftig ist. Was
Anzahl und Intensität der Briefe angeht, überwiegen in der Korrespondenz die
Schreiben der Frau, die in den ironischen und leidenschaftlichen Briefen an
ihren Schwager das komplizierte Geflecht von emotionalen und intellektuellen
Beziehungen zwischen ihr und ihrem Mann mit bemerkenswerter Detailfülle
enthüllt. Das zukünftige Ehepaar hat sich 1924 in Wien kennen gelernt, während
einer Lesung von Karl Kraus, dem ätzend ironischen Herausgeber der Fackel,
von Canetti aufgrund seiner berühmten rhetorischen Fähigkeiten als «ein Hitler
der Intellektuellen» charakterisiert. Veza ist eine kultivierte Frau und
leidenschaftliche Leserin. Doch hatte sie als Schriftstellerin weniger Glück:
Zu Lebzeiten fanden ihre Romane nicht den Weg zur Publikation.
Georges, der jüngste der Brüder Canetti, ist ein berühmter Arzt in Paris, der
Stadt, wo auch die Mutter Mathilde und der Bruder Nissim leben. Zur Zeit der
Begegnung mit Veza wohnt der junge Elias jedoch in Wien, entschlossen, die
Unabhängigkeit von der Familie zu wahren, um seinen künstlerischen Neigungen
zu folgen. Die Eheschließung folgt zehn Jahre später und fällt mit dem
eigentlichen Beginn des Briefwechsels zu Dritt zusammen. Auf die Ankündigung
der baldigen Hochzeit hin drückt Georges dem Bruder seine gegenteilige Meinung
deutlich aus: «Du bist im Begriff, die größte Dummheit zu begehen, die Du
begehen kannst.» Doch als Verheiratete beabsichtigen Elias und Veza
keineswegs, die Bohème-Existenz aufzugeben, die sich bislang charakterisiert
hatte. Insbesondere Elias wollte sich weiterhin seinen verschiedenen
weiblichen Bekanntschaften widmen, wobei er jedoch stets Veza informierte, die
sich das Recht, über die jeweilige Affäre zu entscheiden, reservierte. Dann
kommt der Fall Anna Mahler, die Tochter des großen Komponisten, in die ihr
Ehemann sich ernsthaft verliebt. «Der Canetti ist bereits ein ausgewachsener
sehr egoistischer Quälgeist. [...] Er liebt mich, aber er liebt die Anna mehr.
[...] Sie liebt mich und nicht den Canetti und wenn sie mich
sehen will muss sie es erkaufen, sie muß mir dafür ein Rendez-vouz mit dem
Canetti bewilligen, aber das wieder darf er nicht wissen.» Die Eheleute leben
nicht immer unter dem selben Dach, und auch als sie nach England emigrieren,
um den Nazis zu entfliehen, gehen sie auf getrennten Wegen. Elias ist so faul,
dass er sich alle seine Schriften von seiner Frau auf dem Schreibtisch tippen
lässt. Veza beklagt sich bei Georges darüber, aber gehorcht dann, obwohl sie
behindert ist, weil ihr die linke Hand fehlt.
1935 erscheint nach einem komplizierten Entstehungsprozess endlich Autodafé,
der erste und berühmteste Roman Canettis. Die Kopien werden knapp, und der
Schriftsteller verschickt keine an seine Brüder, «in der geheimen Hoffnung,
dass Ihr welche kauft». Thomas Mann wird jedoch mit einem Freiexemplar bedacht
und würdigt es, während Hermann Hesse eine «beleidigend dumme» Rezension
schreibt, «eigentlich die relativ schlechteste, die ich bis jetzt zu Gesicht
bekam». Um den ersehnten Erfolg einzuheimsen, wird Canetti bis 1946 warten
müssen, als die englische Übersetzung seines Werkes erscheint. In der
Zwischenzeit stürzt ihn die ausbleibende Anerkennung seinen Arbeiten gegenüber
in die dunkelsten Depressionen, so sehr, dass er beinahe vergisst, wie er
heißt. «Ich sage ruhig: “geh zu meinem Regal, zieh Dein Buch heraus und lies
den Namen ab.” Er tut es wirklich und schreibt seinen Namen ab. Dann ist er
wieder ganz normal», berichtet die Ehefrau dem Schwager. Auf der anderen Seite
ist auch Veza nicht der ruhigste Charakter: Sie bekennt, dass «ich zwischen
Wahnsinn und Selbstmord hin- und herpendle.» Der einzige Ruhepunkt scheint für
die Frau die Korrespondenz mit Georges zu sein, den sie mit Lob und
bewundernden Worten überhäuft. In einem «Liebesbrief», den sie wenige Tage
nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich schreibt, bekennt sie dem
Schwager, dass sie jede Nacht von ihm träume. Der Ehemann kann indes ruhig
schlafen: Sein Bruder ist homosexuell.
Und vielmehr beschäftigt das fortschreitende Nazitum die jüdischen Eheleute,
die sich retten, indem sie nach England auswandern, wo Elias sich als erstes
eine Geliebte zulegt. Die verärgerte Veza kommentiert: «Es ist eine Gefahr und
eine Schande.» Die Rivalin ist Frieda Benedikt, eine so hingebungsvolle
Leserin Elias', dass sie mit ihm das Exil teilen will. Als es der Frau jedoch
einfällt, Verbindungen mit anderen Männern einzugehen, und sie so den Zorn und
die Eifersucht Elias' erregt, ist es immer Veza, die als Vertraute und
Vermittlerin zwischen dem Ehemann und seiner Geliebten fungiert. Die Benedikt,
eine junge Frau, kann mit Veza «ganz bezaubernd» reden, «so daß ich Mitleid
bekam und so warme Gefühle wür sie empfand, daß ich nur deshalb nicht zum
Standesamt ging, um sie mit Canetti zu verheiraten, weil Canetti schon
verheiratet ist.» In Wirklichkeit war Vezas Liebe zu ihrem Mann so stark, dass
sie entschlossen war, alles für ihn zu tun: «das Absurde und Unmögliche».
Vielleicht auch, die literarische Qualität der Freundin-Rivalin zu
akzeptieren.
Wie dem auch sei, Veza ist immer diejenige, die an Elias Canettis Seite
bleibt, um ihm alle Unannehmlichkeiten zu lindern, indem sie ihn mit ihrer
Liebe schützt. Wie im August 1945, als der kommende Nobelpreis grundlegend
durch die Explosion der Atombombe erschüttert wurde: «Tatsächlich war er so
niedergeschlagen, daß er nichts mehr essen wollte [...] Es war eine schlimme
Krise, aber ich hab ihm das Leben gerettet.» Für Elias Canetti stellen
Hiroshima und Nagasaki ein gewaltsames und bestürzendes “memento mori” dar.
Als Alternative zur eigenen menschlichen Endlichkeit gibt es nichts außer
Vezas Zuneigung und der intellektuellen Arbeit. In diesen Jahren erschöpft
sich der Autor mit dem Verfassen von Masse und Macht, dem monumentalen
Essay, der ihn noch lange Zeit ins Anspruch nehmen wird. Erst 1959, als das
Werk schließlich abgeschlossen ist, fühlt Canetti, dass er Frieden gefunden
hat. «Ich weiss, dass ich mit diesem Buch eine Art von Unsterblichkeit erlangt
habe, und wenn ich morgen sterben sollte, habe ich nicht umsonst gelebt.»
Il Sole 24 Ore – 26 Agosto 2007
Nach der Eroberung Berlins
plünderten die russischen Soldaten systematisch die Stadt. Es fiel Kapitän
Besymenski zu, den Bunker Hitlers zu inspizieren. Dort fand er eine große
Anzahl versiegelter Behälter, bereit zum Abtransport auf den Obersalzberg, die
Sommerresidenz des Diktators. Da der Führer tot war, gingen die Kisten auf die
Reise nach Moskau. Mehr als sechzig Jahre später konnte dank der Tochter des
Kapitäns der SPIEGEL ihren Inhalt einsehen, der bis heute ein Rätsel geblieben
ist, da Besymenski niemals in der Öffentlichkeit über seinen besonderen Fund
hat sprechen wollen. Es handelt sich zum Großteil um die private
Plattensammlung, mit der Adolf Hitler gern seine Freizeit verbrachte, wenn er
sich von seinem Projekt, die Welt zu erobern, ablenken wollte. So erfahren
wir, dass Hitler außer den zu erwartenden Wagner und Beethoven unter Hitlers
Lieblingsaufnahmen auch Werke von Borodin, Tschaikovskij, Rachmaninov, sogar
von dem Violinisten Bronislav Hubermann und dem Pianisten Artur Schnabel,
beide von jüdischer Abstammung. Alle diese Künstler waren von den Nazis
verfehmt. Letztere konnten sich aber auch nicht sonderlich für die Filme von
Micky Maus erwärmen, nach denen Adolf Hitler hingegen verrückt war.
Il Sole 24 Ore – 12. August 2007
«Ich, ein Deutscher in Guantanamo»
Wenn man sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet, kann das üble Folgen
haben. Für Murat Kurnaz sogar die übelsten. Das Ergebnis: Guantanamo.
Er selbst erzählt uns von seiner Odyssee des Terrors in einem in Deutschland erschienenen Buch – es wird in Italien bei Bompiani verlegt werden –, das die deutsche Presse als eindringliches «Dokument der Folter und systematischen Barbareien» beschreibt, die dem jungen Mann von den Vereinigten Staaten zugefügt wurden (Fünf Jahre Meines Lebens, Rowohlt, Berlin 2007, 286 S., 16,90 €).
Als deutscher türkischer Herkunft durchlebte der junge Murat in seinen Jahren in Bremen die typischen Integrationsprobleme der “Gastarbeiter”-Familien. Traditionen und in den heimischen vier Wänden angenommene Verhaltensweisen versperrten oftmals die vollständige Integration in die Adoptiv-Heimat. Seine physische Erscheinung sicherte ihm schon mit sechzehn Jahren ein gewisses Auskommen, das er als Türsteher in de von türkischen Immigranten besuchten Diskotheken arbeitete. Mit reiferem Alter begann Kurnaz sich jedoch zu fragen, ob diese riskante und materialistische Existenz wirklich alles sei, was er im Leben erreichen wolle. Er fand die Antwort, indem er in die Moschee ging und mit Stolz seine – bis dahin vernachlässigte – Identität entdeckte: als Mitglied der islamischen Gemeinde. In der Zwischenzeit verlobt er sich auf Betreiben der Eltern hin vorsorglich mit einem Mädchen in der Türkei. Aber bevor er in die Ehe geht, entscheidet er sich – ohne jemandem einen Hinweis zu geben – mit ein paar Freunden eine Reise nach Pakistan zu unternehmen, um seine Korankenntnisse zu vertiefen. Das war im Oktober 2001, einige Wochen nach dem Angriff auf die Twin Towers. Die Amerikaner sind bei der Invasion Afghanistans gegen das Taliban-Regime. Kurnaz wird die Unvernunft seiner Wahl teuer bezahlen.
Einige Monate später, während der junge Mann nach dem Studium in verschiedenen Koranschulen auf dem Weg nach Hause ist, hält ihn die pakistanische Polizei an, so dass er sein Flugzeug nach Deutschland verpasst. Es ist der Beginn einer absurden und schrecklichen Reise, die aus der Fantasie eines Kafkas der Gegenwart entsprungen zu sein scheint. Nach einigen Tagen in der Zelle wird der Gefangene nach Kandahar gebracht, «ohne rechtliche Begründung und ohne gesetzlichen Beistand», wie auch das Europäische Parlament in einer Resolution über die illegalen Aktivitäten der amerikanischen Geheimdienste feststellte (www.europarl.europa.eu/comparl/tempcom/tdip/final_ep_resolution_de.pdf).
Die Hoffnung auf eine schnelle Freilassung weicht dem ängstlichen Bewusstsein, nun ein Gefangener ohne Rechte zu sein. Der einzige Glücksfall dieser frühen verwirrenden Wochen ist, dass er einen Bombenangriff auf das Gefängnis unbeschadet übersteht.
Murat erreicht das Ziel seiner Entführung nach einem langen Flug den er angekettet im Bauch einer Transportmaschine verbracht hat, mit verbundene Augen und einigen amerikanischen Soldaten ausgeliefert. Auf der berüchtigten amerikanischen Basis Guantanamo erwarten ihn fünf endlose Jahre voll ständiger Verhöre, Entbehrungen, Leiden und Foltern aller Art. In der äußersten Illegalität wird Kurnaz täglich von gewalttätigen Wachmännern misshandelt, deren Hauptziel die systematische Demütigung der Gefangenen ist. Für den Wächter ist es schon ein Automatismus, auf den Teller des Gefangenen zu spucken, bevor er ihn ihm reicht. Hungerstreiks und Rebellion führen nur zur Verschärfung der Pein. Einige Male sind bei den Befragungen auch Agenten aus der Bundesrepublik Deutschland anwesend.
In Guantanamo ist das einzige wirksame Gesetz das der reinen Willkür. Das Fehlen einer klaren Verhaltensregel führt dazu, dass sich jedes Gehorchen oder Verweigern plötzlich in sein Gegenteil verkehren kann. Das Ergebnis ist die fortwährende Bestrafung des Gefangenen für das Verletzen von Normen, die ihm zum großen Teil unbekannt waren. Die Gefängnisordnung auf dem amerikanischen Stützpunkt ist unmenschlich gegen die schuldigen Gefangenen, schrecklich für die unschuldigen und korrumpierend für die Wachen. Jenseits der offiziellen Verlautbarungen – so die unmittelbare Erfahrung von Kurnaz – ist in Guantanamo jede Wache nach dem Willen der Regierung gehalten, mit stumpfer und sadistischer Grausamkeit vorzugehen. Übrigens hat derselbe George Bush mit der jüngsten Stellungnahme gegen die «unmenschliche Behandlung der Gefangenen in Guantanamo» nichts anderes getan, als zu zeigen, in welchem Maße die Quälereien in dem berüchtigten exterritorialen Gefängnis auf Kuba bislang an der Tagesordnung waren. Doch die Schuld der illegalen Freiheitsberaubung lastet auch auf Bundeskanzler Schröder und seiner Regierung, die, obgleich sie schon seit 2002 von der völligen Unschuld des jungen Mannes Kenntnis hatten, es vorzogen, einen Mitbürger in den Fängen der amerikanischen Geheimdienste zu lassen. Nur dank des Einschreitens der neuen Regierung unter Angela Merkel konnte der Unglückliche als freier Mann in die Heimat zurückkehren, nachdem er sogar seine letzten Stunden auf dem Flug nach Europa angekettet verbringen musste.
Wenn man tatsächlich Entführungen von unschuldigen Ausländern durch die Vereinigten Staaten nachweisen könnte, «mehr oder weniger gedeckt von den nationalen Regierungen, die jedoch die Angelegenheit ihren Bürgern gegenüber verschwiegen haben», schreib vor einigen Jahren der Historiker Joachim Fest im Domenicale, «wäre dies ohne Zweifel ein Skandal, sowohl für die Amerikaner als auch für die europäischen Mächtigen».
Der Fall des Murat Kurnaz hat Fests Sorge in trauriger Weise bestätigt.
Il Sole 24 Ore – 29. Juli 2007
Anmerkung: Zur Zeit dieser Geschehnisse besaß Murat Kurnaz formal nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, doch wurde er in Deutschland geboren und hat hier sein ganzes Leben als freier Mann verbracht.
Nun spioniert uns Beppe auch in Bagdad
aus
![]()
Er beobachtet uns in Fahrstühlen rund um die Welt. Verfolgt uns, belauscht
uns, forscht uns aus. Auf dem Papier, im Internet, auf Video. Er zeichnet alle
unsere Verrücktheiten auf. Er ist die Nemesis jedes Landsmannes im Ausland.
Beppe Severgnini.
Bist du in Vilnius und verträgst die gefüllten Kartoffeln nicht? In Tokyo hast du genug vom Sushi-Essen? Suchst du provinzielle Zuflucht bei einem heimischen Pastagericht? Wehe dir, wenn Beppe dich erwischt: Auf Io Donna wirst du vom Reisenden zum Touristen degradiert. Du siehst deinen Fehler ein, wenn du sein Online-Forum befragst, das Handbuch des Severgnini-Denkens, in dem jeder Text ein Vorwand dafür ist, wie “cool” es ist, Italians zu sein. Um dem Club beizutreten musst du die kühnen Alliterationen lieben, mit denen der Montanelli-Zögling seine Artikel regelmäßig veredelt. Und du musst dir natürlich die komplette Sammlung der Interismi anschaffen. Signiert vom Autor. Alle drei Bände. In dreifacher Ausfertigung. Denn Beppe wirst du nicht entkommen. Der “kleine Mann im Regenmantel” (auch im Juli?) verfolgt dich überallhin – vornehmlich am Steuer eines Lancia Appia –, begierig, dir jedes Detail seiner blau-schwarzen Fussball-Leidenschaft auseinander zu setzen. Sich jetzt noch vor dem angegrautesten Journalisten des Web zu retten, ist ein seltenes Unterfangen. Und als ob das nicht genug wäre, kommen jeden Sommer pünktlich wie die Steuererhebung unvermeidliche Aufrufe zugunsten Sardiniens von einem von Myrten umgebenen Severgnini. Zu viele Touristen in Gallura, jammert der Unsrige! Oh Monstrum: Allesamt Leser, die nach Dir, Beppe, begierig sind.
Schluss damit. Der Zeitpunkt ist gekommen, um zu handeln. Retten wir die Sarden! Retten wir uns selbst! Schicken wir Severgnini in den Irak! Da er ja La testa degli italiani [den Kopf der Italiener. Deutscher Titel: Überleben in Italien] so gut kennt, wird er ja vielleicht erklären können, wie es den Italienern gelungen ist, in eine Friedensmission aufzubrechen und dabei den Bombern Geleitschutz zu geben. Und vielleicht wären seine Lezione semiserie [unernsten Lektionen] in Englisch da unten endlich einmal jemandem von Nutzen.
Und was schadet es, dass Beppe Bassora nicht kennt? Man wird irakisch, [vgl. sein Buch Italiani si diventa (Man wird Italienisch)]! Im Grunde ist ja nichts unmöglich für jemanden, der mit einem Segway einen “test drive” fährt. Die Wahrheit ist: Beppe kann alles. Allein ihm ist es erlaubt, im Heimatland die Italiani con valigia [Koffer-Italiener] zu kritisieren, weil sich Geschmacks-Nostalgiker im In- und Ausland riesige, jedoch recht un-britische Festmähler organisiert haben. Denn wenn er verreist, ist für BS jede Etappe eine Pizza. Und überall lässt Beppe es ballern: In New York würde er sogar einem iPhone die Schau stehlen!
Im Irak gibt es weder das eine noch das andere. Also lasst uns einmal die Amerikaner in Schnelligkeit übertrumpfen! Schluss mit Beppe in Bologna, Belluno und Bozen! Schluss auch mit Beppe an der Uni Bocconi!
Befördern wir endlich Beppe nach Bagdad!
Il Sole 24 Ore – 22. Juli 2007
Kommentar von Beppe Severgnini, dem ich im Zug zufällig begegnet bin
Der Altar auf dem Eisernen Vorhang
«Bei uns dauert die Besetzung nicht
länger als vierundzwanzig Stunden», pflegte Franz Joseph Strauß (1915-1988),
mehrmals deutscher Finanzminister und vor allem Regierungschef und “heiliger
Patron” Bayerns, stolz zu erklären. Wie es jedoch oft vorkommt: Je strikter
die Norm, desto eklatanter die Ausnahme. Es geht um die
Ost-West-Friedenskirche in München. Sie befindet sich in einem völlig
illegalen Gebäude, versteckt auf dem Gelände des Olympiaparks. Der Russe
Timofej Prochorow hat sie im Auftrag der Heiligen Jungfrau errichtet, wobei er
sich selbst provisorisch zum Laienpopen ernannte, nachdem er durch halb Europa
gereist war und den zweiten Weltkrieg überlebt hatte. Über das Leben Timofejs
vor seiner himmlischen Vision weiß man wenig. Es scheint, dass er 1894 an den
Ufern des Don geboren wurde und als Küchenhilfe bei den mit den Nazis
verbündeten Kosaken gedient hat. Nachdem das Dritte Reich besiegt war, begann
für ihn eine unstete Existenz zwischen Dörfern in Trümmern und zerstörten
Städten. Auf dem Rückweg in die Heimat –
so erzählte er später –
erschien ihm die Heilige Jungfrau in einer Feuersäule, um ihm zu verkünden:
«Es gibt keinen Weg nach Hause. Geh in den Westen und errichte eine Kirche für
den Frieden in Ost und West.» Timofej gehorchte und machte sich wieder auf den
Weg. Zu Hause ließ er eine Frau und zwei Kinder zurück. Aber jetzt war er auf
dem Weg im Auftrag Mariens. Er kam nach Österreich und lernte Natascha kennen.
Die Landesgenossin unterstützte ihn auf der Suche nach dem Ort, wo die Kirche
zu bauen wäre. In München werden sie ihn finden. Es war eine Wiese, auf der
die Einwohner, die den Bombardierungen entkommen waren, die Trümmer der
zerstörten Häuser sammelten. Zuvor hatten die Nazis sie benutzt, um
militärische Übungen abzuhalten. Noch früher wurde sie von BMW als Testgelände
für die Flugzeugmotoren gebraucht, die sie in der nahen Fabrik herstellten.
Timofej verwandelte das Feld in einen Ort des Friedens. Bei Tag und Nacht (bei
Kerzenschein) arbeitend baute er zusammen mit Natascha von 1952 bis 1953
zunächst eine Kapelle, dann ein Häuschen und schließlich eine ganze Kirche,
wobei er das gesamte Baumaterial von dem nahen Hügel aus Trümmern holte. In
den folgenden Jahren stattete er sie geduldig mit einer Unmenge an Kreuzen und
Heiligenbildern aus, die er teils geschenkt bekam, teils aus den Überresten
barg. In Ermangelung eines besseren Schmuckes dekorierte er die Decke des
Kultraumes, indem er sie mit Stanniolpapier bedeckte. Und während München zur
Normalität zurückkehrte und seine alten Stärken wieder fand, lebten Natascha
und Timofej als Eremiten und kultivierten ihren Garten: ohne Elektrizität,
Heizung und Trinkwasser.
Die Stadtverwaltung trat erst gegen Ende der Sechziger Jahre an sie heran, als
klar war, dass auf 2500 m2, die das merkwürdige Pärchen besetzt hatte, die
Anlagen für die Olympiade 1972 errichtet werden sollten. Die Stadt wollte
alles abreißen, aber die Bevölkerung protestierte zugunsten Timofejs. Bis der
Architekt Günther Behnisch, der mit dem Bau des neuen Olympiastadions
beauftragt war, neugierig wurde und der Kirche einen Besuch abstattete. Er
trank einen Wodka mit dem Popen und wurde davon überzeugt, dass das Kirchlein
unbeschadet erhalten bleiben solle. Der SPIEGEL erkläre “Väterchen Timofej”
zum ersten Sieger der Olympiade. Als dieser die achtzig Jahre erreicht hatte,
beschloss er nach etlichen Jahrzehnten des Konkubinats, Natascha offiziell zu
heiraten. Mitte der Siebziger Jahre unterbrach der Tod der Frau einen Prozess
wegen Bigamie gegen den Einsiedler, der wegen der Pflichten seiner Amtes
angestrengt worden war. Den Rest seiner Tage verbrachte das Väterchen umgeben
von der Zuneigung und Pflege der Besucher. Er sprach wenig, aber schenkte
jedem ein Lächeln. Auch Sergej Kokasin, einem Wiener Handelsvertreter, der
eines Tages, als er sich geschäftlich in der Stadt aufhielt, aus Neugierde den
merkwürdigen Einzelgänger besuchte. Das Treffen war ihm eine Erleuchtung. Er
erkannte, dass er dieses bärtige Gesicht schon mal gesehen hatte: Jahre zuvor
war es ihm im Traum erschienen! Und so bekehrte auch er sich zu der
marianischen Mission Timofejs. In den letzten Jahren wurde der eine
Berühmtheit. Sein Geburtstag wurde offiziell gefeiert, samt Besuch des
Bürgermeisters, der ihm die Glückwünsche der Bürger überbrachte. Väterchen
dankte der Stadt, indem er auf seiner kleinen Orgel ein Liedchen zu Ehren
Marias klimperte. Immer das gleiche. Er kannte kein anderes. Als er starb,
nahm die halbe Stadt an seinem Begräbnis teil, um ihm die letzte Ehre zu
erweisen. Er wurde 110 Jahre alt. Das ist viel, aber nichts im Vergleich zu
seinem wahren Alter. Bis zuletzt behauptete er, mindestens zweitausend Lenze
auf dem Buckel zu haben. Er schloss seine Augen heiter, den er wusste, dass er
seine Aufgabe erfüllt hatte: Den “Eisernen Vorhang” zu überwinden, dank der
Hilfe der Jungfrau Maria und seinem illegalen Kirchlein.
Kirche für den Frieden in Ost und West, München, Spiridon-Louis-Ring 100.
Il Sole 24 Ore – 8. Juli 2007
Vergessen Sie nicht die Faulheit
Im Sommer verreist man, am besten mit einem Vorrat an Büchern. Wer jedoch
während eines Auslandsaufenthaltes Italiopoli von Oliveiro Beha (aus
dem neu gegründeten Verlag Chiarelettere: Glückwunsch! Lektürezeit: drei Tage)
durchblättert, eine eindringliche und gut dokumentierte “damnatio patriae”,
und gar parallel L’economia della pigrizia von Roberto Petrini
(Laterza, ein Vormittag) liest, läuft man Gefahr, nicht mehr ins “Land, wo die
Zitronen blühen” zurückkehren zu wollen. Umgekehrt plant der Protagonist aus
Il Ponte von Vitalino Trevisan (Einaudi, ein Nachmittag), auch wenn es
ihn für die Dauer des kurzen, straffen Romans nach Deutschland verschlagen
hat, die nächste Rückreise in das verhasste Veneto, das er vor Jahren
freiwillig verlassen hatte. Auch alle Personen im letzten veröffentlichten
Roman von W.G. Sebald, Gli emigranti [dt.: Die Auswanderer],
habe keine Wahl als sich davon zu machen. Mit Gli emigranti (Adelphi,
ein Tag) erzählt uns der deutsche Autor ein bewegendes Fragment über vier
melancholischen Existenzen, perfekt geeignet als Spätsommer-Lektüre, wenn es
schon Zeit ist, über den kommenden Herbst nachzudenken. Denn wenn wir wieder
in den Alltag zurückgekehrt sind, erwarten uns viele kleine und große Kämpfe.
Der Kampf zum Schutz des Laizismus ist einer von den großen, auch weil
derjenige, der die Gesellschaft auf der Basis seiner theokratischen Phantasien
umbauen will, niemals schläft. In seinem
Pamphlet Non abusare di Dio (Rizzoli, ein Tag) zeigt Gian Enrico
Rusconi mit der gewohnten Schärfe die Begriffe und die Wichtigkeit der
Fragestellung auf: ein Essay, bestens geeignet für alle, die sich Klarheit
wünschen, und nicht nur im Sommer. Was Lektüren am Strand angeht, kann kein
Sommerurlaub, der etwas auf sich hält, ohne das Eintauchen in einen Thriller
auskommen. Hier hilft Scritto nelle ossa [orig.: Written in Bones]
(Bompiani, vier Tage), der zweite Fall des Pathologen David Hunter, geschaffen
aus der Phantasie noir des Simon Beckett. Il paradiso maoista
[orig.: Gather Yourselves Together] (Fanucci, drei Tage) erwartet
dagegen jenen, der sich in einem Band des visionären US-amerikanischen Autors
Philip K. Dick verlieren will, dessen erster, vor mehr als fünfzig Jahren
geschriebener Roman nun endlich in Italien veröffentlicht wurde.
Il Sole 24 Ore – 8. Juli 2007
Heute ein freier Bürger Europas, wurde Imre Kertész jedoch als Kind nach
Auschwitz deportiert und lebte dann lange Jahre unter dem Regime des
ungarischen Kommunismus. Im Roman eines Schicksallosen, seinem ersten
und glänzenden autobiographischen Roman, leiht Kertész Gyruka seine Stimme, um
ihn auf die grauenvolle Reise des Kommens und Gehens von und zu den Lagern der
Nazis zu schicken, erlebt von dem jungen Protagonisten mit überraschendem
Fatalismus. Erschienen nach zehn Jahren der Vorbereitung und der fortwährenden
Arbeit am Text – der kurze Roman vergeht schnell, doch jedes einzelne Wort ist
vom Autor lange abgewogen worden –, wurde er von der Presse des Regimes völlig
ignoriert, was zu einer Krise führte, die später in dem erfolgreichen Roman
Fiasko Verarbeitung fand. Mit Liquidation und Kaddisch für ein
ungeborenes Kind entwickelt Kertész des Weiteren die persönliche Reflexion
über die Shoah und die notwendigen Kompromisse, um überhaupt vor sich selbst
das Überleben der Vernichtungslager zu rechtfertigen. Das Romanschreiben
begleitet eine umfangreiche Essayistik, für die der Leser Beispiele in der
kürzlich erschienenen Sammlung Il secolo infelice findet. Für sein
Werk, das nach dem Fall des eisernen Vorhangs in ganz Europa bekannt und
verbreitet wurde – vor allem dank dem großen Erfolg seiner Bücher auf dem
deutschen Buchmarkt – hat der ungarische Schriftsteller 2002 den
Literaturnobelpreis erhalten.
Exklusiv für seine italienischen Leser präsentiert der Domenicale einen
Auszug aus einem Interview mit Imre Kertész auf dem Kongreß Perspektiven
Europa, der Anfang Juni an der Akademie der Künste in Berlin abgehalten
wurde (www.adk.de/europa).
Darin reflektiert der Autor über das schwere Erbe Europas, über die aktuellen
Probleme der neuen östlichen Mitgliedsstaaten und seine Hoffnungen für unsere
gemeinsame europäische Zukunft.
Il Sole 24 Ore
– 17. Juni
2007
Staatsoberhäupter umbringen? Das ist
Schwerstarbeit. Im Schnitt gelingt es nur einem von fünf Attentätern, sein
Ziel zu erreichen. Und obwohl die Statistik und lehrt, dass in diesen Zeiten
alle zwei Jahre ein Staatsoberhaupt der Gewalt zum Opfer fällt, kann man
deshalb nicht auf größeres Glück der modernen Killer schließen, sondern auf
eine Zunahme an unabhängigen Staaten und also, statistisch, einer Vermehrung
der potentiellen Opfer.
Dies und anderes liest man in Hit or Miss?, einer bemerkenswerten
Studie von Benjamin F. Jones (Northwestern University) und Benjamin A. Olken
(Harvard University), zwei amerikanischen Professoren, die an die dreihundert
Attentatsversuche durchkämmt haben, um die Auswirkungen der Anschläge auf die
Institutionen und auf den Krieg. (Ihr englischsprachiges “Paper” ist über das
Internet frei zugänglich:
www.nber.org/~bolken/assassinations.pdf.)
Von 1875 bis 2004, so weit ist die Untersuchungsperiode der beiden Forscher
gefasst, gab es – exklusive der Staatsstreiche und der im Vorfeld aufgedeckten
Komplotte – 298 Mordversuche an den höchsten institutionellen Stellen eines
Landes. Von diesen endeten nur 59 mit einem Erfolg für den Attentäter. Und es
wären sechzig “Erfolge” gewesen, wenn die Professoren in ihrer peniblen
Aufzählung nicht merkwürdigerweise unseren Gaetano Bresci vergessen hätten,
der am Abend des 29. Juli 1900 König Umberto I. von Savoyen mit
Pistolenschüssen ermordet hat.
Unbenommen der Tatsache, dass für Jones und Olken die alte Frage nach der
moralischen Verwerflichkeit des politischen Mordes unwichtig und ihnen
vielmehr vor allem an der statistischen Analyse des Tyrannenmordes gelegen
ist, erfährt man aus ihrer Studie, dass der effektivste Weg zur Beseitigung
eines Staatsoberhauptes in Verwendung eines Revolvers besteht. Wer den
jeweiligen Machthaber mit einer Pistole zu eliminieren plant, hat eine um ein
Vierfaches höhere Erfolgschance als derjenige, der sich auf Bomben verlässt.
Beim Einsatz solcher Sprengkörper bleibt das Ziel oftmals unversehrt, während
seine Entourage die Konsequenzen trägt. Am 16. April 1925 ließ zum Beispiel
ein Dynamit-Anschlag in der Kathedrale von Sofia den bulgarischen Zaren Boris
III. unversehrt, riss aber hunderte Anwesende in den Tod. Ein völliges Fiasko
auch für den glücklosen Attentäter auf Idi Amin, den afrikanischen Diktator,
der jüngst auf der Kino-Leinwand von einem exzellenten Forest Whitaker in
Der letzte König von Schottland verkörpert wurde. Der Tyrannenmörder
schleuderte mit solcher Gewalt eine Granate, dass sie die Brust des
fettleibigen Diktators traf und... in die entgegengesetzte Richtung
zurückprallte. Viele starben, während Idi Amin Dada quicklebendig und so
schurkisch wie eh und je blieb. Anders ging es da Lee Harvey Oswald: Dank
seines Mannlicher-Carcano-Gewehrs konnte er John F. Kennedy aus erheblicher
Distanz treffen, während der Präsident sich in einem Autokorso befand.
Fertigkeit, Glück, oder ein Komplott? Auch heute noch gibt es viele, die
bezweifeln, dass Oswald die Tat allein begangen habe; die verschiedenen
Theorien wetteifern seit Jahrzehnten, und ab und zu tauchen neue Amateurvideos
vom tragischen Tag auf den Dachböden auf (die letzte Entdeckung vom
vergangenen Februar kann man online anschauen unter
www.youtube.com/watch?v=JY384ITlbTw).
Variable, die für die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Attentats
zusammenkommen, sind das Alter des Führers, die Dauer seiner Amtszeit, das
Demokratielevel, das Pro-Kopf-Einkommen und die Anzahl der Einwohner eines
Landes. Statistisch gesehen kann es leichter geschehen, dass George Bush von
der Hand eines Landesgenossen getötet wird als dass dies dem Afghanischen
Staatschef Harmid Karzai zustößt (300 Millionen potentielle Killer für
ersteren, für letzteren nur 26 Millionen möglicher Attentäter). Wir raten
Karzai jedoch, sich nicht allzu sehr auf die Statistiken zu verlassen.
«Der Attentäter hat niemals die Weltgeschichte verändert», versicherte
Benjamin Disraeli als Kommentar zum Mord an Abraham Lincoln. Und dennoch: Wäre
die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts nicht etwas anders verlaufen, wenn
1939 das verdammte Wetter Adolf Hitler nicht dazu veranlasst hätte, einen
Münchner Bierkeller zu verlassen? Denn der mutige Schreiner Johann Georg Elser
eine Bombe gebaut und dort für ihn deponiert.
Nach Darstellung der beiden Wissenschaftler bringt die physische Auslöschung
des Herrschers bedeutende Veränderungen für die Geschichte des Landes mit
sich, vor allem, wenn ein Diktator sich erst seit kurzem etabliert hat und das
Szepter der Macht noch nicht ganz und gar in Händen hält. Die
Wahrscheinlichkeit eines demokratischen Umschwungs erhöht sich tatsächlich um
13 %. Im Fall eines Scheiterns besteht natürlich die Gefahr, dass der Despot
noch viel blutrünstiger wird und das gescheiterte Attentat benutzt, um die
Macht noch fester in seine Hände zu bekommen. Wenn der Getroffene hingegen der
Repräsentant eines freien Staates ist, in dem die demokratischen Institutionen
großen Respekt in der Bewertung der Einzelnen genießen, dann ist die
Kontinuität in der Regierung normalerweise garantiert.
Weniger klar sind die Entwicklungen im Fall, dass man den Anführer einer
Nation im Kriege beseitigt. Wenn ein «intense war» im Gange ist, also ein
Krieg mit tausenden von Toten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein Mord
in der Regierung zum Frieden führt. Wenn ein Konflikt aber von “niedriger
Intensität” ist, wie im Fall der israelisch-palästinensischen Feindschaft,
führt die Beseitigung der Regierenden nur schwerlich zum Waffenstillstand.
Sicherlich, so die beiden Forscher, führt die Tötung eines nationalen
Anführers so gut wie nie zum Ausbruch eines neuen bewaffneten Konfliktes. Was
ist denn aber mit dem Erzherzog Ferdinand, dessen Ermordung nichts weniger als
den Beginn des ersten Weltkriegs ausgelöst hat? – Statistisch irrelevant,
erwidern Jones und Olken. Und außerdem war Ferdinand kein wirklicher Anführer,
sondern nur der Erbprinz des Habsburgisch-Ungarischen Reiches.
Il Sole 24 Ore – 3. Juni 2007
Herzliche Glückwünsche, Fahrstuhl!
Man verbrachte das Leben auf Treppen. Dann kam der Fahrstuhl. Es geschah vor
einhundertfünfzig Jahren in New York, im Glas- und Porzellan-Warenhaus von
Haughwout & Co. Elisha Graces Otis hatte ihn drei Jahre zuvor erfunden. Der
Tag, an dem er seine Vorrichtung zum Aufwärtstransport von Personen der
Öffentlichkeit vorstellten, wurde als «einer der wahrhaft großen Augenblicke
der Architekturgeschichte» betrachtet. In Wirklichkeit tat Otis nichts anderes
als einen bereits seit Jahrhunderten bekannten Mechanismus zu perfektionieren,
indem er ihn mit einem grundlegenden Zusatz versah: der Fangvorrichtung. Dies
lernen wir, wenn wir die kuriose Studie von Andreas Bernard aufschlagen, die
im Frankfurter Fischer-Verlag erschienen ist.
Die Erfindung von Elisha Graves Otis hinderte die Kabine daran, in die Tiefe
zu stürzen, falls unglücklicherweise die Kabel rissen. «All safe, gentlemen,
all safe», soll er scheinheilig zu den ängstlichen Besuchern gesagt haben,
während er ihnen eine praktische Vorführung seiner revolutionären Erfindung
bot. Doch bevor das Misstrauen gegenüber dem Fahrstuhl überwunden war, sollte
einige Zeit vergehen. Für Jahrzehnte wurde der Apparat vor allem zum Abstieg,
aber selten für den Aufstieg verwendet. In Ihren
Studien zur Hysterie
berichten Breuer und Freud von einem Patienten, der sich sogar Vorwürfe
machte, weil er einige Kinder mit diesem gefährlichen Vehikel vom vierten
Stock hatte herunterfahren lassen.
Mit der Erfindung des elektrischen Knopfes verschwand alle Angst und
Zögerlichkeit vor der vertikalen Bewegungsart. Dank der Bequemlichkeit des
Knopfes hatte der Passagier keinen Kontakt mehr mit den Funktionsmechanismen,
die die eigentliche Fortbewegung steuerten: Um im Zuschauer Angst zu erzeugen,
nutzen Horrorfilme wie
Fahrstuhl des Grauens
gerade das in den mysteriösen Vorgängen des Apparats verborgene Geheimnis aus.
Fahrstühle und Stahlkonstruktionen erlauben es den Städten, immer weiter in
die Höhe zu wachsen. Die Skyline von New York wäre ohne Otis' Erfindung
undenkbar, die Geometrie und Funktionalität des modernen Wohnen
rationalisiert. Wenn die Hauptfigur in Kafkas
Proceß
einen Fahrstuhl hätte benutzen können, hätte er sich wahrscheinlich besser auf
seinem hoffnungslosen Irren durch labyrinthische Gebäude zurechtfinden können.
Einst waren die hohen Geschosse schwer zugängliche Bereiche und deshalb der
Dienerschaft und den weniger betuchten Mitbewohnern zugeordnet. Das galt etwa
für den Protagonisten des Romans
Hotel Savoy
von Joseph Roth, Gabriel Dan, der, da er knapp bei Kasse ist, von der
Geschäftsleitung um sechsten Stock des Hotels untergebracht wird. Während er
die Stockwerke herabkommt, bemerkt er, wie bei geringerer Zahl Luxus und
Komfort für die betuchteren Gäste zunehmen. Genau das Gegenteil von unserer
Zeit, in der jeder Promi, der etwas auf sich hält, ausschließlich Lofts und
Terrassen bewohnt.
Dafür, dass er in zeitgemäßer Weise zugleich öffentlicher und privater Raum
ist, legt heute noch die feine Verlegenheit desjenigen, der sich mit einem
völlig Fremden eine Fahrstuhlkabine teilt, Zeugnis ab. Sofern nicht, wie in
den Werbespots für Deodorant oder in Filmen wie
Lost in Translation,
der beengte Raum in einen faszinierenden Ort des Zusammentreffens und der
Verführung wird. Ganz und gar nicht galt dies für George Simenon, den
Schriftsteller und unverbesserlichen Schürzenjäger, der sich 1933 in einem
Berliner Hotel anstatt mit einer attraktiven Unbekannten zu flirten
unversehens Auge in Auge mit Adolf Hitler wiederfand.
Andreas Bernard, Die Geschichte des Fahrstuhls, Fischer Verlag, 335 S., € 16,95.
Il Sole 24 Ore – 27 Mai 2007
Anita, die nackte Königin der Nächte
Otto Dix machte ihre Sinnlichkeit in einem feuerroten Gemälde unsterblich.
Anita Berber, die Königin der Tänzerinnen in den “Golden Twentiews”, den
Goldenen 1920er Jahren in Berlin. Dix zeigt sie maliziöser Weise in ein so eng
anliegendes Kleid gehüllt, dass ihre attraktiven Formen noch stärker betont
werden. Da Anitas ganzes Talent in ihrer unwiderstehlichen Erotik lag, mit der
sie jeden Abend ein Publikum verzauberte, das von ihren leicht bekleideten
Vorführungen begeistert war.
Vom waghalsigen Leben dieser Anita Berber handelt Lothar Fischers interessante
Biographie, die reich mit Illustrationen versehen ist [Anita Berber, Göttin
der Nacht, Edition Ebersbach, Berlin, 206 S., € 25].
Anita wird als Künstlertochter 1899 in Leipzig geboren. Ihr Vater war
Violonist und ihre Mutter sang im Cabaret. Nach der Scheidung der Eltern
brachte ihre Mutter sie nach Berlin, wo Anita die berühmte Tanzzschule von
Rita Sacchetto besucht. Schnell überflügelt die Schülerin die Lehrerin und die
junge Frau macht sich Rita zur Feindin. Kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag
tritt die Berber zum ersten Mal allein auf. Der warme Applaus des Publikums
bringt ihr Freude und Sicherheit und öffnet ihr den Weg zur offiziellen Weihe,
die 1921 in Hamburg stattfand. Im berühmten Viertel St. Pauli – damals ein
Treffpunkt von Künstlern und Sängern, heute eher bekannt durch das berühmteste
Rotlichtviertel Deutschlands – zeigt sie sich zum ersten Mal mit der Nummer,
die sie später berühmt machen wird. Sie tanzt völlig nackt, nur mit ein wenig
Schmuck: ein Skandal, eine Sensation, ein überwältigender Erfolg! «Ihr Körper
war so vollkommmen, dass Ihre Nacktheit nie obszön wirkte», erinnerte sich
später Leni Riefenstahl, damals Tänzerin und zukünftige Regisseurin der
triumphalen Nazi-Filme.
Nur eine einzige andere Tänzerin hat ihr Publikum so sehr Kopf stehen lassen:
Isadora Duncan, als sie es am Beginn des Jahrhunderts zum ersten mal wagte
barfuss zu tanzen. Anita strahlte eine Erotik aus, die Frauen und Männer
faszinieren konnte. Im Lauf ihres kurzen Lebens hat sie gleichermaßen die
Herzen der einen wie der anderen gebrochen. «Anita Berber war ein Ausbund an
Amoralität. Aber fabelhaft!» bemerkt die Schauspielerin Hertha von Walther und
bekennt, dass auch sie dem einnehmenden Zauber der Berber erlegen war.
1919 heiratete diese Eberhard Nautilus, das “schwarze Schaf” einer ehrenvollen
aristokratischen Familie. Die Ehe währte nur kurz, da Anita mehr an Sebastian
Droste als an ihrem Ehemann interessiert war. Nicht aus Liebesleidenschaft
(Sebastian ist homosexuell), sondern wegen gemeinsamer Interessen. Droste ist
Tänzer, Choreograph, Dichter und Maler. Für Jahre bildeten die beiden ein
eingespieltes und skandalöses Paar. Auf ihrer Rundreise durch Mitteleuropa
machen beide gern Station in Wien, wo Karl Kraus den Skandal mit Wohlgefallen
zur Kenntnis nimmt und mit Interesse verfolgt, dass sie ihre «Tänze des
Grauens, des Lasters und der Ekstase» den Wienern anbieten und damit Erfolge
und Vorwürfe wegen Verletzung der Schamhaftigkeit ernten. Als wenn das nicht
genug wäre, hat Droste auch noch eine Schwäche für Betrug und
Urkundenfälschung. Um der Justiz zu entkommen, wird er gezwungen sein nach
Amerika zu fliehen. Zu den Erfolgsstücken des Duos Berber-Droste zählen auch
die Balette Morphium und Kokain. Es ist die künstlerische
Umsetzung ihrer gemeinsamen Leidenschaft für die Drogen, von denen Berber mehr
und mehr abhängig wird, bis sie sich schließlich öffentlich Dosen Kokain
verabreicht, während sie im Café sitzt.
Anita verursacht nicht nur durch ihren Tanz Skandale, sondern bringt ihre
Erotik auch auf die Leinwand. Der Regisseur Richard Oswald will sie als
Hauptdarstellerin in seinen heiklen Filmen. Im Film Die Prostitution
spielt sie Lona, eine Hure, die sich dem Weltgericht aussetzt. Doch das
gefürchtete Gerichtshof zeigt sich von der liberalen Seite. Lona und ihr
Metier werden freigesprochen. Anitas Grazie entging auch Fritz Lang nicht, für
den Tanz im Smoking in seinem Gilm Doktor Mabuse.
Während einer Tournee in Kairo infiziert sie sich mit Tuberkulose. Ihr junger
Körper, strapaziert von jahrelangem Exzess, kann ihr nicht viel
entgegensetzen. Sie stirbt kaum dreißigjährig in Berlin. Mit ihr stirbt ein
sinnliches und zügelloses Jahrzehnt, dessen Erinnerung bald unter den Nazis
ausgelöscht werden wird.
Il Sole 24 Ore – 20. Mai 2007
Der Plan, den Führer zu stürzen
Die Entdeckung Peter Hoffmanns über
die von General Henning von Tresckow verfassten Pläne zu einem Attentat auf
Hitler 1943 – eine Entdeckung, von der Hoffmann in der vergangenen Woche
exklusiv die italienischen Leser des Domenicale berichtet hat – hat ein
breites Echo unter internationalen Wissenschaftlern gefunden.
«Das Dokument ist ein neues Stück für das Bewusstsein, dass ein Konsens über
Hitler und die Nazis in den militärischen Rängen keineswegs selbstverständlich
war» erklärte Luciano Canfora gegenüber Il Sole 24 Ore. «Das alte
Deutschland, das preußische, militärische oder militaristische, aus langer
Tradition konservative hat sich niemals wirklich mit dem Nazitum
identifiziert. Diese Dokumente geben ein sehr viel genaueres Bild von dem ab,
was wir in der Gesamtschau zu betrachten gewohnt sind. Hoffmanns Entdeckung
ist eine wichtige Neuerung. Leider müssen wir die Würdigung dieser Pläne mit
der Enttäuschung ihres Scheiterns verbinden.» Für Gian Enrico Rusconi ist es
nach der Wiederentdeckung Hoffmanns klar, dass man Tresckow als
«Schlüsselfigur» des aktiven Widerstandes gegen Hitler anzusehen hat. Doch
obwohl die Opposition der Militärs gegen den Führer «eines der höchsten und
schönsten Elemente der deutschen Geschichte der Kriegsjahre» sei, erinnert
auch Rusconi daran, dass auch die detaillierte Planung des Attentats und
seiner Folgen des Scheitern des ganzen nicht verhindern konnte. Auch für Ian
Kershaw, Autor einer monumentalen Biographie des Führers, bleibt das generelle
Bild des Widerstands im deutschen Militär das «einer Minderheit mutiger
Wehrmachts-Offiziere, angetrieben von starken ethischen Prinzipien und bereit
ihr Leben zu riskieren, um der Regierung Hitlers ein Ende zu setzen, der nur
Zerstörung und Unmenschlichkeit gebracht hatte.»
«Ich habe den größten Respekt vor den Dokumenten, aber ich misstraue dem
Fetischismus», unterstreicht Rusconi: «Hoffmanns Entdeckung ist revolutionär
auf der Ebene der Archiv-Forschung, aber nicht, was die Substanz der Sache
angeht. In der Realität zeigen die Verbrechen der Wehrmacht, dass das Militär
den Kreig im Osten als Vernichtungskrieg geführt hat. Es gab wenig Opposition
gegen Hitler. Keine Entdeckung, so verdienstvoll sie auch sei, kann diese
Tatsache verändern. Als in den Jahren ‘45 bis ‘47 der deutsche Staat wieder in
Bewegung kam, herrschte übrigens ein großes Misstrauen gegenüber den
Opponenten gegen Hitler. Wenn wirklich ein großflächiger Widerstand existiert
hätte, mehr oder weniger virtuell, wie Hoffmann zugibt, hätte er sich
wenigstens im Nachhinein gezeigt. Doch im Gegenteil ist Stauffenberg Held
zuerst mit Zähneknirschen akzeptiert worden.»
Von dieser Zögerlichkeit, diejenigen zu loben, die den Eid auf den Führer
gebrochen haben, gibt auch Indro Montanelli direktes Zeugnis, als er in den
ersten Jahren nach der deutschen Kapitulation nach Deutschland reiste, um an
Morire in Piedi zu arbeiten, seiner in Buchform veröffentlichten
Umfrage zu den Verschwörern vom 20. Juli. Heute hingegen wird das Heldentum
eines Stauffenberg oder Tresckow öffentlich anerkannt – ein Zeichen dafür,
dass die Arbeit an der kollektiven Reflexion über die Vergangenheit, die die
Bundesrepublik in diesen Jahrzehnten geleistet hat, eine positive Wende
genommen hat. Übrigens wären dramatische Filme wie Oliver Hirschbiegels Der
Untergang oder ironischen wie Dany Levis neuester Film Mein Führer
in Deutschland bis vor kurzem undenkbar gewesen, und auch heute erregen sie
bei Erscheinen noch heiße Polemiken und Debatten.
Für Lutz Klinkhammer, Wissenschaftler am Instituto Germanico in Rom ist
Hoffmanns Überzeugung von der breiten Zustimmung zu Tresckows Plänen von
Seiten der Obersten Heeresleitung Ergebnis einer «zu weitgehenden
Interpretation. Auch wenn es diese Unterstützung wirklich gegeben hat, konnte
sie sicherlich nur wenige Ausführende finden. Denn die ideelle Zustimmung zu
einem Plan ist eine Sache, der aktive Widerstand aber eine ganz andere. Nur
wenige sind letztlich so weit gegangen.» Außerdem: Selbst wenn diese wenigen
ihr Ziel erreicht hätten, Hitler auszuschalten, ist es nicht gesagt, dass dies
dem Nazi-Horror ein Ende gesetzt hätte. Laut Canfora ist der Tyrannenmord «am
Ende vielleicht nutzlos, denn das Entscheidende ist, die Macht des Despoten
politisch zu überwinden: Entweder man unterstützt die völlige Ausschaltung
einer ganzen Gruppe von Herrschenden von Seiten einer geheimen Gruppe, die
organisiert und in der Lage ist, jene sofort zu ersetzen, oder es kann
geschehen, dass der Tyrannenmord zu einer Festigung der verwundeten Macht
durch den entschlossenen Schutz der bestehenden Ordnung führt. Trotz allem ist
beim aktuellen Stand unserer Kenntnisse Tresckows Versuch, Hitler zu töten,
der komplexeste, am besten durchdachte und vorausschauendste von allen.»
Im Vergleich zum Plan Tresckows, der auch die Festsetzung Görings, Himmlers
und Ribbentrops durch der Verschwörung treu ergebene Truppen vorsah, war der
Versuch vom 20. Juli 1944, in Kershaws Worten: «übereilt und schlecht
ausgeführt».
Doch mehr noch als in der Existenz einer detaillierten Projekts mit dem Ziel
die gesamte Nazi-Führung zu lähmen, liegt für den englischen Historiker die
wahrhafte Neuigkeit der Entdeckung «in der Tatsache, dass die Pläne Tresckows
uns in schriftlicher Form überliefert sind». Bislang sind diese Dokumente in
den Archiven des KGB in Moskau verborgen gewesen. Auch für Klinkhammer «liegt
die eigentliche wissenschaftliche Entdeckung nicht im Inhalt der Dokumente,
sondern in der Möglichkeit, auf sie zuzugreifen. Dieser Fund macht deutlich,
wie viel noch in Moskau versteckt liegt. Und vergessen wir nicht» – schließt
der Wissenschaflter – «dass es noch andere ehemals sowjetische Archive gibt,
die das umfassendste Material der Zeit vor
‘45
enthalten, deutsches und italienisches, das die Rote Armee beschlagnahmt hat.
All das ist ein Schatz, der bis heute noch vollkommen verborgen ist.»
Il Sole 24 Ore – 6. Mai 2007
Ein Manuskript als
Geschenk von Jelzin
Während des G8-Gipfels in Denver 1997 erkundigte sich Helmut Kohl bei Boris
Eltsin, ob es in Moskau Dokumente über den deutschen Widerstand gäbe. Im
selben Jahr ließ Eltsin dem Bundeskanzler eine Akte zukommen, die in den
zentralen Archiven des ehemaligen KGB gefunden worden war und ein Manuskript
des Majors Joachim Kuhn (1913-1994) enthielt. Kohl schickte das Material für
ein Gutachten an Professor Peter Hoffmann, einen international bekannten
Historiker, Dozent an der McGill University in Montréal und Autor eines Buches
über Widerstand gegen Hitler und das Attentat vom 20.
Juli 1944,
das auch in Italien bei Il Mulino erschienen ist (Tedeschi contro il
Nazismo. La Resistenza in Germania).
Das Dokument des Major Kuhn enthielt vage Andeutungen über ein von General
Henning von Tresckow (1901-1944) geplantes Attentat auf das Leben Hitlers.
Nach jahrelangen Recherchen hat Hoffmann jetzt in Moskau die schriftlichen
Pläne über das Attentat entdeckt, die Kuhn 1944 in der Nähe des
Führerhauptquartiers versteckt und später selbst ausgegraben und ein Jahr
später dem russischen Geheimdienst übergeben hatte.
Professor Hoffmann hat den sensationellen Fund in einem Aufsatz dargestellt,
in der Aprilausgabe der historischen Zeitschrift Vierteljahrshefte für
Zeitgeschichte, herausgegeben vom Institut für Gegenwartsgeschichte in
München (www.vierteljahrshefte.de)
Exklusiv für die Leser des Domenicale hat Peter Hoffmann seine
Ergebnisse in einem Artikel zusammengefasst, den wir hier präsentieren. Darin
legt er dar, welche Rolle der erste Plan des General Tresckow in dem für
Herbst 1943 geplanten Staatsstreich gegen das Nazi-Regime spielte. Einige
Monate später, am Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli
1944 nahm General von Tresckow sich an der russischen Front das Leben, indem
er sich mit einer Gewehrgranate in die Luft sprengte, in der Überzeugung: «Der
sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine
Überzeugung sein Leben hinzugeben.»
Il Sole 24 Ore – 29. April 2007
Wer schläft, sündigt nicht. Aber er kann eine Frau finden. So ist es dem
Engländer David Brown passiert, dem eine Zahl im Traum erschienen ist. Anstatt
Lotto zu spielen hat David die Ziffern in sein Handy getippt und eine SMS
abgeschickt. Er erhielt Antwort von einer gewissen Michelle, und zwischen den
beiden Unbekannten entstand eine Beziehung, die jetzt in die Ehe gemündet ist.
Und wer weiß, vielleicht zählen die beiden Vermählten zu den Liedern ihrer
Liebe ja auch Yesterday. Es wäre zumindest eine angemessene Wahl
angesichts der Entstehung des Liedes. Denn eines der berühmtesten Motive der
Beatles fiel Paul McCartney zum ersten Mal ausgerechnet während eines
Mittagsschläfchens ein. Im Wachzustand hingegen benutzten Salvador Dalì und
Luís Buñuel 1929 ihre Traumvisionen als Anregungen für die Szenen ihres Films
Un chien andalou, einen der bedeutsamsten Werke des surrealistischen
Kinos. Die Szene, in der eine Auge mit einem Rasiermesser aufgeschnitten wird,
ist die Bearbeitung eines Traums Buñuels, in dem eine lang gestreckte Wolke
den Mond zerteilt. Alle diese Beispiele zeigen, wie unser Gehirn während des
Traumes keineswegs in einen Zustand reiner Passivität absinkt, sondern
vielmehr aktiv ist und darauf gerichtet, die im Wachen erhaltenen Reize zu
verarbeiten. Und während der REM-Phase – der intensivsten – ist es sogar in
der Lage eigenmächtig Informationen zu produzieren, die nicht von äußeren
Reizen herstammen. Kurz: Immanuel Kant musste sich gleichsam über David Hume
ärgern, um aus dem «dogmatischen Schlummer» zu erwachen, in den versunken sich
der Philosoph sah, bevor er mit den Theorien des schottischen Aufklärers in
Berührung kam.
Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden widmet der Schlafanalyse und den
Beziehungen zwischen Schlaf, Traum und Kunst eine originelle Ausstellung
zwischen Wissenschaft und Kultur (Schlaf & Traum,
www.dhmd.de).
Auch wenn wir etwa ein Drittel unsere Lebens im Bett verbringen, stellt der
Schlaf einen der rätselhaftesten Aspekte unsere Existenz dar. Warum schlafen
wir? Warum träumen wir? – Fragen, auf die noch keine definitiven Antworten
gefunden wurden. Sicher ist, dass Schlafmangel dem Organismus nicht bekommt.
Nicht zufällig ist der systematischen Schlafentzug ein klassisches Instrument
der Folter. Wenig Schlaf bedeutet aber eine Gefahr nicht nur für denjenigen,
der darauf beharrt, gewaltsam wach zu bleiben. Jeder kennt den berüchtigten
Sekundenschlaf, der für zahlreiche Verkehrsunfälle verantwortlich ist. Aber
auch Tragödien wie die Explosionen in Tschernobyl und die der Challenger, wie
die Katastrophe des Tankers Exxon Valdez sind teilweise auf menschliches
Versagen zurückzuführen, das durch Schlafmangel im entscheidenden Moment
zustande kam. Peter Tripp blieb 1959 acht Tage lang wach und blieb dabei in
der Lage, regelmäßig seine Radiosendung aus New York auszustrahlen, während er
unter einer Glasglocke auf dem Times Square stand, ohne sich zu versprechen.
Nach dieser Wette mit sich selbst schlief er dreizehn Stunden und wachte
vollkommen erfrischt auf. In der Folge hatte er vier Scheidungen und
zahlreiche berufliche Fehlschläge wegzustecken als Folgen dieser ungesunden
Unternehmung. Wenige Jahre später brach Randy Gardner diesen Rekord: Elf Tage
ohne die Augen zu schließen, aber dafür mit Halluzinationen. Die beiden hatten
es sich wenigstens ausgesucht. Die Kranken, die an einer sehr seltenen – und
tödlichen – erblichen Schlaflosigkeit leiden, sind dagegen gezwungen, ganze
Monate lang in einem Zustand der äußersten Müdigkeit zu leben, ohne irgendeine
Chance auch nur das geringste Nickerchen zu halten. In de Ausstellung ist die
erbarmungslose Reportage über einen Mann zu sehen, der nach gut
einhundertdreizehn schlaflosen Nächten völlig am Ende ist. Wenn der Schlaf oft
als Metapher des Todes gebraucht wurde, dann zeigt diese Krankheit, dass es
vielmehr die ständige und andauernde Wachheit ist, die schnell zur Zerstörung
führt. Ein beeindruckender Fall, der dennoch für Sigmund Freud von keinerlei
Interesse gewesen wäre. Denn wenn er nicht schlafen konnte, konnte dieser
zerstörte Mensch auch nicht träumen. Und der Wiener Professor hatte sich
gerade der Traumanalyse verschrieben und untersuchte das Phänomen systematisch
als ein Tor zum Unbewussten. Unglücklicherweise offenbart uns jedoch Franz
Kafka in Die Verwandlung nicht, welcher Gestalt die «unruhigen Träume»
waren, aus denen Gregor Samsa eines Morgens erwachte und sich in ein riesiges
Ungeziefer verwandelt fand. Es wäre besser für ihn gewesen, wenn er im Bett
weiter gefaulenzt hätte.
Il Sole 24 Ore – 15. April 2007
Grand Hotel,
willkommen zu Hause
«Wie andere Männer zu Heim und Herd,
zu Weib und Kind heimkehren, so komme ich zurück zu Licht und Halle,
Zimmermädchen und Portier.» Also sprach Joseph Roth. Denn nach dem
Zusammenbruch des Habsburger-Reiches wählte der Schriftsteller als neue Heimat
die Hotels. Auch sein Kollege Vladimir Nabokov entschied sich dafür, die
letzten sechzehn Jahre seines Lebens im Hotel zu verbringen. Und wenn Klaus
Mann reiste – erinnert sich sein Vater Thomas – konnte er sofort ein anonymes
Zimmer in seinen persönlichen Arbeitsbereich verwandeln: «Ein paar Bilder
gehängt, ein paar Bücher gereiht, Photographien verteilt, und er saß an seiner
Schreibmaschine.» Vielleicht um eine Erzählung zu schreiben, die in einem
Hotel angesiedelt war. So geschah es dem umschuldigen Fräulein Else
Arthut Schnitzlers, rettungslos erschüttert vom unmoralischen Angebot eines
reichen Lebemannes während eines Aufenthaltes im Hotel Fratazza in San
Martino. Schnitzler selbst war jedoch weit weniger empfindlich als sein junges
Geschöpf und konnte auf seinen Reisen nur schwer dazu gebracht werden die
Fassung zu verlieren. Aber er ärgerte sich über ein hässliches Zimmer. Und in
einem solchen Fall stand er nicht an, sich zu beschweren, so dass er es
wechseln konnte. Wie in Rom im Frühling 1901, als er sich mit Schrecken einem
Zimmer gegenüber sah, das ganz «verstaubt und wacklig und schmierig» war.
Dem faszinierenden und Gewinn bringenden Verhältnis zwischen großen
Schriftstellern und Großen Hotels widmet nun das Literaturhaus München in
Zusammenarbeit mit den städtischen Hotels, offen für literarische,
kinematografische und musikalische Begegnungen, eine Ausstellung (www.literaturhaus-muenchen.de,
ab 30. Juni im Touriseum Meran). Geleitet von einem langen, geschwungenen
roten Teppich als der Metapher für das theatralische täglich im Mikrokosmos
eines Hotels aufgeführte Spektakel wird der Besucher in die Räume eines
imaginären Grand Hotel geführt, reich an Erinnerungen und Objekten – darunter
autografe Briefe und Postkarten verschiedener Schriftsteller, die sich in
Luxushotels aufgehalten haben.
Dort schwingt die Drehtür fortwährend im stetigen Kommen und Gehen und erfüllt
gleichzeitig diskret die Aufgabe des sozialen Filters: Die armen Touristen
bleiben draußen, und das Dienstpersonal ist gehalten den Nebeneingang zu
benutzen.
In ihrer Weite und Eleganz repräsentiert die Hall das wahre Zentrum und die
Bühne für all die zahlreichen Wege, die sich in einem Hotel kreuzen. Im Salon
des Hotel des Bains wurde Thomas Mann vom Anblick eines Jünglings berührt, der
später in jenen Tadzio umgewandelt wurde, dessen Schönheit im Tod in
Venedig den beladenen Professor Aschenbach verwirrt.
Jedes Grand Hotel besitzt unter anderem einen Speisesaal von hohem Niveau, wo
der Gast nicht einfach isst, sondern die raffinierten Kreationen des
Küchenchefs kostet, schmeckt und genießt. Im Restaurant kommen abends die
Gäste zusammen und beobachten einander neugierig zwischen dem einen und
anderen Gang. Eine Szene, die Marcel Proust an ein Aquarium erinnert, in dem
weniger Wohlhabenden die Tische der Reichen absuchen, als wären es exotische
Fische.
Doch auch wenn die Gäste darauf gestimmt sind, in Ruhe zu tafeln, gibt es nie
eine Pause für den Liftboy, den Jungen im Fahrstuhl, dessen bescheidener
Tätigkeit auch der Protagonist in Kafkas Amerika nachgeht. In diesem engen
Raum kann man buchstäblich jedem begegnen. Sogar Adolf Hitler, wie es George
Simenon um Hotel Kaiserhof in Berlin geschehen ist, kurz bevor der Führer an
die Macht gelangte. Archibald Christie traf seine Frau Agathe, gerade als er
sie aus dem Fahrstuhl im Harrogate Hydropathic Hotel kommen sah, nachdem sie
unvorhergesehen aus London verschwunden war, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Obwohl – schließlich – das Schlafzimmer der intimste Ort des ganzen Hotels
sein mag, ist es oft auch der am meisten vernachlässigte. Wenn man ein ganzes
Hotel zur Verfügung hat, warum sollte man in einem einzigen Zimmer empfangen?
Dies wusste auch Joseph Roth, der für Verhandlungen seine Gäste stets in
luxuriösen Salons empfing, im Café schrieb, sich zum Schlafen aber mit einem
Zimmerchen mit Blick auf den Hinterhof begnügte.
Il Sole 24 Ore – 8. April
2007
Als ein Großbürger. So in Erinnerung
zu bleiben hätte Joachim Fest sicherlich gefallen. Während viele seiner
Schriftsteller-Kollegen eine solche Bezeichnung rundweg ablehnen, vielleicht
weil sie in ihr eine allzu enge Begrenzung ihrer Kreativität sehen, hat Fest
aus seiner Zugehörigkeit zum Bildungsbürgertum nie einen Hehl gemacht: zu
jenem gehobenen deutsche Bürgertum, das fleißig war, aber sich gleichzeitig
der Bedeutung von kultureller Nahrung für die individuelle Entwicklung stets
bewusst. Indem er sich zum Bürger erklärte und so die Zugehörigkeit zu seiner
Schicht zeigte, legte er diese aristokratische Haltung an den Tag, mit der er
seine Zuhörer irritierte und faszinierte.
In Deutschland wurden viele bürgerliche Familien Opfer des Hitler-Fanatismus.
Aber nicht diejenige Fests, dessen Vater sich stets weigerte, das Parteibuch
der Nazis anzunehmen und sich so in den Augen des Sohnes als wertvolles
Beispiel moralischer Rechtschaffenheit auszeichnete.
Mit Bürgerlichkeit als
Lebensform – ein Titel,
der an Manns Essay Lübeck als geistige Lebensform erinnert – erscheint
in den nächsten Tagen in Deutschland eine postume Sammlung verschiedener Texte
des Essayisten, der September vergangenen Jahres verstorben ist. Unter den
Themen, die der Biograph von Hitler und Albert Speer behandelt, sind: das
Dritte Reich und der Deutsche Widerstand, die Rolle der Intellektuellen in
ideologischer Zeit, das Handwerk des Historikers, aber auch Literatur und
Reflexionen über Kunstsoziologie. Einige Seiten des Bandes sind den Brüdern
Thomas und Heinrich Mann gewidmet, dem Freund und Regisseur Jürgen Roland und
dem Kanzler Willy Brandt. Allesamt Repräsentanten jenes Bürgertums, dessen
Verdienste und Gefahren Joachim Fest, der als Denker stets skeptisch und
niemals radikal war, immer begeistert haben.
Bürgerlichkeit als Lebensform, Rowohlt Verlag, Reinbek 2007. 368 S., € 19,90.
Il Sole 24 Ore – 18. März 2007
Der Angestellte macht
die Wolken
Erinnern Sie sich an
Fantozzi? Sobald er das Büro
verließ, erschien ein freches Wölkchen über seinem Kopf und folgte ihm wie ein
treues Hündchen, so daß er sich niemals sonnen konnte. Das Dumme ist nur, dass
dies nicht nur Paolo Villagio passiert. Jeder weiß, dass das schlechte Wetter
sich einen Scherz daraus macht, am Wochenender zu kommen. Rudel von
Angestellten schwitzen fünf Tage hintereinander unter der glänzenden Sonne und
pflegen dabei die Hoffnung, sich am Sonntag entspannen zu können. Aber
pünktlich am Freitag Abend kündigen bedrohliche Wolken ein weiteres
verregnetes Wochenende an. Einfach Zufall? Keineswegs! Von heute an ist es
offiziell: Das “Angestellten-Wölkchen” existiert wirklich! Die Wissenschaftler des Instituts für Meteorologie in
Karlsruhe haben tatsächlich entdeckt, dass die umweltschädlichen Emissionen
der Fabriken und die Abgase, die im ständigen Kreislauf an den Werktagen
ausgestoßen werden, am Wochenende Zeit haben, sich in Regen zu verwandeln.
Kurz: Arbeiten schafft schlechtes Wetter. Noch ein guter Grund, um mehr Ferien
zu machen.
Vor siebzig Jahren hörte Preussen auf zu existieren. Die Sieger des zweiten
Weltkrieges glaubten, indem sie es offiziell von der Landkarte streichen,
hätten sie die historischen Wurzeln des Nationalsozialismus ausgerissen. Den
für die Alliierten war Preussen von jeher ein «Vehikel des Militarismus und
der Reaktion in Deutschland», wie es im Auflösungsdokument vom. 25. Februar
1947 heißt. Im Grunde taten sie nichts anderes, als die Konsequenzen aus der
Rede zu ziehen, die Churchill vier Jahre zuvor im englischen Parlament
gehalten hatte und in der er Preussen ohne Umschweife anklagt, «die Quelle
dieser wiederkehrenden Pest» zu sein.
Heute erwacht Preussen symbolisch wieder zum Leben, und das ausgerechnet dank
einem Engländer. Nachdem er sich auf einer Reise in das noch von der Mauer
geteilte Berlin für die Geschicke der Mark Brandenburg begeistert hatte, legte
der Historiker Christopher Clark nun ein Werk vor, das sich dem “Eisernen
Reich” in gleichermaßen monumentaler und fesselnder Weise widmet (Iron
Kingdom: The Rise and Downfall of Prussia, 1600-1947, Allen Lane, p. 816,
£ 30).
Im Unterschied zu einigen englischen Historikern wie Alan Taylor, dessen
The Course of German History (1945) die Thesen Churchills grundlegend
unterstützt, präsentiert die Arbeit Clarks ein komplexes und vielgestaltiges
Bild des Königreiches, das im siebzehnten Jahrhundert mit der Übertragung des
Fürstentums Preussen von Polen an die deutsche Dynastie der Hohenzollern
seinen Aufstieg begann. Clark vermeidet es, ein endgültiges Verdikt der Schuld
auszusprechen, auch wenn er die Geschichte Preussens als eine Zusammensetzung
aus Licht und Schatten sieht und sich so auf dem Kurs bewegt, den die große
Ausstellung Preussen, Versuch einer Bilanz 1981 in Berlin vorgezeichnet hat,
die etwa eine halbe Million Besucher verzeichnen konnte. Einer der Besucher
war auch Claudio Magris. Obwohl die Preussische Tradition, schreibt der
Triester Autor in L’infinito Viaggiare, blinden und gewaltsamen
Gehorsam gegenüber einer repressiven Ordnung bedeutet, repräsentiert sie auch
«einen Rahmen, um Zwiespalt zwischen einem moralischen, als absolut
empfundenen Gesetz und der Vielschichtigkeit der Existenz in eine Spannung zu
setzen, um das Individuum auf einen höheren Wert hin zu übersteigen, dem es
sich unterwerfen muss.» Jenseits von dem Preussen des Hegelianischen Kultes um
den absoluten Staat hinaus, der von der Landaristokratie der Junker
unterstützt wurde, gibt es allerdings noch das tolerante und aufklärerische
Preussen des Immanuel Kant und seines Landsmannes Otto Braun. Dieser regierte
während der Weimarer Republik den Staat und versuchte ihn zu einem «Bollwerk
der Demokratie» zu machen - bekanntlich ohne viel Erfolg.
Von Friedrich Wilhelm I. (König 1713-1740) kann man das nicht gerade sagen.
Die eiserne Disziplin und die unerschütterliche Autorität, die vom
“Soldatenkönig” eingeführt wurden, führten zu der Idee von Preussen als einer
großen Kaserne, in der nicht ganz klar ist, ob das Militär dem Staat dient
oder umgekehrt. In Wirklichkeit war auch der felsenfeste und gefürchtete
absolutistische Staat, der von Friedrich I. zur Vollendung gebracht wurde,
weniger eisern als man denkt: «Noch die längste Zeit des neunzehnten
Jahrhunderts gab es preussische Territorien, in denen die staatliche Präsenz
so gut wie nicht wahrgenommen wurde.»
In Preussen gehen Autorität und Verehrung der Waffen Hand in Hand mit einem
bürokratischen System von beispielhafter Effizienz, getragen durch Beamte von
mustergültiger Ehrbarkeit. Im “Eisernen Reich” herrschte Toleranz gegenüber
religiösen Minderheiten, eine Alfabetisierungsrate, die in ganz Europa
unerreicht ist, und ein Code Civile (von 1794), bewundert von den anderen
deutschen Staaten.
Der Herrscher, der am meisten die doppelte Seele Preussens verkörperte, war
sicherlich Friedrich II. (König 1740-1786). Von einem Vater, der seine
intellektuelle Lebhaftigkeit verachtete, tyrannisch zu militärischer Disziplin
gezwungen, überstrahlte nach dreißig Jahren der Schlachten sein militärischer
Ruhm den des “Soldatenkönigs”. Trotzdem wusste Friedrich II., der mit Voltaire
in Korrespondenz stand, auch Beziehungen zu den großen Geistern der Zeit zu
unterhalten. Er verstand sich ebenso auf das Schwert wie auf den Geist. Man
sagt, dass er die Bauern ohne Gewaltanwendung von der Förderung des
Kartoffelanbaus überzeugen wollte und zu diesem Zweck einigen Soldaten befahl,
ein Feld von Knollen streng zu bewachen. Wenn die Soldaten ihnen
Aufmerksamkeit schenken, müssen die Kartoffeln wertvoll sein, dachten die
Bauern, und waren so schnell überzeugt sie anzubauen, wie der König es gewollt
hatte.
Unter der Führung Bismarcks erreichte Preussen die Spitze seiner Machtfülle.
Nachdem er alle Bedingungen geschaffen hatte, damit die Franzosen angriffen,
konnte der Kanzler sich 1870 bei Sedan am überwältigenden Sieg seines Heeres
freuen. Ein Jahr später vollendete er die deutsche Vereinigung.
Preussen hat das neue Deutschland geschaffen. Aber der neue Staat ließ die
Identität des “Eisernen Reiches” rosten, der so dem langsamen Verfall
entgegenging.
Il Sole 24 Ore – 11. März 2007
Frauen des Ostens
auf der Jagd nach Herzen
Von Moskau aus machen sich die mit
Kajal geschminkten Truppen des Professor
Rakowski auf, um die Herzen des Westens zu erobern. Sie werden viele Gefangene
machen. Und alle vermögend. Damals, als Wladimir Rakowski als Psychologe bei
Ministerium für Zivilschutz angestellt war, half er verlassenen oder
verratenen Frauen dabei, wieder zu sich zu kommen, ohne in Depressionen zu
versinken. Heute, da er sich selbständig gemacht hat, verfolgt er kühnere
Ziele, aber stets zum Nutzen des Schönen Geschlechts. Denn wer Karriere machen
will, muss nun mal professionel mit der Zeit gehen. Was immer sein
Tätigkeitsfeld auch sei. Auch bei dem der Verführung. Rakowski hält seine
Kurse in dem Palazzo ab, in dem vor fünf Jahren tschetschenische Terroristen
ein ganzes Theater samt Publikum als Geiseln genommen haben. Im übrigen lehrt
auch er, wie man Männer in seine Gewalt bringt. Aber nicht um Krieg, sondern
um Liebe zu machen. Das einzige, was hier gebrochen werden soll, sind Herzen.
Viele auszubildende Verführerinnen brennen darauf sich zu perfektionieren.
Nicht dass Rakowski seine eifrigen Studentinnen zur Aggression auffordern
würde. Wenn man sich eine gute Partie geangelt hat, besteht der Trick darin,
sich auch unentbehrlich zu machen. Und wie? Indem man das eitle Opfer glauben
macht, dass er derjenige sei, der in der Beziehung das Sagen hat. Und wenn
dann das Hähnchen sich als Hahn fühlt, wird es auch die Brieftasche öffnen.
Dabei ist der russische Angriff auf die europäische Männlichkeit keineswegs
ein titanisches Unterfangen. Und wenn das jeweilige Opfer ein Italiener ist,
dann wird - versteht sich - das ganze wahrscheinlich noch einfacher sein. Doch
es gibt viel Unvorhergesehenes. Und die Konkurrenz schläft nicht. Wir sprechen
von anderen Russinnen auf der Jagd nach Ehemännern, nicht von eventuellen
einheimischen Ehefrauen oder Verlobten. Um sie scheint die Armee des Professor
Rakowski sich nicht zu kümmern.
Dass all diese feurige Liebe der reine Schwindel ist, stellt weder für den
Professor, noch für seine Elevinnen ein Problem dar. Auch weil, bemerkt
Rakowski, jede echte Verführerin dazu fähig ist, sich so in ihre Rolle
hineinzuversetzen, dass sie sie gar nicht mehr ablegen will. Eine Hoffnung für
alle romantischen Idealisten und zukünftigen Schwindler? Denn die Gefahr
besteht, dass sich Svetlana als gelehrige Sex-Bombe beim eifrigen Spielen
ihrer Rolle schließlich unsterblich in ihre eigene Beute verliebt.
Il
Sole 24 Ore – 4. März 2007
«Pasolini weiß, dass der Roman tot ist. Aber er sagt es nicht laut, um die
Mamma nicht zu erschrecken.» Mit diesem Bonmot wollte Ennio Flaiano weniger
den Schriftsteller-Korsaren foppen, als vielmehr die vielen Witwen des
Romans necken, die schon seit Jahrzehnten sein Ableben bejammern. Eben jene,
um die sich Carlo Emilio Gadda nicht kümmerte, in der Überzeugung, dass der
menschliche Impuls zu erzählen eine sichere Garantie gegen jede Furcht seines
Hinscheidens sei. Auch Imre Kertész hat oft über die Unmöglichkeit einen Roman
zu schreiben reflektiert. Aber statt zu resignieren hat es der ungarischer
Schriftsteller vollbracht, alle seine Reflexionen in Fiasko zusammenfließen zu
lassen. Eben in einem Roman.
Denn obwohl der Tod des Romans viele Male angekündigt wurde
–
gerade so wie
das Ende der Geschichte, der Untergang des Kapitalismus und das Unterbinden
der Graffitis in Mailand
–, scheint er bis heute nicht von den Fakten
untermauert zu werden. Im Gegenteil: Hin und wieder erfreut sich der Roman so
guter Gesundheit, dass sein Autor die Folgen tragen muss. Robert Musil
verbrachte ein ganzes Leben damit, es in dem Mann ohne Eigenschaften
einzuarbeiten, und doch starb er, ohne ihn vollendet zu haben. Dasselbe gilt
für viele Schriften Franz Kafkas, und doch sind seine
“unvollendeten”
Romane
weit davon entfernt verstümmelt zu wirken und faszinieren vielleicht um so
mehr gerade wegen ihrer offen gelassenen Struktur.
Für einige Autoren ist die erzählte Geschichte so wichtig, dass sie
entscheiden, sich zu ihren Gunsten aus dem Staub zu machen: Sie treten einen
Schritt zurück und publizieren sie anonym. In Italien ist es der Fall Wu Ming:
ein ebenso anonymes wie fruchtbares Kollektiv. Klassiker, anonym oder
unvollendet
–
der Roman war bislang immer von einer klaren Asymmetrie
gekennzeichnet. Auf der einen Seite der Autor oder die Autoren, auf der
anderen die Leser.
Jetzt gibt es jemanden, der sich vorgenommen hat, diese Mauer einzureißen, die
übrigens schon von all denen in Frage gestellt wurde, die wie Jorge Luis
Borges im Akt des Lesens eine kreative Komponente ausmachen, die nicht weniger
edel sei, als die zum Schreiben notwendige. Auf der Grundlage der Wiki
Technologie, einer Groupware für die Konstruktion von Webseiten, die es jedem
seiner Nutzer erlaubt, Inhalte der einzelnen Seite hinzuzufügen oder zu
modifizieren. Mit A Million Penguins (www.amillionpenguins.com)
hat sich das englische Verlagshaus Penguin gemeinsam mit der De
Montfort-Universität Leicester daran gemacht, einen Wiki-Roman zu schaffen,
d.h. ein Werk, offen für Beiträge aller Nutzer des Web. Jeder Mitarbeiter der
Online-Erzählung
–
deren erste Kapitel schon geschrieben sind
–
kann nicht nur
seine eigenen Texte erweitern und verändern, sondern auch diejenigen der
anderen Schreiber in einem spannenden Work-in-Progress eines auf Hochtouren
arbeitenden Küntler-Kollektivs. Ein Team von Moderatoren hat die Aufgabe
eventuelle verbale Exzesse zu kontrollieren und die korrekte Anwendung der
Verhaltensmaßregeln zu garantieren, damit die extreme Freiheit des Projektes
nicht in totaler Anarchie endet.
Die Idee eines “Open-Source-Romans”
ist nicht unbedingt neu (in Italien ist z.
B. die Webseite
www.romanzototale.it aktiv), aber dank der Anwendung der Wiki-Technologie
sind dem Fließen der Handlung und der Freiheit der Leser-Schreiber nahezu
grenzenlos geworden. Gerade deshalb ist es unmöglich, das Ergebnis eines
solchen Experiments vorauszusehen, das sechs Wochen dauert. Sicher wird es für
die Autoren
–
voraussichtlich Millionen und allesamt anonym
– nicht einfach
sein sich bei der Abfassung eines Buches, dessen Handlung sich bei jedem
Lidschlag ändern kann und von Tag zu Tag unvorhergesehene Wendungen und
grundlegende Änderungen erfährt, zurechtzufinden. Am Schluss könnte ein
Meisterwerk herauskommen, aber angesichts der vielen Köche am Breitopf sagen
die Skeptiker einen chaotischen und unsinnigen Mischmasch voraus. Mit dem
Ergebnis, dass erst Millionen von Schreibern freie Hand gegeben wurde und sie
dann eine Geschichte in die Hand (oder auf Video) bekommen, die keiner lesen
will. Denn was nützt ein Roman, der vor Gesundheit strotzt, wenn ihm der Leser
fehlt?
Il Sole 24 Ore – 18. Februar 2007
«In Teheran sieht man an allen
Wänden Hakenkreuze», notierte ein iranischer Diplomat. Es war das Jahr 1942,
und tatsächlich erfreute sich das Nazi-Regime zu dieser Zeit großer
Beliebtheit unter den arabischen Völkern. Der Reisende auf dem Weg in den
Mittleren Osten war im Zeichen der Swastika sicher, keinem Raubüberfall oder
Hinterhalt zum Opfer zu fallen. Darüber hinaus hätte ihn auch donnernden
Applaus empfangen. Umgekehrt waren arabische Gesandtschaften gern gesehene
Gäste während der Feiern des Nazi-Parteitages in Nürnberg. Der herzlichen
Beziehung zwischen Arabern und Nazis widmet sich jetzt eine neue Studie der
Historiker Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers. Der in Deutschland
erschienene Band ist so gut recherchiert, dass das Fehlen jeden Hinweises auf
Il Fascio, la Svastica e
la Mezzaluna, jene
Pionierarbeit von Stefano Fabei, die 2002 bei Mursia erschienen ist,
verwundert.
Bei den Moslems war Adolf Hitler ein Star, die Menge bejubelte ihn, und
Dichter widmeten ihm ehrerbietige Kompositionen. Der Führer erwiderte die
Sympathie und ließ Mein
Kampf übersetzen. Einige
Sprachforscher machten sich daran, die arabische Version von den Passagen zu
säubern, die abfällige Bemerkungen über die Verehrer Allahs enthielten. Und
angesichts der gemeinsamen semitischen Herkunft von Arabern und Juden stellte
man klar, dass der Hass der Nazis ausschließlich anti-jüdisch war. Übrigens
rührte die immense Popularität des Nationalsozialismus bei den arabischen
Völkern – so die Grundthese des Buchs – vor allem von einer gemeinsamen
anti-jüdischen, nicht nur anti-zionistischen Abneigung her. «Auch ist
Deutschland das einzige Land, das sich endlich entschlossen hat, die jüdische
Frage aus der Welt zu schaffen. [...] jetzt bekämpfen wir [...] gemeinsam. So
werden wir auch unser Ziel gemeinsam erreichen», erklärte 1943 Amin
al-Husseini, der einflussreiche Mufti von Jerusalem, der aus britischer
Gefangenschaft geflohen war und in Berlin Schutz gesucht hatte. Ob der Mufti
Hitler oder Mussolini traf, immer betonte der die nationalistische Sache der
Palästinenser, er trug dazu bei, eine moslemische SS-Einheit zu gründen und
verbreitete ohne Unterlass anti-jüdische Hassgefühle. Schließlich meinte er:
«Die Juden kann man mit krankheitstragenden Insekten vergleichen.»
Die arabisch-palästinensischen Nationalisten sahen im Nationalsozialismus
einen Verbündeten, in der Lage, sie sowohl vom Joch des britischen
Kolonialismus, als auch von der Anwesenheit der Juden zu befreien. Anno 1937
hatten sich Araber und Deutsche übereinstimmend gegen die Peel-Kommission
ausgesprochen, die die Gründung eines jüdischen und eines arabischen Staates
auf palästinensischem Boden befürwortete. Ein Jahr später begannen die Nazis
die palästinensischen Araber mit Waffen und Munition für den Kampf gegen die
Juden zu versorgen, unter denen viele Flüchtlinge aus Deutschland waren.
Analog zu den faschistischen Propaganda-Sendungen von “Radio Bari”, strahlte
das Deutsche Reich ab 1939 auch Sendungen in arabischer Sprache aus. Die
Programmübersicht bot Musik, Koran-Lesungen und Aufrufe zum Kampf gegen Juden
und Engländer. Als in den folgenden Jahren der deutsche Blick auf die
faschistischen Kolonial-Ziele in den arabischen Ländern schwand, hetzte die
Radio-Propaganda in immer obsessiverer Weise zur nationalistischen Revolution
und zu Gewalt gegen Juden auf. Viele Hörer begrüßten die Nazi-Botschaften.
«Wir handelten in kompletten Einklang mit ihnen», erklärte ganz unschuldig der
ägyptische Nationalist Anwar el-Sadat bei Kriegsende.
1942 bildete Hitler-Deutschland sogar eine Todesschwadron unter der Führung
von Walther Rauff mit dem Auftrag, die Shoah in Palästina umzusetzen. Der
SS-Mann Rauff hatte sich bei seien Vorgesetzten als Erfinder mobiler Einheiten
für die Tötung durch Gas einen Namen gemacht. Die Niederlage von El-Alamein
hinderte Rauff daran, den Mordauftrag weiter auszuführen. Nach dem Zweiten
Weltkrieg wurde der Verbrecher mit Hilfe der Katholischen Kirche in Chile
aufgefunden.
Als er ägyptischer Präsident geworden war, erklärte Sadat erst Israel den
Krieg und erkannte dann sein Existenzrecht an. Auch Al-Husseini überlebte
seine Beschützer und unterstützte seinerseits den jungen Yassir Arafat, der
seine Hochachtung erwiderte und ihn immer in guter Erinnerung behielt.
Klaus-Michael
Mallmann, Martin Cüppers,
Halbmond und Hakenkreuz. WBG, Darmstadt 2006.
287 S. € 49,90.
Il
Sole 24 Ore – 4. Februar 2007
Imre Kertész. Ein Jahrhundert in zwei Tragödien
Von der Erzählung eines Überlebenden
des Holocaust würden wir alles erwarten, außer dem «Glück der
Konzentrationslager». Doch mit eben dieser Erklärung endet der
Roman eines Schicksallosen
des Imre Kertész. Gleichsam eine Bombe, die dem Leser entgegengeworfen wird.
Überraschenderweise ist dieser Sprengsatz zum Zeitpunkt der Veröffentlichung
in Ungarn nicht explodiert. Kertész’ berührender Debüt-Roman, die Geschichte
eines jüdischen Jungen, der in Auschwitz und Buchenwald interniert wird und
dann wunderbarerweise der Vernichtung entrinnt, wurde zunächst ignoriert und
in der Folge verboten. Nachdem er selbst der antisemitischen Gewalt entkommen
war, lebte Kertész nun für Jahrzehnte unter dem Joch der kommunistischen
Madjarendiktatur, die ihrerseits unbequeme Erinnerungen an eine
kompromittierende Nazi-Vergangenheit nicht hinnehmen wollte. Eine Existenz,
eingezwängt zwischen zwei Totalitarismen, genau wie das kleine, zwischen zwei
Verkehrsadern gequetschte Sträßchen, in dem der alte Protagonist aus
Fiasko
wohnt, dem zweitem Roman des Schriftstellers.
Während Kertész die Erinnerungen der frühen, im Schatten des Hakenkreuzes
verbrachten Jugendzeit erkundete, um Gyurka hervorzubringen, das eigene
Alter-Ego im Roman eines
Schicksallosen, war schon
eine andere Unterdrückung am Werk, ihm von neuem die Freiheit zu entziehen.
Und dies aus dem Grund, da der Autor etwa ein Jahr zuvor in einem seiner
typischen Erklärungen, die den Zuhörer verwirrt zurücklassen, bemerkt hatte,
er spreche in seinem ersten Roman nicht nur von Auschwitz, sondern auch vom
ungarischen Kommunismus. Vielleicht angesichts der Missverständnisse, die aus
einem solchen Satz entspringen können, hat er sich vor Kurzem wieder dem Thema
zugewandt. «Damit habe ich noch nicht gesagt, der Holocaust war wie das
Kádár-Regime», stellt er in
Dossier K.
richtig, dem autobiographischen Interview, das im letzten Jahr in Italien bei
Feltrinelli erschienen ist, «ich habe damit nur so viel gesagt, daß ich in der
Kádár-Ära meine Auschwitz-Erlebnisse klar begriffen habe, die ich nicht
begriffen hätte, wenn ich in einer Demokratie erwachsen geworden wäre.»
Anstatt sein Empfindungsvermögen abzustumpfen haben die Jahre, die er hinter
dem “Eisernen Vorhang” verlebte, Kertész in Wirklichkeit dazu geführt, die
Mechanismen und Monstrosität der Nazi-Diktatur noch klarer zu begreifen. Für
den Schriftsteller hatte der “Gulasch-Kommunismus” – eine für ihn ebenso
kritische wie beschönigende Bezeichnung – tatsächlich den Duft der berühmten
Proust’schen Gebäcks: «Für mich war diese Madeleine die Kádár-Ära, und in mir
ließ den Geschmack von Auschwitz wiederauferstehen.» Selbst wenn er ein
anderes Süßstück gekostet hätte, d.h., um die Metapher zu verlassen, in einer
anderen Diktatur des Ostens hätte leben müssen, der Geschmack, den sie
heraufbeschwor, wäre stets derselbe gewesen: der von Auschwitz. Denn auch wenn
man die Unterschiede zwischen den verschiedenen Regimen, die dem zwanzigsten
Jahrhundert Gewalt angetan haben, bestehen lässt: Nach dem Abgrund der
nationalsozialistischen Lager galt für Kertész, dass «jede Diktatur die
Virtualität von Auschwitz enthält.»
Und da jedes moderne Regime dieses Erbe mit sich trägt, gibt es für Kertész
keine authentische Literatur, wenn sie sich nicht mit dem umwälzenden Ereignis
der Shoah beschäftigt. Daher verwundert es nicht, dass seine gesamte Prosa
seine Grundlagen und Wurzeln im symbolischen Ort des Holocaust hat – ein
verdächtiger Terminus übrigens auch dies, scheint er dich die schreckliche
Wirklichkeit, die Vernichtung der europäischen Juden, eher zu
verschleiern als zu offenbaren.
Wie jeder Intellektuelle, der sich der Shoah konfrontiert, ist auch Kertész
des Adorno-Diktums eingedenk, man könne nach Auschwitz keine Poesie mehr
schreiben. Darüber spricht er in
Die exilierte Sprache,
einer Aufsatzsammlung, die im Februar bei Bompiani erscheinen wird. Kertész
bestätigt Adornos Ausspruch nicht, sondern modifiziert ihn, «Ich würde ihn, in
einem ebenso weiten Sinn, so modifizieren, daß man nach Auschwitz nur noch
über Auschwitz Gedichte schreiben kann». Im Grunde tut Paul Celan genau das,
indem er die Schwarze Milch zusammenfügt, als seine poetische Antwort auf
Adorno. Und so verwundert es auch nicht, dass der Name des Poeten aus
Czernowitz oft in Kertész’ Essays auftaucht, zusammen mit Jean Améry, Theodor
Borowski, Sandor Márai und unserem Primo Levi: «Schriftsteller, die aus der
Erfahrung des Holocaust wirklich große Literatur von Weltgeltung
hervorgebracht haben.»
Obwohl Imre Kertész sein ganzes literarisches Werk der Reflexion auf den
Holocaust gewidmet hat, macht er sich dennoch das Bedenken seines Landsmanns
Arthur Koestler nicht in Gänze zu eigen, nach dem in der Literatur über die
Shoah «die Details, und nur die Details» zählten. Einer der schönsten Essays
in Die exilierte Sprache
handelt von La vita è
bella von Roberto
Benigni. «Das Tor des Lagers im Film ähnelt der Haupteinfahrt des reale Lagers
Birkenau ungefähr so, wie das Kriegsschiff in Fellinis Schiff der Träume
dem realen Flaggschiff eines österreichisch-ungarischen Admirals gleicht»,
lautet Kertész’ ironischer Kommentar. Es könnte wie ein Verriss erscheinen.
Doch dann, in einem jener überraschenden Perspektivwechsel, die seine Leser so
faszinieren, bekennt der Mann, der als Junge aus den Vernichtungslager
gerettet wurde und Nobelpreisträger geworden ist, dass er im Film des
italienischen Regisseurs eine Wahrheit gefunden habe, die tiefer reicht als
die rein formale Richtigkeit: «Der Geist, die Seele dieses Films sind
authentisch, dieser Film berührt uns mit der Kraft des ältesten Zaubers, des
Märchens.»
Il Sole 24 Ore – 21. Januar 2007
Saddam ist tot, und auch Castro fühlt sich
nicht besonders gut. Da nun sich bei ihm der Moment des eigenen irdischen
Verschwindens nähert, scheint Fidel sich zum Christentum bekehrt zu haben.
Seine Tochter Alina Fernandez Revuelta versichert tatsächlich, dass ihr Vater
«an der Schwelle des Todes Jesus wiedergefunden hat. Er ist um seine Seele
besorgt.» Das glauben wir gern, bei all den Christen, die der Diktator zu
Märtyrern gemacht hat, als er an der Macht war. Und doch kommt gemäß der
katholischen Morallehre der wahrhaft reuige Sünder, der sich auf den
Sterbebett Gott anvertraut, noch rechtzeitig, um seine Seele zu retten. Wenn
der Glaube eine Wette ist, wie Pascal meint, dann ist die Bekehrung in
extremis das As im Ärmel des Ungläubigen. Man denke an Dismas, den guten
Schächer. Nachdem er wie ein Rasender geraubt und massakriert hatte, bekehrte
er sich am Kreuz. Jesus erkannte im Herzen und in den Worten des Banditen die
Zerknirschung über alle die begangenen Untaten und erklärte ihn sofort zum
Heiligen. So gelang es Dismas «das Paradies zu stehlen», wie der Heilige
Ambrosius sagte, indem er das himmlische Eden als erster Christ aller Zeiten.
Für Oscar Wilde ist es weniger gut gelaufen. Um in die Arme der Heiligen
Mutter Kirche aufgenommen zu werden, musste er mehr als hundert Jahre warten.
Erst in diesen Tagen hat der Vatikan entschieden, den Schriftsteller zu
rehabilitieren, obwohl auch er sich in letzter Minute bekehrt hat und – im
Gegensatz zu Dismas – seinem Nächsten kein Haar gekrümmt hat. Schlimmstenfalls
hat er ihn zu sehr geliebt, wobei er eine jener “besonderen Arten der Liebe”
an den Tag legte, die Papst Ratzinger zum Schimpfen bringen. Man bedenke: Der
arme Oscar war so fasziniert vom Oberhaupt der katholischen Kirche, dass er
sich selbst als «leidenschaftlichen Papisten» bezeichnete. Vielleicht trug zu
seiner späten Rehabilitation auch die Tatsache bei, dass er den letzten
Atemzug für ein Wortspiel nutzte, das eher einem Ästheten als einem reuigen
Sünder anstand. Beim Betrachten der schäbigen Einrichtung des Zimmers, in dem
er dahinsiechte, soll er bemerkt haben: «Entweder verschwindet die Tapete,
oder ich». Wenige Monate später – ebenso noch auf dem Totenbett – bekehrte
sich auch der Marquis von Queensbury zum Katholizismus, jener Adlige, der das
Verhältnis seines Sohnes Lord Alfred Douglas mit dem Schriftsteller, gegen den
er auch den berüchtigten Prozess wegen Sodomie angestrengt hatte, nie
gebilligt hat.
Die Nachricht von den Bekehrungen zum Zeitpunkt des Todes wird oft vom Zweifel
an ihrer Wahrhaftigkeit begleitet. Die Familie von Charles Darwin wollte die
Legende von der letzten Reue des von den Creationisten meist gehassten
Wissenschaftlers nie bestätigen. Ist der Philosoph Ortega y Gasset wirklich
gestorben, während er eine Heiligenfigur küsste, oder war das nur ein Scherz
des Mönchs, der die Nachricht verbreitete? Und noch heute, zwanzig Jahre nach
dem Ableben von Renato Guttuso, leugnet seine Geliebte, Marza Marzotto, die
angebliche Konversion des Malers: «Er war ein steinharter Atheist, und ist es
sein ganzes Leben lang geblieben.» Abgesehen davon fehlt es nicht an
konvertierten Pfaffenfressern. Orianna Fallaci starb eher als Fromme denn als
Atheistin, mit der Freude, Benedikt XVI. getroffen zu haben. Für André
Frossard ist es sogar noch besser gelaufen. Der Sohn des ersten Sekretärs der
Kommunistischen Partei Frankreichs betrat als militanter Atheist einen Kapelle
und verließ sie als eifriger Gläubiger, «begleitet von einer Freundschaft, die
nicht von dieser Welt war». So erzählt er selbst in Gott existiert. Ich bin
ihm begegnet.
Im Moment des Todes wurde Guttuso von Kardinal Fiorenzo Angelini begleitet,
der auch später das Sterbebett eines anderen Kommunisten, des Politikers
Antonello Trombadori, frequentierte. Maurizio Ferrara, dem ehemaligen
Vorsitzenden der Unità und Vater des frommen Atheisten Giuliano, entgeht der
Zufall nicht: «Erst Guttuso, dann Trombadori: Ich hoffe nur, dass Don Fiorenzo
sich nicht auch am meinen Katafalk zeigt.» Denn diejenigen, die ohne Gott
sterben – ausgenommen sie nennen sich Welby – scheinen das christliche Mitleid
der Religiösen anzuziehen. Das geschieht zum Beispiel auch in Victor Hugos
Roman Les Misérables, in dem ein Verurteiltes, versöhnt vom Trost eines
Bischoffs, aufs Schafott steigt. Dagegen bekam Carducci die letzte Ölung von
einem Priester, der sich als Barbier verkleidete, um den Kameraden auf
Totenwache einen Streich zu spielen, die der Bekehrung des Autors von Hymne
an Satanas skeptisch gegenüber standen.
Wie viele Religionen, so viele Möglichkeiten zur Bekehrung. Im vergangenen
Dezember ist die Beerdigung Litvinienkos von einem Imam unterbrochen worden,
der darauf bestand, am Sarg zu beten. Der Geistliche erklärte später, dass der
russische Spion, der mit einem Poloniumtee vergiftet wurde, sich auf den
Sterbebett zum Islam bekehrt habe. Ohne Rückhalt, die Ehefrau zu informieren,
die dies bis heute bezweifelt.
Der Schriftsteller Aldous Huxley hingegen beschäftigte sich in höherem Alter
immer mehr mit dem Tibetanischen Totenbuch. Und im Moment des Todes
wollte er abtreten, indem er den im Buch beschriebenen Techniken folgte. Wobei
er seine Frau dabei mehr mit Mescalin als mit Gebeten helfen ließ.
Il Sole 24 Ore – 14. Januar 2007
«Überall zerfetzte Tote, überall
zerquetschte Autos». Trotz des apokalyptischen Szenarios einer Schlacht
zwischen Menschen und Autos, das im Steppenwolf beschrieben wird, war
Hermann Hesses alltägliches Verhältnis zu Autos um vieles angenehmer. Auf
seinen Reisen rund um die Welt hat er sicherlich nicht die Bequemlichkeit der
vier Räder verschmäht. In höherem Alter dann versagte er sich die Lust, im
Mercedes jene Alpenpässe zu überqueren, die er von Jugend an zu Fuß erwandert
hatte.
Für das Reisen per Automobil hegte sein Kollege Thomas Mann geradezu eine
echte Leidenschaft. Sobald er ins Auto stieg, vertraute er sich voll und ganz
dem Fahrer an – der Schriftsteller selbst hatte keinen Führerschein
–, wobei er seinem
Chauffeur «ein kindliches Vertrauen» entgegenbrachte, wie sich Tochter Erika
erinnert. Aus dem Honorar für den Zauberberg schenkte sich Thomas einen
funkelnagelneuen schwarzen Fiat 509 Cabrio, für den er eine Garage anbauen
ließ. 1929, einige Jahre später, erlangt der schon bekannte Autor noch größere
Berühmtheit durch die Verleihung des Nobelpreises. Und mit größerem Erfolg
wuchs auch der Fuhrpark. Bis
anno 1933 – die
Nazis alles beschlagnahmten. Oder fast. Denn Erika gelang es, den geliebten
Ford ins Ausland mitzunehmen, in dem sie zwei Jahre zuvor an einer
aufreibenden Auto-Tour rund um Mitteleuropa: «Wir haben öfter die Staaten als
die Kleider gewechselt» wird sie sich später erinnern. Sie war eine der
wenigen Frauen im Feld der Fahrer und hätte es beinahe geschafft, das
Siegertreppchen zu erobern. Frau am Steuer? Zum Glück! Wie hätte Vladimir
Nabokov der
zwar Mitglied im amerikanischen Automobilclub war, aber nicht fahren konnte
sonst die
Vereinigten Staaten durchstreifen können, um sich seiner brennendsten
Leidenschaft hinzugeben, dem Schmetterlingsfang? Es war seine Frau Vera, die
ihn in die Weite und Breite chauffieren musste, ohne überhaupt besondere
Freude daran zu haben. «400 Kilometer durch eine bedrückende Landschaft auf
der Suche nach ferniensis; 200 Kilometer für drei nielithea» vermerkt die
betrübte Frau nach der Rückkehr von einem Ausflug nach Kansas. Im Gegensatz zu
Samuel Beckett, dem leidenschaftlichen Autofahrer und gleichzeitigem Sammler
von Strafmandaten, war für Nabokov das Auto nur ein Mittel. Vornehmlich um
stehen zu bleiben. Wenn er sich nicht seinem Hobby widmete, nutzte Vladimir es
tatsächlich als Arbeitszimmer: «Ich habe Lolita quasi komplett unter den
Platanen am Straßenrand geschrieben». Auch Marcel Proust liebte das Auto. Aber
noch mehr die Fahrer. Er hatte verschiedene, aber der, für den er eine
wirklich Begeisterung empfand, war Alfred Agostinelli, wahrscheinlich das
Vorbild für Albertine in der Récherche. Als Alfred bei einem verunglückten
Manöver am Steuer eines Flugzeugs –
Marcel hatte den Flugkurs finanziert –
starb, trug sich Proust mit Selbstmordgedanken: Er wünschte sich, von einem
Autobus überfahren zu werden.
Ulf Geyersbach: ...und so habe ich mit denn ein Auto angeschafft. Nicolai,
Berlin 2006. 126 S. € 44,80.
Il Sole 24 Ore
– 7. Januar 2007
Sie ist jung, sie
ist aufgeweckt, und sie sagt immer nein. Nein zur Monotonie der Provinz,
nein zu einem Leben ohne Perspektive, nein zur Traurigkeit einer
Vergangenheit, die sich hinter den enormen Kräften der Veränderung
verbergen, die Deutschland in gut zwanzig Jahren durchgemacht hat. Ich
spreche von den deutschen Mädchen aus den Neuen Bundesländern, jenen sechs
Regionen, die vor dem Fall der Mauer die DDR bildeten und heute – trotz
tüchtiger Beispiele – zu den rückständigsten Gebieten der Bundesrepublik
gehören. Die rührigsten und unternehmungslustigsten können eben noch nach
Berlin, Frankfurt oder Hamburg entkommen. Und so bleiben im Osten nur die
Männer zurück, immer frustrierter, gewalttätiger und anfälliger für
neonazistische politische Agitatoren. Um den Frauenmangel zu bekämpfen, hat
Klaus Mehring, Bürgermeister von Freital in Sachsen jeder jungen Frau, die
in seine Stadt zieht, 2000 Euro versprochen. Aber die Idee war nicht von
Erfolg gekrönt. Die Schönheit und Lebhaftigkeit der sächsischen Mädchen sind
in Deutschland sprichwörtlich. Trotz der ein wenig naiven Verlockung von
Klaus haben sich Anja, Katrin, Minna und viele andere Mädchen des Ostens
entschieden, ihr Glück weit weg von zu Hause zu suchen.
Es gibt kleine
Perlen, verstreut über das Internet. Sie sprechen von der schönsten
Zigarette, die je geraucht wurde (The Best Cigarette,
www.youtube.com/watch?v=kbRiflzMth0), erzählen von Traumstädten (Budapest,
www.youtube.com/watch?v=Vgnec1r9YuU) oder beschreiben den Triumphmarsch der Amnesie (Forgetfulness, momentan eine der gefragtesten des Video-Portals
YouTube:
www.youtube.com/watch?v=wrEPJh14mcU). Diese Produktionen sind Früchte des Zusammentreffens
von Kunst und Technologie. Gedichte, die von nahezu professionellen
Animationen – wie im Falle des Amerikaners Billy Collins, eines Pioniers des
Genres – und stets sorgfältig gemachten, um den Text, den der Autor
vorträgt, herum gruppierten Bildern begleitet. Die größten Enthusiasten
hoffen, dass “animated poetry”, wie diese Form der sichtbaren Literatur
genannt wurde, die Dichtung revolutionieren werde, wie die Videoclips die
Popmusik revolutionierten. Aber auch wenn es so weit noch nicht ist, zeigt
die Kunst sich mit animierten Strophen sicherlich sexier.
Bei Ebay findet man
quasi alles. An den Rest denkt GeseXt, der «Lifestyle-Markt für
ungehemmte Erwachsene» (www.geseXt.de).
Vor drei Jahren in Deutschland gegründet, verzeichnet er nach einem
stillen Anfang in letzter Zeit einen rasanten Anstieg von Besuchern:
Jeden Monat gibt es an die anderthalb Millionen Neugierige, während die
Subskriptionen in die Tausende gehen. Im Gegensatz zum berühmtesten
Online-Auktionshaus der Welt, erhebt GeseXt keine Gebühr für Inserate.
Doch der eigentliche Unterschied zu Ebay liegt in der Art der
angebotenen Ware: ausschließlich sexuelle Objekte und Angebote. Vor
allem Singles und Paare auf der Suche nach Nervenkitzel setzen sich auf
dem virtuellen Marktplatz in Szene, wenngleich auch Experten der
Branche, wie die Pornodiva Kyra Shade nicht fehlen. Das ganze wird meist
mit großzügigen Fotos ausgestattet, die für den Subskribenten noch
expliziter werden. Im abgeschlossenen Bereich ist jeder Teilnehmer
eingeladen, einen Kommentar über seine neuen Freunde zu hinterlassen.
Immerhin kommt es auch in diesem Bereich auf die Reputation an.
In Deutschland
entsteht
Rich, die Zeitschrift,
die nicht nach Kunden sucht, sondern sie sich aussucht. Schmuck, Autos, Mode
und alles, was Luxus ist: Vor allem damit will sich das exklusive Magazin
beschäftigen (www.rich-germany.de).
Um jedoch die Inhalte der Zeitschrift aus erster Hand zu erfahren, ist ein
monatliches Einkommen von 7000 Euro und mehr vonnöten. Sie im Laden zu
suchen, ist ein vergebliches Unterfangen. Nur wer die Mindestschwelle
überschreitet, wird Gelegenheit haben, per Post ein Exemplar zu erhalten.
Denn «Rich muss man sich verdienen», kommentiert selbstsicher
Christian Geltenpoth, der Kopf der Unternehmung, nachdem er als ganz junger
Mann ein Vermögen mit Computer-Zeitschriften verdient hat.Die ersten beiden
Nummern seiner neuen Schöpfung werden demokratisch an alle reichen Deutschen
verschickt. Gratis. Es ist wohl was dran: Wer hat, dem wird gegeben.
L’espresso,
Nr. 44, Jahrgang 2007
Ins Bordell zu gehen ist in Berlin
bequem. Denn in Deutschland ist Prostitution anerkannt und erlaubt. Die
Bordelle haben gesetzliche Öffnungszeiten, und vor allem der Fiskus stattet
ihnen regelmäßig Besuche ab, erkennt den Prostituierten aber in Austausch den
Versicherungs- und Rentenanspruch zu. Wer sich beim Arbeitsamt bewerben will,
muss sich nur trauen, während den allzu zimperlichen Arbeitslosen die
Unterstützung gekürzte wird, wie zum Beispiel einer Mitbürgerin türkischer
Herkunft, die schon von der Vorstellung abgeschreckt war, als (normale)
Barfrau in so einem Lokal zu arbeiten.
Ganz anders hat jedoch der Journalist Thomas Brussig auf der “unmoralische Angebot” einer Berliner Zeitschrift reagiert, die ihn gebeten hat, sich in der Halbwelt der Deutschen Hauptstadt um zu sehen und seinen Lesern die Verführungen einer Stadt zu schildern, in der alle Mauern, auch die vom Common Sense der Sittlichkeit errichteten, seit langem ihre Geltung verloren haben.
Bestärkt durch die eigene Unerfahrenheit hat sich Brussig, die Internet-Seiten, mit denen die deutschen Freudenhäuser sich im Web Konkurrenz machen durchkämmend, in einen Sex-Flaneur verwandelt. Die Reportagen seiner Besuche im Rotlicht-Millieu sind nun in einer Sammlung erschienen, die ebenso als Machismus kritisiert wie eifrig gelesen wird (Berliner Orgie, Piper, München 2007. 208 S. € 16,90).
«Die Kundschaft der Bordelle ist sehr unterschiedlich. In der U-Bahn würde ich eher einen Arbeitslosen als einen Bordellkunden erkennen», stellt Brussig fest, nachdem er seine zahlreichen Reisegefährten überprufen hat. Tatsächlich bieten auch die Lokale selbst eine bemerkenswerte Vielseitigkeit. Einfache Oben-Ohne-Bars, schummrige Nachtclubs, ebenso Clubs für Nudisten, Vorstadt-Bordelle. Brussig hat sie alle ausprobiert und dabei erkannt, dass die Prostitution nicht immer so trist ist, wie man sie sich ausmalt. Das freundlichste Klima findet sich in den Gebäuden mit Mietwohnungen, wie dem “Freudenhaus Hase” (www.freudenhaus-hase.de) oder dem Café Pssst! (www.cafe-pssst.de), wobei das letztere – sehr deutsch – mit für Männer und Frauen getrennten Hausordnung ausgestattet ist (für alle ist Drogenkonsum verboten, Frauen werden gebeten, die Zimmer so sauber zurückzulassen, wie sie sie anzutreffen wünschen). Zu den affektierteren Häusern die Villa Venus, eine herrschaftliche Villa im Osten der Stadt, liebevoll von der Puffmutter mit einer Pracht von Schliefen, mit Handläufen und dem Glanz vergangener Tage ausgestattet: alles, um bei den Kunden den Wunsch zu erwecken, sich der Anmut des Ortes hinzugeben. Unter denen wohl kein Steuereintreiber ist, als der sich Brussig ausgibt, um den journalistischen Zweck seiner Mission zu verbergen. In diesem Fall weicht der Zauber der Bewohnerinnen einem vorsichtigen Verdacht. Denn die Bordelle sind nicht umsonst tolerant gegenüber der Steuerbehörde. Oft ist es ein Unterfangen, sich eine Quittung geben zu lassen (und Brussig muss nicht das Spesenkonto der Zeitung belasten). In diesen Lokalen ist der Kunde immer ein Vogel, der zu rupfen ist. Bei den Mädchen kostet alles, was nicht deutlich vereinbart wurde, extra. Auch das Liebe Machen ohne Kleider, wenn es nicht vorher abgesprochen ist. Insgesamt, warnt Brussig, ist der Bordellbesuch in Berlin wie das Fahren auf der Brenner-Autobahn: «Wer sich auf die Strecke begibt, wird regelmäßig abkassiert.»
Mit zwei Ausnahmen: Artemis und Tempel Oase. Das erstere ist das größte Freudenhaus Europas, mit dem sich kürzlich auch L’espresso beschäftigt hat (www.fkk-artemis.de). Riesengroß, komfortabel und vor allem frei von allen architektonischen Barrieren, erscheint Artemis zweifellos als «die Zukunft der Prostitution». Die zweite Ausnahme ist der Tempel Oase, einer der meist besuchten Swingerclubs in Deutschland: Von überall her zieht er Besucher an, und die Internet-Seite ist deutsch, englisch, russisch, französisch und spanisch verfasst (www.tempeloase.de). An solchen Orten kann man an Orgien aus Tausendundeiner Nacht mit unbekannten Gleichgesinnten teilnehmen: «etwas Gewaltiges, wie Lava, die langsam vorwärts kriecht, bis sie zum Stillstand kommt und erklatet». Schwer, sich einer solchen Versuchung zu entziehen, wenn man sich mitten drin befindet. Aber Brussig schafft es jedes mal, vor dem äußersten Halt zu machen. Die Ehefrau daheim wird es schätzen. Weniger dagegen die Leser, die sich betrogen fühlen: «Es ist etwa so, als ließe man einen Vegetarier über Würste schreiben.»
L’espresso – Nummer 43 Jahr 2007
Sie sind
Vatersöhnchen. Und Sie finden dich widerlich. Zumindest, wenn du kein so
dickes Portemonnaie wie sie hast. Um dich mit ihnen anzufreunden, reicht es
nicht, dass du in München wohnst, der Stadt, die die englische Zeitschrift
Monocle wegen ihrer Lebensqualität zur besten Metropole der Welt gekürt
hat.
Wenn du als Gleichgestellter behandelt werden willst, musst du eine Villa in Grünwald besitzen, dem reichsten Vorort der ohnehin schon gut gestellten deutschen Großstadt. Wir sprechen von den Stehkrägen, der opulenteren Rap-Gruppe Deutschlands. Der Name der Band spielt auf den arroganten Stil an, mit dem sie ihre kostspieligen, in den exklusivsten Geschäften des Zentrums gekauften Hemden tragen. Jenen Geschäften, in denen man auch die Gucci-Sonnenbrillen findet, ein unerlässliches Accessoir, um die funkelnde Website der Band zu besuchen, wie sie selbst es auf der ersten Seite von www.aggro-gruenwald.de empfehlen. Aggro steht für Aktien, Geld, Grundbesitz, Rendite und Opulenz: die Werte, an die Yachtmeister, Goldmann X und die anderen Mitglieder der vergoldeten Hip-Hop-Formation glauben. In der Freizeit studiert man Jura, Wirtschaft und Handelswesen, oder, wie DJ Bling Bling von sich erzählt: arbeitet in dem Aufnahmestudio, das man von der Mutter zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hat. Immerhin, wird die Mutter gedacht haben, musste sie etwas unternehmen, um die Verwirrung des Sohnes abzuschwächen, der noch drei Jahre warten musste, bevor er sich mit einem heißen Porsche auf die Piste begeben konnte. Und wer nicht das Glück hat, mit dem goldenen Löffel im Mund geboren zu sein, wie sie? Dem ergeht es schlecht.
«Hey, kleiner Mann, deine Armut kotzt mich an/Hast du keinen Vater, keine Mutter, die was kann?» singen die Stehkrägen auf ihrer Debut-Single, verspotten damit mindestens 95% ihrer potentiellen Hörer und rufen ihnen ins Gedächtnis: «Für dich ist Polo nur ein Auto. Für mich ist es Sport.» Auch der Videoclip scherzt nicht, was Überheblichkeit und Anmaßung betrifft, so vollgestopft ist er mit Sportwagen, Champagner, riesigen Kreditkarten und Kokain-Lines, die Kate Moss wie eine Anhängerin der Prohibition aussehen lassen. Es ist sicher, dass als erste ihre Rapper-“Kollegen” aus Berlin die Augen und Ohren verdrehen werden, jene Sido, Bushido und Tony D, die in Deutschland Berühmtheit erlangt haben mit Geschichten vom ganz anderen Ende der sozialen Schere. Doch die “street credibility”, die Glaubwürdigkeit, die jede Rap-Gruppe, die etwas auf sich hält, erwirbt, ist den Stehkrägen völlig egal. «Es mag sein, dass die Zielgruppe der Berliner größer ist. Aber unsere hat mehr Geld», bemerken sie mit einer ordentlichen Portion Zynismus. Vielleicht zu viel. So viel, dass die meisten glauben, dass es sich um einen – gleichwohl einwandfrei orchestrierten – Scherz einer Band handelt, die bis heute in der Lage ist, ihren Erfolg mittels der Medien maximal auszuschlachten. Andere meinen dagegen, es handle sich um eine raffinierte Satire auf den Exhibitionismus der Neureichen. Wie soll man gewisse Anzeichen deuten, wie etwa den Titel der künstlichen und nicht existenten Zeitschrift (Teuer & Geschmacklos), die ein Mitglied der Gruppe in dem auch auf Youtube umlaufenden Videoclip in Händen hält (http://it.youtube.com/watch?v=XhqnJwn0jro)? Aber vor allem: Warum hat sich der größte Snob, die Sängerin La Crosse, in einem Kleidchen aus dem Ausverkauf von H&M filmen lassen? Ungereimtheiten, die jedoch angesichts der Entdeckung des Süddeutschen Zeitung verblassen, laut der bei der mysteriösen Band ausgerechnet Ludwig von Bayern und Severin Meister die Fäden ziehen, beide Nachkommen der berühmtesten Adelshäuser Mitteleuropas, der Wittelsbacher und der Habsburger.
Und während noch niemand das Rätsel um diese paradoxe und schrille Band ganz gelöst hat, ist ihr Debut-Album für Oktober angekündigt. Mit Titeln wie “Barbour Baby!”, “Kaviar für Somalia” und “Geld kauft man nicht" scheint die Gruppe den Erfolg schon in der Tasche zu haben.
Doch Articolo 31, Fabri Fibra und unsere anderen Rapper können ruhig schlafen. Solange die Stehkrägen auf Deutsch singen, ist hier bei uns ihr ganzes Geld nur Altpapier.
L’espresso – Nummer 36 Jahr 2007
Carsten Nicolai. Perfektionist des Fehlers

Ventiquattro – April 2007
Den Artikel habe ich noch nicht ins Deutsche übersetzen lassen, weil das Interview mit Carsten Nicolai, das ich mit dem Künstler direkt auf Deutsch gemacht habe und aus dem der Artikel in der italienischen Zeitschrift Ventiquattro hervorgegangen ist, noch nicht veröffentlicht ist.
Morgenröte in Stahl

Auto und Alkohol:
Eine Kombination, die man vermeiden sollte. Aber wer könnte sich ein München
ohne Bier und ohne BMW vorstellen? Die bayerische Hauptstadt zu besuchen, ohne
einen von Hopfen geschwängerten Windstoß zu erhaschen ist ebenso
unwahrscheinlich wie den Hauptsitz des Automobilkonzerns zu verpassen. Der
Wolkenkratzer mit der unverwechselbaren Vier-Zylinder-Form dominiert den
Norden der Stadt, indem er über ein Areal von 500.000 qm wacht, auf dem 10.000
Angestellte arbeiten. Unter ihnen einige hundert Italiener. Und zu den
klassischen “Gastarbeiter”, den Emigranten nach Deutschland aus den letzten
Jahrzehnten, gesellen sich immer mehr jugendliche “Brains on the Run” aus
Italien, angezogen von einem Unternehmen, das die Sorge um sein Personal zu
einem der Säulen des eigenen Credo gemacht hat. Andererseits: ohne die
vehemente Gegenwehr seiner Mitarbeiter wäre BMW 1959 in die Hände von Mercedes
gefallen. Andere Zeiten, aber die gleiche Rivalität. Wenn in diesem Jahr das
Stuttgarter Unternehmen die Szene mit der Einweihung eines
spiralig-schraubenförmigen Museums besetzt hat, verspricht 2007 im Zeichen des
blau-weißen Logos zu stehen.
«Ein Gesamtkunstwerk», soviel versichert die Gruppe unter Präsident Helmut
Panke und kündigt, mit leicht wagnerischem Ton, die Geburt der BMW-Welt an (www.bmw-welt.de).
Im Zentrum des ganzen die Eröffnung – im kommenden Sommer – eines
futuristischen Gebäudes, das für die Lieferung von Wagen an solche Kunden
bestimmt sein soll, die ihr Schmuckstück lieber selbst abholen wollen anstatt
es beim Vertragshändler zu erwarten. Für ungefähr 500 Euro wird man eine Full
Immersion ins Unternehmen bekommen können, inklusive unter anderem einer
Einladung zum Mittagessen in einem der vier Restaurants des Komplexes und der
Möglichkeit, jede BMW-Technologie mit Hilfe eines Beraters auszuprobieren, der
in den speziellen Eigenschaften des gekauften Modells unterrichtet ist. Man
wird auch ein “Trockenfahren” ausprobieren können, dank einem professionellen
elektronischen Simulator. Eine Gelegenheit, um mit dem eigenen Auto vertraut
zu werden, bevor man es fährt, und, ganz nebenbei, um sich mit einem
hervorragenden Videospiel gut zu amüsieren. Im Abholpreis enthalten sind auch
ein Besuch in der Fabrik und einer im Werksmuseum, das gegen Ende 2007 völlig
renoviert wieder eröffnen wird. Auf einer um das Fünffache vergrößerten
Ausstellungsfläche wird man historische Modelle bewundern und thematische
Bereiche besuchen können, in denen man sich in die Welt des Designs und der
Werbung der Marke BMW begibt. Das ganze wird von Multimedia-Wänden begleitet,
die dem Besucher Hilfestellungen und Ratschläge liefern sollen. Ein
Leckerbissen für leidenschaftliche Motor-Freunde, gepaart mit einem Besuch des
Verkehrszentrums, das eben vor kurzem in München eröffnet wurde (www.deutsches-museum.de/verkehrszentrum).
Eine Reihe von Hängebrücken soll es erlauben, sich zwischen dem Hauptgebäude,
dem Museum und der Fabrik zu bewegen. Auch für Behinderte geeignete Übergänge
führen zum Automobil-Werk, in dem alle Fertigungs-Stationen der “Serie 3” zu
besichtigen sein werden, die in Gänze am Ort produziert wird. Dank dem
massiven Einsatz von Robotern ist die Produktion zwar in Serie aber
individuell: unter den 200.000 Autos, die jedes Jahr hergestellt werden, sind
zwei perfekt gleiche die große Ausnahme. Der Fordismus ist, alles in allem,
tot, begraben und vergessen. Die Besucher der Fabrik werden sogar beim Prozess
der Karosserie-Lackierung assistieren können: eine Weltneuheit. Am Ende des
Rundgangs durch die BMW-Welt wird der Kunde schließlich sein eigenes Automobil
in Besitz nehmen können, produziert in der benachbarten Fabrik, oder in einem
der anderen deutschen oder amerikanischen Standorte, wobei er ihn auf einer
Plattform, die sich in einem erhöhten Pavillon in der Mitte des
Zentralkomplexes dreht, entgegen nimmt. Über eine Rampe wird sich der Kunde
dann in den Verkehr einreihen, vielleicht um die Kraft seines Boliden auf der
nahen kostenlosen Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung unter Beweis zu
stellen. So sind die Autobahnen in Deutschland.
Für die aus dem Ausland angereisten Fahrer bietet BMW eine Reihe von
Ferien-Paketen und Reise-Vorschlägen von München an europäische Reiseziele an.
Angesichts der Schönheit der Stadt und ihrer Museen, mit denen die BMW-Welt
konkurriert, werden wahrscheinlich viele ihren Aufenthalt in München
verlängern, die Pinakotheken besichtigen oder eines der vielen Theater
besuchen. Gleich nach der futuristische Allianz-Arena, dem neuen Stadion in
schillernden Farben, das viele Besucher der vergangenen
Fußball-Weltmeisterschaft zu der Frage verleitet hat, ob sie nicht viel eher
in einem Raumschiff gefangen seien, hat das Zentralgebäude der BMW-Welt alle
Qualitäten, um ein neues Symbol der Stadt zu werden. Das bayerische
Unternehmen hat – in einem wahren Akt von "Architektur-Demokratie" – zu dem
internationalen Wettbewerb zur Projektierung des Komplexes statt der kleinen
Zahl der üblichen Verdächtigen 275 Architektur-Studenten eingeladen und eine
externe Gesellschaft eingesetzt, die die völlige Anonymität der Vorschläge
überwacht. Schließlich hat “Coop Himmelb(l)au” das Rennen gemacht, eine
Gesellschaft von Wiener Profis unter augenzwinkerndem Namen, mit einem
Entwurf, der von Licht, Leichtigkeit und Dynamik geprägt ist. Glas und Stahl
sind die Materialien des Zentralgebäudes der BMW-Welt, geformt zu einem
doppelten Kegel, der einen Wirbel aus Wolken nachbildet, die sich verteilen
und einen wellenförmige und leicht konkave Überdachung formen, als ob der
darunter liegende Ausstellungsraum - der mit der Plattform für die Abholung
der Autos - sie wie ein Magnet zu sich zöge. Den Regeln der Statik trotzend
und im Gedenken an das Wunder des Tempels von Segesta, hat “Coop Himmelb(l)au”
die Fläche des Tempeldaches genommen und verzehnfacht, also eine Überdachung
von 14.000 qm (darauf hätte der ganze Markusplatz Raum) voller
Photovoltaik-Zellen und von nur 11 Pfeilern abgestützt: 25 weniger als die
Säulen, die das Dach des dorischen Heiligtums tragen. Im Inneren der
Konstruktion, an der Fassade und am Boden klimatisiert, finden Restaurants
Platz, der Pavillon für die Autos zur Auslieferung und die komplette
Ausstellung aller Karosserie-Varianten des aktuellen BMW gamma. In einem
angrenzenden Raum können die Kinder unter Anleitung eines Assistenten oder des
eigenen Grundschullehrers die Grundlagen der Mechanik lernen, wobei man die
Räumlichkeit wie ein Physik-Labor einsetzen kann. Und so wird Mama BMW in der
Lage sein, sich bei den zukünftigen Kunden von klein auf beliebt zu machen.
Ein Areal mit Kongress-Zentrum, Kino, Theater, einem Saal für Empfänge oder
Konzerte hat die Aufgabe, das ohnehin pulsierende kulturelle Leben der Stadt
noch zu erweitern. In dem doppelten Kegel, der ebenso mit variabler
Beleuchtung nach dem Vorbild des neuen Stadions ausgestattet ist, finden
mondäne Veranstaltungen oder Themenschauen statt. Der gesamt Ausstellungsraum
der BMW-Welt soll kostenlos sein, ausgenommen der Besuch der Fabrik und des
Museums. Man erwartet ein Minimum von 850.000 Besuchern pro Jahr, von denen
viele aus dem Freizeitbereich im nahe gelegenen Olympia-Park herüberkommen.
Jenem Park mit dem alten Stadion und seinem berühmten wellenförmigen Zeltdach,
das in den frühen Siebziger Jahren von Günther Behnisch entworfen wurde. Einst
überragte es das Panorama der Stadt als einzigartiges und modernes
Architektur-Wunder, heute hat es harte Zeiten durchzustehen.
Ventiquattro – Januar 2007
Giorgio Squinzi, Der
chemische Radsportler

Ohne Chemie
würde uns die Welt im wahrsten Sinne des Wortes unter den Füßen
zusammenbrechen. Türen, Fenster, Kleidungsstücke, Fußböden: Ohne sie würde
sich alles auflösen. Jeden Tag seit nun siebzig Jahren trägt Mapei,
multinationales Unternehmen für chemische Produkte im Baugewerbe, dazu bei,
unsere tägliche Wirklichkeit zusammen zu halten und überall in der Welt den
Erfolg unseres Kapitalismus zu nähren. Im Chefsessel eines weltweiten
Konzerns aus lokalem Ursprung, der mehr als fünftausend Angestellte hat und
in über dreißig Ländern der Welt operiert, sitzt Giorgio Squinzi, den wir in
seinem Mailänder Büro treffen..
Cavaliere
Squinzi, zur Vorbereitung auf dieses Interview habe ich mich nach Ihnen
erkundigt. Wissen Sie, welchen Eindruck ich bekommen habe?
Nein, sagen Sie's
mir.
Dass ich
vielleicht Ihre Frau interviewen sollte. Sie scheint ein Vulkan zu sein. Ist
sie wirklich so energisch wie man sagt?
Sicherlich ist
meine Frau sehr präsent in der Firma, seit mindestens zwanzig Jahren, und
ihre Arbeit ist sehr wichtig, vor allem dafür, wie wir von außen
wahrgenommen werden. Adriana begann als Zögling von Romano Prodi, mit dem
sie sich diplomiert hat mit einer Abschlussarbeit über den Markt für
Bau-Klebstoffe in Italien. Zu dieser Zeit waren wir schon verheiratet. Meine
Frau ist aus der Romagna, sehr "liveliy", sehr lebendig. Sie leitet das
operative Marketing der Gruppe, eine für uns höchst wichtige Struktur: Wir
sprechen von dreißig-vierzig Personen, allein hier in Mailand, plus jede
unserer Filialen, in denen es immer eine Abteilung für operatives Marketing
gibt. Wir unterscheiden genau zwischen dem letzteren, also allem, was
Beziehungen nach außen, Public Relations, Werbung, Promotion angeht, und dem
strategischen Marketing, das eine Sache mehr der Technik ist, mehr der
Produkte.
Wann haben Sie
sich kennen gelernt?
1962 in Milano
Maritima, wo meine Familie hin reiste, um Urlaub zu machen, und ihre Familie
ein Hotel besass.
Wer hat den
ersten Schritt gemacht?
Tja, das trifft
immer den Mann.
Was wäre die
Mapei ohne Adriana Spazzoli?
Sicherlich hat
meine Frau als Direktorin des operativen Marketing einen großen Beitrag zu
unserer Marke geleistet, zu ihrer Positionierung in der kollektiven
Wahrnehmung. Aber unsere Arbeit ist eine Arbeit der Gruppe. Mapei beruht auf
drei Dingen. Erstens Spezialisierung, also der Fokussierung auf eine
bestimmte Nische des Marktes, nämlich die chemischen Baustoffe. Zweitens
Internationalisierung: Wir sind heute in vierundzwanzig Ländern der Welt,
haben Filialen in etwa fünfunddreißig – ich sage "etwa", weil ständig eine
neue öffnet und ich immer wieder den Überblick verliere. Drittens der
Einsatz von Forschung und Entwicklung, wo wir 5 % unseres Umsatzes
investieren. Dann wird diese grundlegende Arbeit, die der wahre Motor von
allem ist, deutlich unterstrichen und vom Markt wahrgenommen, wenn der
Beitrag von Personen wie meine Frau hinzukommen, die die Firma in der
rechten Weise bei allen unseren Teilhabern, den Kunden, der Presse,
Lieferanten, all jenen, die mit unserer Welt und unseren Produkten in
Kontakt stehen, bekannt machen können. In diesem Bereich ist der Beitrag
meiner Frau sehr wichtig, aber dennoch wächst die Firma durch eine sehr
präzise Philosophie, eben jener der drei genannten Säulen.
Mit Sicherheit
würde es die Mapei ohne Rodolfo Squinzi gar nicht geben.
Ja, mein Papa hat
sie im Jahr 1937 gegründet und bis zu seinem Tod voran getrieben. Ich
assoziiere alles, was geschehen ist, mit dieser Firma, auch wenn ich in den
Sechziger Jahren begann, meinen eigenen Beitrag zu leisten. Mein Vater war
eine großartige Persönlichkeit mit großem Charisma, mit großen Visionen. Er
hatte nur die dritte Klasse abgeschlossen, aber ich erinnere mich, als wir
Programme zur Internationalisierung begannen, 1977-78, war er es, der mich
mit dem meisten Enthusiasmus unterstützte und es machen wollte.
Das erste
Firmenfoto geht auf das Jahr 1949 zurück und zeigt ihn mit seinem Fiat 1100E
Transporter. Was hat Rodolfo Squinzi ausgefahren?
Seine Produkte. Und
manchmal auch einige Partisanen. Mein Vater hat sich nie dem Faschismus
angeschlossen, auch weil er es nie nötig hatte, sich anzuschließen. Ich weiß
mit Sicherheit, dass er während des Krieges, wenn es notwendig war, auch die
Spitzen des Widerstands herumgefahren hat und einige Male bemerkte ich, dass
er Sandro Pertini und Ivan Matteo Lombardi, einem der Gründer der
italienischen Sozialdemokratie, Unterschlupf gewährte..
Warum wurde
Ihr Vater Unternehmer?
In den Zwanziger
Jahren fuhr er Fahrradrennen. Eines Tages sagte der Chef seines Teams zu ihm
: «Komm, arbeite bei mir, dann lasse ich Dir ein wenig mehr Zeit zum
Trainieren.» Er nahm das Angebot an und arbeitete in einer kleinen Firma,
die ein wenig das produzierte, was wir auch machen: Putz, Farbe,
Streichfarben, vielleicht auch Baustoffe. Mein Vater blieb dort für etwa ein
Jahr, lernte das Gewerbe und entschied sich dann 1937, als es mit der Firma
nicht mehr so gut ging, selbständig zu werden. Also: Am Beginn der Gründung
von Mapei stand der Radsport, der Sport, der die Neunziger Jahre unserer
Firmengeschichte bestimmt hat. Wir waren acht Jahre lang das stärkste Team
der Welt und haben insgesamt am meisten in der Geschichte des Radsportes
gewonnen.
Wie verlief
die wirtschaftliche Tätigkeit Ihres Vaters während des Krieges?
Er hatte bei Null
und mit wenigen Angestellten angefangen, und während des Krieges verringerte
sich die Tätigkeit, kam in manchen Zeiten sogar ganz zum Erliegen. Doch nach
Kriegsende ging es schnell wieder los, und in den unmittelbar folgenden
Jahren, 1946-‘48, schlug er die Richtung ein, die dann Grundlage unseres
Wachstums wurde: Produkte für das Verlegen von Fussböden. Damals gab es in
Italien eine Gesellschaft der Pirelli-Gruppe, die
Gesellschaft für Linoleum, die es heute
nicht mehr gibt; sie brauchte Glättungsmittel für Fussböden und Klebstoffe
für das Verlegen von Linoleum, damals die einzige Sorte Fussboden, die es
gab. Mein Vater begann zu wachsen, indem er sich an dieser Gesellschaft
orientierte, die ihrerseits wuchs und begann, als erste in Italien
PVC-Fussböden und anderes herzustellen.
Dann kamen die
Jahre des Booms. Was passierte in der Firma Squinzi?
Schon in den
Fünfziger Jahren sah mein Vater, dass es einen Boom bei Keramik geben würde,
und entwickelte den ersten Klebstoff für Fliesen. Mit den Sechziger Jahren
traf der Keramik-Boom von Sassuolo uns vorbereitet und wir folgten ihm. Im
Lauf einiger Jahre wurde er zum weltweid führenden Unternehmen und ist in
aller Welt bekannt. Wir, als italienische Hersteller von Produkten für die
Verlegung von Keramik, fanden im Ausland die Wege schon geebnet.
Italienische Keramik, vor allem die von Sassuolo, hat allergrößte Bedeutung
für unsere Firma gehabt und uns den Prozess der Internationalisierung enorm
erleichtert.
Was geschah
gegen Ende der Siebziger Jahre?
Wir hatten schon
viel exportiert, aber in diesen Jahren gewann eine andere italienische
Firma, Mondo aus Gallo d'Alba, die Ausschreibung für die Pisten der
Winterolympiade in Montréal. Wir fertigten den Klebstoff an, um diese Pisten
ins Werk zu setzen, ich bin persönlich nach Kanada gefahren, um die
Umsetzung zu begutachten – [Achtung! im ital. Orig. fehlt der
Gedankenstrich!] es war das erste Mal, dass wir eine Operation von so großer
Wichtigkeit und weltweitem Interesse durchführten – und mir fiel auf, auch
weil Mondo für Kanada einen Importeur italienischer Abstammung hatte, dass
es dort großes Potential auch auf dem Feld der Keramik gab. Nach den
Olympischen Spielen wurde uns bewusst, dass es dort große
Entwicklungsmöglichkeiten gab und das Umfeld Italienern wohlgesonnen war, da
besonders in Québec, alle, die im Baugeschäft arbeiteten, Italiener oder von
italienischer Abstammung waren. Also entschieden wir 1978, eine Fabrik im
industriellen Umland von Montréal zu eröffnen. Wir kamen nach Kanada und
führten neue Technologien ein, die es uns im Lauf von drei-vier Jahren
erlaubten, Marktführer in Kanada zu werden, eine Position, die wir bis heute
mit weitem Vorsprung inne haben. Auf dem kanadischen Markt haben wir im
Bereich der Verlegung von Fussböden jeder Art einen Marktanteil von mehr als
60 %.
In diesem
wichtigen Moment der Erweiterung der Firma, als noch der Patriarch das
Kommando hatte, wie war die Beziehung zwischen Vater und Sohn?
Mein Vater war eine
charismatische Persönlichkeit, aber ich hatte zu ihm eine sehr gute
Beziehung. Wir haben immer zusammen gearbeitet, und wenn es Wachstum gibt,
hat man keine Zeit, sich auf persönliche Differenzen zu versteifen, die
freilich dennoch bestanden, wie sie in jeder Familie bestehen. Auch ich bin
mit meinen Söhnen nicht jeden Tag absolut einer Meinung. Zu jener Zeit
kümmerte sich mein Vater um die generelle Aktivität in Italien, während ich
mich mit Forschung beschäftigte: Ich habe 1969 mein Diplom in industrieller
Chemie gemacht, auch wenn die erste Formel, die ich für die Firma entwickelt
habe, schon zehn Jahre zurücklag. als ich zum Gymnasium ging und mit der
Familie nahe der Fabrik in der via Cafiero wohnte. Mein Vater gab mit immer
viel Freiheit für das, was ich tun wollte, und was ich tun musste, um das
Wachstum der Firma voran zu treiben. Sein Tod durch einen Schlaganfall am
ersten November 1984, als er in meinen Armen die Kraft verlor, war ein
schreckliches Trauma, auch weil es keine warnenden Anzeichen gegeben hatte.
Sein letzter offizieller Auftritt war am 15. August die Einweihung des
zweiten Gebäudekomplexes in Kanada. Das heißt, dass mein Papa gerade noch
den Beginn des internationalen Wachstums von Mapei sehen konnte, mit dem er
vollkommen einverstanden, wenn nicht sogar begeistert war. Als er gestorben
war, fand ich mich unverhofft in der ersten Reihe. Zum Glück hatte ich eine
Struktur, die mir geholfen hat, einige Betriebsleiter, meine Schwester, die
Anwältin ist und sich, auch wenn sie nie in der Firma aktiv geworden ist,
immer um die rechtlichen Belange und Verwaltung der Familie gekümmert hat.
Ich hatte großartige Unterstützung von all diesen und so konnte ich auch in
dieser Übergangsphase ohne erkennbares Trauma vorwärts gehen. Das Trauma
steckte im Inneren. Für viele Jahre habe ich geträumt, dass mein Vater
zurückkäme. Das sind Dinge, die einen prägen.
Was war das
Element der Kontinuität, was das des Bruches mit seiner Führung?
Kontinuität, denn
das, was wir machen, habe wir so fortgeführt, wie wir es taten, als mein
Vater noch am Leben war. Auch zu seinen Lebzeiten hatte ich schon
weitgehende Autonomie, vor allem im Bereich der Technik und der
Internationalisierung. Man kann nicht von Diskontinuität sprechen: Mein
Vater hat mich nie behindert, also folge ich der selben Kontinuitätslinie,
die ich angelegt habe, als er noch da war.
In den
Neunziger Jahren dann Übernahmen und Fusionen, die im einundzwanzigsten
Jahrhundert weiter gehen.
Erst
Niederlassungen in Kanada, dann in den Vereinigten Staaten, dann in Europa,
zweitens ein ununterbrochenes Wachstum mit fortwährenden Investitionen. Als
Familie haben wir eigentlich nie die Profite eingestrichen, die die Gruppe
erwirtschaften konnte, sondern sie immer mit einer sehr präzisen Philosophie
reinvestiert, nämlich, die Gewinne an dem Ort zu investieren, wo sie
erwirtschaftet worden sind. Diese Strategie war der Turbo unseres Wachstums.
Die wichtigste Erwerbung der Neunziger Jahre war die der Vinavil-Gruppe, die
wir von Enachem übernommen haben. Vinavil war unser strategischer Lieferant
von Rohstoffen, und innerhalb des Konzerns haben wir weitere
Synergie-Effekte entwickelt. Dieser Erwerb war ein sehr wichtiger Schritt
für die Mapei-Gruppe.
Für viele
Wirtschaftsexperten liegt die Schwäche des italienischen Systems in einigen
Unternehmen, die Väter-Chefs ihrer Firmen sind und, um die Befehlsgewalt
nicht zu verlieren, über ein bestimmtes Maß nicht hinausgehen wollen und so
unseren Kapitalismus dazu verdammen, von Zwerge bevölkert zu sein. Ihre
Firma ist mit Sicherheit nicht klein, obgleich das Kommando fest in der Hand
der Familie Squinzi und insbesondere ihres «alleinigen Geschäftsführers»
liegt. Untermauert das die Thesen der Experten oder widerspricht es ihnen?
Sagen wir: Wir
Squinzis haben unserem Wachstum keine Grenzen gesetzt, im Gegenteil: im Jahr
2003 haben wir 700 Millionen Euro umgesetzt, während wir planen, im Jahr
2010 bei 2 Milliarden Euro Gesamtumsatz anzukommen. Was das familiäre
Management angeht: Das ist wahr. Halten Sie sich vor Augen, dass ich oft zu
Kongressen als Gegenbeispiel zu Vittorio Merloni (Indesit) eingeladen werde,
der ein Beispiel für familiären Kapitalismus unter Vorzeichen des
Managements ist, während ich den familiären Kapitalismus auf direktem Wege
repräsentiere, oder man stellt mich gegen Massimo Capuano (Borsa Italia),
nach dessen Ansicht alle an die Börse gehen müssen, während wir hingegen
nicht an die Börse gehen. Tatsächlich bin ich der alleinige Geschäftsführer
der Mapei GmbH und vor allem für eine Vereinfachung der Gesellschaft, aber
denken Sie daran, dass die 150 Spitzen-Manager der Mapei-Gruppe, die 5200
Angestellte bei einem durchschnittlichen Zuwachs von 100 pro Monat zählt,
uns fünf Familienmitgliedern gegenüber stehen. Nämlich mir, meine Frau,
meinem Sohn Marco, der sich um die Forschung kümmert und alle weltweiten
Aktivitäten koordiniert, meiner Tochter Veronica, die für die strategische
Planung sorgt, also alle Aktivitäten im Bereich Merger und Acquisition, und
neue Unternehmen entwickelt, und dann ihr Ehemann, der den Bergbau verfolgt,
also die steigende Integration von Rohstoffen, die strategisch immer
wichtiger werden. Aber wir sind fünf gegenüber einhundertfünfzig. Ich bin
der alleinige Geschäftsführer, aber ich treffe niemals eine Entscheidung,
ohne vorher die fünf Manager in Mailand oder rund um die Welt hinzu gezogen
zu haben. Hinter den Kulissen wirkt ein Entscheidungsprozess, in dem das
Management eine ganz entscheidende Rolle spielt. Ein anderes Merkmal der
Mapei-Gruppe ist, dass wir in Italien Italiener sind, doch Amerikaner in
Amerika und Deutsche und Deutschland, kurz: rund um die Welt haben wir
keinen ausgewanderten Italiener für längere Zeit. Das gesamte Management ist
lokal organisiert, auch wenn es eine Struktur von vierzig, fünfzig Personen
gibt, die in der ganzen Welt herumreist, um unsere Philosophie zu
transportieren und zu überprüfen, dass sie richtig angewandt wird, auch um
angemessene Korrekturen vorzunehmen, wenn nötig.
12 % Ihrer
Angestellten widmen sich der Forschung. Wonach wird geforscht?
Nach neuen
Produkten, neuen Technologien. Etwa zwei Drittel unserer Forschungsaktivität
zieolt darauf, Produkte und Technologien zu entwickeln, die für den Menschen
und die Umwelt verträglicher sind. Zum Beispiel arbeiten wir daran, die
flüchtigen Lösungsmittel abzubauen – ein Prozess, der seit fünfzehn Jahren
im Gange ist – und so alle für den Menschen und die Umwelt gefährlichen
Substanzen zu verringern. Vor kurzem haben wir zum Beispiel eine neue
Technologie für die Produkte auf Zement-Basis eingeführt, dank der es
während des Mischens keinen Staubflug mehr in der Umgebung geben wird. Das
letzte Drittel geht in die Entwicklung neuer Technologien und der Anpassung
von bereits existierenden an die örtliche Praxis und Verwendung.
Ein Beispiel
für so eine Anpassung?
Vielleicht liegt
der Schlüssel zu unserem Erfolg in Nordamerika darin, dass wir ein Problem
gelöst haben, das sie zu lösen nicht im Stande waren. In dieser Gegend ist
die Grundlage für die Fußböden in Einfamilienhäusern Sperrholz. Und auf
Sperrholz lassen sich nun keine Fliesen kleben. Wir haben in Amerika eine
Technologie eingeführt, die Produkte auf Zement-Basis elastisch macht und
dank ihrer einen bemerkenswerten Marktanteil erobern können.
Laut ihrer
Werbung «tragen die Mapei-Produkte zur Lebensqualität bei». Soll das
bedeuten, dass ich mein Dasein verbessere, wenn ich einen Ihrer Klebstoffe
verwende?
Diese Frage sollten
Sie meiner Frau stellen: Was Kommunikation angeht, weiten wir uns ein wenig
aus. Aber nehmen wir einmal die Wärmedämmung in Häusern. Wir arbeiten gerade
daran, als Ziel einen Liter jährlichen Heizölverbrauchs pro Kubikmeter zu
erreichen, während man ohne entsprechende Wärmedämmung auch das Zehnfache
davon verbrauchen kann. Also bieten wir eine Verbesserung der Lebensqualität
und ökologischer und ökonomischer Hinsicht. Man darf nicht vergessen, dass
Italien nahezu alle Energie importieren muss.
Der
Fussballverein Sassuolo, das Rennteam Mapei, ein Wellness-Center und die
Internet-Seite (www.mapeisport.it). Ist die Mapei ein multinationaler oder
ein polysportiver Konzern?
Beides. Das
Wichtigste ist sicherlich das Centro Mapei Sport in Castellanza, das
Forschungslabor für Sport, das wir 1995-1996, als wir die Welt-Spitze im
Radsport inne hatten, gegründet haben, um gegen das Phänomen Doping. Als wir
ende 2002 aus dem professionellen Radsport ausgestiegen sind, haben wir
diese Einrichtung beibehalten, ausgebaut und auf andere Sportarten
ausgedehnt. Bis heute ist sie sicherlich die fruchtbarste
Forschungseinrichtung in Italien, was Publikationen und Innovationen angeht.
Vor allem im Bereich des Amateur-Radpsortes gibt es tausende von Fans, die
in unser Trainingszentrum kommen, um sich in Tests beurteilen zu lassen, um
die optimale Position auf dem Rad zu bekommen usw. Dann verfolgen wir auch
professionelle Teams in anderen Sportarten, im Fußball, im Marathonlauf.
Eine unserer Athletinnen hat im vergangenen Jahr den Boston-Marathon
gewonnen.
Warum diese
große Liebe zu sportlichen Aktivitäten?
Wir haben immer
sehr daran geglaubt, von meinem Vater angefangen. Im Sport ist es die
Teamarbeit, an die wir am meisten glauben. Und der Sport ist die richtige
Art, die Leute dazu zu bringen, sich anzustrengen, Ergebnisse zu erzielen.
Außerdem hatten wir im vergangenen Jahr eine höchst wertvolle Eingebung,
dank meiner Frau, und haben die italienische Fussballmannschaft gesponsort,
die dann die Weltmeisterschaft gewann. Das Engagement für Sassuolo, der
übrigens hervorragend läuft und dieses Jahr sogar in Seria B enden könnte,
ist eine Verpflichtung aus Anerkennung, die wir dem Bereich der Keramik
gegenüber empfinden, denn er hat uns wahrhaft groß, wahrhaft global werden
lassen. Vom Umfang her ist dieser Bereich nicht mehr die Nummer Eins in der
Welt – die Chinesen haben uns da weit überholt – aber er bleibt Nummer Eins
auf dem Feld der Technologie.
Erklären Sie
mir bitte die Parallele zwischen der Mannschaftsarbeit im Sport und der bei
Mapei?
Unser
Fussballverein ist eine Betriebsmannschaft, unterhalten von uns, gemäß
unserer Philosophie. In letzter Zeit ist alles, was unsere Rennfahrer getan
haben, unsere Trainingsprogramme und die Medikamente, die sie eingenommen
haben, all das registriert und nach ISO-9001-Norm zertifiziert worden. Der
Radsport ist eine klassische Mannschaftssportart, auch wenn dann der Erste
gewinnt. Wir haben eine hervorragende Mannschaft aufgebaut. 654 Siege in
neun Jahren. Wir hatten verschiedene Erstplatzierte, ein sehr
internationales Team, ganz im Sinne der Unternehmensphilosophie. In der
Firma ist es genau dasselbe. Wir können die beste Formel der Welt erstellen,
aber wenn die Fabriken sie nicht gut umsetzen, wenn wir nicht die richtigen
Stoffe in dem Land finden, wo wir produzieren wollen, wenn es schließlich
keine Verwaltung und keine Finanzabteilung gibt, die dich unterstützen und
wenn wir sie nicht gut auf dem Markt kommunizieren, und hier kommt die Hilfe
meiner Frau ins Spiel, dann können wir schlechterdings keinen Erfolg haben.
Warum haben
Sie vor Jahren das Mapei-Team zurückgezogen?
Ende 2002 wurden
wir uns der extrem schwierigen Situation durch die Doping-Probleme bewusst.
Wir haben eine ganze Reihe von Situationen gemeldet, wie die mit Doktor
Fuentes in Spanien, die dann im folgenden Jahr als Bombe geplatzt ist, aber
die Autoritäten des Sports haben uns nicht ernst genommen. So haben wir
eingesehen, dass unser Engagement im Kampf gegen Doping in der Umgebung
schlecht angesehen war, und sogar die positive Probe unseres Teamchefs
Stefano Garzelli beim Giro d‘Italia war meiner Meinung nach von jemandem
organisiert, um uns ein Zeichen zu geben – vielleicht von den nämlichen
Autoritäten des Sports – und also haben wir gesagt, lass uns die Störung
beseitigen und verschwinden.
Das deutsche
Fernsehen ARD hat vor einigen Monaten Ihr Team beschuldigt, in den Jahren
2000-2001 Rauschmittel benutzt zu haben, unter Berufung auf Äußerungen der
Polizisten von NAS in Florenz.
Das ist eine
denkwürdige Fälschung, denn das exakte Gegenteil trifft zu. Die haben unsere
Fahrer und Sportdirektoren zitiert, aber was sich schon vor zwei oder drei
Jahren in der Mannschaft abgespielt hat.
Außer im Sport
engagiert sich die Mapei auch in der Kultur. Besonders zahlreich ist das
Musik-Sponsoring, die Firma ist Partner des Toscanini-Symphonie-Orchesters,
neben anderen Unterstützungen auch die zur Restaurierung des Mittelschiffs
von Santa Maria Novella in Florenz. Was sind die Gründe für solch ein
Mäzenatentum?
Wir versuchen ein
wenig, auf jedem Feld aktiv zu sein, denn es gibt Leute, die sich für Sport
begeistern und solche, die sich für Kultur begeistern. Wir haben immer ein
Auge auf der Musik gehabt, sind immer der Scala verbunden gewesen. Ich
erinnere mich, zweimal Maria Callas in Person gesehen zu haben, 1956 und
1957. Radsport und Oper waren die beiden Leidenschaften meines Vaters, und
es sind auch die meinen. Auch deswegen stehen wir dem
Toscanini-Symphonie-Orchester sehr nahe. Denn mein Vater hegte eine
grenzenlose Bewunderung für Toscanini, denn er war ein Symbol für jene, die
sich nicht mit dem faschistischen Regime arrangiert haben. Ein Symbol für
Mailand, für Italien. Mein Vater erzählte, er habe mich auf dem Arm zum
berühmten Konzert zur Wiedereröffnung der Scala 1946 mitgenommen. Leider
erinnere ich mich nicht, aber ich erinnere mich sehr gut an die Trauerfeier
für Toscanini 1957 im Dom. Das Orchester bereist die ganze Welt und hat
kürzlich in Amerika eine Reihe von Konzerten auf den Spuren der
Amerika-Tournee des großen italienischen Dirigenten, als er mit dem NBC
Symphony Orchestra zusammenarbeitete. Hunderte unserer Kunden haben an
seinen Auftritten in aller Welt teilgenommen. Ich erinnere mich diese Jahr
an eine sehr schöne konzertante Aida am Lago Maggiore, mit einer Bühne über
dem See, in der Nähe von Toscaninis Urlaubsdomizil.
Die
Restauration der Scala wurde ausschließlich mit Mapei-Produkten ausgeführt.
Zeichen einer besonderen Beziehung der Firma zu jener Stadt, die ihren
Hauptsitz beherbergt?
Sicherlich, und ein
Teichen der Leidenschaft für die Scala, deren Abonnenten und Förderer wir
sind. Unter anderem haben wir dieses Jahr den siebzigsten Geburtstag der
Mapei eben in der Scala gefeiert, mit zweitausend geladenen Gästen aus aller
Welt und einer Aufführung der “Madame Butterfly”. Zu Mailand haben wir eine
starke Beziehung, haben zu besonderen Restaurierungen in der Basilika des
Hl. Ambrosius beigetragen, aber unsere Technologie wird auch bei anderen
Gelegenheiten zur Restaurierung verwendet, wie bei der Sanierung der
Basilika von Assisi. Und Mailand ist unser Hauptsitz, unsere Basis, wir sind
stolz, Mailänder zu sein, und ich erkenne mich in vielen Werten dieser Stadt
wieder. Ich würde es gern sehen, wenn sie eine Platz mit mehr Bedeutung in
globaler Hinsicht einnähme.
Die
Unterstützung der klassischen Musik hat Sie nicht daran gehindert, sich dem
Pop zu widmen. Wie haben Sie es geschafft, vor einigen Jahren Paul Anka nach
Italien zu bringen, nach immerhin 25 Jahren Abwesenheit?
Das
ist eine merkwürdige Geschichte. 1994 hatten wir einen Schweizer Rennfahrer,
der zur Gewöhnung an die Höhe nach Colorado reiste und dort die älteste der
fünf Töchter von Paul Anka kennen lernte. Sie haben geheiratet und leben
heute in Mailand. Er wurde am Ende seiner Radsportkarriere bei Mapei als
Area Manager für die deutschsprachigen Länder eingestellt, und wir hatten
Gelegenheit, Paul Anka kennen zu lernen. Wir haben ihn als Werbeträger für
verschiedene Konzerte benutzt, darunter ein außerordentlicher Event in
Bologna, von dem wir eine CD gemacht haben.
Die habe ich
gehört. Ist Ihrer Meinung nach Frank Sinatra glücklich, oder rotiert er im
Grabe wegen der Version “My Way is…Mapei”, die man in Bologna hören konnte?
Der Text ist von
Paul Anka, und er kann machen, was er will. Übrigens kommen zu seiner
Einstellung die größten Königshäuser nicht wegen “Diana”, sondern eben wegen
“My Way”, weltweit bekannt als ein Stück von Sinatra, auch wenn den Text
Paul Anka geschrieben hat.
Cavalier
Squinzi, unter Ihren Aktivitäten findet sich auch die Präsidentschaft der
Federchimica
[Arbeitgeberverband der chemischen Industrie]. Erklären Sie
mir, warum für Sie die Chemie, um Ihre Worte zu benutzen, der «Turbo des
Made in Italy» ist?
Weil, auch wenn
sich die Leute dessen nicht bewusst sind, hinter den Anzügen von Armani,
honter den Taschen von Prada und Gucci, hinter den Sesseln von Frau und den
Möbeln von Cappellini, hinter all dem, was auf Weltniveau Trends etabliert,
eine starke Kontinuität der Chemie steht. Was den Unterschied macht, ist die
Fähigkeit der Feinchemie Italiens, sich den Bedürfnissen unserer Kunden
anzupassen und ihnen zu helfen, neue Produkte und überzeugende Lösungen zu
finden. Hinter den Produkten von Prada steht zum Beispiel Limonta, der mit
starker chemischer Innovation Gewebe produziert. Und hinter den Geweben,
hinter dem Leder und alle dem steht eine starke Komponente italienischer
Chemie, einer jener Sektoren, der den höchsten Zuwachs bei den Exporten
unseres Landes hatte.
Wenn die
Chemie der Turbo ist, was ist dann das Gaspedal Italiens und wer tritt es?
Für die Chemie
denke ich, die Feinchemie, denn die Präsenz Italiens bei der Grundlagen- und
der Petrochemie ist stark gesunken in Folge der Katastrophen während der
Enimont-Periode, aber auch wegen der bürokratischen Verwicklungen, die den
größten Hemmschuh für Wachstum darstellen, auch der Grund, aus dem wir keine
Investitionen mehr tätigen können. Dann gibt es die Energiekosten, 30% höher
als in anderen europäischen Ländern, weswegen wir heutzutage keine
Auslagerung nach China, sondern nach Frankreich und Spanien erleben. Und da
ist der Zustand der Infrastruktur in unserem Land, den wir nur als baufällig
bezeichnen können.
Wie sieht bei
Ihnen ein typischer Tag aus?
Normalerweise stehe
ich um sieben Uhr auf. Um halb acht bin ich im Büro, nachdem ich aller
Zeitungen gelesen habe, zuerst die Gazzetta dello Sport, dann die großen
nationalen Tageszeitungen Italiens, besonders den Corriere, den Giornale und
Repubblica, um einen Querschnitt zu haben. Ich bleibe bis abends in Büro und
verlasse es nicht vor halb neun. Dann bedenken Sie, dass ich mehr hundert
Tage im Jahr außer Haus bin. In der Regel mache ich in zwölf Monaten vier
Reisen nach Nord-Amerika und eine nach Asien. Die anderen Fahren sehe ich
nicht als Reisen an, in Europa bewege ich mich alle ein, zwei Tage. Wir
tätigen gerade große Investitionen in Dubai, während wir in Ost-Europa schon
seit Jahren präsent sind, und dort reist man hin und zurück in etwa einem
Tag.
Eine andere
Reise geht im Sommer aufs Stilfserjoch als Teilnehmer am Mapei Day. Wann
finden Sie die Zeit, auf dem Fahrrad zu trainieren?
Am Sonntag Morgen,
auch wenn das wenig ist. Aber fürs kommende Jahr habe ich mir geschworen,
mich zu verbessern. In letzter Zeit habe ich mich auf strikte Diät gesetzt
und habe drei, vier Kilo abgenommen. Ich habe bemerkt, dass sie den
Unterschied ausmachen. Im nächsten Jahr werdet ihr mich stark auf dem
Stilfserjoch erleben!
Wer wollten
Sie sein, wenn Sie nicht Giorgio Squinzi wären?
Ich habe keine
ehrgeizigen Wünsche, bin auch nicht der Typ dafür. Es gefällt mir, Giorgio
Squinzi zu sein. Ich lebe in Frieden mit mir selbst. Wenn man mich als Kind
fragte, was ich sein wolle, wenn ich groß sei, antwortete ich, in der Chemie
zu arbeiten. Ich bin Chemiker geworden, bin unternehmer geworden, die
Ergebnisse haben mir gewissermaßen Recht gegeben, ich bin zufrieden mit dem,
was ich gemacht habe und es mach mir Spaß, auf dieser Linie fort zu fahren.
Dass man, im Leben
wie in der Arbeit, keine Abkürzungen suchen soll und dass es absolut sichere
moralische Prinzipien braucht. Diese Lektion habe ich verinnerlicht, und sie
ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Bei der Mapei konnte man sich
irren, aber wir haben nie Fehler gemacht, um Abkürzungen zu suchen. Außerdem
muss man sehr auf menschliche Beziehungen vertrauen und in die Jugend
investieren. Ihnen gehört die Zukunft.
Notiziario della Banca Popolare di Sondrio – Dezember 2007
Pupi Avati ist
scheinheilig wie ein Kater. Und wie ein Kater kann er nicht nur aus einem,
sondern aus sieben Leben erzählen. Eigentlich aus mehr als dreißig. All jenen,
die er in seinen Kinofilmen imaginiert und dabei jedes Mal ein wenig von sich
selbst enthüllt hat, während er den Rest für den nächsten Film aufbewahrte.
Der noch zu schreiben ist, der noch zu drehen ist. Der, den Pupi am meisten
liebt, weil er noch aus seiner Fantasie entstehen muss. Bevor er Regisseur
wurde, war Pupi Avati Musiker. Dann lernte er Lucio Dalla kennen und erkannte,
dass ihm das nötige Talent für den Erfolg im Jazz fehlte. Das löste einen
solchen Zorn und eine solche Enttäuschung aus, dass er über Mord nachdachte.
Doch er fing sich rechtzeitig und widmete sich dem Kino. Wir alle, die
leidenschaftlich gern seine Filme anschauen, sind ihm dafür von Herzen
dankbar. Und mit uns sicher auch Lucio Dalla.
Sind Sie nun ein erfolgreicher Regisseur oder ein gescheiterter Musiker?
Sicherlich ein gescheiterter Musiker. Die Zeit, die ich damals hatte, um diese Definition zu ändern, ist heute vorbei. Ich bin weit über jede Möglichkeit der Wende hinaus, ich kann mir nicht mehr einreden, dass zur Musik eine ganz andere Haltung einnehmen kann, dass die Ergebnisse sogar positiv und ermutigend sein könnten, im Gegensatz zu damals, als mir bewusst wurde, wie wenig Talent ich besaß. Ich glaube auch, ein gescheiterter Regisseur zu sein, mit dem Potential, ein erfolgreicher Regisseur zu werden, das aber von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute geringer wird. Um erfolgreich zu sein, muss man Filme gemacht haben, in denen man sich völlig wieder erkennt. Das ist das Ziel, das jeder Regisseur vor Augen haben sollte, die Erfüllung dessen, was sich in dem Moment ereignet hat, als er zum ersten Mal von der Idee des Projektes getroffen und überwältigt wurde, als er es in seiner Gesamtheit sah, in seinem Glanz, in der Prägnanz, die das Projekt an sich selbst hat. Bei mir ist der Abstand zu dem Projekt, dessen Vater, Mutter und Sohn der Regisseur ist, so groß, dass ich mir nicht vormache, es in den kommenden Jahren – die nicht mehr allzu viele sind – realisieren zu können. Ich habe noch nicht einen gewissen geheimen, intimen und unerreichbaren Teil von mir ausgedrückt, einen Teil, mit dem ich einen flüchtigen Kontakt habe und von dem ich nicht weiß, ob ich vor ihm weg oder auf ihn zu laufe. Diese Einstellung führt unausweichlich dazu, dass ich zwischen Suchen und Vermeiden schwanke. Die Tatsache, dass ich stets jede Form von Analyse vermieden und verabscheut habe, auch jedes Treffen mit jemandem, der versucht oder beabsichtigt oder vorgibt mir zu erklären, wer ich bin und warum ich das so gemacht habe, ist vielleicht ein Anzeichen für die Notwendigkeit und gleichzeitig für das Mysterium, das in mir selbst ist und das für mich notwendig ist, um eine Illusion zu leben. Um daran zu glauben, dass ich wirklich und authentisch Pupi Avati bin.
Stimmt es, dass Sie aus Neid eines Tages darüber nachgedacht haben, Lucio Dalla umzubringen?
Ja, das stimmt. Diese Geschichte erzähle ich immer, mit großem Erfolg, auch weil ich jedes Mal, wenn ich sie erzähle, etwas hinzuerfinde und sie so immer unterhaltsamer wird. Gegenüber Lucio war ich von dem Neid ergriffen, der gleichbedeutend mit Ungerechtigkeit ist, dem Neid, der dich ankommt, wenn du begreifst, dass du nicht das Talent hast, das du gerade ausgiebig und spontan in deinem Gegenüber blühen siehst, der in wenigen Monaten das erreicht, was du in Jahren nicht geschafft hast. Und also denkst du, dass er das Hindernis zwischen dir und der Verwirklichung deiner selbst ist. Das Leiden ist so groß, dass du schließlich glaubst, die physische Beseitigung dieses Individuums könne die Bedingungen von vor seinem Auftreten wieder herstellen und du könntest wieder der sein, der du nie warst.
Eines Tages mit Lucio in Spanien, auf den Zinnen einer neugotischen Kathedrale von Gaudì hatte ich den starken Wunsch ihn hinunter zu stoßen. Er klang einfach zu gut.
Ein andermal haben Sie dagegen das Haus des Musikers Leon “Bix” Beiderbecke vor dem Abriss gerettet.
Ich glaube, das hätte jeder getan. Der Anlauf, den ich im Hinblick auf diesen Mann in meinem Leben gebraucht habe war so lang – ich habe ihn mit 14 kennen gelernt, als ich ein Buch über die Geschichten des Jazz las und habe mir 35 Jahre lang vorgestellt, wie er sei –, dass ich, als ich schließlich das amerikanische Heim meines Helden besuchte, die einmalige Gelegenheit ergriffen habe, sein Vermieter zu werden. Es ging darum einen Kreis zu schließen, einen sehr wichtigen Weg, den ich als Junge begonnen hatte. Das ist, wie der Vermieter von Topolino oder Robin Hood zu werden. Mein Bruder und ich, wir haben keinen Augenblick gezögert, das Gebäude zu kaufen, auch weil es zu Konditionen angeboten wurde, die unseren finanziellen Mitteln entsprachen. Es war ein völlig verfallenes Haus, beleidigt, verletzt, gepeinigt von denen, die dort gewohnt haben ohne sich dessen bewusst zu sein, wo sie waren. Kein Haus sollte so behandelt werden. Am wenigsten aber das des großen Beiderbecke. Wir haben einen Teil der Investitionen, die für unseren Film über ihn gedacht waren (Bix – Un'ipotesi leggendaria), in die Renovierung des Hauses gesteckt, das heute sehr schön ist und exakt den Fotos aus der Epoche entspricht. Wir haben dort ein kleines Museum eingerichtet, das von Jazz-Fans meist aus Nordeuropa besucht wird.
Wie wichtig ist das autobiografische Element in Ihren Filmen?
Es wird immer wichtiger. Ich greife auf mein Leben zurück, um es am Leben zu halten. Um zu bestätigen, was gewesen ist. Der letzte Film, den ich geschrieben und im September gedreht habe, heißt Il papà di Giovanna, mit Silvio Orlando, Francesca Neri und Ezio Greggio. Der Film erzählt die Geschichte eines Vaters, der eine hässliche Tochter hat. Ich habe keine hässliche Tochter, aber ich habe mir vorgestellt, was für eine Ungerechtigkeit es für eine heranwachsende Tochter sein kann, dass sie dem Vater ähnelt, ja ihm sogar gleich ist: eine Doppelgängerin. Und der Vater ist Silvio Orlando, der in dieser Situation den größten Kummer hat, so großen, dass er Giovanna eine Vision der Welt bietet, die das genaue Gegenteil von dem ist, was die Vernunft einem nahe legen würde. Während seine Ehefrau, Francesca Neri, eine sehr schöne und pragmatische Frau ist, die die Tochter lieber mit den Füßen auf dem Boden halten würde, um sie nicht den großen bitteren Enttäuschungen des Lebens auszusetzen. Zu Beginn des Films geschieht ein Unfall, bei dem Giovanna eine ihrer Banknachbarinnen tötet. Offensichtlich hat diese Geschichte nichts Autobiografisches, doch in ihrem Innern gibt es familiäre und persönliche Situationen, die aufs genaueste meine Erfahrungen als Vater widerspiegeln, als menschliches Wesen, meine Einstellung zu den Erwartungen des Lebens, den Illusionen. Also, wenn ich eins gelernt habe, dann zu übersetzen, erst auf dem Papier, dann auf dem Set verschiebe ich die Bilder, das was ich über das Leben weiß. Das können, oder besser: müssen fragwürdige Visionen sein, in dem Sinne, dass es meine eigenen ist, aber je exklusiver sie wird, desto stolzer werde ich, denn es ist offenkundig, das sie Träger einer Identität sind. Wenn meine Frau meine Drehbücher liest, erkennt sie tausend Dinge, die ich ihr gesagt habe. Aber alles ist in einer ganz anderen Form umgesetzt, im Vergleich dazu, als dies oder das gesagt wurde.
Man entkommt dem Leben nicht, vielmehr schöpft man alles aus dem Leben. Ich habe meistens mit normalen Menschen zu tun. Mir erwächst eine ständige Bereicherung aus dem Verkehr mit der Welt auf einer mehr alltäglichen Ebene. Der Alltag macht mich neugierig, reizt mich, bewegt mich. Ich finde darin immer Originelles und Neues. In einem exklusiveren kulturellen Umfeld finde ich dagegen Personen mit stereotypen Einstellungen.
Wie viel Autobiografisches steckt in de Figur der Giovanna?
Sie ist mit ihrer äußeren Erscheinung gestraft. Und das war eines der großen Probleme meiner Existenz. Darin steckt ein sehr starker autobiografischer Teil. In meinem Leben als Mensch habe ich immer ein besonders grundlegendes Gewicht auf Schönheit gelegt. Schon als kleiner Junge habe ich verstanden, dass es wichtiger Vorteil ist, schön zu sein. Der Schöne konnte es sich erlauben, gut und großzügig zu sein: Er ging kein großes Risiko ein. Aber man konnte es sich auch erlauben, dumm zu sein, nicht notwendig sympathisch zu sein. Beim Zusammentreffen des Schönen mit der Schönen braucht es kein besonders tiefgründiges Gespräch. Dieses Treffen ist die reinste, aufrichtigste, ehrlichste, die unmittelbarste der Beziehungen.
Und die oberflächlichste?
Das ist die Version, die ich – der ich nicht schön bin – immer versucht habe zu verbreiten. Und mit der wir große Erfolge erzielt haben, indem wie die schönen Mädchen überzeugt haben, dass die Beziehung zu den schönen Jungen enttäuschend wäre. Das war unsere große Macht, aber auch unsere große Lüge, denn ganz ist es nicht. Auf der Grundlage der starken Minderwertigkeitskomplexe meiner Generation hat die Hässlichkeit eine vorherrschende Rolle gespielt. Glücklicherweise – oder unglücklicherweise, ich weiß es nicht – ist bei der heutigen Jugend der ästhetische Aspekt nicht so wichtig. Zu meiner Zeit waren die Schönen, vor allem unter den Männern, sehr selten. Der italienische Mann war zum großen Teil ein hässlicher Kerl. Diese Hässlichkeit und der Minderwertigkeitskomplex haben in meinem Leben eine nicht gerade zweitrangige Rolle gespielt.
War deswegen Delle Piane einer Ihrer Lieblingsschauspieler?
Carlo Delle Piane war für einen Abschnitt meines Lebens der Zeuge und Träger dieser ästhetischen Einschränkung, dieser Schwierigkeit eines menschlichen Wesens, der Welt mit einem Äußeren wie dem seinen zu begegnen. Delle Piane hat mit zwölf Jahren angefangen, Filme zu machen, entdeckt von Duilio Colettis Regie-Assistenten, die Ende der Achtziger Jahre fast so gut wie alle öffentlichen Schulen Roms aufgemischt haben, um den hässlichsten Jungen von allen zu finden. Diese Tatsache hat ihm zu Beginn grenzenlose Möglichkeiten der Arbeit eröffnet, aber dann im nächsten Moment und als er nach einem vierzigtägigen Koma verwandelt wieder zu sich kam, eine Reaktion von Misstrauen und starker Abneigung gegenüber der Welt in ihm ausgelöst. Deshalb hat er heute Probleme – etwa, dass er niemanden berühren will –, die nach meiner Ansicht Reflexe auf eine Situation in der Jugend, die ihn sicherlich geprägt hat. Es ist klar, dass er in gewissen Geschichten, in denen ich von einem großen Ungleichgewicht zwischen dem Hässlichen und der Schönen erzählt habe, zum “Leitmotiv” geworden ist. Carlo hat mit die Möglichkeit gegeben, diese Art von Problemen am besten auszudrücken, die auch ich durchlebt habe, zwar nicht bis zu diesem Punkt, die ich aber trotzdem verstehen und teilen konnte.
Was muss eine Schauspielerin haben, um Ihr Interesse als Regisseur zu wecken?
Sie muss mich neugierig machen. Aber ich denke nicht nur an die Schauspielerinnen. Ich denke da an alle menschlichen Wesen: Sie müssen mich neugierig machen.
Gut, aber abgesehen von den menschlichen Wesen insgesamt: Erzählen Sie von den Schauspielerinnen. Wie müssen sie sein?
Das hängt von der Art der Geschichte ab. In dem Film, den ich gerade gedreht habe, Il nascondiglio, musste Laura Morante nicht notwendigerweise schön sein. Es ist sogar so, dass wir sie – mit ihrem Einverständnis – ein gutes Stück weit ihrer Verführungskraft beraubt haben, indem wir sie durch Make-up, Frisur und Kleidung abgeschwächt haben, so dass sie einer Nonne oder einer ASL-Assistentin mehr ähnelte als einer italienischen Filmdiva. Eine Schauspielerin muss in mir die Idee wecken, dass sie die Intention, die das weibliche Personal meiner Filme vertritt, perfekt interpretieren kann. Da außerdem viele Schauspielerinnen, die ich wählte, realen Personen aus meinem Leben ähnelten, die meine Aufmerksamkeit erregt hatten, waren sie oft auch sehr hübsch. Aber das lag daran, dass das Modell, an dem sie sich orientierten, ein Ideal von mir war. Es ist sicherlich kein Zufall, wenn die Schauspielerinnen in meinen Filmen nicht wieder auftreten, die Schauspieler hingegen schon.
Warum?
Weil es ein enormes Risiko gibt, vor allem in den Filmen autobiografischen Charakters. Das ist, sich eine Schauspielerin auszusuchen, die einem Mädchen gleicht, das dir gefällt. Du kleidest sie, wie es dir gefällt, gibst ihr die Frisur, wie es dir gefällt, lässt sie sich bewegen, wie es dir gefällt, lässt sie Dinge sagen, die dir gefallen, und schon bist du dabei, sie zu einer Art von Archetyp zu machen. Und das ist ein großes Risiko, dem du dich selbst aussetzt, weil du Gefahr läufst, sie in dein Ideal zu verwandeln. Das geschieht nur auf dem Set, denn wenn sie einmal kein Make-up tragen oder du sie gar normal sprechen hörst, dann enthüllen sie natürlich eine Authentizität, die ganz anders ist als dein Ideal.
In Cena per farli incontrare haben sie mit gleich vier berühmten und attraktiven Primadonnen gedreht. Wie sind sie da lebend heraus gekommen?
Das war die einfachste Sache der Welt, denn ich habe ihnen gesagt, dass alle von ihnen Eifersuchtsszenen und Intrigen von dreien gegen eine oder andere Kombinationen erwarteten Das wäre die banalste und enttäuschendste Sache gewesen. Und sie haben tatsächlich diese einfache Erwartung nicht erfüllt, haben sofort ein Einverständnis erzielt und sich alle miteinander verbündet, weil sie in gewisser Weise Furcht hatten. Ich schätze Schauspieler, die sich, angesichts des Vorschlages, eine Rolle in einem meiner Filme zu spielen, fragen, ob sie auf der Höhe sind. Das kommt sehr selten vor. Die meisten diskutieren die Rolle unter anderen Aspekten, die gar nichts mit dem zu tun haben, was das wichtigste der Probleme sein sollte, nämlich der Zweifel, ob man der angebotenen Rolle gewachsen ist und ob man sie in ihrer Fülle darstellen kann. Wenn ich gerade dabei bin einen Film zu machen, fühle ich mich immer wie bei einem Erstling. Ich frage mich immer, ob ich in der Lage sein werde, diese Geschichte zu drehen, eine so komplexe Maschinerie zu kontrollieren, auch ob die Zeit mich je auf irgendeine Weise dagegen impfen wird. Dennoch scheint es mir absolut heilsam, ein gewisses Gefühl der Unangemessenheit zu bewahren.
Was ist autobiografisch an La Casa dalle Finestre che Ridono?
Ach… über diesen Film noch reden? Die Zeit hat es gefügt, dass sich gewisse Standard-Antworten gebildet haben, wie es auch gewisse Fragen gibt.
Gut, lassen wir es dabei. Sie antworten mir nicht. Doch warum haben Sie, nachdem Sie einen sehr schönen Horrorfilm gedreht haben, der für gewisse Zeit innovativ war, weil er in der anheimelnden und landschaftlich schönen Po-Ebene angesiedelt war, nicht weiter solche Filme gemacht?
Ich habe danach auch Zeder gemacht. Aber insgesamt ist das ein Film-Genre, das ich sehr langweilig finde. Natürlich weiss ich, dass es eine sehr treue Fan-Gemeinde im Publikum gibt, verrückte Filmfreunde, die nur diesen Typus des Kinos lieben. Ich muss sagen, dass es mir nach kurzer Zeit keinen Spaß mehr macht, solches Kino zu machen, auch weil es eine Reihe von obligatorischen Passagen gibt, die dich, wenn du einmal verstanden hast, wie sie funktionieren, nicht mehr besonders neugierig machen.
Ihre Filme sind oft in der “Bassa” angesiedelt, nicht selten in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Ziehen Sie den Blick zurück vor?
Es ist klar, dass die Zeit, in der du die Dinge zum ersten Mal kennen gelernt hast, sie zum ersten Mal gesehen hast, für bestimmte Personen und bestimmte Objekte Namen gesammelt hast, dass diese Jahre für Dich zu Archetypen geworden sind, zu Modellen, auf die deine ganze Existenz zurückgreift. Ich erzähle immer die Geschichte vom Frappè. Der Frappè ist ein Archetyp. Wie der Zug. Jeder von uns denkt, wenn er an einen Zug denkt, an einen besonderen Zug, nicht an das Konzept des Zuges im absoluten Sinne. Für mich zum Beispiel ist das Wort 'frappè' ein magisches, ein beschwörendes Wort. Es ist der 9. Juni 1946, wir sind in der Via San Vitale 51 in Bologna, ich und meine Schwester gehen mit meinem Großvater die Treppe hinunter, der uns hinausbringt, weil meine Mutter gerade mit Antonio, meinem Bruder, in den Wehen liegt. Aus dem Stockwerk über uns kommen die Schreie meiner Mutter. Um uns diese Qual zu ersparen, bringt uns der Großvater in den Garten. Und während wir die Treppen hinuntersteigen, ist da Tante Flora di Sasso Marconi, die hinaufsteigt mit einem weißen, milchigen sehr hohen Glas, aus dem ein Strohhalm ragt. Ich frage sie: Was ist das, was ist das? Und sie: Der Frappè! Und ich: Was ist der Frappè? Und sie hält mir den Strohhalm hin, aus dem ich zwei Tropfen sauge, ein Schlückchen des außergewöhnlichen Getränks, das mit für mein ganzes Leben DER Frappè sein wird.
Ich denke, dass jeder von uns eine archetypische Welt hat, ein Pantheon als Bezugsmodell. Und auch wenn ich einen Film mache, der in der Gegenwart spielt, sind meine Filme in Wirklichkeit immer aus den Dreißiger Jahren. Und wer seine Jugend in sehr unbefriedigender Weise verbracht hat, wie es mit geschehen ist, der hält sie am Leben, weil er sich immer Rechnung ablegen muss: Es ist nicht zufriedenstellend aufgegangen. Für ihn bleibt die Rechnung immer offen.
Mehr als ein Film ist dem Mittelalter gewidmet. Was fasziniert Sie an dieser historischen Epoche?
Die Sakralität. Die einzigen Personen, mit denen ich wirklich eine Gemeinsamkeit haben kann, die uns verbindet, sind Personen, die die engen Grenzen der rationalen Welt erweitert haben und deren Interessen in die Welt des Transzendenten und der Sakralität münden. Ich bin in einer ländlichen Kultur aufgewachsen und habe eine größere Affinität zum Mittelalter als zur heutigen Kultur. Viele Dinge von heute verstehe ich nicht, ich tue so als teilte ich sie, ich lebe heute, weil mir keine Alternative geboten wurde, aber in Wirklichkeit komme ich aus einer hochmittelalterlichen Welt, in der Sakralität stark mit der Beschwörung verbunden war, mit Aberglauben, mit Ritual. Für mich ist eine der außerordentlichsten italienischen Autorinnen eine Frau, die sich Cristina Campo nannte, die Frau von Elémire Zolla. Sie hat viel über Liturgie geschrieben, es hätte sie sehr gern kennen gelernt. Der Sinn für die Sakralität aller Dinge, typisch mittelalterlich, ähnelt stark der Form von Religiosität, die ich lebe. Ich habe mich sehr für das Mittelalter interessiert, auch wenn ich nur zwei Filme daraus gemacht habe. Einen mit einem viel größeren didaktischen Wert, in dem es Dinge gibt, die die italienische Schule mit Schwierigkeiten gelernt hat – Magnificat –, während I Cavalieri che fecero l'impresa schon prätentiöser war, es gab weniger Demut und mehr Anmaßung. Ich wollte einen lateinischen Zyklus schaffen, der sich gegen den angelsächsischen stellt, mit der Suche nach dem Grabtuch Christi statt dem Gral.
Eine wichtige Rolle in Ihren Filmen spielt auch die Verführung und das “Spiel zwischen den Geschlechtern”, wie Hermann Hesse es genannt hat.
Ich denke, dass das im Leben von jedem von uns wichtig ist. Ich denke, dass ein großer Teil unserer Energie davon herrührt, verführerisch zu sein oder verführt zu werden. Es ist einer der Momente, in denen wir uns selbst am nächsten sind, in dem wir einen Hauch des Authentischen leben, das ganz uns gehört. mit keinem anderen geteilt werden kann.
Nicht einmal mit der geliebten Person?
Das kommt darauf an. Sehr oft sind es Geschichten einer einzelnen, einseitigen Liebe, vielleicht sind das die tiefsten.
Wie in Il cuore altrove?
Da bricht die Liebe dermaßen in das Leben des Hauptdarstellers ein, dass der am Ende den Film schließt, indem er singt und in dem Anderswo bleibt, in dem er geboren wurde und in dem mit großer Würde und Kraft seine Naivität dafür sorgt, dass er überlebt. Meine Helden sind das Ergebnis einer sehr einfachen chemischen Formel: Sie sind Träger der großen Schwierigkeit sich zu sozialisieren, weil sie ängstlich, introvertiert, mit Komplexen belastet sind, sie sind Träger der größten Naivität, sie sind mehr als oftmals erstaunt darüber, inwiefern sie keine normale Personen sind, sie glauben mehr an die anderen, sie sind keine angemessenen Wesen, wenn nicht andere sie dafür halten. Aber am Ende, nach den Elementen, die sein mussten, ein paar Felsbrocken, die dich tief in den Abgrund schleudern, zeigen sie sich dennoch als Helden unserer Geschichte. Albanese in La seconda notte di nozze ist die Quintessenz von all dem. Er ist so ungeeignet zum Leben in einem sozialen Kontext, dass sie ihn losschicken, um die Bomben explodieren zu lassen, so egal ist es, ob er stirbt. Diese Antihelden kommen immer wieder in meinem Kino vor. Deshalb halte ich es für “religiös”: Es erzählt die Geschichte von Leuten, die den Leuten wohl wollen. Ohne jedes Eigenschaftswort, ohne jede Form der Demagogik. Mein Kino ist eines der Provokation, außerhalb der Moden.
Und Pupi will den Leuten wohl?
Ja, ich will den Personen wohl, die ich dir beschrieben habe. Weniger wohl will ich den anmaßenden Personen, gegen die hege ich Misstrauen. Ich höre nicht auf die Dinge, die sie sagen, ich lesen nicht die Dinge, die sie schreiben, ich sehe mir nicht die Sachen an, die sie drehen.
Eine abgenutzte aber notwendige Frage: Woher stammt die Leidenschaft fürs Kino? Wann und wie ist Avati die Idee gekommen Filme zu machen, Regisseur zu sein?
Zur Zeit meiner Jugend war für die Bewohner der Provinz das Kino der am weitesten verbreitete Traum überhaupt. Mit einer sehr konfusen und vagen Idee vom Kino, aber es war genug, dass eine Friseurin und eine Verkäuferin schöne Titten hatten, um ihnen die Frage zu stellen: Warum bist du nicht beim Kino? Kino war etwas Unerreichbares, in das alle hineinkommen wollten, ohne dass sie es zu sagen gewagt hätten.
Nach und nach hat sich bei mir ein Bewusstsein dessen gebildet, was Kino sein kann, durch zwei Ereignisse. Das erste: Ich bin in einen Kinosaal gekommen, wo sie 8 e mezzo [8 1/2] gespielt haben. Das war der Film, der im absoluten Sinne die Idee, die ich vom Kino hatte, verändert hat. Der erschöpfendste Film über Kino, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Der am besten und am meisten über die Kreativität des Regisseurs und über die Mittel, die er einsetzt, aussagt. Das zweite Ereignis, zur gleichen Zeit, war Marco Bellocchios Verfilmung von I pugni in tasca [Mit der Faust in der Tasche], Ein außergewöhnlicher Film, der großes Aufsehen erregt hat, ein Film, völlig alternativ gegenüber dem System, der zeigte, wie man in der piacentinischen Provinz einen Film drehen kann. Zu dieser Zeit wurde ein großer Weg frei, der es vielen von uns aus der Provinz erlaubte, zu diesem Medium zu kommen. Was mich angeht, mit sehr bescheidenen Ergebnissen und unter Verschwendung erheblicher Ressourcen.
Wer waren Ihre Meister, von wem haben Sie Dinge gelernt, die Sie für essentiell für Ihre Kunst halten?
Ich habe das Kino Federico Fellinis nachgeahmt. Im Laufe des ersten Abschnitts meiner Karriere wurde ich als «der junge Fellini aus Bologna» bezeichnet. Es gab keinen Kritiker, der nicht so begonnen hätte, sei es um zu loben, sei es um zu tadeln. Dann habe ich mich glücklicherweise befreit, aber es war sehr, sehr schwierig. In Wirklichkeit habe ich alles getan, um keine Meister zu haben, mit einer typischen Achtundsechziger-Attitüde, das heißt wie jemand, der sich vormacht, bei Null anfangen zu können. Jemand, der nur weiße Blätter vor sich hat, weil alles zuvor Geschriebene weggeworfen wurde.
In beinahe vierzig Jahren des Filmemachens hat die technische Entwicklung Einfluss auf Ihre Art des Filmschaffens gehabt.
Überhaupt nicht. Ich habe ein Kino gemacht, dass versucht so gut wie möglich die Kamera zu verbergen, sie zu verheimlichen.
Und gehen Sie ins Kino?
Nein.
Sind Sie früher hin gegangen?
Sehr viel.
Seit wann gehen Sie nicht mehr hin?
Seitdem ich so viel Kino mache. Seitdem ich mir bewusst geworden bin, dass das Kino mir in gewisser Weise nur schaden konnte. Auf zwei Weisen. Ich bin ins Kino gegangen und habe mich tief enttäuschen lassen von dem, was ich sah, und ich habe mich gefragt, warum ich hin gegangen sei. Die zweite Hypothese. Ich bin hin gegangen und habe einen Film gesehen, der mir gefallen hat, der mich in eine Position der Unterlegenheit versetzt hat, insofern als er mir jetzt gerade vorgesetzt wurde. Meine Fähigkeit zur Selbsttäuschung, die jedem kreativen Element von mir zugrunde liegt, ist geringer geworden. Um auf die Musik zurückzukommen, die immer noch offene Wunde: Ich bin ein gar nicht so schlechter Musiker gewesen, bis zum dem Zeitpunkt, als ich die Klarinette nicht studieren wollte. In dem Moment, als ich mich daran machte, Musik zu studieren, habe ich meine Unüberlegtheit verringert, indem ich ständig überprüfte, was ich gerade tat. Ich bin in eine so tiefe Krise geraten, dass ich nicht mehr heraus konnte. Dagegen ist die Kreativität Frucht des Talentes, nicht der Bildung. Wie in der Poesie. Woher kommt sie? Aus einer unendlichen Menge von Anregungen. Aber wenn du ein Dichter bist, weißt du es ohnehin, nicht weil du Sandro Penna oder Montale gelesen hast.
Sie sind ein fruchtbarer Autor. Wo finden Sie all diese Ideen? Wie entsteht ein Film von Pupi Avati?
Alles in allem kennt man den Ursprung der Dinge niemals. Du weißt nicht, wann, wie und woher Dir die Idee gekommen ist, dass es da einen Vater mit einer hässlichen Tochter gibt… aber plötzlich wird sie Träger dieses Keims, den du in dir trägst, der eine Abfolge ist, ein Bild, eine Einzelaufnahme, ein Wortspiel, ein Geruch, ein Blick und schon fängst du an, diese Sache in dir zu tragen, an die sich andere anlagern wie die Teilchen in einem Puzzle, und du weißt nicht, ob das, was du da hegst, dann der Teil einer Geschichte für einen Film ist, ob es der Anfang, das Ende oder ein Mittelstück wird, oder ob es überhaupt noch einen Weg gibt, eine andere Geschichte daran zu knüpfen, die du gerade aufgegeben hattest. Denn das Spermatozoon, das für die Geburt der Geschichte vorgesehen ist, kann dann oft abgestoßen werden. Wie es entsteht, weiß ich nicht. Ich weiß, wie es wächst. Es ist ein sehr komplexer, aber sehr angenehmer Prozess. Wenn einer in sich eine Geschichte trägt, die ihm gefällt, ist das wie eine Mutter, die ein Kind in sich trägt. Ich bin mir sicher, dass Schwangere, wenn sie allein sind, mit ihrem Kind sprechen. Und ich bin auch überzeugt, dass das Kind in gewisser Weise antwortet. Das muss ein erhabener und sehr schöner Dialog sein. Und das ist dasselbe, was in meiner Geschichte passiert. Ich wache morgens auf und denke daran, dass sie in mir ist, und jeden Tag denke ich einen Teil mehr hinzu. Dann beginne ich sie hin und her zu erzählen, auch auf indirekte Weise, um sie in Gespräche einzufügen, um ihre Tragkraft, ihre Konkretheit zu prüfen. Und je mehr du sie erzählst, desto mehr überzeugst du dich, ob sie steht oder nicht. Dann nimmst du schließlich die Seite in Angriff, die Schrift. Und da gibt es dann eine kontinuierliche Abwechslung von Tagen voll leidenschaftlicher Kreativität und Tagen, an denen du in die Krise stürzst, an denen du nicht weißt, wohin gehen oder wo dich orientieren. Aber ich sage mir immer, dass die Geschichte, die ich gerade schreibe, da ist; es ist meine Aufgabe, sie zu finden, aber sie ist da. Ganz ähnlich, als ich Ortsbesichtigungen gemacht habe für Le Strelle nel Fosso, wahrscheinlich den schönsten Film, den ich je in meinem Leben gedreht habe, sicherlich aber den glücklosesten. Niemand oder fast niemand hat ihn gesehen. Nun gut, wir mussten ein verlassenes Haus mitten im Wasser finden. Ein Haus, das in einem so naturbelassenen Zustand war, dass es einer ländlichen Fabel aus dem achtzehnten Jahrhundert angemessen war. Ich machte mich zu den Lokalterminen auf. Wir gingen herum, wir fuhren mit Booten, und nach zehn Tagen von Lokalterminen gaben die anderen auf, weil das Haus einfach nicht zu finden war. Ich habe mir hartnäckig gesagt: Dieses haus gibt es, ich habe die Geschichte geschrieben, und also gibt es das Haus. Und nach zwei Kilometern, auf der anderen Seite des Moors, fanden wir das Haus! Ich habe einmal einen kleinen Roman geschrieben mit dem Titel La seconda nottte di nozze, in dem ich von einem Bauernhaus in Torre Canne in Apulien spreche, wo ich nie gewesen bin und nicht wusste, dass es dort genau so ein Bauernhaus gibt, wie ich es beschrieben habe… und es war da! Das sind die Dinge, die dich davon überzeugen, dass das, was du da tust, wirklich existiert. Man muss an das glauben, was man tut. Doch an sich selbst zu glauben bedeutet nicht anmaßend zu sein: ich bin zwei völlig entgegengesetzte Dinge.
Was habe sie in fast 40 Jahren Berufserfahrung über das Kino gelernt? WAs ist das Kino für Pupi Avati?
Es ist etwas, das meine Existenz überfällt, besetzt, ganz und gar versperrt. Es ist dazu so weit gekommen, sie in so totaler Weise einzunehmen, dass auch meine Träume in der Nacht auf Kino zurückzuführen sind. Es gibt am Tag keinen Moment, in dem ich nicht über etwas nachdenke, was ich gemacht habe oder machen muss und was mit meiner Arbeit zu tun hat. Es ist das zentrale Thema meines Lebens. Am Anfang war das nicht so. Ich habe mir vorgestellt, das Kino sei eine der unterhaltsamsten Tätigkeiten der Welt, die es einem erlaubt, sich einer Reihe von fantastischen Privilegien zu erfreuen, wie sie das Kino Fellinis andeutete. Im Gegenteil: Je weiter ich fortschreite, desto mehr besetzt das Kino mein Leben, desto mehr lebe ich in absoluter Starre. Es gibt keinen Moment der Ablenkung, der Freizeit, und die Freude mischt sich mit der Pflicht. Das Kino ist der Grund meiner Lebens geworden. Aber der Grund ist anderswo, es sind meine Kinder, meine Familie. Das Kino hat einen totalen Besitzanspruch. Ich frage mich, wie andere es mit solcher Ungezwungenheit leben können, obgleich ich es so wenig besuche.
Und das Publikum? Wie hat sich das Publikum in diesen Jahrzehnten verändert, abgesehen davon, dass es an Zahl zugenommen hat? Nehmen Sie das wahr, oder machen Sie Kino, ohne daran zu denken, wer Ihren Film sehen wird?
Dabei, glaube ich, bin ich sehr großzügig. Ich nehme die unterschiedlichsten und buntesten Einladungen an, was die Film-Organisationen angeht, von den heruntergekommensten bis zu den bedeutendsten, ich reise durch Italien, aber nicht allein, und so treffe ich meine Zuschauer und sehe “de visu” die Veränderungen meines Publikums. Offensichtlich verändert es sich schnell. Leute, die früher gekommen sind, um meine Filme anzusehen, gehen heute seit Jahrzehnten nicht mehr ins Kino. Sie sehen meine Sachen im Fernsehen, sicher nicht mehr im Kino. Doch was die Generation angeht, ist mein Publikum das gleiche geblieben. Die Jungen, die Zwanzigjährigen sind nie dabei gewesen. Jugendliche, die meinen Film schauen kommen, sind sehr selten. Ich kann auf ein Publikum von 35 Jahren und mehr bauen. Es gibt einen harten Kern, der eine gewisse Treue beweist und es mir rein von den Zahlen her Kontinuität der Arbeit ermöglicht, der sie kennt und mir auch einige Grillen, einige Extravaganzen und Provokationen zugesteht, mir zum Beispiel gestattet, Katia Ricciarelli als Schauspielerin zu engagieren, die es in verschiedenen Kontexten geschafft hat, mich neugierig zu machen. Ich glaube, dass dieses fortwährende aber gleichbleibende Maß auf der einen Seite eine Art Garantie ist, auf der anderen aber sichergestellt hat, dass ich immer die Füße auf dem Boden behalten habe und mit niemals eingebildet habe, plötzlich einen so großen kommerziellen Erfolg erzielt zu haben, um davon verwirrt zu werden. Erfolg kann die Jugend verwirren. Wenn er erst im Erwachsenenalter kommt, ist man gegen Streicheln und gegen Ohrfeigen abgehärtet. Aber gut, vielleicht ist man «zu spät», wie mir einmal Kieślowski als Kommentar zu dem Erfolg sagte, der ihm im hohen Alter beschert war, ganz kurz vor seinem Tod.
Mit dem Alter beginnt, nicht in illusorischer oder überheblicher Weise, eine Art von Klarheit stärker zu werden, ein nüchternerer und reinerer Blick auf das, was ich tue im Verhältnis zu dem, was Kino ist. Und die Meinungen von anderen interessieren mich immer weniger. In einer Phase des Lebens ist Zustimmung grundlegend, dann wird sie schädlich. Was den Erfolg angeht, bin ich ganz sicher im Haben zu sein, nicht im Soll. Doch das führt, abgesehen davon, dass es Groll erregt, zu einer ruhigen Gelassenheit. Ich weiß, dass das Kino anderer mehr erreicht hat, als es verdient hätte. Aber dann sehen wir, wie einige unserer Kollegen bei ihrem Hinscheiden ihr ganzes Kino mitnehmen, das mit ihnen stirbt.
Gibt es in Italien noch Platz im Kino für ein junges Talent aus der Provinz? Was halten Sie von Ihren jüngeren Kollegen?
Ja, absolut. Die jungen Talente, aus der Provinz oder nicht, haben immer Raum. Talent entsteht aus einer Überzeugung, und wenn der Träger eines Talentes sich mit den anderen konfrontiert, bestätigt er es, sichert es. hat er das Recht und die Billigkeit, alle seine Energie in die eigene Existenz zu stecken und in das, was er tut. Es ist eine Schlacht, die geschlagen werden muss. Eine Schlacht, zu der man verpflichtet ist. Wer sein Talent verleugnet, wer feige davor zurückschreckt es zu suchen, den halte ich für keine schätzenswerte Person.
Notiziario della Banca Popolare di Sondrio – August 2007
RAI 1 – Spezialsendung von Stella del Sud – 30. Juni 2007
RAI 1 – Stella del Sud – 19. Mai 2007
Interview mit Johannes Blank, Veranstalter des Uamo
Kunstfestivals 2007 München

UAMO. Wer braucht’s?
Die Stadt München. Es gibt in München zahlreiche Galerien, einige Megainstitutionen und 2,5 Offräume. Aber ein Festival für zeitgenössische Kunst gibt es bisher nicht. UAMO (www.uamo.org) versucht – je nach Festivalthema – Arbeiten eine Plattform zu bieten, die in der vorhandenen Münchner Kunstlandschaft kaum Platz haben.
Was unterscheidet das UAMO Festival von anderen Kunstfestivals ?
Der Verein UAMO (Urban Art and Media
Organisation) beschäftigt sich mit der urbanen Wirklichkeit. Diese wird mehr
und mehr an Bedeutung gewinnen. Speziell die kreativ/künstlerische
Ausseinandersetzung damit unterscheidet das Festival von anderen Festivals.
Jedes Jahr wird (falls Räumlichkeiten vorhanden sind) ein entsprechendes Thema
gewählt. Das UAMO Festival fand zum ersten Mal 2004 statt.
UAMO gibt auch jüngeren Kreativen und Künstlern eine Plattform, die Sie
ansonsten evtl. nur durch jahrelanges pseudointellek-tuelles Gerede bei
Galerie-Sektvernissagen erhalten können. Das langweilt nicht nur, sondern
fördert im negativen Sinne auch die Abgrenzung der Kunst vom alltäglichen
Leben.
Wie verlief der Prozess der Bewerbung ? Wieviele Bewerber gab es und woher
kamen diese ?
Es wurden alle deutschen und zahlreiche
europäische sowie aussereuropäische Kunsthochschulen und andere Institutionen
über das Festival informiert. Dies hatte zur Folge, dass 2007 mehr als 200
Bewerbungen eintrafen. Aus Deutschland, Spanien, Grossbritannien, Kanada,
Norwegen, Italien, Österreich, Schweiz, Finnland den USA wurden Bewerbungen
zunächst über das Internet geschickt.
Alle Bewerber sollten zu dem Thema It’s about
to blow up! Arbeiten einreichen. Aufgrund des
Budgets wurde das Screening eingerichtet, bei dem auch Arbeiten ausländischer
Künstler gezeigt werden. Vielleicht können wir irgendwann auch Flüge und
Transportkosten bezahlen – für das Festival 2007 schien es uns die beste
Alternative auf die Screeninglösung zurückzugreifen.
Wie soll es mit dem Festival weitergehen ?
Dank der Unterstützung des Kulturreferats konnte 2007 das UAMO Festival in den Kunstarkaden durchgeführt werden. Es ist – im Gegensatz zu anderen Städten – in München aufgrund von Platzmangel nicht einfach, Räumlichkeiten für eine Veranstaltung wie dem UAMO Festival zu finden. Wir wünschen uns natürlich, dass es auch die nächsten Jahre möglich sein wird, für 4 Tage im Jahr einen passenden Raum zu finden. Das sollte eigentlich machbar sein – wir werden 2008 sehen, ob unser Wunsch in Erfüllung geht…
Katalog Uamo 2007
![]()

©
Alessandro Melazzini
Dieser Webseite steht unter folgender
Creative Commons
Lizenz